Als ich Kind und später Jugendlicher war, in Wedel bin ich aufgewachsen an der Elbe, in den Siebzigern ging ich zur Schule, machte Realschulabschluss 1981, waren viele der heute üblichen Redewendungen unbekannt. Sensible Daten, Transparenz im Sinne offener Vorgänge im System, alltägliche Floskeln: „Das passt schon, alles gut, einen schönen Tag noch!“, niemand redete so. Unwörter des Jahres kamen allmählich auf, einige störten sich an Anglizismen. Verfechter theoretischer Sprache, Puristen sagten Leitscheit (anstelle Lineal) und wiesen darauf hin, dass ein Pullover dem Wort nach ein Überzieher wäre.

# Wie sprechen Menschen?

Damals, wir lernten im Englischunterricht als Bezeichnung für Radiergummi „rubber“ zu sagen, aber ein Freund klärte uns auf, nach dem er zwei Wochen in den USA gewesen war: racer (von eraser). „Ein rubber ist ein Gummi. Ein Gummi ist ein Präser, ein Präservativ.“ Kondom sagte niemand. Dazu mein Vater, die Freunde seiner Generation fragten einander: „Hast du Tüten dabei?“ Und als Segler horchte jemand auf: „Brugt Gummi!“, hätte ein Däne nebenan gemeint, als ein entsprechendes Ding im Hafenwasser trieb. So nennt man das? Hafengespräche vereinter Nationen. „Sind Sie gut geschlafen, und wie geht Ihre Frau?

Wir spitzten die Ohren, und bis heute sind ganz viele neue Worte gebräuchlich. Das Gendern, eine Rechtschreibreform wurde durchgekämpft. Mir brachte man noch bei, wie albern es aussehen würde, wenn drei „f“ aufeinanderträfen, da das menschliche Gehirn ein Wort wie beispielsweise Schiffahrt ohne Mühe begreifen könne, ohne in seiner Mitte ein Monstrum verkrampfter Ligaturen zu benötigen. Lehrer Kröger ahnte nicht, dass natürliches Denken den Erfolg in der Konsumgesellschaft stört, wer braucht denn so was? Den Siegeszug des programmierten Gehirns erlebte er nicht mehr. Wir verwendeten Telefone mit Wählscheibe, und sie standen auf einem Tischchen im Flur. „Fasse dich kurz!“ meinte meine Mutter. Natürlich waren die Schiffe im rau-hen Wetter unterwegs, da spürten wir diesen Hauch von einem Buchstaben, der von den modernen Schlaumicheln gern entfernt wird, die es auf der anderen Seite forcieren, im Wort- wie im Flussstrudel mit der Schifffahrt dreifach korrekt abzusaufen. Streit war auch früher möglich: Brachte uns ein Lehrer bei, in dafür typischen Worten wie Ritter, Butter oder Watte, die beiden „t“ eleganter mit einem einzigen waagerechten Strich kombiniert zu schreiben, gab es in der nächsten Stunde von der Kollegin in Vertretung einen üblen Anraunzer dafür. Lehrer waren schon immer eingebildet und soo doof, bis auf die wenigen Ausnahmen, die man sein Leben lang nicht vergisst, liebgewonnen, respektiert  hat, weil sie klug waren.

Wie sagt man Donald Duck oder spricht man das englisch aus, darüber konnten wir damals streiten. Bis heute habe ich ein Problem mit englischen Kombiwörtern im heimischen Umfeld. Fährt der Linienbus vorüber und „Talkline“ steht fett auf seiner Seite, dann lese ich im Geiste mitsprechend „Talk“, entsprechend dem Klang von „Kalk“, und ende aber auf „lein“, denke englisch im zweiten Teil des Wortes. Wäre ich im Urlaub, und in einer englisch sprechenden Umgebung, passierte das sicher nicht, dann liefen mir ohnehin englische Gedanken durch den Kopf. Ich spreche englisch nicht besonders gut. Es fällt mir aber leicht im Ausland, damit umzugehen. Wenn auf einem dicken  Lastwagen „Fahrschultrucks“ prangt, denke ich das „u“ in „schul“ wie das in „trucks“, und es klingt einfach nur albern nach. Eingebildet ist dieses Wort und neudeutschdoof. „Fahrschullastwagen“ wäre noch blöder; wir haben uns daran gewöhnt. Im Rahmen von Pandemie und Brexit hören wir seit einiger Zeit vermehrt Engländer im Fernsehen, werden daran erinnert, dass sie anders reden als Amerikaner, denen wir nacheiferten. Da ist ein lustig angezogener Bobby im Original zu hören, und der sagt ganz selbstverständlich: „Lorry“ und „Lorrydriver“, als im Hintergrund lange Schlangen vor dem Eurotunnel stehen. Wer in den Achtzigern dieses Wort nahm, wurde von den Mitschülern belächelt, denn so wurde uns „Lastwagen“ ja in der Schule beigebracht, wie albern. Es heißt: Truck.

