Ein nicht verzeihlicher Fehler wurde bekannt, das geht gar nicht. Schlussmachen, sogar bevor eine Beziehung überhaupt erst beginnt? Auftritt abgesagt, die Veranstaltung findet ohne dich statt. Ausstellung gestrichen, Absender geblockt: „Du bist hier nicht erwünscht.“ Sich zu trennen, ist das Ziehen einer Grenze; normalerweise beenden wir eine Beziehung auf irgendeine Art, und das ist nicht grundsätzlich verkehrt. Wenn wir nicht länger mitgehen wollen, machen wir Schluss. Das ist unser gutes Recht. Spätestens, wenn wir dermaßen bedrängt werden, dass es unsere Gesundheit angreift, müssen wir gehen und einen Schlussstrich ziehen. Einen Vertrag kann man kündigen.

# Als Cancel Culture wird ein systematischer Boykott von Personen oder Organisationen bezeichnet, denen beleidigende oder diskriminierende Aussagen bzw. Handlungen vorgeworfen werden. Wegen der ihr unterstellten gravierenden Auswirkungen ist sie durchaus ambivalent und heftig umstritten. (Wikipedia).

Zunächst fanden wir dich toll, aber nun wissen wir, wie du wirklich bist – so etwa.

Wirklich? Schlussmachen; wenn die Begründung der anderen Seite gegenüber ausbleibt, die Kündigung nicht gemäß verabredeter Regeln erfolgt oder nicht nachvollziehbar für den Partner ist, wird ein Bruch der Beziehungen zuverlässig Unverständnis, Zorn oder rechtliche Schritte heraufbeschwören. Aggression ist die Regel, wenn Erwartungen enttäuscht werden. Je nebulöser das Ende, desto heftiger das Unverständnis. Es kann passieren, dass eine Absage dem Gekränkten zu kreativsten Verbalisierungen, Produktion ästhetischer Druckmittel anregt. Diese Lautmeldungen werden solidarische Mitstreiter auf den Plan rufen und eine neue, bessere Verbindung oder die Rücknahme einer Kündigung kann gelingen: Die neue Wirklichkeit ist größer.

Ein Bumerang ist Cancel Culture immer dann, wenn nicht nur der Geschasste den Bruch nicht nachvollziehen kann, sondern sich leicht andere finden, denen es genauso geht. Es kommt darauf an, ob die Umbebung Mobbing aus reiner Bosheit darin erkennt und die Schuld umgekehrt eher beim kündigenden Partner, Veranstalter sieht. Wenn etwa vorausschauende Feigheit offensichtlich der Grund gewesen ist: ein kantiger Mitmensch könnte Probleme machen? Nur wenn schließlich klar wird: Nein – mit demjenigen geht’s auch wirklich gar nicht – ist sein Schicksal besiegelt.

Wenn Kinder erwachsen werden, ist der Bruch mit dem Elternhaus insofern erwünscht, als dass der Nachwuchs nun bitte eigene Wege gehe. Ein befristeter Vertrag. Das setzt voraus, dass Erwachsensein in der üblichen Zeit stattgefunden hat und das Kind in der Lage ist, seine Existenz eigenverantwortlich zu gestalten und finanzieren. Sich trennen zu können, ist eine Fähigkeit. Wenn wir einander gegenüberstehen, können wir uns sagen, dass es zu Ende ist. Es geht am Telefon, per Brief, auch digital. Probleme entstehen, wenn Menschen wie eingeschlossen in ihrem Auto dem anderen Fahrer zeigen wollen, dass etwas nicht stimmt. Damit Kommunikation funktioniert, sollte sie nachvollziehbar sein, und je weniger zwischen uns steht, desto klarer kommt die Botschaft an. Nun wissen wir alle, dass das in der Regel Schwierigkeiten macht. Wenn ich meine Ansicht „es ginge nicht (länger) zusammen mit uns“ kommunizieren möchte, ist der Wunsch nach einer Art Scheibe dazwischen, die nur einseitige Kommunikation möglich macht, und zwar von mir weg, nachvollziehbar. Irgendwann beruhigt sich die Sache, schmerzhaft ist es; schließlich kehrt Ruhe ein.

Unter Umständen ist die Schuldfrage, woran es liegt, sich zu trennen, auch im Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit begründet. Dann ist eine Trennung noch belastender, weil Schuldgefühle das an sich klare Empfinden „ich muss da raus“ trüben. Was ist, wenn sich zu trennen beinahe unmöglich ist? Falls ich mit einem Schiff unterwegs bin und mitten auf dem Meer, ist es kaum möglich aus dem Projekt auszusteigen.

Zur Zeit kommt Seefahrerromantik auf. Die „Peking“, eine alte Viermastbark der Reederei Laisz, kommt als Museumsschiff in ihren ursprünglichen Heimathafen Hamburg zurück. Ein großes Spektakel in allen Nachrichten, und schön restauriert und sauber angemalt ist das Schiff wunderbar anzuschauen, nachdem es in Wewelsfleth monatelang auf Vordermann gebracht wurde.

Schiffe fliegen ja nicht (außer dem „fliegenden Holländer“ vielleicht), sie schwimmen. Zu schwimmen bedeutet aber weniger fest mit der „Mutter Erde“ verbunden zu sein – und dadurch dem „Vater“ im Himmel ein wenig näher? Erst im Sturm bemerken Menschen in einem Haus die Bewegung, die der Wind ausübt. Auf dem Wasser treibt oder segelt man schon bei einem leichten Hauch davon. Damit ein Schiff gut am Ende einer Reise ankommt, gehört es dazu, im Hafen sicher festzumachen oder auf Reede zu ankern. So eine feste Verbindung zum Land bedeutet, dass das Schiff immer noch schwimmt und sich ein klein wenig bewegt. Nur im Dock zur Reparatur (wenn es kein Schwimmdock ist) oder über eine Slip auf das Werftgelände hochgezogen, wird das Schiff so unverrückbar mit dem Land verbunden wie ein Haus. Aktuell: Das Forschungsschiff „Polarstern“ treibt fest eingefroren in der Arktis, die Mannschaft spaziert auf eigener Scholle drumherum, und auch damals schon haben wagemutige Abenteurer mit dem Segelschiff sich am Pol eine feste Bleibe geschaffen für ihre Erkundungen. Erst wenn die Natur das Schiff wieder freigibt, können die Mutigen diese Verbindung lösen. Ein Vertrag mit der Kälte, der nur einseitig gekündigt werden kann, immerhin vorausschauend befristet, durch Jahreszeit und bekannte Drift.

Ein Mensch, der eine Straße entlang geht, löst sich mit jedem Schritt vom Boden und verankert den Fuß im nächsten Moment am erreichbaren Platz. Je nach Alter und Geschick ist das eine mehr oder weniger sichere und elegante Sache, die wir gelernt haben. Den Fuß zu heben, bedeutet sich vom Boden zu trennen, es kostet ein wenig Anstrengung gegen die Schwerkraft loszukommen, und wir canceln die Verbindung mit Mutter Erde wieder, ohne groß darüber nachzudenken. Wir kommen ja sofort zurück und wieder an, mit dem nächsten Schritt. Zu begreifen, dass wir hier nicht wegkönnen wie ein Vogel (und selbst die Vögel können die Atmosphäre nicht verlassen), ist ein Teil unseres realen Selbstverständnisses. Dass wir uns schwerfällig herumschleppen, weil wir zu viel essen, schwanken, weil wir immer betrunken sind oder schlicht gewohnheitsmäßig eine schlechte Haltung haben, die uns schließlich zwingt so „deppert“ zu latschen, muss ja nicht sein.

Zu begreifen, dass zu leben bedeutet, an die Erde gebunden zu sein, eröffnet die Möglichkeiten zu erforschen, wie fest das sein soll. „Cancel Culture“ bedeutet anders interpretiert: Der Kulturmensch fand zahlreiche Methoden zivilisiert und technisiert diese unvermeidliche Bindung durch die Schwerkraft zu nutzen, die Bremsen zu lösen und nun zu gleiten. Mit einem elektrischen Fahrrad noch ein wenig zügiger und ohne sich anzustrengen unterwegs zu sein, ist ein Boom. Es hat vornehmlich Senioren gepackt, die nun mit einem tollen Helm auf dem Kopf abdüsen. Sie radeln im festen Glauben, damit sei das eine sichere Sache. Mit fixiertem Blick und starr gehaltenem Kopf, ausgestattet wie für ein ganz besonderes, modernes Abenteuer, tragen sie vorsichtshalber eine gelbe Weste. Ein Rückblickspiegel ist am Lenker montiert. Eine bunte, bombige Rakete im fortgeschrittenen Rentenalter donnert elektrisch vorbei. Ständig müssen sie klingeln, das heißt: „Platz!“ Die sind nicht leicht zu stoppen und haben recht. Sie werden die Erfahrung machen, dass am Ende der Reise noch ein Bein sicher an den Grund gesetzt werden muss. So viel Sportlichkeit müssen wir selbst mitbringen, ankern quasi – oder einen Ampelmast ergreifen, wenn das rote Licht zum Halten zwingt.

