Viele Namen in dieser Geschichte und einige Umwege, das bekannte Thema neu zu skizzieren. Wie allgemein sollte, wie persönlich darf ein Kreativer werden? Übergriffig ist der Mensch als banaler Nachbar um die Ecke oder als ganzer Staat, der den Krieg beginnt. In dieser Konsequenz verstehe ich unsere Welt und glaube nicht an dauerhaften Frieden. Gewalt ist eine Realität des menschlichen Daseins. „Die Sanktionen kämen einer Kriegserklärung gleich“, befindet Wladimir Putin heute. „Du hast angefangen“, mag man im Westen kontern. Der Russe verweist rückwärtsgewandt auf die Epoche, wo Ukraine und Russland eins gewesen wären. Wer Recht hat, was macht das schon in einem taktischen Spiel der Egomanen? Die Grenzen zwischen bösartigem Machtstreben und krankhaft motiviertem Terror verwischen. Das zeigt einmal mehr, dass es nicht auf Definitionen ankommt oder wer Schuld habe, sondern nötig ist, individuelle Lösungen für mehr Frieden zu finden.

Wir sind ja die Guten, und die Russen faken die Wahrheit? Leugne das nicht! Wir lassen uns einiges einfallen, deutlich zu machen wie sauber wir reden. Aber je besser wir werden, um so schmutziger kommt scheinbar die Antwort. Vermeidung jeglicher Inkorrektheit wird konterkariert von einer Schwemme des Bösen aus der Feder der Hater. Flüchtlinge sind neuerdings nur Männer, und wir verletzen uns an diesem Wort? Das Schenefelder Tageblatt schreibt ausschließlich von Geflüchteten, die wir zu erwarten hätten. Mit Samthandschuhen verfasste Textstellen verstören nicht weniger als die Fake News der Bösen. Sprache ändert sich: Bis vor kurzem waren Soldaten, Feuerwehrleute und Studenten wie Flüchtlinge, nicht zuletzt Verbraucher und normale Bürger normal.

George Orwell sagte uns in seinem Roman „1984“ eine neue Sprache voraus. Das könnte wahr geworden sein? Journalisten eifern und überschlagen sich geradezu, so korrekt wie möglich zu schreiben: „Einige die Flammen Studierende schauten Feuerlöschenden zu, während tatkräftige, das Wasser Verbrauchende sich noch um die vor dem Brand Geflüchteten und die von Rauchenden entzündeten, rauchenden Trümmer kümmerten.“ Ein Krieg der Worte macht den Anfang und anschließend beginnt der „Krieg der Welten“ – das könnte sein. Danach werden Schweigende uns den ewigen Frieden geben.

# Klappe!

Es scheint, wer aktuell in Russland das Falsche berichtet, bekomme nach Putins neuem Gesetz bis zu fünfzehn Jahre Haft? Schlimm. Aber wer sich bei uns nicht die Finger auf der Tastatur bricht, ist Genderleugner. Dazu passt ein aktueller Bericht im Internet. Man habe mit vier Menschen in Moskau gesprochen. Drei von denen heißen in etwa Michail, Irina oder Natascha mit Sternchen*. Dazu schreibt die Seite, zum Schutz ihrer Persönlichkeit wären die Namen geändert worden. Das sind diejenigen, die sich besorgt über den Krieg in der Ukraine äußern. Die heimlich über Telegram informiert sind, was dort wirklich passiert, Krieg. Sie geben an, die Staatsmedien täuschten ihre Landsleute. Dann kommt ein Igor, Juri, Leonid oder so ohne Sternchen (es muss immer russisch klingen) als glühender Verehrer Putins, rechtfertigt den Angriff. Das kann man gepflegt in Hamburg am Schreibtisch verfassen, ohne ein einziges Mal Russland besucht zu haben.

