Ich habe mich gefragt, ob ich traurig bin, und ja, der unweigerliche Schluss aus dem, was hier nun hingeschrieben steht, ist wahr, soweit es mich betrifft, meine Empfindungen, und das bedeutet, im Rahmen einer Glaubensgemeinschaft bleibt der Einzelne bestenfalls anonym. Das ist eine Enttäuschung. Zu handeln, gibt mir persönlich die Stärke zurück, Zorn als unschicklich zu begreifen, aber dem Kummer nicht einfach ausgeliefert zu sein, wenn es gelingt, trübe Gedanken hinzuschreiben. Wie könnte das geschehen? Dies muss den Charakter einer offenen Beichte haben zu sprechen – ein Brief, unpersönlich gehalten, der trotzdem den Kern trifft. Andernfalls bliebe mir ein unlösbares Problem. Wie sich helfen, in der Frustration, die es allgemeinerweise gar nicht geben dürfte und einfach weitermachen wie bisher oder die Brocken hinwerfen? Wer zu schreiben vermag, sollte nicht kneifen. Wer zu Erkenntnissen gelangt, sollte kommunizieren. Das ist ein Gebot der freien Welt.

Liebe Kirche!

Es ist Zeit vergangen, neu nachzudenken, wo die Reise hingeht mit uns beiden, als Privatpersonen einerseits und in unseren jeweiligen Rollen als Kirche, Künstler hier. Gut, dass wir telefoniert haben. Das hat doch gezeigt, dass wir fähig sind, ein Problem anzuerkennen und nicht weglaufen. Deine Ängste reichten bis zu der Überlegung, einem Wohnungswechsel gegenüberzustehen, falls du durch irgendwas gezwungen wärest, woanders zu predigen aufgrund der Personalpolitik. Du Kirche bist Angestellte einer Firma mit Vertragsbedingungen, wie dieses System aufzutreten hat. Du hast einen Apparat hinter dir, der dich stützt, aber auch fordert. Ich bin allein.

Meine Befürchtungen vor nicht langer Zeit, angefeindet von Anwürfen meiner (entfernten) Familie (in Köln, Oberursel und der Idemöllerstraße), parallel gegen diffuse Attacken einiger hier zu stehen, gingen in dieselbe, existenzielle Richtung. Was würde es bedeuten, Haus und Familie aufgeben zu müssen und gezwungenermaßen unter der Obhut von Ärzten zu stehen? Dafür musste ich lernen, einen Weg zu finden, der so selbstständig funktioniert, wie das heute geschieht. Ich fühle mich frei.

Unser „kleines Familienunternehmen“, wie einmal ein Werbespot sein Bonmot formulierte, um eine staubsaugende Mutter zur Chefin erheben zu können, welche Haushaltsgeräte bedient, putzt, damit das Homeoffice läuft, bedeutet mir, weder vom „Zurück an den Herd“ zu schwadronieren oder das Gegenteil zu fordern, modisch Wind um mich zu machen für moderne Selbstverwirklichung, sondern die Familie als kleinste Zelle zu begreifen, die darüber hinaus kaum Freunde nötig hat, Beziehungen, aber Existenzsicherung (und Teamgeist). Mit den Klischees unserer Tage kann ich nichts anfangen. Ich empfinde keine Schuld, was meine Person betrifft und habe mit allem reinen Tisch gemacht, was immer mir angekreidet wurde. Ich, und damit wir, können aufrechten Gangs durch den Ort spazieren. Uns geht es gut! Statt auf Therapie zu hoffen, die mich gesund machen würde und egalisiert, konnte ich Widersacher an mich anpassen mit guten Anwälten, die ich gern bezahle. Ich empfinde mich als gesund und lege keinen Wert auf Normalität. Ich möchte individuell sein. Kirche verstehe ich so: Niemand tritt aus Gott aus – schon gar nicht mit dem bewussten Begreifen der Gefühle. Eine Andacht beruhigt, eine Medizin mag die aufgewühlte Seele dämpfen, aber einen Advokaten zu kennen und einsetzen können, hat sich als goldrichtige Sichtweise auf unsere Probleme erwiesen, die der Einzelne mit der Gesellschaft hat.