Dass die „Peking“ jetzt für immer fest als Museumsschiff im Hamburger Hafen „vor Anker“ ginge, schreibt eine Zeitung. Die haben es immer noch nicht gelernt, diese Journalisten. Sie fahren Auto und landen es in der Garage? Das Flugzeug landet, das Auto parkt, das Schiff macht fest. Es ankert nicht, wenn es am Kai festgemacht hat. Nur im schlimmsten Sturm wird der Kapitän einen Anker zusätzlich nach Luv ausbringen, damit der Abstand zur Pier reguliert werden kann, falls der Wind den Rumpf dagegen drückt.

Ich bin von klein auf mit Schiffen vertraut und segelnd auf der Elbe unterwegs. Zu Pfingsten lag der Großsegler noch am Kai der Peters-Werft in der Stör, und wir sind mit unserer Jolle hingesegelt, um das Schiff aus der Nähe in Augenschein zu nehmen. Anschließend ging unser langes Segelwochenende noch weiter, und wie es beim Segeln so ist: Nicht alles gelingt. Wir waren mit einer ganzen Reihe von Elb-H-Jollen unterwegs. Es war recht windig, und auf dem Weg nach Haseldorf blieben wir im kleinen Priel, in den flott die erste Flut hineinströmte, stecken.

Die Schwierigkeit war der nördliche Wind, der uns zwang im gewundenen Priel zu kreuzen, auf einer Fahrwasserbreite, die kaum mehr als die Länge des Bootes hatte. Unsere durch das Reff verkleinerte Segelfläche, die der Jolle eine im Vergleich größere Vorsegelfläche als gewöhnlich bescherte, ließ das Schiff in der Wende nicht so freudig drehen wie sonst. Und natürlich: die geringe Wassertiefe. Bernd machte es vor. Blieb man hängen, hatte die Mannschaft mit aller Kraft zu paddeln, damit die Fahrt nicht verloren ging. Der Steuermann musste das Schwert hochreißen, mit dem die Jolle steckengeblieben war. Und dann sollte der Vorschoter auch noch geistesgegenwärtig die Fock back halten, damit das Boot wieder in den Kanal zurück drehte. „Siehst du!“ sagte ich zu meiner Mitseglerin: „So machen wir es auch, wenn es uns passiert“, als den anderen voraus das kaum zu vermeidende Malheur geschah. Wenige Augenblicke später machte ich tatsächlich den Fehler, fuhr zu weit an die Kante an Backbord, und wir stoppten abrupt, als unser Schwert im Schlick schrammte. „Halte die Fock back!“ rief ich, während ich am Schwertfall riss, die Pinne nach Backbord stieß, um in das tiefe Wasser steuerbords zurückzugelangen. Aber das Ganze nahm eine fatale Wendung, buchstäblich – wir drehten schwungvoll noch weiter nach Lee, und als ich begriff wieso, schrie ich verzweifelt: „Nicht auf dieser Seite!“ aber es war zu spät. Die guten Willens an Steuerbord backgehaltene Fock besiegelte unser Schicksal. Wir schoben backbordseiteitig schwungvoll in den Schlickberg, direkt neben einer Pricke, die noch hoch im Modder stand. So wenig war es erst aufgelaufen. Dann blieb, obwohl wir einiges versuchten, freizukommen, das ganze Manöver verkorkster Mist.

Wir steckten vorn fest. Das reichlich aufgefierte Großsegel stand trotzdem gut voll, die Fock knatterte im frischen Nordost, und die nach Haseldorf einströmende Flut drehte die Jolle achtern nach Luv, bis wir wirklich quer mit satt stehenden Segeln und dem Steven vorn festgesteckt, hilflos und hoffnungslos barrikadiert dalagen. Das Ruder gab dem Wasser achtern einen hervorragenden Angriffspunkt. Unser Großsegel konnten wir nicht weiter auffieren, der achtern zupackende Strom hatte uns nun so weit gedreht, dass wir raumschots mit der Spitze des Bootes in den Schlick bohrten. Nahm ich’s Schwert höher, glitten wir einige Zentimeter voraus und noch weiter in den Matsch. Ich nahm das Ruder hoch und legte die Pinne ganz nach Backbord. Es änderte gar nichts. Inzwischen sah es fast aus, als hätte das Schiff in diese Richtung gedreht beschlossen, eigenmächtig zurückzufahren. Dafür, und um gar zu Halsen, damit eine komplette Drehung gelänge, reichte die verflixte Zwickmühle, in die wir geraten waren, nicht. Das Boot saß fest! Wir paddelten blöde rum. Nahm ich das Großsegel dicht, um etwa eine Drehung in die richtige Richtung zu unterstützen, begann die Jolle stattdessen mit neuem Druck den Schlickwall vor uns zu erklimmen und machte sich auf den Weg, quer weg vom Priel auf das hohe, matschige Land zu gleiten. Wir probierten von der Backbordseite aus nun mit aller Kraft das Schiff in den Wind zu drehen. Ich nahm das Schwert abermals höher, und das brachte uns wieder nur weiter rauf, auf den dämlichen, grauen Schlickwall. Es half nichts, wir nahmen alle Segel weg, und fanden es dann im Abendlicht gar nicht mehr so windig, als das Knattern der Fock aufgehört hatte. Es war einfach, die Riemen unter dem Vordeck herauszuklauben und unser Boot nur kleine hundert Meter bis in das flache Becken des verwunschenen Elbhafens zu pullen. Wir wurden von denen, die bereits nach einem Liegeplatz stakten, mit ihren Paddeln den schlickigen Hafen umgruben, amüsiert empfangen und durften die Geschichte auch noch den anderen erzählen, die draußen eine Weile gewartet hatten, bis das Wasser gestiegen war und man komfortabel hineinkreuzen konnte.

Was tun, wenn der Kapitän den Fehler macht; fremdschämen? Typischerweise sehen Steuerleute nicht gern ein, dass immer sie es sind, die die Fehler machen. Schon der legendäre Manfred Curry, der Regatta-Profi, wusste: „Schimpfe nicht auf deine Mannschaft, hättest du sie halt besser trainiert!“ Es gibt fatale Schilderungen, was es bedeutet sein Schiff und den Kapitän, der den Kahn ins Unglück navigiert, nicht verlassen zu können. „Titanic“ ist so eine Geschichte. Diese Reise konnte niemand mehr „canceln“. „Rette sich wer kann“, hieß es, als das Schiff mit hochaufragendem Heck im Eiswasser trieb, bis zum unvermeidlichen Ende. Misslungene Manöver des Schiffsführers, die dann alle mittragen; es gibt Schilderungen, die illustrieren, wie das Leben an Bord zur Zeit frachtfahrender Segelschiffe war.

Ein (amüsantes) Zitat dazu, aus einem authentischen Buch, das von einer Reise erzählt, die mit der unscheinbaren, kleinen zweimastigen Brigg „Pilgrim“ 1834 deutlich vor der Zeit der bei uns aktuell so bekannten „Peking“ stattfand. Es ist der Versuch unter Segeln, wie es üblich war, einen Ankerplatz zwischen zahlreichen anderen Schiffen, die dort bereits auf einer Reede liegen, anzusteuern.

# „Fallen Anker“, rief der Kapitän. Ob wir nun nicht genügend Kette überholt hatten, ob der Anker nicht fasste, oder ob wir zuviel Fahrt voraus machten, das Schiff kam nicht zum Stehen. „Steck Kette!“ schrie der Kapitän. Wir steckten willig weg, aber es half nichts. Bevor wir den zweiten Anker fallen lassen konnten, trieben wir breitseits auf die „Lagoda“. Ihre Besatzung war gerade beim Frühstück, nur der Koch sah uns herankommen. Er stürzte aus der Kombüse heraus und rief Steuerleute und Matrosen an Deck. Glücklicherweise wurde nicht viel Schaden angerichtet. Ihr Klüverbaum ging zwischen unserem Vor- und Großmast durch, riss uns einen Teil des Wants weg und drückte unsere Reling ein. Sie selbst verlor ihren Stampfstock. Der Anprall brachte uns zum Stehen. Da sie auf der „Lagoda“ Kette steckten, kamen wir klar von ihr und ließen den zweiten Anker fallen. Wir hatten aber nun einmal Pech. Bevor es irgend jemand gewahr wurde, trieben wir auf die „Loriotte“. Der Kapitän gab nun rasch und aufgeregt seine Befehle. Die Marssegel wurden vorgeschotet. Er ließ die Segel abwechselnd bald back kommen, bald wieder vollstehen, in der Hoffnung, die Anker klar zu bekommen. Aber alles war umsonst. In seiner Ratlosigkeit setzte er sich auf die Reling und wartete erst mal in Ruhe ab, was nun kommen sollte. Dem Kapitän Nye rief er zu, dass er ihm jetzt einen Besuch abstatten würde. Der Bug der „Loriotte“ traf uns Steuerbord achtern und brach uns einen Teil der Heckreling weg. Sie selbst wurde nur wenig beschädigt. Durch Stecken der Ketten kamen die Schiffe voneinander frei. Ihre Anker waren aber zweifellos unklar. Wir besetzten das Gangspill und hievten und hievten – ohne Erfolg. Wir trieben jetzt auf die „Ayacucho“ zu. Da legte von dort ein Boot ab, das den Kapitän Wilson zu uns herüber brachte. Wilson war ein kleiner, lebhafter Mann von etwa fünfzig Jahren. Da er ein tüchtiger Seemann und etwa zwanzig Jahre älter war als unser Kapitän, so zögerte er keinen Augenblick, Ratschläge zu erteilen. Bald hatte er Thompson das Kommando aus der Hand genommen. Er fing an, mit dem Schiff zu manövrieren, wie er es für richtig hielt. Einige Male versuchte Thompson sich einzumischen. In freundlicher, väterlicher Weise gab Wilson Gegenbefehle. „Oh nein, Kapitän Thompson, Sie dürfen jetzt nicht den Klüver setzen“, oder „Noch nicht hieven.“ Nun gab es unser Kapitän auf. Wir waren mit dem Kommandowechsel sehr zufrieden. Wilson war ein freundlicher Mann und hatte eine aufmunternde Art zu sprechen. Alles ging soviel leichter. Nach zwei oder drei Stunden beständigen Hievens bekamen wir einen Anker hoch, an dem der kleine Buganker der „Loriotte“ hing. Wir klärten unsern Anker, ließen ihn dann wieder fallen und hievten den anderen auf. „Nun werde ich Ihnen einen guten Liegeplatz suchen“, sagte Kapitän Wilson. Er setzte beide Marssegel und brachte das Schiff in tadelloser Weise zu Anker, dem Schuppen gegenüber, der für uns bestimmt war. Dann erst verabschiedete er sich. Wir machten die Segel fest und gingen zum Frühstück. Bis zum Abend hatten wir damit zu tun, die Boote auszusetzen und das Schiff zu vermuren.