In der Ostukraine war bereits jahrelang Krieg vor der aktuellen Eskalation. Ein Problem vieler Brandherde weltweit deutet sich an. Im Gazastreifen besteht jeden Tag die Gefahr einer Attacke. Und in den ersten Tagen des Angriffs auf die Ukraine sagte Donald Trump tatsächlich bewundernd: „Das sollten wir mit denen im Süden genauso machen“ – unglaublich? Nicht für den vorherigen Präsidenten der Vereinigten Staaten. Die wahrscheinlichste, zukünftige Entwicklung in der Ukraine ist mit der andauernden Gewalt etwa in Palästina vorgezeichnet. Und mehr noch, auch zwischen „denen im Süden“ und der USA könnten ständige Kämpfe wie dann rund um Europa zum Alltag werden?

Flüchtlingsbewegungen und Grenzschutz auf Kosten der Menschen in diesen Regionen sind unsere Zukunft. Echte Gefahren, welche die vertraute Existenz und das Überleben selbst gefährden könnten, kippen die Vorstellung, wir hätten noch eine Komfortzone als Puffer, bis es wirklich schlimm kommt. Das Geschäft zu machen, wird über alle Moral siegen. Die gewinnbringenden, gegenseitigen Transaktionen mit Gas, dem Öl und Weizen aus Russland müssen und werden weitergehen.

# Schröder

Die Politik „der ruhigen Hand“ war sein Slogan. Das wird passieren, Gerd Schröder sitzt diese Zeit der Eskalation einfach aus. Der Altkanzler wartet, geliebt von seiner schönen Frau und bei einem guten Glas Rotwein, bis ihm die Sanktionen zu unterlaufen gelingt.

Nicht einmal diese Zukunft ist eine grundsätzlich böse und die Aggressoren wären Schuldige. So denken nur welche, die mit moralisierten Ansichten die eigene Person aufwerten möchten. Unsere Telefone und Waschmaschinen gehen früher kaputt, davon lebt die Wirtschaft. Wir alle profitieren vom Wachstum. Das Geschäft mit der Angst ist auch eines, wie die Notwendigkeit, Kriegsgerät im Einsatz zu verbrauchen, damit neues fabriziert werden kann. Wahlwirksame Begriffe verblassen dagegen: „Klimaziele“, ist zunächst nur ein Wort wie „Pandemie“. Jedenfalls immer dann, wenn es andere betrifft. Jetzt zeigt sich, wie schnell neue Realitäten kommen. Auch mein kleines Leben bedeutet gezwungenermaßen einen Kampf gegen andere führen zu müssen, mindestens aber stopp zu sagen. Mit „allen in Frieden leben“, ist nichts weiter als billige Propaganda von Menschen, die andernfalls nichts zu melden hätten. Sie kämpfen genauso um Anerkennung: Sonst bleibt dir keine Identität.

Ich glaube an das Geschick der gelungenen Abgrenzung. Wie im Judo, wo der kluge Verteidiger den Angriff ins Leere laufen lässt. Putin, der Sportsmann, ein guter Kämpfer eigentlich, wurde vom Verband ausgeschlossen. Das ist nur folgerichtig. Kämpfe sind normal. Es kommt darauf an, wie sie geführt werden. Auch der Barmherzige hatte fortwährend Streit und wurde schließlich als Aufrührer festgesetzt und gekreuzigt. Warum ist das eine Religion? Das Geschick besteht darin, dem eigenen Tod durch Ausweichen lang genug von der Klinge zu springen, das Ableben durch Flucht zu vermeiden, Angreifer stolpern zu lassen oder frech genug den Tod wie der Sohn Gottes einfach zu überleben.

