Wo ist der Einzelne in der Menge, wie groß ist der beanspruchte Raum und Einflussbereich eines Menschen? Bedürfnisse und die Suche nach Befriedigung, unvermeidbare Verpflichtungen, dazwischen spielt sich unser Leben ab. Einige intellektuelle Begriffe wie Körper, Geist, Verstand und Gefühle bemüht der Mensch für einen Rahmen, sich selbst zu erklären. Der Organismus ist eine Einheit, ein komplexes System, begrenzt von der Haut. Mit ein wenig Abstand vom Körper können zusätzlich gedachte Grenzlinien beschrieben werden. Einige typische Elemente erweitern das Individuum. Da sind die Kleidung und etwa eine Brille oder Schmuck. Zubehör, das sowohl dem Schutz dient wie der Selbstdarstellung. Als nächstes können wir den Lebensraum und nahe Personen im Umfeld mit heranziehen, wenn wir die intellektuelle Größe einer Person definieren möchten.

Im Laufe ihres Lebens probieren die meisten ihre Kontrolle, den Einfluss und sogar die Macht über andere zu erweitern. Menschen gründen Familien. Sie machen Karriereschritte. Sie erkennen in der Gesellschaft eine Spielwiese individueller Gestaltung. Anderen fällt es hingegen schwer, sich einen festen Platz in der Umgebung auszugestalten, warum? Gründe dafür lassen sich im Verhalten derer finden, die kaum Gestaltungsspielraum haben, aber auch in der Umgebung, die ihnen quasi die Luft zum Atmen nimmt, wenn sie nicht geschmeidig und angepasst auftreten. Menschen, die polarisieren, müssen Druck ertragen können. Das bedeutet, querköpfig zu sein, funktioniert nur bei klarem Verstand. Die Umgebung ist eine harte Realität. Der dümmste Pfosten kann es schaffen, einen harten Hund zu geben, wenn er die Ordnungskräfte im Rücken weiß. Ein Verrückter kann ein ganzes Dorf auf Trab halten, wenn die anderen nicht begreifen, dass verrückt zu sein nur eine Definition ist. Die Grenzen der Macht? Im funktionierenden Rechtsstaat verhindern sie das Umfallen der Mitläufer zum extremen Rechtsverständnis, sind fehlende Dominosteine in einer langen Reihe.

# Jeder schiebt seinen Nächsten

Alles außerhalb der Haut drückt auf den Menschen, wirkt mit einer gewissen Stärke. Nicht abzuschalten ist die Schwerkraft, und wir lernen in der Schule, dass die Erde uns an sich zieht, wie Newton ein Apfel auf den Kopf fiel. Für den Apfel bedeutet die Landung auf der Wiese, dass es ihm einen Schlag tut. Aus der Sicht des Apfels kommt der Boden näher, bis es kracht. Unser Fußweg ist ein Gegner, den wir uns mit jedem Schritt vom Leib halten. Je nach Jahreszeit belastet uns die Kleidung, was wir anhaben. Eine dicke Winterjacke behindert mehr als ein leichtes Shirt. Die Luft um uns herum hat das Bestreben, in jeden Menschen hineinzudrücken. Wir geben ihr gern nach, erzeugen Unterdruck, schaffen eine Höhle – atmen ein und benötigen Muskelkraft, die verbrauchte Luft wieder auszuatmen. Eine flexible Grenze ist nötig. Der Apparat Mensch regelt den Eingang und Ausgang seiner Pforten. Wenn der Organismus unterversorgt ist, uns mit Hunger daran erinnert, werden wir Nahrung zuführen. Ist diese nutzbringend verarbeitet, scheiden wir nicht zu gebrauchende Reste aus und benötigen Kraft dafür. Wir sind bedrängt, gestützt und gehalten vom Drumherum.

Viren und Bakterien können in uns eindringen. Männer dringen in Frauen ein. Worte dringen in unser Ohr, jemand fordert: „Hauen Sie ab!“, und eventuell hauen wir dann ab. Die Umgebung ist gegen uns, mal mehr, mal weniger. Eine Segelyacht: Der Wind ist gegen das Boot gerichtet und kann genutzt werden. Aber auch bei achterlichem Wind benötigt das Schiff ein festverstagtes Rigg und der Windstärke angemessene Segel. Der Erdboden ist kein Feind, den wir treten, aber kranke oder sehr alte Menschen liegen sich wund im Bett. Die Umgebung auf Abstand zu halten, bedeutet gesundes Verhalten gelernt zu haben. Liebende schmiegen sich an. Geborgenheit und Zuverlässigkeit, sanfter Druck ist angenehm. Als soziale Wesen kämen wir uns verloren vor, wenn nicht mal jemand sagte: „Komm gern näher.“