Abends fuhr der Kapitän auf die „Lagoda“. Als er längsseits kam, nannte er seinen Namen. Der Obersteuermann rief zum Kapitän Bradshaw hinunter: „Kapitän Thompson kommt an Bord.“ Die rauhe Stimme Bradshaws war von vorn bis achtern zu hören: „Hat er seine Brigg mit herübergebracht?“ Das ärgerte Thompson nicht wenig. Bradshaws Ausspruch war bald an der ganzen Küste bekannt, und Thompson bekam ihn immer wieder zu hören, solange er an der Küste war. (Richard H. Dana, Zwei Jahre vor dem Mast – aus dem Kapitel „Ein unmenschlicher Kapitän“, 1840).

Mit einigen wollen wir nichts zu tun haben und trennen uns oder beginnen gar nicht erst, etwas mit ihnen zu machen. Mit „solchen“ gehen wir auf keine Reise. Manchmal ist gar nicht klar, was nicht stimmt, aber einige erscheinen schon vom optischen Eindruck aus der Ferne wie „daneben“. Wir nehmen hin, dass viele Menschen sich auf eine eigentümliche Weise verhalten und bewegen, solange sie nicht wirklich stören. Als ich klein war, gab es meiner Heimatstadt Wedel eine „komische“ Frau: „Das ist die Zilla“, sagte meine Oma als Erklärung, wenn wir Kinder fragten, was mit ihr sei. „Da kommt die Zilla-Tante“, sagten wir schließlich genauso – ohne sie wirklich zu kennen. Die war stets im langen Mantel (ihr Haar hatte sie mit einem auffällig üppigen, bunten Kopftuch bedeckt) unterwegs, schon älter und ziemlich beleibt. Typischerweise irgendwie abwesend, mit sich selbst redend, seltsam aussehend und mit müdem Schritt latschend, eventuell mit einem Fahrrad schiebend, kam sie daher. Auf dem Bürgersteig war sie schon von weitem erkennbar. Sie fütterte die Tauben auf dem Gehweg, und das macht man nicht: So habe ich es gelernt.

Später fiel mir ein Mann auf, der schon im Erwachsenenalter zu sein schien. Er war stets in Begleitung mit einer älteren Frau unterwegs, ich vermute, dass es seine Mutter gewesen ist. Über die Jahre, mit dem Älterwerden des komischen Paares, änderte sich wenig am infantil-folgsamen Erscheinungsbild des inzwischen nicht mehr jungen Mannes. Er trug nun Bart. Das konnte sein fliehendes Kinn und den braven Ausdruck nicht erreichter Männlichkeit kaum verbergen.

Gelegentlich begegne ich heute einem Mann, dem es (möglicherweise) ähnlich geht. Er scheint sich gar nicht daran zu stören, immer noch der Mama zu folgen. Es gibt diese Paare häufiger? Groß, beleibt und in forstfreudiger Kleidung unterwegs, ist dieser Typ immer ein wenig reichlich angezogen, auch wenn es warm ist. Er sieht zunächst gemütlich und zufrieden aus. Der tut bestimmt keiner Fliege was zuleide: Ein gemütlicher Bär. Seine Füße dreht er gut fünfundfierzig Grad aus der Richtung, in die er gerade betont bedacht stapft. Der fällt nicht um. Ein eitler Beau geht anders. Der Mann trägt ebenfalls Bart, aber es sieht nicht wirklich gut aus. Der Eindruck des verzottelten Kumpels hält sich nicht bei näherer Betrachtung. Lieber Abstand halten? Eine alte Frau ist an seiner Seite, oft. Das wird die Mutter sein? Man sieht die beiden beim Einkaufen, und auch allein fällt die seltsame Gestalt auf, weil er irgendwie kein „richtiger“ Mann ist.

Ohne noch mehr ins Detail gehen zu wollen, kann man sagen, dass beide, der von damals und dieser hier, in ihrer gesamten Erscheinung, obwohl vollkommen verschieden im Typ, doch auf die gleiche Art unreif und eigenartig vom Bewegungsmuster auftreten. Selbst wenn Mama einmal nicht dabei ist, da stimmt was nicht, das sieht man gleich. Eine unerlaubte Einschätzung, die mir nicht zusteht, natürlich. Es ist möglich, dass hier keine Krankheit von wem auch immer erkannt wird.

Wenn sich niemand dran stört, bleibt es jedem selbst überlassen, was er aus seinem Leben macht – denken wir das?

Von meinem Kapitän und Schiff kann ich mich trennen, wenn die Reise beendet ist: Abgemustert. Aus einem Vertrag oder einer Firma komme ich raus, und eine Ehe kann geschieden werden. Was, wenn ich nicht von Mama loskomme? Für meinen Großvater war es schwierig, einen eigenen Weg zu gehen. Die Mama war in dieser Hinsicht unproblematisch. Opa „Bur“, wie wir meinen Urgroßvater nannten, den ich noch kennengelernt habe, war das Problem. Der Vater von Heinz war einfacher Volksschullehrer, und sein Sohn sollte „was Besseres“ werden. Nach dem Abitur hatte der Vater eine Position als Oberstudienrat an einem Hamburger Gymnasium im Visier, dahin sollte es gehen. Heinz aber wollte „nach See zu“, und das passte dem Vater nicht. Mein Opa hat sich durchgesetzt, und als er schließlich Kapitänspatent hatte war dann auch der Vater zufrieden. Heinz fuhr als Dritter, Zweiter und auch als Erster Offizier mit seinem A6-Patent, aber nicht als Kapitän. Der Vater von meinem Vater hatte auch Patent, aber nicht für „Große Fahrt“; er hat Schlepper gefahren. Er sei ein hervorragender Kapitän im Hafen gewesen, hieß es (wenn mein lieber Erich da nicht übertrieben hat). „Mit denn Sleper kann’s reknen un sriven“, hätte „der Alte“ gesagt, und das sollte wohl heißen, wie kunstvoll er bugsieren konnte.

In einem alten Klassiker aus dem reichhaltigen Bücherschrank von meinem Großvater (ich möge doch bitte nicht „Opa“ sagen) Heinz ist vorn (mit der mir noch gut vertrauten Handschrift) die Wohnadresse in Wedel notiert; SVAOe steht drunter, und das ist ein bekannter Segelverein. Es ist das Buch „Spiegel der See“ von Conrad, und natürlich habe ich es gelesen. Es enthält eine Geschichte, die der von Dana ganz ähnlich ist. Seemann Joseph Conrad sagt dort auch etwas über Kunst. Verbindende Pinselstriche, die meine Vergangenheit, Segeln und Bilder die ich liebe, lebendig werden lassen!

Der Steuermann erzählt; er ist (wie oft mein Großvater) als Offizier verantwortungsvoll angemustert, aber sein Kapitän ist vom Reeder als Schiffsführer eingesetzt und gibt die Anweisungen, wie alles zu machen sei. 

# Und ein Künstler ist ein Mann der Tat, ob er nun schöpferisch tätig ist, Entdeckungen macht oder den Ausweg aus einer schwierigen Lage findet.

Die ganze Kunst anderer Meister, die ich auch kannte, bestand im Vermeiden jeder erdenklichen Schwierigkeit. Es versteht sich von selbst, dass sie es in ihrem Fach niemals zu großen Leistungen brachten, aber verachten konnte man sie deshalb nicht. Sie waren bescheiden, sie kannten ihre Grenzen. Ihre Lehrmeister hatten das heilige Feuer nicht der Hut ihrer kalten, geschickten Hände anvertraut. An einen dieser Männer erinnere ich mich besonders gut. Er ruht sich nun schon von der See aus, die sein Temperament zur Kulisse recht friedlicher Bilder gemacht hatte. Nur ein einziges Mal versuchte er eine verwegene Pinselführung, das war an einem frühen Morgen bei stetiger Brise, als wir in eine Reede einliefen, die voller Schiffe lag. Aber er war bei der Ausführung, die durchaus zur Kunst hätte werden können, nicht ganz echt. Er dachte an sich selbst, es verlangte ihn nach dem billigen Ruhm einer auffälligen theatralischen Leistung.

