Die Zukunft kommt. Das lässt sich nicht ändern, und die Gegenwart ist unangenehmer, je fremdbestimmter das Leben mutmaßlich sein wird. Die Vergangenheit belastet den, der gegen sich selbst gehandelt hat und deswegen annehmen darf, gewohnheitsmäßig auf diese Weise fortzufahren. Aktiv Kompromisse einzugehen und Fremdbestimmung eigenverantwortlich herbeigeführt zu haben, ist bedrückender, als kompromisslos handelnd in diese Lage zu gelangen. Als Bestrafter Freiheit einzubüßen oder Ziele aufgeben zu müssen, dafür die Umgebung zu beschuldigen, scheint erträglicher.

Wenn ein lohnendes Ziel nur gemeinsam mit anderen in einer Beziehung erreicht werden kann, gehe ich gern einen Kompromiss ein, solange meine Existenz oder meine Person davon abgegrenzt bleiben. Was direkt weh tut oder nur Luxus ist, auf den ich verzichten kann, unterscheidet mich vom allgemeinen Wertgefüge. In dem Moment, wo mir diese Abgrenzung aus individuellen Befindlichkeiten gefährdet scheint, werde ich keine Zugeständnisse mehr machen und das gemeinsame Ziel aufgeben. Es kommt zum Bruch der Beziehung.

Das ist für den Partner überraschend, wenn seine Menschenkenntnis auf die eigene Sicht beschränkt ist, sein Verständnis der Regeln missachtet und schließlich ausgehebelt wird. Auf dem Weg zum gemeinsamen Ziel, gibt jede Partei Standpunkte auf. Wie wichtig diese empfunden werden, also wie groß jeweils geopfert wird, kann dem Partner verborgen bleiben. Das Bild vom Fass welches durch einen letzten Tropfen überläuft, beinhaltet auch das Unwissen darüber, von wem dieses Zuviel kommt und ob derjenige selbst sich um die bessere Zukunft bringt, weil die eigene Bewusstheit des Handelns gering ist.

Wenn wir genau spüren, wie weit wir bereits unser Selbst eingebracht haben, also Türen der Persönlichkeit eigenhändig öffneten, können wir bewusst eine nur für uns als letzte offen stehend definierte Pforte der inneren Burg unseres Individuums zuschlagen und aus einem Projekt aussteigen. Wenn ein Partner es gewohnt ist, durch sukzessive nachgeschobene Forderungen das Beste für die eigene Partei zu erreichen, funktioniert das nur, wenn die jeweiligen Gegenüber aus dem selben Milieu kommen und sich die Muster der Verhandlung deswegen wiederholen oder der Fordernde grundsätzlich manipulativ erfolgreich ist.

Das gemeinsame Ziel kann unterschiedlich interpretiert sein. Obwohl einem Partner Geschwindigkeit oder Geld das Wichtigste am Projekt sind, bedeutet das dem anderen unter Umständen nichts, wenn dasselbe Ziel auch Werte enthält, die dem erstgenannten außerhalb vom eigenen Verständnis bleiben. In dessem wirtschaftlich ökonomisch geprägten Leben, spielen die emotionalen Befindlichkeiten des anderen bislang keine Rolle, können aber unerwartet Dynamik in das Ganze bringen. Der am Geschäft orientierte Partner steht vor einer Herausforderung, wenn dem anderen persönliche Motive wichtig sind, die er nicht nachvollziehen kann.

Eine Beziehung unter solchen Voraussetzungen kann nur befristet funktionieren, weil die gegenseitige Wertschätzung unmöglich ist, wenn der Wert des Gegenübers für den anderen Partner ausserhalb des Begreifens liegt. Die Befristung muss unbedingt zuverlässig konstante Bedingungen garantieren, als unverhandelbares Element dieser Partnerschaft.

Wenn ein Vogel einen Fisch durch die Luft trägt, muss der Fisch sicher sein, im fremden Element weder gefressen zu werden, noch auf einen Acker fallen gelassen oder ab vom Ziel verschleppt. Sich in die Werte anderer einzufühlen, ist also die Grundbedingung, die oft und gern beschworene Wertschätzung, als Basis gelungener Beziehungen anwenden zu können. Der Denkfehler einer zunehmend detailliert geregelten Gesellschaft besteht darin, dass individuelle Befindlichkeiten von allgemeinen Leitsätzen nicht erfasst werden.

„Tarzan“ scheitert als einzelner an der uniformen Zivilisation. Dasselbe Motiv verwendet „Schöne Neue Welt“ von Huxley. Diese Romane wurden auch aus dem Grund geschrieben, dass jeder sich bei missverständlichen Werten fremd fühlt. Also muss Tarzan oder der Wilde im Huxley-Roman gar nicht wild im Sinne eines primitiven Waldschrat verstanden werden. Der Leser fühlt sich durch die Motivierung des Autors automatisch auf der Gegenseite zur Zivilisation – obschon ein Buch zu lesen Kultur bedeutet.