Ich lasse mir nicht zuweisen, krank zu sein, überzureagieren oder ähnlich belehrt einzulenken, weil’s meiner Tante oder einer Kirche gut bekommt, auf erwachsen zu machen. „Can’t get no …“, Mick Jagger zeigte anderen, die es nicht verstanden haben, diese Musik aber lieben, was es bedeutet Gefühle auszuleben. Mein Idol Louis Armstrong bewies noch vorher, dass Musik, und in seinem Fall war das Kunst und keine folkloristische Südstaatentradition, den Ausweg aus angepasster Duldsamkeit bedeutet. Meine Fehler, damit kann ich leben. Mir wurde unmöglich gemacht, eine Entschuldigung zu formulieren bei A. zum Beispiel, die ich verletzt habe. Die Furcht ihrer scheinheiligen Freunde ging offensichtlich dahin, dass sie selbst auch nicht korrekt dastehen könnte, sollten wir uns aussprechen. Redeverbot, um Polizist bleiben zu können, der deswegen im Recht ist, weil dieser als Rechtsvertreter auch das höchste Gericht bedeutet oder als selbstgerechter Ehrenamtler, der aushilfsweise eine Bürgerwehr mimt und ein Mädchen zum Opfer kreiert? Peinlich und dumm ist das.

Mir war klar, dass ein primitiver Gedanke dahinterstehen musste, mich auf, wie die Leute meinten, freundliche Weise zu observieren und wie ein Kind führen zu können. So kam ich auf den Einfall, im albernen Tracking der Blöden, das selbstgewählte Zentrum zu spielen. Es hat mir gefallen zu provozieren. Bis dann alles eskaliert ist. Es gibt keine Integration von vermeintlich kranken Menschen, wenn dahinter der Gedanke steht, Gesunde verstünden zu leben und hätten übergriffig das Recht, Auffällige zu manipulieren. Dahinter verbirgt sich die Idee, psychisch kranke Menschen wären dumm, diese Führung nicht zu bemerken. So denken Einfachgestrickte oder böswillige Nachbarn, aber Ärzte sollten menschlich handeln. Sie sind kaum klüger als die Hetzer, Leser der Bildzeitung. Das zeigt sich in Einrichtungen, wo Kranke während der Therapie beobachtet werden und Fachärzte hinter einem einseitigen Spiegel Platz nehmen oder in der elektronischen Fußfessel, die Sexualstraftäter tragen müssen, wenn sie in Freiheit herumlaufen. Die sadistische Freude, über den Kranken zu stehen, treibt Berufshelfer scheinbar, wenn diese – vermeintlich wissenschaftlich – eine Betreuung und Resozialisierung üben, die regelmäßig katastrophale Richtungen nimmt. Blind und taub müssen unsere Psychiater sein. Sonst würden diese Fachleute selbstkritisch ihre Arbeitsweise ändern und sich der Herausforderung stellen, unselbständige und teilweise gefährliche (ihnen anvertraute) Menschen tatsächlich gesund zu machen, statt diese an einer Art Leine führen zu wollen.

Was das mit uns beiden zu tun hat, Kirche/Kunst? Diese Überlegungen, hier voranstehend, mögen den inneren Wunsch kreiert haben, Schluss zu machen. Das könnte mich in Richtung „möchte kein Ehrenamt mehr machen“ getrieben haben, und, nach einigen Tagen des Nachdenkens über unser Telefonat, liebe Kirche, ist mir klar geworden, dass deine Einschätzung, ich hätte damit überreagiert, keinesfalls zutrifft. Deine Worte verstören mich weiter, und nun reflektiere ich, nachdem Zeit verstrichen ist, dass es sich um ein komplexes Problem handelt. Was wäre meine Schreibkunst, wenn ich mich nicht artikulieren könnte? Gerd, unser omnipräsenter Oberonkel, möchte schöne Geschichten von Schenefeldern im Schreibwettbewerb zum Stadtfest prämieren. Hier kommt eine, die da nicht hingehört. Das könnte ja überall sein. Deswegen vermeide ich das Persönliche wo’s geht und halte mich an, im allgemeinen Duktus zu bleiben, liebe Kirche.