Als wir eine dunkle, bewaldete Landspitze umsegelten, die sich in frischer Luft und Sonnenschein badete, bekamen wir den Blick auf eine Menge Schiffe frei, die vielleicht eine halbe Meile voraus vor Anker lagen. Er rief mich von meiner Station vorn auf der Back nach achtern, drehte das Doppelglas in seinen braunen Händen hin und her und sagte: „Sehen Sie dieses große, schwere Schiff mit den weißen Untermasten? Ich will zwischen ihm und dem Land ankern. Lassen Sie die Leute klarstehen, dass sie auf den ersten Befehl springen.“

Ich antwortete: „Ay, ay, Sir“, und glaubte wirklich, das würde eine nette Vorstellung werden. Wir rannten quer durch die Flotte in glänzendem Stil darauflos. Es muss allerlei offene Mäuler und hinter uns herstarrende Augen an Bord dieser Schiffe gegeben haben – es waren holländische, englische, dazwischen ein paar amerikanische und ein oder zwei deutsche –, und sie alle heißten um acht Uhr ihre Flaggen, als geschähe es zu Ehren unserer Ankunft. Es würde auch eine nette Vorstellung geworden sein, wenn sie zustande gekommen wäre, aber leider kam es nicht ganz dazu. Dieser bescheidene Künstler mit seinen unbestrittenen Verdiensten wurde durch eine selbstsüchtige Regung seinem inneren Wesen untreu. Er tat seine Kunst nicht um der Kunst, sondern um seiner selbst willen, und ein elender Misserfolg war die Strafe, die ihn für die größte aller Sünden traf. Die Strafe hätte sogar noch schwerer ausfallen können, aber zufälligerweise setzten wir weder unser Schiff auf Strand, noch rannten wir dem großen Schiff mit den weißgestrichenen Untermasten ein großes Loch in die Seite. Aber ein Wunder ist es, dass wir nicht beide Anker samt den Ketten verloren, denn man kann sich denken, dass ich nicht lange fackelte, als er mir mit bebenden Lippen und einer zitternden, ganz fremden Stimme den Befehl „Fallen Anker!“ zurief. Ich ließ sie beide mit einer Geschwindigkeit fallen, über die ich heute noch staune. Niemals sind die Anker eines gewöhnlichen Handelsschiffes mit einer so wunderbaren Schneidigkeit nach unten gegangen. Und die beiden hielten. Ich hätte ihre rauhen, kalten Eisenflunken vor Dankbarkeit küssen mögen, wenn sie nicht unter zehn Faden Wasser in Schlick und Mudd vergraben gelegen hätten. Im letzten Augenblick ließen sie das Schiff aufdrehen; zwar hatte der Klüverbaum einer holländischen Brigg unser Besansegel durchspießt, aber vor Schlimmerem blieben wir bewahrt. Immerhin, verfehlt ist so gut wie verspielt.

Aber nicht in der Kunst. Der Meister murmelte nachher kleinlaut: „Es wollte nicht rechtzeitig anluven. Was kann mit dem Schiff nur los gewesen sein?“ Ich antwortete nicht.

Doch die Antwort war klar. Das Schiff hatte die zeitweilige Schwäche seines Herrn gespürt. Von allen lebenden Geschöpfen zu Wasser und zu Lande lassen nur die Schiffe sich nicht von falschen Vorspiegelungen betören, lassen sie allein sich von ihren Meistern keine schlechte Kunst gefallen. (Joseph Conrad, Spiegel der See – aus dem Kapitel „Die hohe Kunst“, 1906).

Conrad sieht im Schiff beinahe ein Lebewesen, und das kann jeder, der schon ein wenig mit Booten vertraut ist, sofort nachvollziehen. Der Körper des Menschen sollte wie der Rumpf eines Schiffes begriffen werden, und unser Gehirn ist das Achterdeck oder die Brücke, auf der Schiffsleitung und Kapitän die Anweisungen geben, der Steuermann steht.

Manche glauben, dass eine psychische Erkrankung therapiert werden kann, weil das üblich ist.

Dabei wird gern ausgeblendet, dass nicht etwa das Gehirn eines Patienten krank ist, sondern ein ganzer Mensch. Wenn man einem Kranken Dinge sagt, die ganz logisch sind, finden sie nicht den Widerhall in seinem Verstand, den wir uns wünschen. Wir sollten begreifen, dass ein Mensch mit Problemen nur dann verbal trainiert werden kann, wenn sein Organismus gesund ist, wie etwa beim Fußball, oder ein Team in der Wirtschaft wird von einem Unternehmensberater gecoacht. Das kann gut funktionieren.

Wenn wir die Firma als ein System betrachten oder das Team auf dem Spielfeld in der Bundesliga, können wir einen Bogen spannen, über die Besatzung auf einer Rennyacht, die optimiert werden kann, schneller mit dem Schiff zu sein, und wir können den Körper eines Menschen als System begreifen, der gesteuert vom Gehirn auch eine Art Apparat ist, unterwegs in Zeit und Raum. Die unfassbare Größe unserer Welt können nur die ausblenden, die das Ganze spüren und diejenigen, die nichts merken. Der Rest ist krank dazwischen.

Systeme im System, um das zu beschreiben sollten wir die gut fassbaren Strukturen nutzen und die schwer erklärbaren Bereiche der Realität hinnehmen. Angefangen beim großen Ganzen, bis zum kleinen Menschengehirn und den Zellen, finden sich beschreibbare Netze. Wenn wir größer denken, heißt das nicht auf die Erkenntnisse spezialisierter Forschung zu verzichten. Es ist nötig zu verstehen, dass Schubladen ohne Schrank keinen Sinn machen und ein Schrank im Urwald fehl am Platz ist. Warum wir leben, können wir kaum wissenschaftlich erklären. Im Interview mit Mario Adorf zu seinem neunzigsten Geburtstag (aus dem Internet kopiert) antwortet der Schauspieler auf die Feststellung:

# „Der Gegenpol dazu wäre Gott. Aber an den glauben Sie nicht, wie Sie mal gesagt haben.“

Adorf: „Ich habe eigentlich gesagt, dass ich nicht an den von den Religionen erfundenen Gott glauben kann. Das heißt, den lieben Gott, von dem viele Menschen glauben, dass er auf irgendeine Art an ihrer Existenz teilhat, auf sie Einfluss nimmt und die trostreiche Aussicht auf eine Existenz nach dem Tod bietet. Eben dieser Trost wird mir durch mein Nichtglaubenkönnen nicht zuteil. Das heißt aber nicht, dass ich ungläubig bin.“

„Sondern?“

Adorf: „Ich meinte vielmehr, dass ich an eine unbegreifliche, unvorstellbare Kraft glaube, die das Universum geschaffen hat, die so viel größer ist, als dass sie sich um unsere winzige Existenz kümmern könnte. Daher darf ich die noch umfassender als Gott nennen.“

(Berliner Morgenpost, 07.09.2020, Rüdiger Sturm).

Um einen Menschen zu optimieren, können wir einen Spezialisten beauftragen, und da wäre es doch sinnvoll, dem ganzen Menschen gutes zu tun und nicht nur verbal Rat zu erteilen. Es kann doch gar nicht sein, das nur das Gehirn krank ist, bei einer der vielen Störungen, die nicht unter die physischen Krankheiten fallen. Das Gehirn steuert genauso die organischen Funktionen als auch die bewegende Muskulatur in den Beinen und Armen.

Obwohl alle wissen, dass ein kaputtes Knie nicht nur ein Schaden am Bein ist, sondern den Betroffenen unglücklich macht (über den Verlust einer Fähigkeit) und damit auch seine Gefühle betroffen sind, blenden wir das gern aus. Ein Geisteskranker fällt durch eigentümliches Verhalten auf? Dann ist nicht nur sein Verstand getrübt, sein Bewegungsmuster wird ebenfalls gestört sein. Das ist ausnahmslos der Fall (auch wenn es immer heißt „er war vorher unauffällig“, nachdem es zu einer psychischen Ausnahmetat gekommen ist). Das sind Fehlurteile, wir sollten genauer hinsehen:

# Bemühen Sie sich nicht, das Vergangene zu vergessen; man kann, was war, nicht vergessen, ohne zugleich auch sich selbst auszulöschen. Man mag meinen, diese oder jene unerwünschte Einzelheit vergessen zu haben, aber irgendwo ist sie unserem Körper eingeprägt. Und doch kann diese Erfahrung aus der Vergangenheit, so schrecklich sie auch gewesen sein mag, jetzt verwendet werden, um Ihre Gegenwart zur Grundlage einer erfüllenderen Zukunft zu machen. Was war, lässt sich nicht ändern, wohl aber unsere Einstellung dazu: unsere Art, es zu sehen, es zu bewerten, damit umzugehen. Wenn Sie gelernt haben, die Vergangenheit zu akzeptieren, und Ihren Frieden gemacht haben mit ihr, dann wird sie Sie in Frieden lassen. (Moshe Feldenkrais „Das starke Selbst“ – Vorwort, posthum erschienen 1985 / Ein anderes, lesenswertes Buch von Joachim Bauer, in dem es darum geht, dass Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern, diese mitnichten festgelegt immer auf die selbe Art agieren, sagt diese Weisheit im Titel: „Das Gedächtnis des Körpers“ Piper, 2004).

