Ich habe mit einem neuen Bild begonnen. Mitte Juni, die „Europa“ hängt, und ich musste nicht lang warten, da hat sich mein innerer kreativer Motor bemerkbar gemacht. Ein vertrauter Prozess, Schicksal. Schon im Kunstunterricht fiel auf, dass ich freiwillig malte. Auch außerhalb der Schulzeit entstanden Aquarelle und Zeichnungen einfach so. Wer einmal den Zugang fand, sich auf diese Weise zu verwenden, kennt das. Ein Werk ist fertig, eine kurze Pause, dann geht es wieder los. Andere reden vom inneren Schweinehund und Blockaden. Wie man malt? Mich hat schon immer interessiert, wie berühmte Kollegen arbeiten oder meine Professoren an der Armgartstraße, bei denen ich studierte. Meine Methode ist individuell, gute Gründe, den Weg fortzusetzen … es würde mir schwerfallen, eine allgemeine Antwort zu geben. Rückblickend wäre es leicht zu erklären, wie Schritt für Schritt ein bestimmtes Werk entstanden ist.

Warum ich’s überhaupt mache? Wie ich arbeite, ist einfacher zu beschreiben, als das! Während ich mich dabei gut vorbereite, nach einer ausgefeilten Skizze auf der Leinwand starte, entsteht der Blog leider nicht so kontrolliert. Inzwischen haben wir Anfang Juli, und immer noch ändere ich den Text, möchte herausfinden, was wichtig ist, begreife nur allmählich. Einen Roman könnte ich so wohl nicht verfassen?

„Sie kennen doch die Quallen“, so etwa beginnt C. S. Forester „Meine Bücher und ich“. Ein Aufsatz, der einfachen Konsumenten von Kunst und Literatur erklärt (und anleiten kann), wie es dem Schriftsteller möglich ist, seine Romane zu schreiben. Der Erfinder von „Hornblower“ vergleicht sein bildhaftes Denken, wie es auch von Albert Einstein bekannt ist, mit autonomen Entwicklungen, die ein beweglicher Geist zulassen muss. Unterbewusstes Gären, das der Autor erst wichtig nimmt, wenn es an der Zeit ist. Der Kreative setzt sich nicht einfach hin und schreibt aus dem Nichts los, und genauso wenig beginnt er, abrupt nachzudenken, was er als nächstes zu Papier bringen könnte. Er beschäftigt sich bereits einige Zeit mit verschiedenen, möglicherweise lohnenden Einfällen, ohne allzu genau in die Tiefe zu gehen. Während Forester anderweitig unterwegs ist (eine Kreuzfahrt um Südamerika regt ihn an, „Der Kapitän“ zu schreiben), spürt er bereits ein von ihm kaum registriertes Anwachsen von Ideen, wie Bewuchs am vollgesogenen Holz eines Wracks im Meer. Schließlich wird daraus ein Plot, der ihm schmackhaft vorgekaut ins Netz geht. Dann erst folgt die Arbeit mit dem Stoff.

Er denkt erst und schreibt anschließend. Der Autor weiß sich selbst zu verwenden, kann auch erklären, wie er’s macht. Erst beinahe unbewusst, schließlich konzentriert planend, und dann kommt bei ihm die Ausführung. So entstanden die bekannten Romane (auch die seines Kollegen John Irving, so wurde die Relativitätstheorie zu Papier gebracht, so malte Edward Hopper, so komponierte Beethoven). Sie alle kannten dieses Zulassen von innerer Gedankentätigkeit, die schließlich zu harter Kombinationstechnik führt, bis dann die eigentliche Produktion des Werks beginnt. Forester schrieb kaum skizzierte Ideen auf. Die Angst, er könne sterben, bevor das Buch fertig sei und ein anderer würde es vollenden (für den Verlag, der damit verdienen möchte), hielt ihn davon ab. Er versuchte, alle Probleme vorab im Kopf zu erledigen. „Das Geschreibsel, das dabei herauskommen möge“, wenn ein Fremder seinen Roman zu Ende schriebe, ängstigte ihn. Eine unheilbare Krankheit, die zunehmend seine Beweglichkeit beeinträchtigte, war bei ihm früh diagnostiziert worden. Das bedrohliche Leiden war jedoch zur Überraschung der Ärzte im weiteren Fortschreiten zum Stillstand gekommen.