# Unterwegs im Convoy mit den anderen

Kris Kristofferson ist Martin „Rubber Duck“ Pennwald, und wir können jetzt auch englisch, „Donäld Dack“ – geil. So war es richtig, damals, als meine Eltern veralteten und wir das allmählich bemerkten. Jetzt sind sie tot. Gerade war der erste März, da hätte meine Mutter Geburtstag gehabt, und wir sind im fünften Jahr, nachdem sie starb. Es tut weh, dass da niemand ist, Standardwitze und familiäre Geschichten zu wiederholen. Die sind mit den Alten verstorben.

In der Zeitung habe ich doch ein Wort gefunden, das scheint mir neu, aber es gefällt mir: „Selbstwirksamkeit“ heißt es. Da sind zwei „Psychotanten“ (mein Wort dafür) in einem Bericht vorgestellt, die etwas mit Kindern kranker Eltern machen, und dergleichen überfliege ich normalerweise. Ich denke, Frauen! Und dann noch Psychologinnen, bescheuert. Ich kann meine Abneigung gegen Menschen, die sich selbsterklärt und etwa von Beruf gewollt in das Leben anderer einbringen, um zu helfen, nie mehr unterdrücken. Aber hier kommt das neue Wort, und ein guter Absatz sticht ins Auge.

# Die Kinder und Jugendlichen lernen Selbstwirksamkeit, also daran zu glauben, dass sie Dinge lernen, Einfluss nehmen und Herausforderungen bewältigen können. „Und sie schaffen es, eine neue Beziehung zu ihren kranken Eltern aufzubauen, ohne sich verantwortlich für sie zu fühlen“, sagt Peres. (Schenefelder Tageblatt, AWO Schenefeld betreut Kinder psychisch kranker Eltern, 03.03.2021).

Das gefällt mir!

Ich mag sehr dieses: „Selbstwirksamkeit“, wie auf der anderen Seite „kranke Eltern“ verdächtig ungenau ist. Viele Kinder möchten die Probleme der (gesunden) Eltern lösen. Ihnen ist daran gelegen, belastende Zustände ihrer Umgebung zu glätten. Sie haben einen anderen Blickwinkel. Ein Kind möchte die Welt ändern. Es soll so sein, wie es sein muss, damit die Gemeinheiten aufhören. Eine große Aufgabe. Nur Greta Thunberg ist eventuell so stark wie Pippi Langstrumpf! Viele kennen das, Dinge ärgern uns scheinbar. Es sind die Personen dahinter. Sie drängen, schneller als notwendig, eine komplizierte Tätigkeit auszuführen. Dazu müssen wir nicht wissen, wer uns gerade ärgert. Eine Erfahrung von früher hat sich längst verselbstständigt. Dann steckt „der Teufel im Detail“, meint man. Was ist denn „krank“ und neurotisch, und was geht gerade noch durch? Natürlich sind in Behandlung befindliche Menschen und Eltern mit einer Diagnose klassifiziert, eventuell medikamentös eingestellt, vom Arzt als Patient bezeichnet im Sprachgebrauch „krank“. Das möchte ich nicht bestreiten. Wer allein nicht mehr klar kommt, und dann sind noch Kinder betroffen, das ist schlimm. Ärzte benötigen spezielle Kenntnisse, um helfen zu können. Es gibt psychische Not, die einige sich nicht vorstellen können. Trotzdem, mit diesem Wort „krank“ kann so viel „Schindluder“ (ein Begriff aus dem vergangenen Jahrhundert) getrieben werden, dass Menschen abgestempelt ein Leben lang ausblenden, wie absurd das Verhalten anderer ist, die sich nicht in diese Schublade stecken lassen. Dann wird nie heil und gesund, was nicht kaputt oder krank ist, weil das nur Definitionen sind. Mit Grippe bist du krank, ein Auto geht kaputt, und ein Mensch erlebt sein Dasein, verändert sich, wenn – wir es uns erlauben. Es gibt keinen Seelenklempner, das ist auch so ein altmodisches Wort, wenn Seele die grauen Zellen meint. Wer den Kopf reparieren will, soll den Menschen nicht vergessen. Für die Seele ist Gott zuständig, und der klempnert nicht. Davon, dass der Psychiater mit einer Medizin das Gehirn der Eltern zusifft, wird der Haussegen nicht gerade gerückt, das stimmt. Da ist es fein, wenn mehr geschieht.