Wenn wir andere Systeme, etwa Schulen, Firmen oder Staaten betrachten, können wir die Bewegungen der Menschen und ihre Motivationen wie Ströme verstehen, die das Ganze formen. Mobbing im Bereich der modernen Cancel Culture führt uns vor Augen, wie einer dem anderen weitersagt, was zu tun sei. Wie etwa ein Veranstalter beschließt, eine Künstlerin aus dem Programm zu werfen, nachdem negative Beurteilungen bekannt wurden und das ein Risiko für das Team bedeutet. Das können wir auch innerhalb einer undemokratischen Struktur feststellen, wenn etwa eine Opposition die autoritäre Regierung so massiv in Schwierigkeiten bringt, dass die staatliche Ordnung in Gefahr ist; es werden Gegenbewegungen mobil machen. Dann ist es zunächst reine Bewertung, welche Seite im Recht ist, bis eine neue Stabilität deutlich macht, welches die stärksten Kräfte im Land sind. Das ist dann das Rechtsverständnis dort. Es wird sich immer von anderen unterscheiden. Einige sind immer unfrei in jedem System. Das Recht in Deutschland heute ist nicht gleich dem Rechtsverständnis früher bei uns. Selbst die Katholische Kirche ändert sich, und ob Gott sich ändert?

„Ich bin stehengeblieben“, sagte mein Vater gern (mit resigniertem Achselzucken), wenn wir seine gelegentlich eigenwilligen Ansichten hinterfragten, als könne er durch seine Sicht eine Insel finden, in der es noch wie früher ist. Es gibt bessere Methoden, die Vergangenheit spürbar werden zu lassen und trotzdem in der Gegenwart zu leben. Durch intellektuellen Selbstbeschiss hat noch nie jemand die Zeit angehalten. Aktive Bewegung, Selbsterfahrung ist der handfeste Weg, rauf und runter durch die Empfindungen von damals bis in die Gegenwart zu navigieren und die Ströme der Emotionen wie Gewässer zu kartografieren, auszuloten und nicht hängenzubleiben mit dem kleinen Schiffchen unserer Bewusstheit, sondern alle Riffe im Selbst nach und nach zu besuchen.

Immer entstehen Ströme aus kleinen Elementen im System, die verschworen Druck in ihre Richtung ausüben. Die Muskulatur im Körper eines Menschen ist vergleichsweise ähnlich unterwegs. Mit Spannung wird bewegt, was bei weitem nicht nur zweckmäßiger Tätigkeit genügt. Emotionen motivieren die Kraft ebenfalls. Einzelteile im systemischen Verbund schaffen Wellen, die verstanden werden können wie die Meuterei auf einem Schiff einerseits und die Bestrebungen der Leitung andererseits. Sie finden ihre Entsprechung im menschlichen Organismus. Wenn wir uns vorstellen, dass Aktive im Körper unterwegs sind, die Weisungen der Zentrale im Gehirn auszuführen, können wir mental trainieren, unseren Bewegungsapparat zu optimieren, entspannen und rückwirkend wieder Einfluss auf das Gehirn nehmen.

Das ist eine gute Möglichkeit, psychische Probleme zu entzerren.

Ein bewusstes hin und her zwischen Körper und Geist lehrt uns, dass keine Dämme zwischen dem Gefühl und der Gegenwart gemauert wurden, die Emotionen aufstauen, die schließlich losbrechen. Da ist kein dickes Fell, das der Verdrängung gute Dienste leistet. Vielmehr sind Spannungen der Muskulatur zu finden, wenn wir lernen darauf zu achten. Ein Versuch wie Vogel Strauß, als hielten wir uns die Hände vor die Augen, wie ein Kind wenn es ruft: „Ihr seht mich wohl nicht!“ sollte dem Erwachsenen nicht genügen. Wenn wir Scheuklappen und Staudämme im Gehirn hätten, könnten wir uns blind und taub gegen Gefahren einstellen. Das hätte die Evolution wohl kaum erlaubt. Bedingungen zu schaffen, mit denen wir merken wovor wir Angst haben, ist klüger.

Wenn ich rücklings auf einem Behandlungstuhl beim Zahnarzt an die Decke starre und der Doktor sich mit sirrendem Bohrer meinem aufgerissenem Mund nähert, hilft es kaum, nach der attraktiven Helferin Ausschau zu halten damit man(n) sich entspanne. Während dicke Schaum- und Watterollen den Mund verkeilen, der silber glänzende Folterstift herangeführt wird, zieht sich mein ganzer Körper spürbar zusammen. So steif wie möglich machen; bis ich begreife: So schlimm ist es (diesmal) nicht. Das sind die einzigen realen Staudämme, hinter denen wir Emotionen zurückhalten können. Wir können die Muskulatur hart und fest machen. Es ist etablierte Gewohnheit, vom Losbrechen aufgestauter Aggressionen zu sprechen: Nur Psychopharmaka können die Rezeptoren im Gehirn mit einer Hülle ummanteln. Das ist etwa so, wie den Briefkasten zuzukleben, anstelle „Bitte keine Werbung“ auf den Deckel zu schreiben.

Die Alltags-Maske gegen das Corona-Virus ist auch eine Erfindung des Menschen in aktueller Not. Wir können die Augen zum Schlafen schließen, aber nicht zusätzlich die Ohren wegklappen. Menschen, die eine dunkle Maske zum Einschlafen benötigen oder Pfropfen in die Ohren machen, sind krank. Wir können unsere Hände dafür nehmen, die Ohren zuzuhalten, wenn der Krankenwagen mit lautem Martinshorn kommt, aber probieren Sie das eine Nacht lang? Elefanten (ohne Schweißdrüsen) wedeln mit ihren großen Ohren, um sich den Kopf angenehm kühl zu machen: Wer bei uns noch mit den Ohren wackeln kann, darf im Fernsehen auftreten? Die Natur ist flexibel, und ein gesunder Mensch kann dem Zusteller, der es partout nicht begreift, verbal noch nachhelfen bis bestimmte Sendungen nicht mehr eingeworfen werden. Das ist „Cancel Culture“.

Wenn es ein Problem mit dem Partner gibt, sollte es gelingen sich zu trennen. Wenn das Problem die Vergangenheit ist, kann das bedeuten, sich von jemand trennen zu müssen, den es früher in unserem Leben gab und der Einfluss hatte. So eine Art Kapitän auf früherer Reise hält unser Denken noch immer fest. Wenn „Mama“ das Problem ist, kann jeder Neuanfang mit einer Partnerin davon belastet sein. Eine schöne Beschreibung, wie wir festgehalten sind und nur mit Mut und Kreativität die unvermeidlichen Probleme lösen können, passend zu den bisherigen maritimen Geschichten, findet sich bei „Hornblower“. (Es ist eine Frau an Bord). Forester schreibt:

# Gleichmäßig kam die Kette ein. Die Schiffsjungen mit den Stoppern folgten ihr bis zum Luksüll und rannten eilig zurück, um die Kette und das Kabelar abermals zu packen. Doch das gleichmäßige Klank-klank des Spills wurde immer langsamer und hörte schließlich auf.

„Zu-gleich, ihr Bastarde! Zu-gleich!“ brüllte Harrison. „Die Leute von der Back hierher! Angefasst! … Zu-gleich!“

Jetzt drückten zwanzig Männer mehr gegen die Spaken. Ihre vereinten Kräfte entlockten dem Gangspill ein einziges feierliches: klank …

„Zu-gleich! Gott verdamme euch … Zu-gleich!“

Häufiger klatschte Harrisons Rohrstock.

„Zu-gleich!!“

Ein Zittern durchlief das Schiff; das Spill drehte sich plötzlich so schnell, dass alles in einem Knäuel durcheinanderfiel. „Kabelar gebrochen, Sir“, rief Gerard von der Back her. „Anker ist unklar, glaube ich.“

„Himmeldonnerwetter!“ murmelte Hornblower. Er wusste, dass die Frau, die da hinter ihm in dem Liegestuhl ruhte, sich über die Verlegenheit lustig machte, in die ihn ein unklar gekommener Anker angesichts ganz Lateinamerikas brachte. Er dachte aber nicht daran, den Spaniern einen guten Anker nebst Kette zu hinterlassen.

„Setzt die kleine Bugankerkette als Kabelar auf“, schrie er. Der Befehl bedeutete für eine ganze Anzahl Seeleute eine unerträglich heiße und peinvolle Arbeit. Drunten im Kabelgatt musste die Kette des kleinen Bugankers hervorgezerrt und dann durch Menschenkraft zum Gangspill hinaufgeschafft werden. Die Flüche der Bootsmannsmaate hallten bis zur Hütte herauf; die Deckoffiziere waren sich der unwürdigen Lage ihres Schiffes ebenso bewusst wie der Kommandant. Aus Furcht, dem Blick der Lady Barbara zu begegnen, konnte Hornblower nicht hastig auf und nieder gehen, wie er eigentlich zu tun wünschte. Er stand nur da und kochte vor Erbitterung. Mit dem Taschentuch wischte er sich den Schweiß vom Gesicht und vom Nacken.