Der Ukraine-Konflikt kann nicht verdrängt werden. Jeder ist angespannt. Wir rücken auf den Kern der vertrauten Familie zusammen, diskutieren (während wir gute Sachen essen), was es heißt, Flüchtling zu sein. Unser Haus ist überschaubar, Darlehen sind beinahe bezahlt. Könnten wir fremde Menschen aufnehmen, sollten wir? Kein Gedanke daran im Moment, zugegeben. Wir blenden aus, was geht, noch. Kein Krieg und kein Corona westlich von Hamburg! Uns, mir geht’s prima. Das war nicht immer so. Ich habe oft Hilfe angenommen und bin dankbar dafür, sie bekommen zu haben. Heute denke ich streitlustig über manches, und das versteht nicht jeder. Einige Erinnerungen und Beispiele mögen das Individuelle einer besonderen Perspektive verdeutlichen. Kreative schauen anders auf diese Welt. Sozialer Druck macht etwas mit uns. Das ist ein kleiner Krieg vor der eigenen Haustür. Er geht so unauffällig vonstatten. Es tut mir weh und anderen, die dafür sensibel sind.

Den Anfang macht Schenefeld heute. Hier läuft ein Stefan rum, ein Obdachloser. Das weiß ich von Sibylle, den Namen, meine ich. Bekanntschaften, man begegnet einander, redet. Früher hätte der noch Sport gemacht, erzählte sie. Der Verwahrloste redet mit sich selbst. Ein vernünftiges Gespräch scheint ausgeschlossen. Er ist Teil meiner Umgebung wie Bäume am Straßenrand, Hundeködel und die Bürgermeisterin. Mit der wiederum rede ich nicht und habe meinen guten Grund. Ich kann durchaus kommunizieren. Unser Dorf wird mir allmählich vertrauter. Ich bin zugezogen, komme aus Wedel an der Elbe.

# Hier geht es um echte Menschen

Was bedeutet das: Russland, ist dieses Land etwa Putin, sein Reich, Krieg, warum nur? Die* (die ich mal kannte) aus St. Petersburg: „Mutig gegen Extremismus“, bekam einen Preis für ihren Text. Dinge beim Namen nennen, forderte ich, es fehle in der liebevoll verbändselten Buntstiftgeschichte eigentlich das Persönliche. Dabei ist so toll, was sie gemacht hat. Ihr Ansatz wäre, ein prominentes Thema und deswegen geeignet, Aufmerksamkeit zu bekommen, nur allgemein zu skizzieren, merkte ich an. Ein Unterfangen wie ein gutes Drehbuch, das es geben müsste, aber ohne die individuelle Wahrheit vom speziellen Drama dahinter. Berufen zum Guten unterwegs, sich irgendeine Familie auszudenken mit einem schwarzen Schaf; mein Bruder, der Nazi. Und den gibt es dann gar nicht. Ein fiktiver Bruder reiche nicht für eine wichtige Botschaft. Habe ich gesagt. Das überzeuge nur Lehrer; Kunst müsse aus echtem Fleisch und Blut sein – und dann ist uns alles entglitten, wie jeder hier weiß. Es tut weiter weh. Wer ist an der Wirklichkeit gescheitert? Das bin in erster Linie ich selbst.

Die Person, dem Menschen zu begegnen, mit dem sich alles ändert, bedeutet in der Realität anzukommen, mit dem eigenen Ego zu kollidieren. Mir ist das passiert, Gott sei Dank. Wir suchen danach. Die eigenen Probleme zeigen sich in der Beziehung zum Gegenüber. Auch wenn wir scheitern: „Unterschätze nie deine Möglichkeiten“, schrieb meine Kunstfreundin auf englisch unter eine fotografierte Wolke. So etwas wird gern geliked. Aber das ist mehr als eine Phrase, sie kann töten. Beim richtigen Namen nennen: Persönlichkeitsrechte sind was für Juristen. Böswillig verletzen ist das eine, die Wahrheit zu suchen und reflektieren ist eine Not der Kunst.