Die Kinder bei der AWO sind in der glücklichen Situation, dass sich Helfer ihrer annehmen. Unzählige Kinder wachsen in Elternhäusern auf, die für sie eine nicht minder absurde Umgebung bedeuten, ohne dass die mit der Erziehung überforderten Papa und Mama als krank gelten. Selbstwirksamkeit zu lehren, ist viel positiver als „bist selbst dran schuld“ zu sagen, nachdem was daneben ging, der kleine Wurm mit erhöhter Gefühlsspannung Brötchen schmierte, es runtergefallen ist. Für den späteren Erwachsenen wäre es genauso eine gute Übung, darüber nachzusinnen, inwieweit die Mama immer noch de Facto Schuld ist, wenn der Sohnemann von heute bei sich bemerkt, dass es ohne Fluchen nicht zu gehen scheint. „Entschleunigung“ ist bereits abgenutzt, aber „Selbstwirksamkeit“, das ist gut. Die innere Verantwortung, und vor allem die unglaubliche Chance darin, besser zu werden! In einem einzigen Wort findet sich dies wieder:

# Gib mir Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann; gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich zu ändern vermag, und gib mir die Weisheit, das eine vom andern zu unterscheiden. (Friedrich Oetinger (1702-82), dt. luth. Theologe).

Während es üblich ist, von Verantwortung und Schuld zu sprechen und diese anderen zuzuweisen, die sich schließlich rechtfertigen müssen, bedeutet „Selbstwirksamkeit“ die Chance, zu begreifen wie das Denken und die innere Verantwortung geändert werden können. Die Psychiater sind auf die absurde Idee verfallen, unter anderem, eine Krankheit der „Multiplen Persönlichkeit“ als eigenständig diagnostizierbar zu kreieren und damit zu fordern, was ansonsten abgelehnt wird: den immer gleichen Menschen. Unser Wahn, alles in Schubladen zu stecken und Worte für Verhaltensformen zu finden, scheint keine Grenzen zu kennen. Während die so eingeordneten von einer Persönlichkeit in die andere „switchen“, und die mit extremen Gefühlsschwankungen wahlweise als psychotisch oder manisch-depressiv bewertet werden, kann der normale Spinner einfach so Theater spielen, gilt nicht als krank, weil ihm ein Rest an kontrollierter Steuerung genügt. Es gelingt ihm, bei sich selbst verschiedene Gefühle und auch eine wechselnde Tagesform zu akzeptieren, der Welt einen Spiegel entgegenzuhalten.

# Das ist die Kunst

Was ist ein Charakter? Bevor mein Vater sich selbstständig machte, war er oft unzufrieden. Als meine Mutter bereits todkrank war und ihr nur noch wenige Monate Lebenszeit prognostiziert wurde, sprachen wir oft darüber, wie es früher gewesen war. Sie erzählte, wie sie einmal sah, dass Erich (meine Eltern nannte ich beim Vornamen) sein Fahrrad hoch in die Luft hob, es mehrmals voller Wut immer wieder gegen die weißgekalkte Wand vom (alten) Haus geworfen hatte, weil er sich bei Kühl (eine Schlosserei) über Omi geärgert hatte. Omi war seinerzeit Abteilungsleiter, ein Vorgesetzter meines Vaters und doch schon ein vertrauter Freund unserer Familie. „Omi“ – noch so ein Ausdruck, ein vertrauter Spitzname, den ich mit niemanden mehr teilen kann, fürchte ich. Meine Geschichte!

Ich kann mich gut erinnern, weil „Maggi“ das immer wieder erzählt hat, eine Freundin meiner Eltern, und wenigstens die lebt noch: Wie ich eine Bastelarbeit aus Legosteinen im größtmöglichen Zorn gegen die glänzend weiß lackierten Doppeltüren zwischen Kinder- und Wohnzimmer schleuderte, als ich noch ganz klein war. Hott’l und Maggi waren zu Besuch gewesen und sind kinderlos geblieben. Vielleicht deshalb hat „Tante“ Maggi alles fasziniert beobachtet: so „gritzig“ wäre ich gewesen!

Es war so: Ein Riesenrad, wie auf dem Jahrmarkt, das ich gebaut hatte, war beinahe fertig. Es war die Lego-Zeit die wir kannten, bevor Bausätze verkauft wurden. Wir hatten eine große Kiste von dem Zeug wie alle und bauten frei nach Schnauze drauflos. Das Riesenrad hatte kleine Gondeln, im Durchmesser war die Konstruktion etwa wie eine 78er-Schellackplatte. Damit es sich wie ferngesteuert drehen sollte, hatte ich die Idee, den Drehpunkt oben in der Mitte vom Rund per Gummiband mit einem kleinen Rad unten am Fuß vom Standturm zu verbinden. Das sollte eine Art Treibriemen sein. Ich wünschte mir unten eine kleine Kurbel zu montieren, die zu drehen, und damit das große Rad oben in Fahrt zu versetzen. Ich war noch ganz klein, und das ist möglicherweise ein zu großartiges Bauvorhaben gewesen. Ich kann mich detailliert erinnern. Mehrfach war alles unter dem zu kräftigen kleinen, roten Haushaltsgummi zusammengekracht. Da es zu kurz war, übte es zu viel Zug aus. Mit einer Engelsgeduld habe ich alles zwei- oder dreimal neu aufgebaut, denn es steckte bereits sehr viel Zeit drin und Kreativität in der bisherigen Arbeit, den runden Träger der Gondeln und diese kleinen Kabinen daran korrekt anzubringen.

Muss ich noch weitererzählen?

🙁