„Kabelar ist klar, Sir!“ grölte Gerard.

„So viel Leute an die Spillspaken, wie Platz dran haben, Mr. Harrison, sorgen Sie dafür, dass sie sich ins Zeug legen!“

„Aye, aye, Sir!“

Terrum-tum, terrum-tum, rasselten die Trommeln.

„Zu-gleich, ihr Hundesöhne!“ rief Harrison und: Klatsch, klatsch, klatsch, traf sein Rohrstock die angespannten Rückenmuskeln.

Klank, machte das Spill; klank-klank-klank.

Hornblower fühlte, wie sich das Deck unter seinen Füßen ein wenig neigte. Die Anstrengung der Mannschaft drückte das Vorschiff nieder, vermochte aber nicht den Anker aus dem Grund zu reißen.

„Gottver …“, begann Hornblower halblaut, doch ließ er den Satz unvollendet. Von den fünfundfünfzig Flüchen, über die er verfügte, wurde nicht ein einziger der gegenwärtigen Lage gerecht.

„Stop!“ brüllte er, worauf die schwitzenden Seeleute ihre schmerzenden Rücken entspannten.

Hornblower zupfte an seinem Kinn, als wolle er es abreißen. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als über den Anker zu segeln, und das war ein schwieriges Manöver, bei dem Masten und Takelage zum Teufel gehen konnten, ohne dass man vorher wusste, ob das Ganze nicht in einer lächerlichen Blamage enden würde. Bis jetzt konnten drüben in Panama höchstens ein paar Fachleute über die peinliche Lage der Fregatte im klaren sein, aber sowie die Segel losgemacht wurden, richteten sich von den Mauern der Stadt aus natürlich unzählige Fernrohre auf die „Lydia“. (…).

Er sah zum Verklicker, der kleinen, ganz droben am Mast wehenden Windfahne, hinauf, und dann blickte er über die Seite ins Wasser. Der Wind wehte quer zum Strom. Dieser Umstand wenigstens war günstig. Ruhig erteilte er seine Befehle, wobei er sehr darauf bedacht war, seine Unruhe zu verbergen und der Lady Barbara nach wie vor den Rücken zuzukehren. (…).

Mit dem hart zu Bord liegenden Ruder kam das Schiff ein wenig herum; das Vormarssegel gleichfalls. Blitzschnell wurden Klüver und Stagsegel gesetzt. Ein Zittern lief durchs Schiff, die Fahrt wurde abgebremst, einen Augenblick zögerte die Fregatte, dann aber begann sie dicht am Winde langsam zwar, doch wie erfreut, wieder Fahrt aufzunehmen; diesmal vorwärts. Droben kam indessen auf Hornblowers laute Befehle jedes Stück Leinwand zum Tragen, das den Zug zu verstärken vermochte. Das Gangspill klankte begeistert, indessen Harrisons Leute im Kreise herumrannten und die Kette wieder eingehievt wurde.

Dem Kommandanten verblieben ein paar Augenblicke zum Nachdenken. Schneller glitt die „Lydia“ vorwärts. Gab er ihr nur die geringste Gelegenheit dazu, so würde der Zug der Ankerkette die Segel back schlagen lassen und das Schiff stehenbleiben. Er fühlte sein Herz klopfen, als er das Vormarssegel beobachtete, um das erste Zeichen des Killens abzufangen. Ein solches Flattern würde bedeutet haben, dass der Wind von vorn einfiel. Mit aller Gewalt musste sich Hornblower zur Ruhe zwingen, damit seinen dem Rudergänger erteilten Befehlen nichts anzumerken war. Die Kette kam sehr schnell ein. Die nächste Krise stand dicht bevor; entweder wurde jetzt der Anker aus dem Grund gebrochen oder die „Lydia“ entmastet. Hornblower wartete noch einige Sekunden, dann schrie er den Befehl zum Bergen sämtlicher Segel hinaus.

Nun trug das eifrige, wenn auch peinvolle Segelexerzieren seine Früchte, mit dem Bush die Besatzung eingedrillt hatte. Die Untersegel, Marssegel und Bramsegel verschwanden während der wenigen, noch zur Verfügung stehenden Augenblicke, und als das letzte Stück Leinwand festgemacht war, drehte Hornblower das Schiff in den Wind, um geradeswegs auf den widerspenstigen Anker zuzuhalten, wobei die „Lydia“ von der noch vorhandenen Fahrt langsam vorwärts getrieben wurde. Mit höchster Spannung lauschte Hornblower dem Geräusch des Spills.

Klank – klank – klank – klank …

Harrison hetzte die Leute wie die Irrsinnigen um das Gangspill herum.

Klank – klank – klank – klank …

Merklich verlangsamte das Schiff seine Fahrt. Noch immer vermochte Hornblower nicht zu sagen, ob alle diese Anstrengungen nicht schimpflich mit einem Fehlschlag enden würden.

Klank – klank – klank …

Und dann ein wilder Schrei von Harrisons Lippen:

„Anker ist aus dem Grund, Sir!“

„Mr. Bush, lassen Sie alle Segel setzen“, befahl der Kommandant. Bush gab sich keine Mühe, die Bewunderung für ein so glänzendes Beispiel seemännischen Könnens zu verbergen. Hornblower aber fiel es nicht leicht, jenen harten Kommandoton beizubehalten, unter dem er das Gefühl seelischer Erleichterung verbarg. Die Untergebenen sollten keine Sekunde daran zweifeln, dass er von Anfang an mit Sicherheit das Gelingen des Manövers vorausgesehen hatte.

Er bestimmte einen Kompasskurs, und als der anlag, warf er noch einmal einen prüfenden Blick umher.

„Ha … hm“, machte er und verschwand unter Deck, wo er sich entspannen konnte und wo ihn niemand sehen konnte; weder Mr. Bush noch … Lady Barbara. (C.S. Forester „Der Kapitän“ – Drittes Kapitel, 1937).

Hornblower ist ein verheirateter Mann, und das ist der Grund, warum dieses Buch, dass im englischen Original „The Happy Return“ heißt, nicht ganz so endet wie der Titel suggeriert – jedenfalls, was die Lady betrifft …

Der Anker der „Lydia“ hält die Fregatte unfreiwillig fest, aber der mutige Kapitän führt die Sache geschickt zum Erfolg. Er löst sich aus der verhakten Geschichte, indem er den Anker mit Gewalt ausbricht. Er riskiert das Rigg, nimmt den beschämenden Ausgang einer ungewissen Aktion in Kauf und geht das Problem direkt an. Schlussmachen mit Geschick, statt blinder Suche am falschen Ort? Das schreibt Watzlawick:

# Unter einer Straßenlaterne steht ein Betrunkener und sucht und sucht und sucht. Ein Polizist kommt daher, fragt ihn, was er verloren habe, und der Mann antwortet: „Meinen Schlüssel.“ Nun suchen beide. Schließlich will der Polizist wissen, ob der Mann sicher ist, den Schlüssel gerade hier verloren zu haben, und jener antwortet: „Nein, nicht hier, sondern dort hinten – aber dort ist es viel zu finster.“

Wer aber – fragten Sie sich vielleicht – würde sich schon so absurd verhalten wie der Mann im Beispiel vom verlorenen Schlüssel? Er weiß doch ganz genau und sagt es dem Polizisten auch, dass das Gesuchte nicht dort liegt, wo er es sucht. Zugegeben, es ist schwieriger, etwas im Dunkeln (der Vergangenheit) statt unter dem Lichtkegel (der Gegenwart) zu finden, aber darüber hinaus beweist der Witz doch gar nichts. (Paul Watzlawick „Anleitung zum Unglücklichsein“ – Der verlorene Schlüssel oder „mehr desselben“, 1983).

Gerade nun ist die „Peking“ frisch renoviert auf ihren Liegeplatz in den Museumsbereich des Hamburger Hafens verholt worden. Ein Schwesterschiff, die „Pamir“, ist 1957 auf tragische Weise verloren gegangen. In Kenntnis einiger Details, nicht nur aus der Seeamtsverhandlung, sondern auch durch Tatsachenberichte von Fahrensleuten im Freundeskreis und in meiner Familie, kann ich zusammengefasst verschiedene Faktoren als Ursache angeben, nicht zuletzt die Tatsache, dass Getreide zum Ende der Segelschiffszeit ausschließlich in der Form von Schüttgut die Fracht an Bord war und nicht mehr in Säcken an Bord kam, wie ursprünglich. Ein Dampfschiff, das typischerweise auf ebenem Kiel unterwegs fuhr, kam mit der losen Gerste zurecht, das Segelschiff, welches durch den seitlichen Wind die meiste Zeit gekrängt segelte, kam mit der hineingeschütteten Ladung in die Gefahr, dass diese nach Lee verrutschte. Das war auf der „Pamir“ passiert, und nun fällt es schwer, einen Schuldigen für die Katastrophe zu benennen. Geschüttete Gerste kannst du nicht bestrafen. Die Zeit der frachtfahrenden Segelschiffe war 1957 definitiv vorbei.