Beim Segeln kennen sich alle, und jahrelang waren viele von uns im Januar auch im Wald unterwegs, boßeln. Ich weiß noch, das Gespräch kommt drauf, und Klaus fragt mich: „Wie hieß noch mal der andere?“ „Morten“, antworte ich ganz unbedarft, aber es gibt mir einen Stich. Der andere ist Morton, und ich bin eben der von zweien, der nicht der andere ist.

# Verrückte

Dann wäre noch an Björn zu erinnern. Das erledige ich (an diesem Tag im Wald) gleich mit. Stille Post? Klaus will es wissen und Daniel auch, beim Boßeln damals. Björn (der verstorben ist) hat noch einen Bruder, der ebenfalls segelt, eine Schwester. Man redet nicht über früher. Ich muss dieses Pferd einer Geschichte von hinten aufzäumen: Das Boot (von Heuer noch geplankt gebaut) ist in der Familie verblieben. Björn also tauchte spontan auf, mit dieser Jolle, er wäre Mechaniker, meinte er, repariere Autos. Das war Ende 1986, zu der Zeit, als ich meine Jolle von Dieter kaufte.

Viele Namen, das habe ich ja schon gesagt. Keine Sternchen, es sind richtige Sterne an meinem Himmel, die ich mit einem Raumschiff der Fantasie besuchen kann. Anders könnte diese Geschichte authentisch kaum erzählt werden als gerade so. Dieter, noch so einer? Das ist kein Umweg, ich schweife nicht ab, keineswegs. Das gehört alles dazu. Was hier notiert ist meint nicht alle Segler wären verrückt. Menschen sind so, auch wenn sie kein Boot haben. Wir könnten nicht besser leben als mit unseren Fehlern. Dieter also hatte gerade ein Loch in seinen Wohnzimmerfußboden gebuddelt, nachdem er den Zement durchbrochen hatte. Ein Haufen gelber Sand lag auf dem Teppich, als wir redeten. Der Grund blieb mir unklar.

# Reise zum Mittelpunkt der Erde

Egal, wir verhandelten, und es war ganz einfach. Ich interessierte mich für das Boot und traf auf offene Ohren. „Hatten wir ja gesagt, dass du die Jolle zurückkaufst, wenn du in dem Alter bist“, meinte er. Das bezog sich auf den denkwürdigen Tag der Übergabe sechzehn Jahre zuvor. Ich erinnere die Tausendmarkscheine und unseren Wohnzimmertisch im alten Haus.

Ich war nun groß. Dieter hatte sich verändert. Es hieß, er wäre gelegentlich nackt am Strand herumgelaufen, habe ja seine Arbeit verloren, sei bescheuert geworden. Ich bekam das Boot etwa zu dem Preis, den meine Eltern forderten, als wir verkauften und den Jollenkreuzer bekamen. Kaum mehr als dreitausend Mark, die Summe, die mein Vater 1955 Feltz für den Neubau von seinem Lohn bei Wischebrink abstotterte. Zu wenig? Ich bot wohl viertausend; ganz genau weiß ich’s nicht mehr, müsste im Vertrag nachsehen. Die ungepflegte Jolle, die im Juni ausgetrocknet an Land gelegen hatte, wurde anschließend bei Knief saniert. Das kostete noch einmal so viel. Eine Versicherung war nicht bereit gewesen, das Boot aufzunehmen, nachdem der Gutachter Kielplanken und Schwertkasten inspiziert hatte.

Dieter fing sich, begann wieder zu arbeiten. Sein Bruder begegnet mir reserviert. Der war nämlich Mitbesitzer, vermute ich inzwischen. Gesprochen wurde nie darüber. Dieter hatte ihn möglicherweise nicht gefragt, die ,Millionen‘ für den „Peter Panter“ allein eingesackt? Bei mir wurde über den Umweg „Antares“ schließlich der „Globetrotter“ daraus, wie man diese Jolle kennt.