Journalisten und Biografen gefallen sich darin, das Zitat von Irving zu verbreiten, er beginne seine Romane am Schluss. „Die letzte Seite tippe er stets zuerst“, heißt es dann. Und von Edward Hopper gibt man zum Besten: „Wenn ich mich an die Staffelei setze, ist alles erledigt.“ Dass das nicht stimmt, sondern vor allem der Wunsch des Künstlers ist, es möge (diese Mal endlich) so elegant laufen, wird von denen, die selbst nicht schreiben, sondern nur abschreiben, gern übersehen. Tatsächlich gibt C. S. Forester an einer Stelle zu, wie übel es ihm ergangen ist, als er einmal mitten in der Arbeit am Buch nicht weiter kam. Ich hatte mir gesagt „hier entfliehen sie“ und nicht weiter darüber nachgedacht, wie genau das vor sich gehen würde, so etwa erzählt der Autor sein Missgeschick. Mitten im Feindesland die gut bewachte Kutsche zu verlassen, war nicht eben einfach für seine Helden. Hopper wiederum berichtet vom Problem, eine aufreizende Sekretärin mit üppigen Busen und einen Büroschrank so in Szene zu setzen, dass uns die Frau im Bild interessiert und der Schrank sich der Logik seiner Bildkomposition unterordnet. Und Irving, im Interview gleich eingangs naseweis damit konfrontiert, er beginne ja immer mit dem letzten Satz, nimmt dem Reporter den Wind aus den Segeln. Der Autor macht schon deutlich, wie flexibel seine Arbeit ist. Das habe ich mal (irgendwo) so herausgelesen. Humor steht immer zwischen den Zeilen.

Kunstunterricht kann den Weg bahnen, ein Talent formen. Aber nur wenige Lehrer können ihren Schülern beibringen, eigene Gedanken nicht nur zu denken, sondern selbstbewusst auszuleben.

Die geplagte Britney Spears ist aktuell in den Nachrichten, sie weine jeden Tag und kämpfe darum, die Vormundschaft ihres Vaters über ihr Leben per Gericht wieder los zu werden. Gut so! Irgendwann müssen wir aufwachen. Sie klagt, man habe sie gedrängt, Lithium zu nehmen. Das ist ein Medikament, das man nicht mehr absetzen darf, wenn einmal damit begonnen wurde, es einzunehmen. Es wird sie schließlich schon durch diese zwingende Abhängigkeit dauerhaft verblöden. Das ist als vermeintliche Hilfe deklarierte Unterdrückung. Ärzte glauben, über andere so gut Bescheid zu wissen, sich derartige Eingriffe in deren Autonomie erlauben zu können. Sie schaffen unsichtbare Gefängnisse und sind noch stolz darauf. Statt sich der tatsächlichen Aufgabe zu stellen, Menschen konstruktiv zu trainieren und sie lebendiges Verhalten zu lehren, flexibel im Leben zu bestehen. Psychiater sind einfach nur widerlich, die schlimmste Spezies auf diesem Planeten, das ist meine Meinung, tatsächlich; und ich kenne mich damit aus.

Diese Ärzte wollen welche sein. Die Zuverlässigkeit anderer Medizinbereiche fehlt ihnen. Sie stehen auf der Seite der Gesellschaft, sprechen für den Staat, erstellen Gutachten, nach denen bei Gericht entschieden wird, ob ein Mensch krank sei oder schuldfähig, damit andere die Schuld nicht trifft, wenn zukünftig wieder etwas passiert. Psychiater nehmen es auf sich, zu beurteilen, was unsichrer ist als die Wetterentwicklung. Meteorologen sind frech. Aber sie verweisen auf ihre Satellitenbilder und die Computerprognose. Psychologen sind eingebildet genug, um, falls es anders kommt als sie meinten, einfach weiterzumachen. Sie therapieren Sexualstraftäter, nachdem sie eigene Krankheiten erfunden haben. Und wir nehmen es hin, was anschließend passiert, ein ums andre Mal. Sie unterstützen die Polizei, deren Aufgabe es ist, für Ordnung, Stabilität und Sicherheit vom Ganzen zu sorgen. Sie sind die Anlaufstelle für verstörte Kinder und hilflose Eltern in Not. Die Erkrankten hoffen auf grundsätzliche Hilfe, und diese zu geben, ist der Psychiater weitestgehend unfähig. Diese Fachärzte helfen der Gesamtheit eines Systems, das bereit ist, eine durch ihre spezielle Fakultät sich selbst rechtfertigende Berufsgruppe zu finanzieren. Menschen haben Angst vor psychisch Kranken. Psychiater schützen die Angehörigen, sind der verlängerte Arm der Pharmazie und überfordert, wenn es darum geht, Kranke insgesamt gesund zu machen. Sie können eine akute Not effizient entspannen, mehr nicht. Britney zitiert Einstein: „Eltern sollten ihren Kindern Märchen erzählen, wenn sie intelligente Kinder haben möchten.“ Was mag das bedeuten? Märchen sind ja nicht gerade dumme Geschichten. Hier geht es um die Suche nach Wahrheit.