Einen Schiffsuntergang kann man durchaus mit jedem anderen Unglück in Vergleich bringen, auch eine Erkrankung ist ein Unglücksfall. Die Menschen lernten damals, dass Seefahrerromantik nicht ausreicht, ein großes Segelschiff in Betrieb zu halten. Die Reederei Laisz hatte ihren großartigen Segler längst ausgemustert, und es waren Enthusiasten, die in den fünfziger Jahren einen Neuanfang mit den Schwestern „Pamir“ und „Passat“ aus ideologischen Motiven begannen, mit dem fatalen Ende. Der „Passat“, die heute in Travemünde als Museumsschiff erhalten ist, erging es mit verrutschter Ladung beinahe zur selben Zeit auf einer Reise mit Getreide an Bord ganz ähnlich. Der Sturm war weniger heftig, das Fluten eines Ballasttanks in Luv mit Wasser stabilisierte das Windschiff, und nach der Katastrophe mit dem Schwesterschiff probierte niemand mehr, diese Art der Seefahrt noch fortzuführen.

Wir können das Beispiel nutzen, darüber nachzudenken, wie generell Schwierigkeiten entstehen und wie die Situation zum Besseren geändert werden kann, gerade weil es oft der Fall ist, dass aus einer Notlage Schlimmeres die Folge ist. Wie kommt das?

Scheitern gilt verächtlich als nicht korrekt. Cancel Culture, der nicht zu verzeihende Fehler bedeutet das Ende? Härter als uns die Natur mit ihrem Wetter und allerlei Gefahren straft, urteilt und verurteilt manch’ Mensch den anderen: „Lass mich in Ruh!“ Die Post wird geblockt – Schluss! Beziehung gescheitert. Texte aus dem Gebirge und vom Menschen, der den eigenen Berg bezwingen muss, wenn er überleben will: Reinhold Messner im Interview, er hat ein Buch mit Briefen aus dem Himalaja veröffentlicht.

# Manche Ihrer Briefe sind ja auch durchaus Dokumente des Scheiterns, niemals aber der Frustration.

„Ich habe früh gelernt, das Scheitern zu akzeptieren, sonst wäre ich nicht am Leben geblieben. Das Scheitern gehört ganz wesentlich dazu und zum Teil schenkt es uns sogar stärkere Erfahrungen als der Erfolg. Wenn etwas so locker vom Hocker geht, vielleicht sogar leichter als man es sich vorgestellt hat, dann bleibt nicht viel an Erfahrung, Emotion und Selbsterkenntnis. Wenn ich mich bemühe, aber scheitere und das Scheitern auch noch einen dramatischen Verlauf nimmt, dann bleibt mir sehr viel. Im Grunde kommen auch wir Bergsteiger nur mit Versuch und Irrtum weiter. Und wenn ich den Irrtum und das Scheitern nicht zulasse, sondern mich zwinge, den Tod in Kauf zu nehmen, um Erfolg zu haben, dann lebe ich bei diesem Tun nicht lange. (Schleswig-Holstein am Wochenende, Interview mit Reinhold Messner; Joachim Schmitz, 12./13. September 2020).

Die „Pamir-Katastrophe“ – es gab nach dem Untergang eine Seeamtsverhandlung, mein Großvater war als Zeuge geladen. Er war viele Jahre zuvor als Jungmann (das ist so etwa wie Matrose) auf dem Schiff gefahren. Damals war die „Pamir“ nur eines von vielen Schiffen, die mit Salpeterladung aus Südamerika unterwegs waren. Die „Pamir“ war zu der Zeit mit nur etwa knapp dreißig Mann Besatzung unterwegs wie üblich. Bei einer schnellen Verschlechterung des Wetters benötigte man die gesamte Besatzung, um eines der großen Untersegel zu bergen. Das bedeutete stets vorausschauend zu handeln. Auf der anderen Seite galt es schon damals, schnell zu reisen. „Zeit ist Geld“ ist keine neue Erfindung. Und vor 1930 war es ein Geschäft, mit einer Viermastbark Ladung zu segeln. Schnell zu segeln, heißt die maximale Anzahl an Segeln zu setzten. Segeln bedeutet aber auch heil ankommen, wenn das Wetter schlecht wird.

Bevor mein Großvater in die Verhandlung gebeten wurde, stand man mit einigen alten Laisz-Fahrensleuten auf dem Gang des Gerichts vor dem dafür bestimmten Saal, der sich bereits mit vielen Beteiligten füllte. „Wenn se di frogt, dann segg man, wi hebt dor nix mehr mit to dohn“, gaben sie Heinz mit auf den Weg. Das war mehr als ein guter Rat, beinahe eine Anweisung. Das gibt die Möglichkeit einen Bogen in die Neuzeit zu schlagen und die Themen zu verbinden: „Bewährungsstrafe nach Schock-Unfall“ titelt das Schenefelder Tageblatt am Dienstag anfangs der Woche. „Fahrer war in den Gegenverkehr geraten / Richter sieht keinen Suizid-Versuch“ (Cornelia Sprenger, 08.09.2020). Der schwere Unfall sollte nach Ansicht der Staatsanwältin zu einer Haftstrafe von sechs Jahren führen, da der Angeklagte bewusst den Tod eines entgegenkommenden Fahrzeugs in Kauf genommen habe, weil er durch den Unfall Suizid begehen wollte. Der Richter beurteilte den Fall anders und fand im Schuldspruch zu einer Bewährungsstrafe aufgrund übermüdeten Fahrens unter Alkoholeinfluss.

Wenn jemand Selbstmord begehen will und scheitert, nimmt die Gesellschaft an, er sei krank. Das allein ist bereits eine Bewertung, denn wenn jemand Fieber hat und ein Test das Ergebnis bringt, dass es sich um ein bekanntes Virus handelt, ist es keine Frage der Einschätzung des Arztes, sondern ein zu belegendes Krankheitsmerkmal mit klar umrissenen Faktoren. Es gibt kein Suizid-Virus oder eine Krankheit, die Rahsegler versinken lässt. Interessant für eine Verbesserung der aktuellen Situation, wie mit psychisch erkrankten Mitgliedern unserer Gesellschaft umgegangen wird, ist die Erkenntnis, dass die Vergangenheit zu einem Instrument wird, die Zukunft zu gestalten. In einer Gerichtsverhandlung wird das deutlich. Die Bewertung der Katastrophe führt zur Weichenstellung, nicht die Katastrophe selbst. Da sind also zwei Faktoren, wer war aktiv beteiligt und hat möglicherweise schlimmer gemacht, was noch gut hätte ausgehen können, und wer siegt schlussendlich im Bewerten des Vergangenen? Das Bewerten soll der Findung einer inzwischen vergangenen Wahrheit dienen, die niemand kennt. Damit kann ein Schuldspruch allenfalls die Fassung der stärksten Argumente einer insgesamt unbekannten Wahrheit sein. Es siegt also der selbstbewussteste Bewerter und nicht die Gerechtigkeit, was soll das auch sein?

Hier genau liegt die unglaubliche Chance, unser Leben zum Besseren zu wenden. Nach einem Schock anders weiterzumachen kann nur dann gelingen, wenn wir die Möglichkeit dazu bekommen. Es liegt nicht in unserer Macht, die Vergangenheit zu ändern. Wir können sie aber zu unseren Gunsten bewerten, und wir können Unterstützer finden. Die Vergangenheit ist der Stoff, mit dem viele Berufe arbeiten. Menschen sind das Material, ihr früheres Verhalten ist, wie das Holz des Tischlers für einen Stuhl oder Schrank, der Stoff, aus dem der Staatsanwalt eine Bewertung formt und womit er seinen Lebensunterhalt verdient.

Kein Polizist könnte aktiv werden, wenn nicht gegen das Gesetz verstoßen würde, kein Brandmeister löschen ohne Feuer. Warum wird ein junger Mensch den Beruf des Psychiaters für sich aussuchen? Das wissen wir ja nicht, aber es kann nicht bestritten werden, dass einige Berufe bedeuten, Macht und Einfluss über andere zu haben, in einer Art und Weise, die nicht mit dem Verhältnis von Chef und Angestellten verglichen werden kann, wo ein Vertrag die Parteien direkt bindet. Der Gang zum Arzt ist ein Schritt dahin, grundsätzlich zu vertrauen. Das kann bitter enden. Die Konfrontation mit der Polizei bedingt das Vertrauen in den Rechtsstaat, und sich für eine Politik zu entscheiden, indem wir wählen gehen, ist mit einem Vertrauensvorschuss begründet. Wer dem Arzt nicht vertraut, muss sich selbst kurieren. Wer der Polizei misstraut, muss zu schweigen lernen und nach den eigene Gesetzen handeln, mit den möglichen Konsequenzen. Und nicht mehr wählen gehen? Je größer der Anteil derjenigen in der Gesellschaft ist, die für sich diese Entscheidung treffen, desto kranker ist das System insgesamt. Es geht also immer um Vertrauen.

Abhängigkeit auszunutzen, ist ein Vertrauensmissbrauch. Ein Reeder, der ein Schiff unter Bedingungen in See gehen lässt, deren Gefahren ihm klar sind, muss alles tun, die Risiken in Relation zur Mannschaft an Bord einzugrenzen. Das gilt im nächsten Schritt für den Kapitän, denn die Matrosen an Bord sind an seine Weisung gebunden. Eine Mutter, die ihren Sohn nicht aus der Abhängigkeit frei gibt, ist sich ihrer Fehler weit weniger bewusst als ein verantwortungsloser Chef. Und ein Kind das unter solchen Bedingungen erwachsen werden soll, wird nur äußerlich altern aber emotional unreif sein. Hier können wir wieder die Frage nach der Normalität und der Krankheit auf der anderen Seite stellen. Es gibt erwachsene Muttersöhnchen, die finden sich selbst normal. Bleibt die Frage, wie lange es mit der jeweiligen Partnerin funktioniert, und ab welchem Punkt die Abhängigkeit zur Mama krank ist? Das Problem ist vor allem dann eines, wenn das Abhängigsein eines an die früher gewohnte Situation ist. Dann ist die Vergangenheit der Klotz unter Wasser.