Ich probiere, mich zu erklären: Natürlich musste dich das überfahren, und insofern ja – es tut mir leid – war das gemein. In der Sache ist es aber richtig. Ich möchte frei sein von jeder Verpflichtung, Gutes zu tun in einem „Verein“. Die Kirche sollte mehr sein. Kein Sportverein, nicht das Rote Kreuz. Aber nie konnte jemand so anschaulich machen wie du, liebe Kirche selbst, warum es doch so ist. Deine Befürchtungen waren bildhaft und nachvollziehbar. Gern wird aus dem Gebetshaus ein Sozialclub, dem auferlegt ist, sich selbst rein zu halten durch den öffentlichen Druck. Und das möchte ich nicht sein, sauber im Sinne dessen, was kulturell als richtig gilt. Ich kann meine Rolle als Künstler, wie du es genannt hast, nicht parallel zu deiner Position als Kirche ausüben, wenn es mir unmöglich ist, diese wie jede andere Institution zu verspotten, etwa unsere Dorfpolitik, weil ich Ehrenamtler bin und den unausgesprochenen Kodex befolgen muss. Das haben wir ganz praktisch erlebt. Spott heißt in diesem Fall, mich selbst zum Gespött vieler zu machen, das als ein Mittel der Kunst gut auszuhalten, sogar daran zu gesunden. Dies genau beschreibt mein Blog. Wir haben darüber geredet, wie ich offen als „Spacken“ bezeichnet, mich gekränkt fühle einerseits und andererseits auch reichlich Aktionen dafür biete, genauso dazuzustehen, dass einfache Geister sich dran abarbeiten. Derartige Blödmenschen sind auch Kirchgänger. Es sind deine Schafe, und sie werden dir Feuer unter dem Hintern machen, mich nicht zu dulden. Das genau waren deine Befürchtungen, liebe Kirche. Du konntest deutlich machen, selbst differenzierter zu reflektieren, bist aber unfähig, dich der Dynamik zu entziehen, die innerhalb des Systems einzelne auf Linie zwingt. Für dich ist es einfach, mich als Hauskünstler mit einer Bastelei zu beauftragen, das im Kirchenblatt zu zeigen, aber unmöglich, ohne Bauchschmerzen Teil meiner Webseite zu werden. Das ändert auch kein persönliches Gespräch. Der Apparat ist größer als wir zwei. Dein Ohr ist das eines vielohrigen und monströsen Kraken mit seinen oktopussigen Tentakeln und ich, scheinbar krankhaft gestört, bin nur der armselige Wichser vor jeder noch irgendwo sichtbaren Pussy? So sehen es nicht wenige. Und in Deutschland sollte die Mehrheit bestimmen, natürlich; dem muss ich mich fügen.

Ehrenamtler sind anders, liebe Kirche. Schau dir Heidenberger an, Appen musiziert. Appen marschiert, mit der Feuerwehr und für die Ukraine, gegen den Krebs und mehr davon. Diese Putzkes und Matzen, sie gestalten ihre Fratzen nach dem, was sie bewegen und ich, ich habe das Gesicht so, wie mich das Leben bewegt. Das ist anders. Wenn ein Ehrenamtler malt, dann pinselt er die Berge. Traut sich so einer an Nackte, malt er rosane Akte, in der Mitte unscharf verschmiert. Die Ehrenamtler halten zusammen. Sie sind auf Gruppenbildern. Links die Bürgermeisterin, rechts der Ehrenamtler oder andersherum. Wie Weihnachten der Christbaum. Ohne Tanne würde das Lametta doch gar nicht wirken. Man stärkt sich im Team aus Politik, Ehrenamt, freiwilliger Feuerwehr, Sportverein und Kirchentante. Selbst Jesus, unser heiliges Christkind, ohne den ganzen Tand mit dem Konsum, geriete das zeitlose Event schnell in Vergessenheit. Heilig allein wäre zu langweilig. Es kommt der Gesellschaft darauf an, ein stimmiges Bild zu kreieren. Oben in der guten Stube soll es hübsch sein. Ansonsten blendet man aus. Die Menschen benötigen einen schönen Teppich, aber Raum zum Schmutz drunterkehren. Ich stimme nicht in diesem Motiv. Ich passe gerade in die Lücke zwischen der Wand und der Person, die ganz außen vom Erinnerungsfoto noch mit drauf ist. Ich bin der Öddel unter dem Teppich, der sich zwar im Raum befindet, weil niemand es nötig fand, diesen ganz zu beseitigen, den man aber verbirgt. Schöne Feste, Kirmes, Bürgermeisterin und der Ehrenamtler, das passt. Dann noch einen Marktstand von der Kirche dazu, da haben wir ein Dorf im Sonnenschein. Mit mir geht so etwas nicht, Ehrenamtler sind anders, und ich möchte genauso sein, wie ich bin. Ich mag mich.

