Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit haben ihre eigene Wahrheit. Die Wahrheit der Vergangenheit ist Gegenstand von Ermittlungen und führt gegebenenfalls zum Gerichtsprozess. Dort wird die Wahrheitsfindung nach den Regeln der juristischen Kunst betrieben. Das Wort sagt es schon, man muss suchen und diskutieren für ein stimmiges Bild. Im Zweifel für den Angeklagten, ist die Leitlinie im ordentlichen Verfahren. Die Wahrheit der Gegenwart ist unmittelbar zu spüren. Druck und Gegendruck durch die Schwerkraft sind unsere Wahrheit, niemand schwebt herum, die Erde bindet uns an. Daraus resultiert einiges, wenn nicht alles an Aktivitäten. Niemand ignoriert die Schwerkraft, ist eine grundsätzliche Wahrheit, weil das die Basis unseres Lebens ist. Dazu kommen etliche, individuelle Motive unserer Bewegung, denn auf die Gegenwart folgt sofort das Erreichen einer speziellen Zukunft für den Einzelnen. So können wir durch unsere jetziges Geschehen auf die Zukunft Einfluss nehmen und im Nachhinein erinnern, wie es eben gewesen ist. Die Wahrheit einer Ereigniskette ist also eine Bewegung in der Schwerkraft durch die Zeit. Diese Betrachtung schließt unabdingbar mit ein, dass etwas im Raum ist, zum Beispiel ein Auto fährt, ein Mensch läuft wohin; ohne ein Ding macht Bewegung keinen Sinn. „Das Auto fuhr schnell in die Kurve und krachte gegen den Baum“, könnte eine Schilderung lauten.

Damit wäre dies eine (wahre) Geschichte des Unfalls, dem ich mit einem Satz zitiert ein Bild gebe. Jeder stellt sich was drunter vor. War das eine Linkskurve? Da beginnt bereits die Frage meiner Perspektive, die entscheidend sein kann, denn was ist links? Befinden wir uns nun am Steuer des Fahrzeuges, und das Geschehen läuft aktuell ab, lenken wir ein Fahrzeug durch die Wahrheit unserer Gegenwart, gestalten die unserer Zukunft, welche an diesem Baum ein Ende findet – oder eben nicht.

Was werde ich heute tun? Für manche stellt sich die Frage weniger, denn sie wissen, was zu tun ist. Menschen im Arbeitsverhältnis sind an viele Verpflichtungen gewöhnt. Sie gehen etwa ganz automatisch zur Bushaltestelle, nachdem sie ein alltägliches Frühstück hatten, um zur Arbeit zu fahren.

Als ich noch am Anfang meines Illustratorenlebens stand, gleich nach dem Studium, war in Wedel bereits der neue S-Bahnhof fertig geworden. Dort schauen Wohnungen direkt auf die Gleise mit dem Bahnsteig. Ich malte mir aus, ein Kinderbuch zu machen. Vermutlich würden mit den jeweiligen Morgenzügen alle zehn Minuten Tag für Tag die selben Leute fahren. Ich begann mit Skizzen, konnte nicht in diese Position gelangen, es genauso zu sehen und fand eine Stelle im Ärztehaus auf der anderen Seite. Dort schaut man vom Treppenhaus hin.

Vor kurzem wurde mir eine Wohnung zum Kauf als Geldanlage angeboten, diese nun wiederum im Ausfahrtsbereich gegenüber. Von der kleinen Terrasse aus schauten wir direkt zum Bahnsteig. Der Abstand zu den Wartenden ist gering, ein Zuruf dürfte gehört werden, und es besteht Blickkontakt bis hinein in das Wohnzimmer. Da erinnerte ich mich wieder an diese Geschichte, das Buch zu machen.

Mal davon abgesehen, dass daraus nie etwas geworden ist, bleibt doch diese Erkenntnis, dass ein Bild grundsätzlich ein Stück der Wahrheit sein kann. Besonders in einer realistischen Malerei versucht man ja, diese Illusion von Wirklichkeit hinzubekommen. Heute, am ersten April, wird gern mit der Wahrheit gescherzt. Aber es gibt auch bittere Wahrheiten, wie den Krieg in der Ukraine. Gestern kam in den Nachrichten, dass Gil Ofarim sich verantworten muss. Viele werden den Fall erinnern. Der Sänger hatte Hotelmitarbeiter beschuldigt und steht nun überraschend selbst vor Gericht wegen Verleumdung.

An diesem Morgen finde ich auf einem Portal auch die Schilderung einer Begegnung mit William Shatner aus der Sicht eines Schauspielkollegen. Darin schildert der, wie er als junger Mann am Set auf sein großes Vorbild getroffen ist. Bei diesem ersten Gespräch hätte der Berühmte herablassend und abwertend reagiert, erst später versöhnte man sich. Der junge Mann solle sich nicht grämen, tröstete seinerzeit eine Maskenbildnerin. Alle wüssten, Shatner sei „ein Idiot“. Später gewann die Beziehung an Freundlichkeit, schreibt der heute selbst bekannte Darsteller und schließt die Episode mit den Worten ab, eine wahre Geschichte, die gut sei, müsse erzählt werden.

# Wil Wheaton erinnert sich, Monate später habe er Shatner gefragt: „Sind wir cool, oder was? Ich dachte immer, du magst mich nicht, aber ich habe die Zeit mit dir bei ,Weakest Link‘ genossen. Also sind wir cool oder war das nur eine Spielstrategie?“ Shatner habe geantwortet: „Wir sind so cool, wir sind mehr als cool. Wir sind im Orbit, Mann.“ In den vergangenen Jahren habe er viel Zeit mit Shatner, den er „Bill“ nennt, verbracht. Er sei „jedes Mal freundlich“ gewesen, „nie gemein oder abweisend“. Sie seien „keine Freunde, aber freundlich zueinander“. Er habe sich dennoch dazu entschieden, die Geschichte zu veröffentlichen, da sie „eine gute Geschichte“ sei, die „unterhaltsam, wahr und lustig zu erzählen ist“. (Yahoo, April 2022).

Direkt aus dem Orbit und wahr.

Unten in Schenefeld passiert ja auch so einiges, denke ich – und hoffe, heute am Boden geblieben, weiter auf morgen.

🙂