Die Pappkameradin

Kunst können, heißt Deutungshoheit zu beanspruchen und gleichzeitig Raum für Interpretation zu lassen. Meine Sicht, meine Meinung und nicht der Partei folgen, das zielt auf wacklige Fassaden, Kulissen und Absichtserklärungen. Kreativität macht den Blick frei. Dafür ist unbedingt nötig, überhaupt erst einmal herauszufinden, wofür man eigentlich steht. Künstler riskieren eine isolierte Position und können diese ausgestalten mit der eigenen Sprache.

Unsere Politik hat sich dazu diametral entwickelt, lässt oft Ecken und Kanten vermissen. Unbequeme Ansätze polarisieren und müssen trotzdem alle mitnehmen, wenn daraus erfolgreiche Politik werden möchte. Man ist nicht frei und verpflichtet dazu, im Rahmen der jeweiligen Gruppe zu argumentieren. Profilierte Positionen werden torpediert. Während ein Künstler der einsame Rufer in der Wüste sein kann, ein Don Quijote, und trotzdem produktiv, muss die Politik mehr sein als nur ein Bild. Von der Verwaltung erwarten wir kollektives Gestalten unseres Lebensraumes. Die Partei ist dem gesamtgesellschaftlichen Ideal verpflichtet. Der Einzelne zählt wie die Biene als Teil der Wabe, die Ameise im Haufen. Diese Tiere bleiben böse und wehrhaft, leben aber nach der Methode, eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Man kann darauf hereinfallen; die moderne Welt wirkt zivilisiert, aber wehe, man wird als fremd erkannt. Dafür genügt ja schon ein Bild zu malen oder öffentlich laut nachzudenken. Fröhliches Lachen irritiert, macht manche neidisch, welche es von Beruf gelernt haben für das Wahlplakat (und dabei verkauft).

Ich lebe sehr gern in Deutschland, in Schenefeld, das nur vorweg. Hier kenne ich mich aus. Man lernt allmählich, wie die Leute sind und das hilft, sich zurechtzufinden. Ich bin in den Achtzigern in Wedel zur Schule gegangen, habe in Hamburg ein Fachabitur gemacht und an der Armgartstraße studiert. Mit Bestnote ging ich ab als Infografiker. Ich fing an mit Illustrationen in Kindersachbüchern und habe dann viele Jahre maritime Illustrationen gemacht für die „Yacht“ und zahlreiche Bücher beim Delius-Klasing-Verlag.

Gute Arbeit in einem tollen Land: Meine Eltern hatten das Geschehen im Zweiten Weltkrieg überlebt. Die zerbombten Häuser, ihre Schwierigkeiten an Lebensmittel und Kohlen zum Heizen zu gelangen in der schlechten Zeit, sind oft das Thema unserer Gespräche gewesen. Meine Großeltern trugen dazu bei, das Bild dieser Jahre plastisch werden zu lassen. Nach dem Krieg begann das Wirtschaftswunder. Anschließend der Katastrophe starteten die Deutschen richtig durch und wurden gute Demokraten nach dem amerikanischen Vorbild. Das war maßgeblich das Verdienst der neuen Politik, die darauf baute, wenn sie von den Alliierten nicht im Stich gelassen würde, ein besseres Land mitgestalten zu können. Für meine Eltern wurde das amerikanische Narrativ „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ wahr. Mein Vater hatte kaum Schulbildung und meine Mutter war nach abgebrochener gymnasialer Schule technische Zeichnerin geworden. Mein Vater fuhr ein Jahr lang zur See und begann dann aber eine Lehre zum Betriebsschlosser. Er wurde später Maschinenschlosser und fertigte Hubtische. Um den eigenen Laden im geerbten Haus einer sich entwickelnden Geschäftsstraße eröffnen zu können, sattelten meine Eltern um. Sie machten eine Lehre im Fischhandel. Meine Mutter als Verkäuferin, mein Vater wurde richtig Einzelhandelskaufmann. Unser Fisch- und Delikatessenladen ist eine prosperierende Geldmaschine gewesen. Wir bauten neu und groß, verdienten besser. Ganz klar, dass unser Denken vom freiheitlichen Wirtschaftssystem beflügelt war. Die bedrohlichen Jahre der Vergangenheit blieben in den Geschichten meiner Großeltern präsent. Wir realisierten den Unterschied.