Es hat ja gezeigt, du hast geweint, warst aus der Fassung und ich bin einfach nur sauer, habe mich dafür entschuldigt, wie schroff ich die Reißleine zog. Für dich eine Nichtigkeit, nach reichlich Arbeit noch eine Grenze zu ziehen, Geld zahlen ja, Werbung im Journal des Hauses gern, aber eine Kombi im Rahmen meiner Publikation – nein. Uns beiden ist nicht wohl bei dem Gedanken, ich könne das Konstrukt zur Freude eines Stadtfestes auf meine Site stellen. Also mache ich es nicht. Private Bilder eines sonnigen Nachmittages voller Aktivität bei knapper Zeit erinnern, dass wie beide nicht allein auf Erden sind und einen Schutzrahmen benötigen, wenn wir uns mögen, aber unsere öffentliche Rolle gemeinsames Auftreten kompliziert.

Natürlich, zum ersten Mal habe ich deine Motive klar verstanden, nachdem wir telefonierten. Deswegen habe ich mich auch zigmal entschuldigt, denn du warst verletzt, liebe Kirche. In der Sache festigt sich inzwischen meine Ansicht, leider, dass ich genau richtig empfunden habe, den „Laden“ zu verlassen. Nicht in Form, dass ich euch insgesamt die kalte Schulter zeige, keinesfalls. Ich möchte Kirche stärker machen, aber es wird deutlich, dass ich es nur von außen kann. Ich zahle gern Steuern und du leichthin das Styropor vom Ohr. Geld dürfte also weiter fließen. Da kann ich in Gottesdienste kommen, falls mir danach ist, und wir sollten fröhlich miteinander sein. Natürlich hilft man sich. Wer kann eine Bitte, irgendwo mit anzufassen, leichthin abschlagen? Als graue Maus gehe ich ein und aus und nehme jeden Mümpel für dich, liebe Kirche, gern mit raus.

Ich sehe in jeder Form von Anbiederung meinerseits an Partner wie Politik, Kunstkreis oder Kirche eine Selbstverletzung und reagiere also niemals falsch, wenn mein Wunsch, diese Gesellschaftsgruppen möchten mich voll und ganz akzeptieren nicht umsetzbar ist. Das „Staddi“ wollte mich nur als Amputierten, den sie vertraglich abservieren könnten. Beinahe hätte ich mich drauf eingelassen. Der Krälatreff wollte ein Bild von mir, und man kam dort gar nicht auf die Idee, so etwas könne Geld kosten, dergleichen ein roter Politikonkel: „Wir wollen dich ein wenig bekannter machen.“ Tatsächlich? Ich war ihnen nur der Hanswurst, brotloser Künstler, der für Anerkennung alles macht. Man kann noch einen drauf setzen: Schlimmer zeigte sich unsere Verwaltungschefin, du kennst meine Ansicht dazu, liebe Kirche, und wie ich allgemein die Gesellschaft sehe. Das habe ich oben formuliert. Cancel-Culture heißt das auf eine smarte Weise. Rausschmiss in den Abwasserkanal der Gesellschaft? Fußfessel ist die harte Realität für einige, die nicht mehr Künstler genannt werden können, sondern zwischen krank und strafbar eingeordnet werden. Diese Gesellschaft möchte ich im Ganzen angreifen. Es zeigt sich, dass ich allein kämpfen muss, bis jemand tatsächlich mit mir gemeinsam geht, ohne dabei ein wenig höher stehen zu wollen (zur eigenen Sicherheit). Das ist zwischen dir und mir nicht gelungen. Wir haben geschafft zu reden, das ist mehr, als wo’s nicht klappte. Deine Initiative, und danke dafür! Das Telefonat hat aber auch deine berechtigten, sogar existentiellen Ängste offenbart, wenn dein und mein Bild zu nahe nebeneinander stehen. Darum müssen wir getrennte Wege gehen. Nicht ich habe ein Problem mit dir, sondern du hast eines mit mir.

Ich glaube, ein gutes Beispiel für unsere unterschiedlichen Firmen (und daraus resultierende Probleme), das nenne ich mal so, stellt diese armselige Leuchte (…) mit ihrem Kubus in der Kirche dar. Es ist schon einige Jahre her. Eine Stunde nervtötendes Gegeige rund um einen großen Holzklotz vor dem Altar, später noch Wichtiges, was alles solle (im Gemeindesaal). Das ist „Kunst in der Kirche“. Man stelle sich alternativ eine Ausstellung meiner aktuellen Gemälde inmitten der hölzernen Bänke vor. In jedem der großen Bilder steckt etwa ein Jahr an Arbeitszeit, und sie wurden in der sicheren Erwartung gemalt, nie ausgestellt zu werden, außer digital auf meiner Webseite. Diese Gemälde im Ambiente vom Gotteshaus sind undenkbar wie eine Karikatur vom Heiligtum der Mohammedaner für diese. Das möchte niemand erleben, was anschließend geschieht. Vielleicht mache ich triviale Schmiere, nun gut – ich tue es gern. Wer aber so dumm war, sich dieses Chinesengefiedel aus dem Hintergrund der Blackbox eine Stunde lang anzuhören wie ich, sollte daraus lernen. Meine Sichtweise mag falsch sein: Wenn das Kunst genannt wird, ist meine keine. Das, was ich mache, ist mir wichtiger als Dabeisein. Egal wie’s heißt.