Eine so gar nicht mehr aktive Abhängigkeit bekommt gerade dadurch ihre fatale Dynamik, dass sie nicht real im Raum steht. Die Fantasie bindet, zieht uns unvermutet wie in die Tiefe unter Wasser, wo der unterbewusste Haken im Grund festgebissen an die gar nicht mehr existente Bindung liegt. Das lässt uns spontan den Pfad des Normalen verlassen. Etwa, als wären wir abgesegelt, ohne ankerauf zu gehen, und nach einiger Zeit rucken wir in die Kette. Wenn wir den Anker nicht mit der Fahrt des Schiffes ausbrechen, werden wir unser Rigg einbüßen. Nach der Entmastung können wir mit dem Nachdenken beginnen und von vorn zu leben beginnen. Was ist der ganz persönliche Anker, an dem wir bösartigerweise und unbekannterweise hängen?

Je unklarer das Problem ist, desto mehr Licht benötigen wir, das Dunkel der Vergangenheit zu beleuchten, um den Schlüssel zu finden, der uns begreiflich macht woran wir krank sind. „Der Seewolf“ von Jack London und „Moby Dick“ von Hermann Melville sind maritime Weltliteratur, und diese Bücher können größer verstanden werden, als reine Abenteuerromane von der See. Ich habe etwas gefunden über einen alten Griechen:

# Sisyphos ist eine Figur der griechischen Mythologie. Er soll um das Jahr 1400 v. Chr. gelebt haben, König zu Korinth und Sohn des Aiolos gewesen sein sowie sich durch große Weisheit ausgezeichnet und stark zur Vergrößerung Korinths beigetragen haben. Heute bekannt ist er vor allem in seiner Funktion im Volksglauben als Schalk, gerissenes Schlitzohr und Urbild des Menschen und Götter verachtenden „Frevlers“, dem es durch skrupellose Schlauheit mehrfach gelingt, trickreich den Tod zu überlisten und den Zustrom zum Hades zu sperren, indem er den Todesgott Thanatos fesselt. Nach dessen Befreiung wird Sisyphos festgesetzt, aber es gelingt dem Toten mit einer List erneut ins Leben zurückzukehren: Er befiehlt seiner Frau, der Plejade Merope, ihn nicht zu bestatten und keine Totenopfer für ihn darzubringen. Um dieses Ärgernis zu regeln, entlässt Thanatos ihn noch einmal ins Leben, woraufhin Sisyphos dem Tod ein weiteres Mal entgeht. Sprichwörtlich ist die Sisyphos ereilende Strafe geworden. Homer nennt keinen Grund für die Strafe, weshalb schon in der Antike verschiedene Autoren unterschiedliche Gründe dafür angeben: Einmal wird Sisyphos für seine Renitenz dem Gott Thanatos gegenüber bestraft, einmal für seine Verschlagenheit, einmal weil er den Göttervater Zeus an den Flussgott Asopos verrät, weil jener dessen Tochter Aigina geraubt hat. Schließlich wird er von Hermes für seinen Frevel in die Unterwelt gezwungen, wo er zur Strafe einen Felsblock auf ewig einen Berg hinaufwälzen muss, der, fast am Gipfel, jedes Mal wieder ins Tal rollt. Dieses Motiv ist schon in der Antike prägend für die Sisyphosrezeption gewesen, heute ist Sisyphusarbeit bzw. Sisyphusaufgabe ein geflügeltes Wort für eine ertraglose und dabei schwere Tätigkeit ohne absehbares Ende. In der Neuzeit wurde Sisyphos durch Albert Camus’ Essay „Der Mythos des Sisyphos“ zu einer Leitfigur des Absurdismus. Diese radikale Neuinterpretation belebte die Sisyphos-Rezeption und regte viele weitere neue Deutungen der Sisyphosfigur an. (Wikipedia).

Da sind nicht wenige, die das Wochenende herbeisehnen, an dem sie nicht arbeiten müssen. Vielen kommt ihr Beruf vor, als müssten sie sinnloses tun? Während der Corona-Krise hat sich für manche eine neue Situation ergeben: Diese Menschen wären froh, wenn sie Arbeit hätten. Stellen wir uns einmal vor, Sisyphos fand’s nicht schlimm aufzuräumen, was gestern schon perfekt war? Im Film „Täglich grüßt das Murmeltier“ mit Bill Murray aus dem Jahr 1993, findet der Protagonist eine sportliche Einstellung zum Problem. Er ist in der Gegenwart gefangen.

Die Beschäftigung mit dem Selbst führt zur Entdeckung des persönlichen Musters, das uns behindert spontaner, angstfreier und beweglicher zu sein.

Wir können die Vergangenheit nicht vergessen, haben sie in Fleisch und Blut gespeichert. Wir haben uns Bewegungsmuster angeeignet, die bei jedem anders organisiert sind. Niemand geht auf die gleiche Art. Einer zieht das rechte Bein ein klein wenig nach, hat einen Fuß bei jedem Schritt ein ganz klein wenig mehr nach außen oder innen gedreht, und eine Schulter wird etwas vorgeschoben, die andere hängt? Es wäre ein Idealzustand, sich vollkommen fließend und leicht zu bewegen, ohne unsere gewohnheitsmäßig eingenommenen Bremsen, die schon deswegen unnötig sind, weil wir leicht bemerken könnten, dass welche sich anders bremsen. Wenn wir unsere Macken kombinierten, kämen wir wohl gar nicht mehr vom Fleck? Und wenn wir nur die guten, fließenden Bewegungen jeweils nutzten, so wie wir uns ein Menü zusammenstellen, dann ist das ein Bild, wie wir durch Beobachtung und Selbstbeobachtung lernen können.

Schließlich kommen wir dem Ideal, dass unsere immer bekannteren Spannungen sehr gering werden können, immer näher. Ein wunderbarer Zustand, aber nicht immer. Am nächsten Tag sind wir scheinbar wieder der Alte, mit den bekannten Bewegungsmustern.

Was ist Feldenkrais-Training? Nachdem uns die Methode vertraut geworden ist, begreifen wir schließlich den Vorteil darin, dass wir (bildlich) immer dieselbe Halle vom bereits bekannten Müll entrümpeln. Das faszinierende Erlebnis steigert sich von Mal zu Mal. Nach einiger Zeit finden wir stets neue Reste, an immer denselben Klemm-Stellen, die noch ein wenig weiter entrümpelt werden können. Da geht es nicht um Gymnastik. Alles im Menschen hängt aneinander. Gefühle sind in die Muskulatur eingefleischte Geschichten, die mit Erfahrungen verwoben sind. Es ist beinahe in die Vergangenheit zu reisen und dort anpacken. Wir entdecken verspannte Angewohnheiten und können sie heute lösen! Das ist viel mehr, als Ratgeber zu lesen oder einen Therapeuten aufzusuchen, der Trost spendet in seiner Reflexion. Das ist aufräumen, wegbaggern, den Anker ausbrechen und alte, schlechte Zähne ziehen.

Es tut sich was im Körper, und wir verhalten uns anders. Als wären wir im Raum der Vergangenheit unterwegs und können ihr auf der Straße begegnen. Als hätten wir ein Modell unserer eigenen Geschichte. Wir können in eine neue Welt gehen, als wäre wieder „Damals“ – und entfernen Macken, die uns behinderten. Wir kennen uns. Die Gerümpel sind kleiner geworden. Sie liegen immer in denselben, vertrauten Ecken. So wie die Hausfrau weiß, wo der Staub zuerst wiederkommt, nach dem wöchentlichen Putzen.

Morgen fangen wir von vorne an, die bekannten Brocken von früher aus unsren Zimmern wegzuräumen. Die Berge sind wieder kleiner geworden. Wer freut sich da nicht, Ordnung zu schaffen? Es ist leicht, wenn die Räume vertraut sind und die Aufgaben schrumpfen. Heute Hügel, und morgen schwache Bodenwellen, die wir locker überfahren? Auf See hieße das: Aus Sturm wird Gutwetter und bald eine angenehme Brise!

Ahab fuhr los, den weißen Wal zu töten, und sein Schiff versank, riss die Mannschaft in den Tod – bis auf Ismael. Der schwamm noch Tage im Meer, bis ein Schoner ihn aufgefischt hat. Ahab, die harte Nummer. Rache an der Vergangenheit, und da war kein friedlicher Ankerplatz im Ozean zu finden. Moby Dick; nicht jeder kennt seinen eigenen Walfisch – das ist die innerste Motivation, die uns immer wieder treibt, morgens das Bett zu verlassen, aufzustehen und in den neuen Tag hinauszusegeln.

# „Und ich bin allein entronnen, dass ich dir’s ansagte.“ Hiob (Hermann Melville „Moby Dick“ – Nachrede, 1851).

🙂