# Ich habe eine Mutter gesucht?

Meine Lehrer an der Hamburger Schule und im Studium unterrichteten unverhohlen politisch. Sie standen links der Mitte und verbargen das nie. Ich leistete Wehrdienst, aber viele fanden einen Weg zu verweigern. Die Grünen kamen dazu in die politische Landschaft, und es war normal, gegen die Atomkraft zu demonstrieren. Meine Eltern dachten konservativ, sie waren nicht länger angestellt und betrachteten alles Soziale mit Argwohn. Zwischen diesen Polen der großen Parteien und der ständigen Präsenz vom liberalen Rest, der immer mitregierte (Genscher), begeisterte ich mich für die streitbare Demokratie. Ich konnte Helmut Kohl nicht mögen, fand Strauß unsympathisch (aber klug) und freute mich riesig über den Wahlsieg von Gerhard Schröder. Das geschah, während wir nach dem Alsterpokal zusammensaßen, wurde per Beamer im Segelclub gezeigt. Ich blieb so lange politisch interessiert, bis ich dem eigentlichen Problem meines Lebens auf den Grund gegangen war. Menschen richten sich nach der Welt aus oder verorten ihr Selbst im eigenen Leib, das Zweite ist gesünder.

Ich bin nach dem Studium wiederholt psychisch krank geworden und richtig schlimm. Das musste ich in den Griff kriegen! Es wurde zu einer Lebensaufgabe. Vielen Ärzten, zu denen man gehen muss in so einem Fall, genügt scheinbar, eine gewisse Besserung anzustreben. Man kommt wieder klar. Das sollte alles gewesen sein? Mich haben die Befindlichkeiten meines Lebens nicht in Ruhe gelassen. Ich fing an zu malen und stellte leicht aus, fand, dass ich einiges schaffen konnte. Unbewusst forschte ich beim Malen nach meinen Schwierigkeiten. Der digitale Sexismus war noch neu, als ich mich darin verstieg, mit der Polizei diskutieren zu wollen für ein besseres Internet. Ich schrieb im Suff einen Brief über das Wichsen am Rechner, dass ich nach einer Viertelstunde surfen alles sehen möchte, was leicht auf Google käme. Das wäre nicht richtig und der Staat müsse mitarbeiten und etwa ein Stoppschild posten bei Kinderpornografie. Das fordere die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen auch und in Skandinavien wäre es üblich, schrieb ich, so hätte ich’s im Fernsehen gesehen.

# Die Polizei diskutiert nicht

Gegen mich gab es ein Ermittlungsverfahren. Ich wurde vorgeladen. Die Kommissarin meinte begrüßend: „Sie sehen gar nicht aus wie …“, hatte sie einen Spinner erwartet? Nach unserem Gespräch, das sie eröffnete: „Wir schauen uns solche wie Sie mal an“, kam sie zum Schluss, bei mir „wäre nichts zu holen.“ Ich verstand, die Polizei will die Welt gar nicht retten. Diese Beamten sind kein Freund oder Helfer. Sie sind auf Beute aus. „Frau von der Leyen ist doof“, bekundete die Polizistin. „Wenn wir was löschen, stellt derjenige das Bild eine Minute später woanders neu ein. Die Polizei oder andere, die eine Kopie des wirren Geschreibsels gemacht hatten oder noch weitere Menschen, von denen ich das Motiv ihres Handelns nur ahnen kann oder eben alle zusammen – mal mehr, mal weniger aktiv – begannen mich zu observieren, meine Mails mitzulesen und möglicherweise hier im Haus mitzuhören, zu schauen, was ich so triebe. Ich kann das nicht beweisen. Das könnte nur eine paranoide Einbildung von mir sein, natürlich.

Dafür waren die Hinweise einiger „Freunde“ aber zu konkret.

Letztlich wurde dieser Spießrutenlauf zu meinem Besten entschieden. Das frechste Arschloch habe ich geschlagen und bin wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Das prägt mein Denken. Ich weiß heute, nachdem ich jahrelang mit den oberen Zehntausend hier im Dorf eng verbandelt gewesen bin, diese Leute besser einzuschätzen.

Kuriert hat mich das Begreifen, was Regierung im Sinne von „der Staat“ bedeutet. Bei aller Demokratie ist es als Apparat doch immer dasselbe. Wir haben diverse Kontrollmechanismen, wie wichtig das ist! Die Verwaltung des Systems ist eng vernetzt. Das Gesetz ist, was geschrieben steht. Die Realität ist, man kennt einander. Ich bemerke das in jeder Obrigkeit und möchte keinesfalls missverstanden werden als verschwurbelt, querdenkend oder so. Wer wählen will und an unsere Werte glaubt – bitte, soll das tun. Die Wahl bei uns, man darf sich enthalten. Die Gedanken sind frei. Ich vertraue mich niemanden mehr an. Da gibt es zwei unterschiedliche Typen, etwa wie der Fußball das Verteidigen und auf der anderen Seite den Sturm, also Angriff kennt, finden sich in der Gesellschaft diejenigen, welche Macht erlangen und die anderen, die ihre Arbeit machen. Ich möchte meiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen.