Im kleinen wie im großen Dorf Deutschland dominiert heute das korrekte Muster. Kirche, Kunst und Politik, Firmen, Sport, was weiß ich, die Gruppenmenschen haben das Individuum ersetzt, sind unisono im Fluch vereint, nur das Richtige zu wollen. Die Documenta wird eröffnet, was kommt in die Schlagzeilen? Die Debatte wird von einem angestoßen, der möglicherweise ein Gemälde nicht von einem öffentlichen Klo unterscheiden kann, dem Bundespräsidenten. Jedenfalls kein Künstler, sondern der Mahner der Gutmenschen belehrt uns, der Wichtigkeit des Vorhandenseins israelischer Kunst Respekt zu zollen. Deutsche Verantwortung sei die ausgewogene Mischung des Angebotes, und wo wären die fehlenden jüdischen Werke? In diesem Fahrwasser hat die Ukraine den ESC gewonnen. Politik stellt sich überall über die Kreativität an sich, und das findet man gut? Da werden opportunistische Künstler in Russland und China angeprangert, aber es scheint, als käme es nur noch darauf an, in welchem sozialen Gedankengut jemand schafft. Das persönliche Befinden, tätig zu werden, bleibt den Armseligen, die autodidaktisch und spätberufen ihre Seele ausloten und in einer Volkshochschule mit den Omas vor sich hin klecksen. Wer es rechtzeitig zu was bringen will, ergreift seine Chance in der populistischen Darstellung. Ist doch egal, in welche Richtung es uns gerade spült. Hauptsache, man folgt einem Mainstream, dort, wo es jeweils einer ist. Politik bedeutet Massen zu mobilisieren, symmetrisch gibt sich die aktuelle Kunst. Noch verteidigen wir eine Energiewende, bald, wenn das Gas unbezahlbar wird, schaufeln wir wieder Kohle in die Meiler, wenden uns ab von der Wende. Es wird grünes Fracking geben. Morgen bauen wir neue Kernkraftwerke, und so winkt auch dem jungen Künstler der Aufstieg dort, wo ein zukünftiger Trend begriffen wird, an dessen Spitze man loslegt.

# In dieser Welt ist kein Platz für mich!

Ich bin möglicherweise unfair. Meine Motivation war offenbar, dich Kirche gegen unsere Verwaltung hier im Kaff auszuspielen. Das funktioniert nicht und ist falsch gewesen. Es belastet mich wenig. Ich muss einfach andere Wege gehen für meine Arbeit. Ich wollte übersehen, dass die oberen Zehntausend regelmäßig in der ersten Bankreihe der Predigt lauschen – regelmäßig Ostern, Weihnachten und am Volkstrauertag. Sonntags normalerweise, sind sie nie zu sehen. Corona hat auch mich vertrieben. Ich gebe es zu.

Ich treffe Gott auf der Kellertreppe. Das ist Donnerstagabend gewesen. Kontrolle meiner Zähne, Routineuntersuchung. Ein Freund hat sich die Praxis in einem mehrstöckigen Block schon vor Jahren selbst eingerichtet. Wo andere in langen Fluren ihre Wohnung finden, führt eine einzelne, extra Deckenleuchte den Patienten (vielleicht überraschend) in die modernen Apparaturen. Ich komme von Jörn, von oben, will raus auf den Parkplatz. Es geht weiter runter als bis zum Ausgang? Wenige Stufen scheinen noch tiefer zu reichen. Bislang habe ich das nie beachtet. Dem Fremden, der da hochschnauft, halte ich die Tür offen: „Möchten Sie mit raus?“, frage ich den Senior. Der lächelt freundlich: „Ich will nur nach Hause.“ „Sie wohnen hier, wollen die Treppe rauf?“, frage ich und überlege, ob es ein unterirdisches Parkhaus gibt. Das hätte ich doch bemerken müssen. Wo kommt dieser Opa eigentlich her? Er scheint mir das anzusehen, meint lächelnd: „Ich habe mich müde gearbeitet und möchte jetzt ausruhen“, erklärt er ganz sinnig. „Ach so“, gebe ich mich begreifend und erkläre selbst: „Ich komme vom Zahnarzt im ersten Stock. Ich war heute der letzte Kunde nach sieben und will nun auch nach Hause …“ Wir lachen einander an, und ich lasse die Tür hinter mir zufallen. Glücklich gehe ich zum Wagen.