Um den Menschen zu beschreiben und wissenschaftlich einzuordnen, ist es unumgänglich die anderen und die Umgebung insgesamt miteinzubeziehen. Gemeinschaft ist der Halt gebende Rahmen, der persönliche Gegner oder Unterstützer des Einzelnen. Die Gesellschaft fordert und gibt Rechte. Der Mensch muss sich in einen sozialen Platz finden. Das ist je nach Umgebung und Individuum verschieden. Was ist eine gesunde Gesellschaft, ein gesunder Mensch? Natürlich erleben alle Phasen von Krankheit, eine Erkältung ist eine Erkrankung. Nach einigen Tagen ist sie vorüber. Das Wort „krank“ wird aber auch für „gestörtes“ Verhalten beschrieben. Die Umgebung stört? Insofern ist die Frage nach der gesunden Gemeinschaft zu stellen, die einzelne Mitglieder als krank aussortiert. Das macht die Gesellschaft, weil manche eine Gefahr für das System darstellen. Störer auszusortieren ist die typische Lösung, anschließend Resozialisierung. Eine gesamtgesellschaftliche Änderung anzustreben, damit weniger Menschen den Staat von innen angreifen, wäre die Alternative.

# Irrationalen Druck der Struktur auf einzelne zu minimieren, ist ein Prozess

Die Corona-Pandemie zeigt dem modernen Menschen die Wichtigkeit erfolgreicher Grenzziehung. Systeme sind zunächst der einzelne Mensch, dann die Bezugspersonen als Gruppierung, Familie, Kollegen. Größer sind Städte, Kreise und Bundesländer, schließlich der jeweilige Staat. Zielführende Abgrenzung muss nötige Versorgungswege frei lassen und die Ströme kontrollieren. Etwa wie gute Finanzpolitik meint, Geld gezielt zu investieren oder als Lebewesen nur die Nahrung zu sich zu nehmen, die eine ist. Der Mundschutz zu Corona Zeiten; wir können sprechen, aber die Aerosole werden aufgehalten. Kontrolle ist uns überlebenswichtig, wie die Bewusstheit wo wir sind, und was wir dort gerade auf welche Weise tun.

Zunächst sind in der Masse der gesamten Menschen alle gleich in ihrer grundsätzlichen Struktur: Kopf, Gliedmaßen, Muskulatur und Knochenbau, die Organe – das ist identisch, über die verschiedenen Formen des Menschen hinweg: Mann, Frau und Hautfarbe. Es sind keine Verbraucher, Autofahrer, Arbeitnehmer, und obwohl wir unterscheiden – Pädophile und Gefährder usw. – sondern Menschen. Die Verbraucher sind auch Produzenten von irgendwas. Die Autofahrer gehen auch zu Fuß. Die Arbeitnehmer haben Freizeit, und dann gehen sie einem Hobby nach. Die Gefährder, von denen seit einigen Jahren geredet wird, gefährden nicht nur die anderen Menschen, sie sind ein Teil der Gesellschaft und gehören deswegen dazu.

# Es sind Menschen

Wir können eine Liste machen mit Personen, die dem System Schaden zufügen oder das planen, aber wir können auch begreifen, dass die Gesamtheit der jeweils anderen auf den Einzelnen einwirkt. Dann könnten wir besser verstehen, was wirklich gefährlich ist und mit einem guten theoretischen Ansatz ist einer Gesellschaft mehr gedient, als primitiv dem Boulevard zu folgen. Die Spezialisierung hat zum Machtmonopol des Staates geführt. Auseinandersetzungen müssen den zivilen Gepflogenheiten entsprechen. Mit dem Begriff der kriminellen Energie wird versucht, denjenigen zu beschreiben, der angreift. Das Wort Notwehr erlaubt dem Angegriffenen über das Maß verbaler Abgrenzung straffrei zu bleiben bei Gewaltanwendung. Mit den Begriffen Opfer und Täter versucht man einen Rahmen zu schaffen, bewertet Streit rechtlich, kann entsprechend der Regeln strafen.