Politiker arbeiten nicht.

Sie wollen Einfluss gewinnen, das ist grundsätzlich anders, als das, was ich mache. Mit der Anerkennung von Politik schenkt man Menschen das Vertrauen, meint, sie stünden für unser System, für den Fortbestand vom Halt gebenden Drumherum. Das glaube ich heute nicht mehr. Meiner Auffassung nach ist es andersherum, Menschen im Land möchten Stabilität, üben Druck aus, die der Politik das jeweilige Argument gibt für eine Richtung. Ich habe Mobbing erlebt und die Unzuverlässigkeit von Idealen, Werten und Glaube erfahren. Mich hat das gestärkt und Selbstvertrauen an Stelle der alten Überzeugungen kreiert. Ich halte Stand, wo ich bin oder gehe dorthin, wo es mir besser erscheint. Die Umgebung mitgestalten, nie wieder. Da muss man eine Fahne tragen und uniform mitlaufen. Wer sich öffentlich ausbreitet, erscheint anderen nackt? Das wird zum Trugschluss für welche, die sich selbst nur bekleidet mit der ihnen typischen Maske betrachten. Ich vertraue meine Gefühle niemandem mehr an.

# Ich kann Fassade

Meine Selbstdarstellung ist ein Bild von mir. Das ist viel mehr als eine Maske. Es ist ein wehrhaftes Schild. Ich gehe, wenn irgend möglich, nie zum Arzt. Ich verweigere der Polizei jegliche Mitarbeit. Ich verachte Kirche. Und natürlich wähle ich nie wieder eine Politik. Ich ziehe den Kreis um mich herum so eng wie möglich und bleibe allein in Gesellschaft. Man sieht mich an als nackt, blöd und krank? Ihr schaut durch eure Brille, sage ich, und das ist nur das allgemeine Fenster vom Mainstream, genau genommen der Blick in den Zerrspiegel.

Die lautesten Spötter schauen nur auf ihren eigenen Schwanz, merken das aber gar nicht.

Menschen legen Wert darauf, keine Zeit zu verlieren. Es gibt ihnen was, an den Supermarktkassen die schnellste zu wählen, eine Ampelphase noch mitzunehmen bei gelb und nebenbei Vorteile abzusahnen, wann immer es geht. Viele sind vom Zwang getrieben, solche kleinen Erfolge über andere (oder allgemein das Leben) zu erringen, besser zu sein in einem banalen Detail. Die Mehrheit wirkt dabei so primitiv, wenn man die Muße hat, dem Treiben ein wenig zuzuschauen, vom Rand einer Straße, oder wenn man irgendwo im Café sitzt und Mitmenschen beobachtet bei ihren alltäglichen Blödheiten. Mäuschen sein wollen, ist ganz normal. In der Regel haben wir ja keine Zeit und sind wie jedermann mittendrin. Dann merkt man nichts und jagt dem grüneren Gras nach wie alle.

Für die meisten sind Peinlichkeiten problematisch. Wer ein öffentliches Amt bekleidet, kann dieses wegen bekanntwerdender Fehltritte verlieren. Eine nachvollziehbare Angst, wenn auch Gewöhnliche fürchten, ihre Existenz hinge davon ab, stets makellos zu sein. Daraus ergibt sich als Folgerung, dass eine Mehrheit glaubt, Privates schützen zu müssen und eine gute Außendarstellung inszeniert. Durch soziale Medien kommuniziert der moderne Mensch qualitativ im Hochglanzmodus. Wehe, der Lack ist irgendwo ab und lässt Einblicke in Allzumenschliches zu! Das gebiert eine freche Rotte von Menschen, die etwa ihre Nachbarn anprangern, wenn sich das zu lohnen scheint. Heute verliert jeder, dem es nicht gelingt, seine Existenz mit guter Verpackung drumherum zu designen? Es geht auch anders. Mich befriedigt, Idioten den Spiegel vorzuhalten. Das klappt ganz gut, wenn wir uns dazu durchringen können, Lächerlichkeiten locker nach außen zu kehren, die man eigentlich lieber für sich behalten soll. Während Politiker ängstlich auf das perfekte Image bedacht sind und möglicherweise farblos dahinter verborgen leben, empfinde ich es als lohnend, Qualitäten geradezu mit Peinlichkeit zu kaschieren. Das schreckt oberflächliche Menschen ab. Politik ist Fassade und nichts dahinter. Die Kunst sollte dagegen unbequem sein, verstören und im Kern aber hart und belastbar, zuverlässig. So möchte ich leben.

🙂