# Dieser Text?

Namen wie verpixelte Gesichter in den Nachrichten: Die Wahrheit ist tatsächlich dahinter. Es wurden keine Schauspieler engagiert. Nicht wenige Menschen, die es wirklich gibt, sind oder werden psychisch krank. Das sollte nicht verdrängt werden. Wir wollen es nicht, das geschieht, ist menschlich. Manche tun bloß so erwachsen. In Schenefeld gibt es ja junge Leute wie früher in Wedel oder Osdorf, wo meine Freunde Piet, Niels, Tascha und Kocki aufgewachsen sind. „Was ist denn aus den ,Tollen‘ geworden?“ fragte Piet mal und zählte auf, wer in der Schule gut und beliebt gewesen war. Absturz unerwartet? Einiges ändert sich, wenn die Schule aus ist, und das sei jungen Menschen angeraten, aufmerksam zu bemerken.

Ich glaube nicht, dass psychisch Kranke zwingend in die Obdachlosigkeit rutschen. Es ist aber bekannt, dass manche latent psychotisch oder manisch werden, und diese haben es schwer. Selbst der Psychiater äußerte sich abfällig über meinen Freund (den anderen) mir gegenüber. Im Nachhinein fies, finde ich. „Bei Ihnen ist es nicht so, Herr Bassiner“, meinte der Arzt. Der unterhielt sich eben gern über Kunst. Der Psychiater malte auch ein wenig und spielte im Orchester die Geige hobbymäßig. Während der Therapie, die ein lockeres Plaudern bedeutete, riefen immer wieder Patienten in der Praxis an, und man stellte die Gespräche durch. „Gehen Sie mal um den Block, Frau Soundso“, meinte mein Doktor, „das beruhigt“ und probierte, diese Patienten aus unserer Sitzung herauszuhalten. Das heißt Therapie? Es hat mich nicht gesund gemacht, und vielleicht bin ich noch immer krank? Weiß ich ja nicht. Ich gehe nie zum Arzt, vertraue auch anderen Spezialisten nicht, nachdem mir einer unter dem Vorwand „Darmkrebs“ einige Zentimeter rausschneiden wollte. Das ist nur ein Geschäft – und mit denen, die irgendwann mal in der Klappse waren, könne man’s machen, denken nicht wenige?

# Mir geht’s gut, und Björn ist tot

Das waren einige wenige Jahre, ich bin noch Student gewesen, die ich diesen Freund hatte. Ich fing im Sommer 1985 an der Armgartstraße an, schloss ’91 mit Diplom ab. Björn segelte mit uns, mit seinem Boot und auch als Vorschoter bei mir, wir machten viel zusammen. Einmal war reichlich Wind, als wir beide vor Brokdorf beschlossen, dass wir den Spinnaker wohl tragen könnten. Wir donnerten damit die ganze Elbe rauf bis zum Yachthafen in Wedel. „Jonni, der Schwerwettersegler“, anerkannte Piet das. Mich bestärkte Björn darin, es zu können. Ich sah auf den Mast, und der bog sich nach vorn in jeder Bö. Die Jolle begann ständig zu rutschen. Wir kamen aus dem Gleiten kaum einmal raus. Fontänen standen seitlich, und ich hatte noch nicht gelernt, etwas mehr Schwert zu geben. Das Boot geriet dauernd ins Geigen. Mich überzeugte der ruhige Björn. Wir glichen also entspannt aus und sausten wie eine Rakete heimwärts. Mein Mitsegler schien an diesem Tag keinerlei Angst zu kennen. Er sagte auf der ganzen Heimreise vielleicht zwei, drei Sätze. Die drückten nur aus, wie selbstbewusst und gelassen er wäre. Ich habe das geglaubt. Björn wird es an diesem Tag genauso empfunden haben, wie er sich gab. Er war ja ein wenig älter, ein Mann eben – und ich nur Student.