Der moderne Rechtsstaat ist das Ergebnis langjähriger Entwicklung. Der Unmut über falsche, zu kurze oder ungenügende Strafen, wie er gern aufkommt, zeigt wie nötig wir Gesetze, Anwälte und Richter haben. Wäre unsere Polizei nicht an die Regeln aller gebunden, hätten wir übergriffige Verhältnisse wie anderswo. Macht kann missbraucht werden. Wenn wir zivilisiert leben, unbewaffnet in die Stadt gehen, dem Schutz durch Ordnungshüter vertrauen, dürfen wir nicht blind gegen den dienstleistenden Staat herumspazieren und müssen das in der Kindheit lieb gewonnene Weltbild von Gut und Böse aufgeben. Wir müssen die Fähigkeit haben, uns verbal abzugrenzen. Wir müssen unseren Zorn beherrschen und Handgreiflichkeiten vermeiden, könnten wissen, dass es keine vollumfängliche Sicherheit gibt. Wir dürfen eigene Fehler akzeptieren. Wir sollten begreifen, dass wir einige provozieren, wenn wir individuellen Raum beanspruchen.

Der Feuerwehrmann, der den Brand selbst legt, die Krankenpflegerin die tötet und der Polizist, der illegal zum persönlichen Vorteil arbeitet sind gleichwohl Realität wie die „normalen“ Kriminellen, die etwa in Sportverein, Kirche oder Schule missbräuchlich Macht über Schutzbefohlene ausüben. Mit den digitalen Techniken für jedermann ist abfilmen, gruppenweises Mobben und zu hetzen Alltag. Wo viel möglich ist, wird auch viel gemacht, und eine unübersichtliche Situation entsteht, trotz aller Regeln des Datenschutzes. Imaginäre, mit Vorurteilen beladene Schubladen, die wir zügig zum Schrank unserer Weltschau tischlerten, helfen nicht gegen eine reale Gefahr. Ordnung beruhigt schon mal: Ein Vorurteil ist gut, aber nicht gut genug. Wir nehmen ein Werkzeug aus diesem Schrank, und wundern uns, wenn es nichts taugt.

Wer der lieben Ordnung halber andere als Sorte beschreibt, riskiert eine Entwicklung außer acht zu lassen, die diese Personen verändern wird. Wenn wir Menschen aufgrund einer Annahme einen falschen Stempel aufdrücken, können unsere Aktivitäten scheitern. Statt die Gefährlichkeit zu kontrollieren, schaffen wir eine andere, die uns kalt erwischt. Du beschließt, es augenscheinlich mit einem Tiger zu tun zu haben und wirst hinterrücks von einer Schlange gebissen, so ungefähr.

Attentate sind zum Problem geworden, aber es gab sie schon immer. Seit wir den Eindruck gehäufter Anschläge haben, probieren Verantwortliche, die ihnen anvertraute Gesellschaft zu sichern. Polizei und Staatsschützer sollen im Voraus der Anarchie einen Riegel vorschieben. Mit der Idee der Rasterfahndung probiert man Ordnung zu schaffen und stellt eine Struktur der Gefährdung auf. Die Fachleute erkennen den „Islamistischen Gefährder“, unterscheiden ihn vom „Politischen Terroristen“ und haben es mit „Einzeltätern“ zu tun? Skepsis ist angebracht. Wer eine Hypothese aufstellt, kann zu praktischen Handlungen übergehen und Ergebnisse präsentieren. Das ist der Grund, warum es gemacht wird. Die Theorie könnte fehlerhaft sein, die erzielten Beobachtungen falsch interpretiert werden, mit bei diesem Thema gefährlichen Erfahrungen der Betroffenen. Es werden unnötig Personen verdächtigt als auch gefährliche Situationen nicht im Voraus erkannt, wenn die Annahme jemand sei ein „Soundso“ falsch ist.

Obwohl gruppenweise Zuordnung von Menschen intellektuelle Begriffserklärung ist, nehmen die Bewerter an, es mit Äpfeln und Birnen zu tun zu haben, sind damit kaum besser als die Nationalsozialisten im Rassenwahn. Seitdem bekannt ist, wie einfach die Gesellschaft von einer einzelnen Person gefährdet werden kann, ein Auto genügt, man muss nicht einmal eine Waffe besitzen, kann dieses Verbrechen leicht nachgeahmt werden. Es ist die Bestrafung einer an den Wohlstand gewöhnten breiten Masse, die meint nichts dafür zu können, wenn sie angegriffen wird.