Wann wird ein Medikament erfunden, das gegen Dummheit hilft? Das wird dann sein, wenn Intelligenz für alle bezahlbar im Regal der Geschäfte liegt. Das Verhalten der psychisch Kranken schadet diesen. Diese Menschen schaden sich selbst, und der Arzt erkennt darin eine Krankheit. Man kann untersuchen, auf welche Weise das Gehirn der Betroffenen in seiner Funktion gestört reagiert und der zum Patienten erklärte Mensch zu seinem eigenen Nachteil fehlerhaft agiert. Nun kommt die Intensität des Fehlverhaltens ins Spiel und natürlich die Beurteilung, was daran falsch ist. Ein Spinner kann gut integriert sein. Ist genügend Geld vorhanden, zum Beispiel eine Erbschaft und zuverlässiges Arbeiten mit Kollegen nicht nötig, damit ein Mensch seine Existenz bestreiten kann, toleriert die Gesellschaft einige Schrullen.

Wenn jemand anderen zur Last fällt und nicht länger arbeitsfähig ist, nennt man das gern Depression. Tatsächlich helfen Medikamente in so einem Fall, wo gutes Zureden versagt. Deswegen, und weil es unzählige Spielarten des Abnormen gibt, bleibt die Idee, mit einer Pille gegen selbstschädigendes Verhalten anzugehen, dennoch eine unzuverlässige Methode. Das Problem: Eine weitere Person, der Arzt, kommt ins Spiel. Das geschieht, obschon die Unselbständigkeit desjenigen, der beim Psychiater gelandet ist, die offenkundige Problematik darstellt. Für ein Fußballteam ist es zwingend nötig, dass es professionell gecoacht wird. Den Spielern sagt man aber nicht, dass sie eine Krankheit haben, wenn sie ohne Trainer schlecht spielen.

Die Ursache jeder psychischen Not ist unzureichende Funktionalität des Gestörten. Er ist nicht kaputt, hat keinen Schaden, wird nicht heil. Die Struktur ist in Ordnung. Der sogenannte Kranke benutzt sein System zwanghaft falsch. Gehirn und Körper sind auf unnötige Weise in einem Betrieb gefangen, der dem Ganzen schadet. Bildlich gesprochen: Das ist ein Haus, in dem die Bewohner in die Spüle pinkeln und die Kartoffeln im Klo waschen. Das Essen wird kalt im Schlafzimmer gegessen und man schläft tagsüber (im Stehen) auf dem Balkon. Im Bett wird anderes gelagert. Das Haus (die Person) ist korrekt gebaut, die Benutzung ist falsch. In den meisten Fällen ist dieser Fehler im Lernprozess der Anpassung geschehen.

Das bedeutet, bei einigen wurden Lösungswege der alltäglichen Probleme einstudiert, die zu ineffizienten Ergebnissen führen. Das ist nicht krank. Die Lage kann sich durch Wiederholung zuspitzen. Die Probleme summieren sich, aber die Dynamik dieser Entwicklung erkennt niemand, den das angeht, weil man sich die Dinge schönredet und die Angst zu scheitern maskiert. Wenn ein junger Mensch zunächst integriert dasteht, eventuell eine gute Ausbildung probiert, eskaliert die Situation möglicherweise überraschend, weil sich die Bedingungen ändern. Anstelle von Eltern und Lehrern treten Arbeitgeber oder Beziehungspartner existentieller Selbständigkeit auf. Es sind die komplexen Probleme, ein eigenes Netz als Rahmen des Daseins zu schaffen.