Einmal rundeten wir an einem schönen Tag Hanskalb. Diesmal ist es ganz flau gewesen. Als wir vor Blankenese um den Sand abbogen, knatterte ein großer Militärhubschrauber über uns südöstlich durch. Das sei sein Vater, der „überwache uns und wäre beim BND“, meinte Björn so überzeugend, dass ich mir nicht viel dabei gedacht habe.

Dieser Vater war in einigen Vereinen, glaube ich, auch beim DSV mischte er gewichtig mit. Man muss ihn sich als Respekt heischend denken, jedenfalls ein dünner Hänfling und Malschüler an einer Kunstschule wie ich empfand das so. Die Mutter erinnere ich lieb, und bei Morten ist diese Konstellation genauso, das nur nebenbei.

Eltern spielen eine Rolle, wenn die Kinder seltsam werden. Heino, der Sänger, hatte eine Tochter, die sich umbrachte, heißt es. Bei dem Fußballreporter Waldemar Hartmann wäre ein Sohn krank, las ich einmal, und das hat mir immer geholfen: Ich möchte nicht das Kind von einem dieser Prominenten sein, das spürte ich. Sie erinnern mich zu sehr an die Väter von Morten oder Björn. Natürlich gibt sich der bekannte Schlagersänger anders als der prominente Sportreporter. Worin habe ich die Gemeinsamkeit von vier Männern gesehen, die ich mehr oder weniger beobachten konnte und die Kinder dazu?

Schwer zu sagen, jeder mache sich selbst ein Bild von „starken“ Vätern mit psychisch kranken Kindern. Mein Erich ist ganz anders zu erinnern, aber meine Mutter manipulierte. Vielleicht lebe ich deswegen noch? Greta glaubte, Björn habe einen „Bornavirus“ gehabt, das käme von Pferden und mich damit angesteckt. Da ist sie die Einzige gewesen, die das meinte. Sie las ein Buch und sagte, es wäre von einem, der hieße Gottesmann, ein Fachmann für psychische Krankheiten. Das war der Beitrag meiner Mutter, und sie kümmerte sich, wenn es mir schlecht ging. Mein Vater hat sich nicht ein einziges Mal überwinden können, meine Probleme, die scheinbar mein gesamtes Leben und jegliche Zukunftsplanung zerschossen hatten, ernsthaft zu besprechen. Ich habe die Alten gepflegt, ihr Sterben begleitet, ja buchstäblich organisiert. Ich lernte, unser Geld zu verwalten, Miete nach Köln zu verfüttern, Verträge auf den Weg bringen. Der Blöde bin ich gewesen, gutgläubig eben. Meine Schwester meint, ich hätte meine Eltern gehasst. Das sagte sie mal. Tatsächlich verachte ich sie und unsere, mir verbliebene Familie in der Idemöllerstraße, Blankenese, Oberursel und Köln, aber meine Eltern? Man hat ja nur diese und sucht sich’s nicht aus. Ich rede kein Wort mit ihnen, denen es nur ums Geld und perverse Eitelkeiten ging. Ihre Leben dürften gesünder verlaufen in mindestens einer Armeslänge Abstand von mir. Es gibt keinen Kontakt, und das bleibt so; unbelehrbar stolz bin ich auf alles, was ich gelernt habe wegzuhauen aus meinem Leben.