Vor längerer Zeit habe ich während eines Aufenthalts in Backnang einen Artikel in der Stuttgarter Zeitung gelesen. Eine ganze Seite reichte gerade aus, heftigen Streit unter Nachbarn darzustellen. Immer wieder war es in der Vergangenheit zu Auseinandersetzungen vor Gericht gekommen. Ein in der Gegend beheimatetes Ehepaar strengt immer neue Ermittlungen wegen Beleidigung an. Der Mann nebenan wehrt sich allerdings erfolgreich. Er habe gute Anwälte und Geld sowie hinreichende Ausdauer. Vielleicht hatte er das Grundstück geerbt und war dazugezogen, ich erinnere mich nicht. „Der Mann sei psychisch krank, bedrohe das Ehepaar, singe nächtelang im Regen auf einem Baum sitzend in seinem Garten und müsse eingewiesen werden“, so etwa die Vorwürfe.

Ein ähnlicher Fall hier im Norden: Eine Bekannte, die mit dem Amtsgericht zusammenarbeitet, erzählt von einer jungen Frau. Die terrorisiere ein Mietshaus mit einigen Parteien. Bepöbelungen, Beschmutzungen im Treppenhaus, sie beschädige abgestellte Fahrräder, den Kinderwagen einer Mutter, lasse laute Musik laufen, gelte den Mitbewohnern als krank. Man probiere, sie in die Klinik einzuweisen. Es sei schon gelungen, schließlich ist die Frau polizeibekannt. Ab dem Moment des richterlichen Beschlusses und ihrer Unterbringung in einer geschlossenen Station der Psychiatrie, „sei die Dame vollkommen normal“, verhalte sich mustergültig, sagt die Juristin. Die ihren Nachbarn so gefährlich erscheinende, psychopathische Mieterin, die alle ausnahmslos nervt, mutiert sofort zum allerbesten Teamplayer innerhalb der Mitpatienten! Sie räumt das Geschirr in die gemeinsam genutzte Spülmaschine. Sie ist pünktlich zu den Mahlzeiten, nimmt Therapieangebote wahr, erscheint zur angegebenen Zeit, um das ihr zugewiesene Medikament einzunehmen; und muss deswegen nach wenigen Tagen entlassen werden. Der Amtsrichter kann keinen Beschluss aufrechterhalten, wenn ein in der Psychiatrie befindlicher Mensch erkennbar normalgesund ist. Daheim im Mehrfamilienhaus beginnt der Terror auf der Stelle neu. Sie beleidigt die anderen usw. – gute Beispiele, erfolgreich der Masse zu trotzen? Die „Gesunden“ können mit wenig Streit zurechtkommen, Grenzgänger nicht. Da sind unendlich viele, die, wenn sie einmal die Bekanntschaft mit dem Psychiater gemacht haben, von diesem Zeitpunkt an ein Leben in einer Parallelwelt führen. Sie finden nicht zu (erfolgreich) trotzendem Zorn, haben kein Grundstück geerbt oder gute Anwälte, traurig.

Das ist meine Einzelmeinung? Ich kann mir leicht vorstellen, wie diese Nachbarn zusammenhaltend als Ehepaar gegen „den Verrückten“ mobil machen oder im mobbenden Verbund der Mieter: „Die muss weg!“ skandieren. Glücklicherweise ist ihnen nur ein Teilerfolg möglich. Der Versuch gütlicher Einigung, Vertrauen aufzubauen, scheitert an den bornierten Integrierten; das ist meine Meinung, und nur wenige werden diese Ansicht teilen. Auch im Fall schlimmster Gewalt vom Ehemann gegen die Frau, wie es vorkommt, und ein Näherungsverbot ausgesprochen wird, erleben wir immer wieder den extremen, auch tödlichen Ausgang dieser Dramen, wenn ein Streit um das Sorgerecht der Kinder eskaliert oder ein neuer Partner auftaucht. Es zeigt sich, dass die Gesellschaft machtlos ist, überall reibungsloses und geschmeidiges Miteinander zu garantieren; und das ist auch gut so.

Meine Einzelmeinung, ich weiß das.

Das Offene der demokratischen, freien Gesellschaft ist ihre Schwäche und Stärke zugleich. Die Schwächen des Föderalismus in der Pandemie: uneinheitliche Maßnahmen. Beschließt ein Bundesland den Lockdown, gehen die Einwohner der Grenzorte in das benachbarte Gebiet und kaufen dort ein. Auf dem Weihnachtsmarkt ist Glühweinverkauf erlaubt, trinken darf man das Getränk erst in einhundert Meter Entfernung vom Ausschank? Jemand sagt im Fernsehen: „Das verstehen wir nicht“ und „die Politik habe versagt“ – wie blöd muss man sein, angesichts der zunehmend dramatischen Bilder aus Krankenhäusern weltweit, um die eigene Verantwortung derart auszublenden? Wer alles geregelt haben möchte, ist in jeder Welt verloren.

🙂