Generell ist festzuhalten, das psychische Krankheiten auf der Basis sozialer Beziehungsprobleme entstehen. Das kann ohne erkennbare Krankheit (schlecht) gutgehen und erst später schwierig werden. Dafür erfand die Neuzeit das Wort „Burnout“. Diagnosen sind Namen, und sie werden zum Werkzeug der Ärzte. Diese können wir aber nicht in die Pflicht nehmen, zur Verantwortung ziehen, wenn es unser Leben ist, das uns entgleitet. Den Mut, einem Arzt zu widersprechen, bringen manche noch auf. Mir hat der Chefarzt einer Klinik laut spottend hinterhergerufen: „In zwei Wochen sind Sie wieder hier!“, als ich auf eigene Verantwortung ging. Das war schwierig genug. Ich habe es hinbekommen, ohne dass sich die böse Drohung bewahrheitet hat.

Nach einem Zusammenbruch wird ein Arzt zwingend in unser Leben eingreifen. Er probiert unser normales integriertes Funktionieren wieder herzustellen und hat es nicht eilig damit. Je nach Art unserer Störung, setzt der Arzt ein Medikament ein. Am oben vorgestellten Beispiel des Hauses, eine sinnvolle Struktur, die falsch verwendet Probleme macht, können wir sehen wie so etwas läuft. Der Arzt verschließt mittels Medikament einige Türen, und die Bewohner können ihre Lebensmittel nicht länger im Abort waschen. Nach einiger Zeit, wenn der Patient besser zurecht kommt, passt der Psychiater die Dosis an. Die Tür zum WC wird einen Spalt geöffnet, in der Hoffnung, dass das System zukünftig besser genutzt wird. Das mag deutlich machen, wie unzuverlässig diese Methode ist, die pauschal in Abläufe eingreift.

Meine Probleme begannen, als ich jung war und nun erwartungsgemäß selbstständig handeln sollte. Ein langer Weg, das zu schaffen mit unendlichem Kummer liegt hinter mir. Wer schließlich den Mut aufbringt, dem Arzt den Rücken zuzukehren, muss alternative Wege zum Besseren finden. Mir ist das gelungen. Ich zahle einen hohen Preis dafür. Nicht zuletzt, dass ich die verflossenen Jahre nicht rückwirkend umgestalten kann oder heute Dinge tun, für die es definitiv zu spät ist. Ich kann malen.

Warum geht es im Leben abwärts, anstelle der erträumten Karriere? Ein Mensch, der nicht wie die anderen klarkommt, muss (verständlicherweise) Angst empfinden und verzagen oder aggressiv reagieren. Jemand, wie ich einen beschreibe, spürt nicht, dass er etwas dazu tut, weswegen die Dinge nicht laufen. Es gibt immer wieder junge Menschen, die es erfolgreich hinbekommen, Angst nicht wahrzunehmen. Solange alles wie bekannt ist, Papa, Mama und die Lehrer rundherum, fliegt „Alexandra“ zu den Sternen. Wie es kommt, dass es mit einem Mal einen großen Rumms in der sausenden Bahn gibt und unser kleines Wägelchen schlingert, ja aus den Schienen springt, überrascht. Hat man seinen Schaden, folgt eine traumatische Zeit. Mit einem Mal bist du allein und neue Ratgeber zwingen sich auf. Dann klappte der Wechsel, die stützenden Eltern wie geplant in neue Beziehungen zu verlassen, nicht, und wir stehen am Scheideweg.

Ein Kraftakt, der darin besteht, die Welt noch einmal neu zu erfinden. Ist man erst einmal bekannt als „Psycho“, beginnt der Teufelskreis, dass ein junger Mensch, den anfangs keine adäquate Umgebung stützte, später weiter von denen ausgegrenzt wird, die sich lieber mit anderen zusammen tun. Würde die Gesellschaft das als Problem vieler ernst nehmen, könnte effizient geholfen werden und ein Stigma der Zuschreibung diverser Krankheiten würde vermieden. Dazu müssten Methoden entwickelt werden, die Funktionalität des Menschen zu seinem Besten trainierten, ohne ihn wie einen Kranken zu behandeln. Statt den Bescheuerten weiter fertigzumachen, was die Nachbarn schon erledigen, sollte es möglich sein, verschüttete Intelligenz zu nutzen.