# Sweet Charity Hope Valentine

„Daddy started out in San Francisco, tootin’ on his trumpet loud and mean“, aber es ist das Rauchen gemeint: Einmal waren Imke und ich mit Björn zum Jazz. Das war zu der Zeit, wo „Musical-Projekt“ an Fahrt gewann. Wir suchten eine Band. Die Merrytale spielte arrangiert nach Noten mit zwei Trompeten. Nicht das gewöhnliche Getute der Amateure. Vielleicht ließen sich hier Musiker für „Sweet Charity“ finden, das wir bereits im Amerika-Haus mit Coach Eric Emmanuele probten? Wir sind in der „Fabrik“ und mancher Location unterwegs gewesen. Trompeter Jochen war scharf auf meine Freundin? „Kommt doch mal in den Cotton Club“, schlug er vor. So bekamen wir mit, wie der renovierte Keller fertig wurde, der Container auf dem Großneumarkt ausgedient hatte. Was macht die Amerikanerin?“, fragte er später regelmäßig, wenn ich allein kam. Er hat sie auch bei Eric im Shop besucht, aber es wurde nichts draus, glaube ich. Jochen ist älter gewesen, deutlich, und Imke ging mit Rick nach Kalifornien, heiratete aber Ingo, ließ sich scheiden von ihm und ist wirklich Amerikanerin heute.

Mit Jochen, Björn und Imke erinnere ich, wie wir im Cotton-Club sind. In den Pausen und auch noch zum Schluss weit nach Mitternacht. Wir saßen am Ende der langen Holztheke, die den Gang an der Wand gegen den unteren Bereich mit den Tischen begrenzt, dem Platz für die Band. Jochen stand die Stufe tief, und die Ecke besetzten wir drei mit ganz unterschiedlichen Ambitionen, glaube ich. Björn war gar nicht ernst zu nehmen. Der fingerte wie ein Kind an Jochens Trompete rum, ein Spielzeug? Der Musiker ließ ihn gewähren und hatte nur Augen für Imke. Ich dachte, wir hätten hier das Ziel, eine Kapelle für die Aufführung zu finden? Als Björn probierte, in das Instrument zu blasen, nahm der Trompeter unspektakulär, ohne ihn ernst zu nehmen, das Mundstück ab und steckte es in die Tasche. Zum Schluss waren alle Absichten klar: Jochen kam bei Imke nicht voran, wir fanden in den alten Männern kein Orchester für unser Projekt, und Björn würde nicht was tuten dürfen, nie.

Wir fuhren gemeinsam zu dritt mit meinem roten Passat nach Hause. Björn redete die ganze Zeit dummes Zeug. Imke und er kannten sich gar nicht. Das war gekommen, wie sich Menschen eben aus verschiedenen Bekanntschaften für nur einen Abend verabreden. Nächtliche Heimreise über die Elbchaussee, oben am Fluss entlang. Unterwegs in meinem ersten Auto. Wir sausten mit Blick auf das von den Scheinwerfern der Industrie am Hafen glänzende Wasser, schließlich durch Blankenese und weiter nach Westen bis Wedel. Ich fuhr und war deswegen nüchtern geblieben, hatte in der gesamten Zeit allenfalls ein einziges Bier getrunken. Wir sollten ihn in der Altstadt absetzen. Ich glaube heute, der Vater finanzierte die kleine Wohnung. Wir parkten am Roland, etwa vor dem Hotel von Imkes Opa. (Frauke möge mir diese Details verzeihen). Das ist so lang her. Nachdem es schon zu fortgeschrittener Zeit gewesen war, so drei Uhr morgens, probierten meine (beste) Freundin und ich, den Verwirrten (endlich) zum Aussteigen zu bewegen. Dies zog sich wohl beinahe eine Stunde hin. Der brabbelte die ganze Zeit, und heute würde ich sagen, vollpsychotisches Gerede ohne Sinn. Das kannten wir noch nicht. Liebevoll wie hartnäckig versuchten wir, seine Launen, neue Themen anzuschneiden, die noch gesagt werden müssten, dahingehend zu beeinflussen, endlich aus dem Auto zu klettern. Wir schafften das dann. Wir sahen ihm nach, als er ins Dunkle verschwand, womöglich in seine Bude schlafen ging. Das war uns nun sehr egal. Vollkommen irritiert und müde sind wir anschließend in die Bahnhofstraße gefahren. Wir wohnten bei unseren Eltern in unmittelbarer Nachbarschaft. Eine schöne Zeit!

🙂