Meine Kirche ist überall.

Man kann nie wissen, wen man trifft. Der Staat schaut auf die Schwänze in die Wohnzimmer, horcht seinen großen Lauschangriff. Ich sehe zurück, höre raus, wenn jemand nur so tut als ob. Male meine Kunst. Ich forme diese Gesellschaft, indem ich zurückschaue, wenn andere gaffen. Ich muss allein schaffen.

# Scheinehre

Du Kirche, das offizielle Haus mit dem Turm, bist enttäuscht, aber ich bin sauer, dass ich einen Fehler machte. Ich ärgere mich über verlorene Zeit. Dass ich dich verletzte, war dumm von mir, und du, so scheint es, bist traurig über eine ramponierte Beziehung. Ich bin überhaupt nicht gewillt, mein überbordendes und drängendes Gerede zu reduzieren und sensibler auf meine jeweiligen Gegenüber einzugehen. Insofern würden wir nur scheitern, machten wir weiter wie bisher. Ich lebe mich aus und bleibe extrovertiert, reagiere drastisch, wann immer es mir passt. Gerd und Kalle, unser Peppone, der mit dem Ruhestand vom Pastor Michel (hier im Dorf) seinen ungleichen Zwilling Don Camillo verloren hat, und der starke Obelix (und Gatte unserer Stadtpräsidentin), die ja auch vorgibt, ein offenes Ohr zu haben, waren so mutig anzudeuten (wohlmeinend gaben mir beide denselben Rat), „man müsse nicht immer alles“ sagen. Die Katze aus dem Sack lassen mochten sie nicht und tragen die Verantwortung dafür. Der eine wird zum senilen Geschichtenonkel, und Kalle, ja – das hätte ein Künstlerkollege sein können. Ich habe eine andere Erfahrung gemacht. Auszusprechen, was mich kränkt, macht gesund und frei. Sieh nur, wie fett diese beiden Schlaumichel heute sind und schau, wie gut ich aussehe, nachdem „meine türkischen Freunde“ (wie Olli spottet) mir Haare und Bart gestutzt haben. Dieser klügste Künstler, direkt an der Front zur Masse, formt modisches Speiseeis; Café Eisart ist Schenefeld. Ich bin hier nur der, über den die anderen sprechen. Mit mir reden wenige offen. Insofern weiß ich gar nicht, wo ich hingehöre. In die Kirche jedenfalls nicht, das wird deutlich, höchstens daneben und allenfalls geduldet. Ich bin eine Randerscheinung und keinesfalls im Ehrenamt. Das wäre, wenn überhaupt, eine Scheinehre.

Grenzen zu ziehen, steht uns zu. Gott begrenzt uns ohnehin alle, schafft den Rahmen. Sonst könne jeder machen, was er wolle. Wir fahren nun in den Urlaub. Aber du und ich, liebe Kirche, wir können gern gemeinsam weiter nachdenken, wohin genau unsere Reise geht. Das Internet ist überall. Ich hoffe auf gutes Wetter für das Fest zuhause, während ich das Inselleben hier genieße und du unser Ohr aufbauen wirst. Achte drauf, alles richtig anzuschrauben! Das Radio kommt, der NDR. Die SPD schickt ihren besten Stegner. Vielleicht schaut auch der Ministerpräsident Günther vorbei. Ganz bestimmt kommt die Bürgermeisterin. Hier glänzt sie wieder. Und du, liebe Kirche, ein wenig Glanz fällt auch auf dich, wenn du neben der Hüpfburg für unsere Kleinsten Platz auf der Seelsorgebank nimmst. Hör’ gut zu! Unsere Zweisamkeit ist tatsächlich verändert. Niemand kann zurückgehen nach Früher. Die Zukunft muss deswegen sein, dass wir einfach „Hallo“ sagen und ich zum uniformen Kirchgänger wie jedermann werde.

Öffentlich:

„Noch einen schönen Tag auch“, sage ich am Rasen vor dem weißen Turm zu dir.

Und du sprichst von der Kanzel.

🙂