Die Selbstverantwortung ist das Kennzeichen des Gesunden. Wer zum eigenen Vorteil ein Verbrechen verübt, gilt als schuldfähig und damit als gesund. Wer seine Firma und sein Selbst hart an der Grenze der Regeln zum eigenen Vorteil führt, den nennen wir clever. Wer gelassen durch die Welt geht, den bezeichnen wir als weise. Ein vom Arzt geführter, durchs Medikament betäubter Patient ist weder Straftäter, noch clever oder weise, und er bekommt keine Perspektive als die, dass seine Zukunft eine begleitete sein wird. Das wiederum macht depressiv und aggressiv, der Teufelskreis neuer schubhafter Abstürze ist bei dieser Sichtweise zwingend. Die vielen Möglichkeiten unserer modernen Welt sind eine Herausforderung! Gerade Künstler haben sich auf diesen gefährlichen Weg einer Sinnsuche gemacht, bei der Genie und Wahnsinn sich die Hand reichen.

Die gruseligen Details aus dem Leben der Ausnahmesängerin Spears zeigen die zwei Seiten des Menschen, wenn es um Kreativität geht. Die einen hören, kaufen und vermarkten Musik (und jede andere Art von künstlerischem Talent). Die anderen schaffen. Einige, die mit Kunst nur verdienen wollen, sind skrupellos genug, Menschen krank zu machen, über deren Talent sie Macht ausüben. Sie wollen nur absahnen.

# Künstler und andere Beknackte

Wer psychisch auffällig wird, sich in Behandlung begibt oder gezwungenermaßen eingewiesen, hat es doppelt schwer. Stigmatisiert wie ein Ausländer, aber ohne die Sozialkompetenz, die unterdrückte Minderheiten kennzeichnet, die schließlich Stärke finden, wenn sie eine Gruppe bilden können. Erste Ansätze dafür gibt es, seit die digitale Welt uns alle ändert. Hätten die aus Afrika verschleppten amerikanischen Sklaven im Austausch vernetzt twittern können, wäre ihnen schneller klar geworden, wie viele sie sind und die Freiheitsbewegung wäre zügig und effektiv vonstatten gegangen.

Ich glaube, moderne Verschwörungstheoretiker sind gleichermaßen solidarisch untereinander wie kollektiv krank. Diese Leute können im Verbund ihre eigene Normalität gestalten. Der Mainstream erkennt keine Lügenpresse. Corona? Die Zufriedenen nehmen es hin, dass die gefährliche Deltavariante in Indien, dort wo sie so unheilvoll wütete, sang- und klanglos abgeebbt ist. In wenigen Wochen sank die Inzidenz wie ganz von selbst zurück auf zwanzig. Darüber berichtet niemand. Ob das daran liegt, dass Indien Impfweltmeister ist? Badet man nicht länger kollektiv im Ganges? Hier wird omnipräsent gewarnt: Die vierte Welle kommt! Es gibt nur dieses Thema. Dann berichtet der Chefvirologe von den beunruhigenden neuen Zahlen in Großbritannien und in Lissabon. Der harte Kern der Wahrheit ist querdenken. Wer eine Lüge erkennen will, weil man uns nicht darüber berichtet, dass es wo besser wird, ist psychisch krank? Die anderen bleiben unspektakulär auf Abstand und nehmen hin, dass die Nachrichten ein Geschäft sind wie alles andere.

Sind verschworene Menschen Spinner, oder haben wir es mit Kranken zu tun? Sie haben eine eigene Wahrheit und können diese finanzieren. Menschen, die durch gegenseitige Solidarität so gesund handeln, dass sie im Alltag den Boden unter den Füßen behalten. Sie wissen in ihrer Angst und Wut nicht allein zu sein; das hilft. Auf diese Weise gestärkt, können sie weiter eine Wohnung nutzen, einkaufen, ein Auto fahren, normale Sachen machen eben – und sich in Chatgruppen austauschen, während sie isoliert psychotisch abdriften würden. Die Gesellschaft hat ein Problem, wenn die Zahl psychisch Kranker zu groß ist. Schwierig, wenn verschworen fanatische Menschen zusammen ein System bilden und dann handlungsfähig sind, ihre Aggression in Aktion umzusetzen. Was nicht übersehen werden darf: Aus dem Blickwinkel eines aggressiven und gestörten Menschen gibt es gute Gründe für seine Sicht.