Als ich „Zeitgeister“ gemalt habe, wollte ich so etwas beschreiben, habe kaum verstanden, dass ich laienhaft kopierte. Den Nerv der Gesellschaft habe ich nicht getroffen. Schließlich war dieser Eigenversuch die Eingangstür besseren Begreifens. Das ist vielleicht der Grund, warum zu Malen, selbst in der Kopie eines Meisterwerks oder unbewusstem Nacherleben dessen was andere vor uns spürten, erfüllend ist. So wie es heißt, Schreiben sei das Sichtbar machen von Gedanken und bedeutet, sich nun „selbst“ lesen zu können, gilt das für Kunst insgesamt. Malerei schafft ein eigenes Wertgefüge und isoliert damit. Das ist sogar sehr gut, warum?

Ohne Beziehungen ist die Gesellschaft nicht denkbar. Dickfellig oder dünnhäutig, was ist besser? Im übertragenen Sinn: Beziehungen unter Blechdosen funktionieren nur, wenn die Inhalte identisch sind. Andernfalls müssen Unterschiede erkennbar sein. Dann funktionieren die unvermeidbaren Abhängigkeiten. Die Alternative wäre, Individualität durch uniform-inneres Empfinden auszuschalten. Wenn alle gleichermaßen „Coca Cola sind“, können wir uns eine Haut aus Metall anfertigen und gehören in ein- und dieselbe Kiste. Das ist bislang nicht gelungen. Besser sind Beziehungen zwischen Personen, die sich flexibel abgrenzen.

Das digitale Kommunizieren ist intellektuelles Blech. Aus vielfältiger Handschrift wurde eine Typo, die verbirgt, wer tippte. Wir bieten dem Sexualstraftäter die Methode, als Kind aufzutreten – und halten per Lockvogelprinzip mit gleicher Waffe dagegen. Die Polizei wartet nicht: „Hinschauen!“ Sie fährt auf breiter Front mit großem Treibnetz, greift selbst als Zuerst-Täter kollektiv an. Wir haben ein Schlachtfeld geschaffen, weil unser Wort aus der Hand abgefeuert wird. Statt flüchtiger Mimik, dem vergänglichen Klang der Stimme, nutzen wir genau so oft das fixierte Medium. Kommunikation, wie die gesellschaftliche Rückkehr in die Zeit der Ritter, blind durch Schlitze blinzelnd. Die Gesellschaft bewegt sich kollektiv absichernd dorthin. Die im Straßenverkehr beklagte Aggressivität, ist der geschlossenen Karosserie geschuldet. Das wird auch anderswo zunehmen, wenn der einzelne, aufgefordert sich zu rüsten, es nicht schafft. Konstruierte Sicherungen machen authentische Kommunikation schließlich unmöglich.

Isolation wird mit dem Wort Abkapselung psychologisch negativ bewertet. Das ist ein Denkfehler. In einer mehr sozialisierten Welt ist es dem gesunden Menschen umso wesentlicher, genau das hinzubekommen. Eine individuelle Form eigenen Empfindens, von einer imaginären Kapsel gegen die Werte anderer zuverlässig umschlossen, um gerade deswegen Unterschiede zu merken. Sonst wird das Individuum nur mitgerissen. Die Membran um unser Selbst muss durchsichtig sein. Statt die vermeintlich primitiven Formate zu beklagen in denen mäßig bekannte Prominente die Hosen runter lassen, sollten wir begreifen warum diese Serien erfolgreich sind.

Eigene Werte zu kennen, bedeutet nicht, diese für sich zu behalten. Eine untypische Meinung zu vertreten, wird Widerspruch auslösen der nicht durch die verriegelte Haustür oder eine dunkle Sonnenbrille abgewiesen werden kann. Mit einer imaginären Tüte über dem Kopf, vergleichbar mit dem Kind das annimmt unsichtbar zu sein wenn es die Hände vor die Augen hält, soll das Sicherheitsgefühl erhöht werden: real umgesetzt etwa mit einer gelben Plane auf dem Fahrradhelm.

Der technische Dschungel ist breit aufgestellt: Uniforme, durch automatische Zentralverriegelung gesicherte Blechpanzer, werden vom Navi gelenkt. Im Abgas-Norm-Verkehr auf verstopften Straßen, findet der komplett schwarz gekleidete Fahrrad-Rüpel – rasend unterwegs, im schumrigen Licht bei Nieselregen (der trotz roter Ampel diagonal die Kreuzung beansprucht) – noch seinen Platz. Er beweist frech, wie relativ Sicherheit ist. Durch Gruppierung möchte der einzelne sicher sein, gewinnen – und verliert (sich). Der individuelle Mensch kann bei allen Versuchen, seine Daten und Persönlichkeitsrechte zu schützen, niemals erfolgreich sein. Wie soll das gehen: Ein Tarzan mitten in der Stadt, aber niemand schaut hin?

🙂