Jeder meint zu wissen, was Gefühle sind. Aber so einfach ist es nicht. Emotionen haben ihre Namen, und es sind wohl die Eltern, die uns damit vertraut machen wie etwas heißt. Das ist „der Stuhl“, jetzt kommt gleich Oma oder: „Du bist traurig.“ Oma und den Stuhl können wir anfassen; viele Begriffe sind Erklärungen, die nur mit dem Intellekt verstanden werden können. Ich benötige meinen Verstand, um dem Wort von der Traurigkeit das entsprechende Gefühl zuzuordnen, bei mir und bei anderen. Es ist ein Lernprozess wie das Sprechenlernen selbst. Denken, mithilfe von Worten, kann mit dem Erlernen einer fremden Sprache verglichen werden. Man kann wohl annehmen, dass wir auch innerlich still, ohne Worte zu verwenden, denken. Manche nehmen diese Möglichkeit aktiv wahr, entwickeln ein Gespür dafür. Albert Einstein dachte in Bildern, sagt man.

Wenn es die Eltern sind, die uns die Welt erklären, kommt es darauf an, inwieweit diese zulassen, dass wir eigene Rückschlüsse ziehen. Wenn es nicht gefällt, dass ein Kind unglücklich ist oder brüllt, entscheiden die Regelmäßigkeit und die Entschiedenheit und nicht zuletzt die verwendeten Mittel der Grenzziehung, wie das Kind Emotionen versteht.

Als der Film „Gandhi“ mit Ben Kingsley im Fernsehen gezeigt wurde, habe ich das gesehen, weil mein Vater uns darauf aufmerksam machte. Wir saßen also alle vor dem Fernseher und sahen, wie Gandhi mit nur einem Cent ausgestattet in seine Mission startet. Vor einigen Tagen gab es ein Zitat im Tageblatt: Wo Liebe wächst, gedeiht Leben – wo Hass aufkommt droht Untergang.“ Darunter stand: Mahatma Gandhi, Politischer Führer. Bemerkenswert daran finde ich die Darstellung der wachsenden Liebe, ein Vergleich mit der Pflanze, die sich im Vergleich zum Menschen und Tier eher passiv verhält und die Bewertung im Wort „aufkommen“ beim Hass. Das ist wie ein böses Wetter, das aufzieht, eine Art übergriffige Macht, weniger der „böse Mann“ der kommt. Der Hass kommt über den Menschen, und dann – so etwa.

Nolde wäre ein „schlechter Mensch“, hieß es im selben Tageblatt vor nicht allzu langer Zeit. Tatsächlich, es könnte stimmen. Nicht wegen der Nazis: „Ein großer Frauenhasser“, meinte mal einer zu mir (im Vertrauen), der im selben Dorf lebte wie der Maler und noch familiär bekannt war mit dem Kreativen. Der muss es wissen. Das Schlechte lebt, und die Frauen sind sowieso an allem schuld. Oder die Männer? Die Maler.

Gerade ist es die katholische Kirche, wo die Bösen unterschlüpfen. Ich glaube das nicht: Mir fällt es ganz leicht, größer zu denken. Das Böse als ein Teil der Welt, daran will ich nicht allein schuld sein. Ginge es nach der breiten Gesellschaft, bekäme jeder „Lebenslang“, und wir wären im Mittelalter geblieben. Die Menschen müssen ihre Gesetze erst erlernen, und die Gebote sind keine Verbote, sondern ein Angebot an den, der sie ernst nimmt. Du „kannst“ nicht töten, müssten wir erfahren, aber die Bibelübersetzer waren dumm (wie die Polizei). Der Täter würde sich zum Opfer umdarstellen, heißt es oft voller Zorn von denen, die selbst nicht schuld dran sein wollen, wenn sie angegriffen wurden? Das hilft kaum. Ein Gefühl sollte eine Kleidung sein, ein Pullover, den man mal trägt und keine Zwangsjacke, die andere festzurren.

Kindern stopft man mit Sinnsprüchen das Maul, habe ich gelesen. Manche Erwachsene reflektieren nicht wie’s ihnen geschieht und fahren damit fort, Sprüche zu plakatieren, als könnten sie sich dahinter verstecken. Wer nicht gelernt hat, Hass in sich zu bemerken und andere zu schlagen oder beleidigen – die provozierten, denn so kommt ja Wut erst auf – die Konsequenzen tragen musste, wird die Kräfte seines Ärgers gegen die eigene Person anwenden. Und selbst daran erkranken. Damit kommt ein Prozess in Gang, der im Spruch „die linke Hand wüsste nicht, was die rechte tut“ ein Bild hat. So wird unkontrollierter Hass beschrieben, eine Motivation, bei der niemand voraussagen kann, in welche Richtung sich das entwickelt: nach innen oder irrational gegen andere.

# Dummheit regt zur Bosheit an

„Oh, wie blöd ist der? Schaut mal, wie einfach wir ihn vorführen und verarschen können“, das ist immer der Anfang. Dann kapiert der Doofe irgendwann; anschließend gibt es Haue. Einer war noch dümmer, noch frecher und wird verbeult. Es scheint so einfach, ist es aber nicht. In diesem Spiel kann keiner gewinnen.

Der Sinnspruch macht nur Sinn, wenn Hass als etwas begriffen wird, das zum Leben gehört wie das Wetter. Wir können einen Schirm aufspannen. Mit dem Schirm haben wir Schutz gegen den Regen, eine Waffe möglicherweise, um einen Räuber zu schlagen – aber das Gewitter am Himmel können wir nicht verprügeln. Wut im Bauch, Hass im eigenen Leib? Das gehört dazu. Gewalt ist eines der Mittel, sich Luft zu verschaffen. Alternativ: Das Spiel vom „Schwarzen Peter“ regt zur Geschicklichkeit an, diesen weiterzugeben. So zu leben macht mehr Sinn als zu ermahnen.

🙂