Bedauerlicherweise mobben Menschen und stellen sich als positiv dar, wenn sie andere fertig machen. Ein kranker Mensch benötigt Hilfe, aber in diesem Fall werden die Helfer mehr dankbar dafür sein, als die Hilfe suchende Person. Ist es ein Fall, an dem die Polizei beteiligt ist, hat man keinen Freund und Helfer im Beamten. Es liegt auf der Hand, dass ein labiler Mensch, der eine Gefahr für die Allgemeinheit sein könnte, freudig begrüßt wird von der Kripo, mehr noch, wenn die Angelegenheit eine sexuelle Auffälligkeit beinhaltet. Wer als polizeibekannt geführt werden kann, stellt im Gegensatz zum noch unbekannten Straftäter, der alle überrascht, ein definiertes Arbeitsfeld dar. So jemand kann von Montag bis Freitag eine Aufgabe sein, nach dem Motto: „Wir schauen hin und passen auf.“

Desgleichen der Arzt: „Nun sind Sie erst einmal Patient, und wir schauen mal, wie wir Sie richtig einstellen können“, wird er sagen. Was der Arzt nicht leiden kann, ist, genau wie die Polizei, die nicht zu kontrollierende Notsituation. Kommt es dazu, dass die Lage in der Praxis eskaliert, vor den Augen vom Personal und den anderen im Wartezimmer, genießt derjenige Patient das größere Wohlwollen des Psychiaters, den der Arzt bereits kennt. Kontrolle geht den Menschen über alles, mehr noch, wenn es im Beruf um die Qualität der Akteure geht, ob sie selbstbewusst mit schwierigen Fällen klarkommen. Da liegt es auf der Hand, dass ein in der Kartei geführter Kandidat die besten Chancen hat, lange Zeit Teil des Hauses zu sein. Wir als Betroffene möchten gesund und normal leben, aber der Arzt und die Ordnungskräfte möchten uns führen.

# Gebraucht werden

Die Familie, und im Fall von Britney Spears der Vater als Vormund und Verwalter des Megavermögens, das die Sängerin mit ihrer Kunst erwirtschaftete, hat kein Interesse daran, dass Klein-Britney eigene Wege geht. Auch der Papa vom abgeschmierten Michael Wendler betont, wie scheiße er’s findet, dass nicht er den Sohn managt (wie anfangs). Er hat tatsächlich die Kontrolle über „seinen“ Michi verloren, und ihm bleibt scheinbar nur nachzutreten. Das tun auch alle, die anfangs voller Neid darauf schauten, dass die süße Abiturientin Laura einen Narren am Wendler gefressen hat. Wir können sicher sein, dass diese junge Ehe von Anfang an immensen Psycho-Terror ausgesetzt gewesen ist. Und vielleicht liegt hier die Ursache für den absurden Verschwörungswahn vom Schlagerbarden und das spätere Bohlenbeben.

Als Kreativer hast du keinen Freund in deiner eigenen Familie (das ist auch meine Erfahrung), sondern nur Spötter, Neider und die, die mitglänzen wollen, wenn dir was gelingt. Das sind auch die, die dich fertig machen, wenn sie meinen, du wärest momentan schwach. Hast du gerade Geld, geht erst richtig die Post ab! Arme Britney. Künstler, denen die Anerkennung vornan steht, sind labil, weil sie abhängig vom Lob und dem Geld sind, das einigen erst ausdrückt, wie toll etwas ist. Die Mehrheit kann nicht singen oder malen, hat eine Sauklaue anstelle intelligenter Handschrift. Damit bekommt die Masse keinen ansprechenden Text hin, aber zum anonymen Anschwärzen anderer reicht ihre Ausdrucksfähigkeit. Für ihre Botschaft bringen diese Leute kein Klavier zum Klingen. Sie nehmen ein Smartphone, um sich auszudrücken. Es gibt ja die Tastatur. Das sind Menschen, die, obwohl im Konzert, als Teil vom Publikum Begeisterung skandierend, keinen Ton mitbekommen. Sie bemerken nur ihr eigenes Dabeisein. Es sind diejenigen, die in der Vernissage einer Ausstellung keine Farben sehen, Prosecco trinken und reden. Sie haben zuhause wichtige Bücher im Schrank (für Gäste gut platziert), die sie nicht gelesen haben. Sie wollen nur dazugehören.

Ein Bild wird versteigert, es sei von David Bowie, der hat gemalt? Siebzigtausend! Die Zeitung beschreibt, es zeige einen Kopf im Profil und ein Foto davon ist auch abgebildet. Das zeigt einen hellen Fleck inmitten einiger Farbspuren. Ein Mann habe das Werk in einem Spendenzentrum für Haushaltsgegenstände gekauft, etwa vier Euro dafür bezahlt. Auf der Rückseite fand sich eine Signatur. Die erinnerte den Käufer an David Bowie, der vor einigen Jahren starb. Er hat jemanden gefragt, der sich damit auskennt. Fachleute haben die Echtheit bestätigt: tatsächlich von Bowie!

Eine Sensation.

Gut möglich, dass der berühmte Musiker auch malte; ich habe es nicht gewusst. Udo Lindenberg zeichnet, der alte Mueller-Stahl möchte uns mit seinen Werken beeindrucken; ich hab’s mir (mal auf Fehmarn) angesehen, das lohnt kaum. Und Madonna veröffentlichte ein selbstgeschriebenes Kinderbuch! Einige regen sich auf: Mein Schwager hat sich gelegentlich abfällig darüber geäußert, dass in anderen Sparten erfolgreiche Menschen nun auch beginnen zu malen oder schreiben (die Zeichnungen von Udo sind toll!). Geld gefällt mir. Die siebzigtausend aus der Versteigerung hätte ich selbst auch gern.

Das Porträt von Bowie? Eine Aktie ist das. Wer schaut sich an, was auf einem Geldschein zu sehen ist; und dort sind immerhin qualifizierte Illustratoren tätig gewesen, und eine raffinierte Umsetzung, grafisch präzise, ist ein Muss. Die Menschen, die Musik lieben und diejenigen, die ein Kunstwerk vom Wesen her erkennen können, einen Film daraufhin ansehen, wie er gemacht wurde, sind die absolute Ausnahme. Wohl neidisch, empören sich manche, dass ein toter Musiker viel Geld mit einer schlappen Skizze machen kann. Absurd? Warum sich darüber aufregen, dass ein Sänger malt und sich drüber lustig machen, das „Geschmiere“ sei ja nicht zu erkennen: Zwei Gewinner sind schon mal erkennbar. Zunächst der glückliche Musiker, dass er auch das schaffte, zu malen. Danach dieser Typ, der auf dem Flohmarkt vier Euro investierte, anschließend mit Gewinn wieder verkaufte. Der Idiot, der auf der Versteigerung den Zuschlag erhielt, muss erst noch beweisen, keiner zu sein. Wer weiß, vielleicht geht das Ding ab wie eine Rakete? An der Börse und im Kunsthandel ist alles möglich.

Ich lernte zu singen, im Tempo korrekt. Das konnte ich früher nicht begreifen. Um damit aufzutreten, reicht es nicht. Aber das Glück, das ich dabei empfinde, es zu tun, mag dem entsprechen, das jeder empfindet, der nun etwas kann, was bisher nicht gelang. Davon, dass ich Objekte sammle, die ich mir nur mit viel Geld leisten kann, weil sie von berühmten Menschen hergestellt wurden (eine alte Unterhose vom Star, mit noch echten Kackspuren darin, genetische Expertise inclusive), habe ich gar nichts.

Jedem das seine.

# Kaiserin Elisabeth von Österreich: Ihre Leibwäsche wurde nun versteigert. Am Dienstag sind neben einigen Kleidern auch drei Stücke von Sisis kaiserlicher Wäsche in Grasbrunn unter den Hammer gekommen, zu einem Startgebot von 1000 Euro – laut Katalog ein ärmelloses „Leibchen an Hals und Dekolleté mit Spitzenbordüre, sieben Perlmuttknöpfen und kleiner, in Rot gestickter Krone“, ein „Beinkleid en suite gefertigt und mit Bordüre an den Beinabschlüssen“ sowie feine „Strümpfe mit eingearbeiteter Bezeichnung E.S.“ (1. Juni 2021, Auktion bei München, Süddeutsche Zeitung).

Kunst beginnt, wenn wir zulassen können, was in uns geschieht und die Grenze ziehen können zur Umgebung. Wo ist das Fenster, und wie weit öffne ich die Vorhänge, wann singe ich nackt auf meinem Balkon? Forester nimmt das Meer, das zu seiner schriftstellerischen Heimat wurde, da er ja einen Seehelden kreierte, als Beispiel. Muscheln wachsen auf modrigen Planken in der Tiefe, und Ideen formen sich von selbst im Dunkel des Unbewussten. Dann stoßen die wasserträchtigen Stumpen unverhofft an die Oberfläche, und eine neue Idee ist geboren, muss beachtet werden.

🙂