Das Bild der Lemminge, die sich in den Abgrund stürzen: So ist der Mensch, der nicht für sich allein entscheidet. In den Abgrund fallen auch Menschen, die integriert sind. Gemeint ist ein emotionaler Abgrund. Der simple Glaube, nur wie die anderen handeln zu müssen, damit alles richtig sei: Job, Partner, Auto und Urlaub wie man einen macht – das ist der Weg der Normalen. Dass Ehen scheitern, einige Menschen den bösen Krebs bekommen, der Job verloren gehen kann und viele Befürchtungen mehr; sie werden ausgeblendet. Dass das Übel einen selbst trifft? Die Angst wird dadurch in Schach gehalten, dass der eigene Weg normal (und deswegen korrekt) ist. Dabei ist die Chance, dass ein normales Leben gelingt rechnerisch so groß nicht? Ausblenden. Ein individuelles und damit weniger normales Ego, scheint noch schwieriger zu sein.

Das Leben fordert seinen Preis. Der Mensch hat keinen Knopf hinter dem Ohr, den wir, genug vom Leben, einfach drücken könnten: uns für immer abschalten. Die Szene im Kino, Gewalt-Attacke, Selbstmord – im Film entsteht ein Bild der Welt, eine eigene Logik. Kaum jemandem scheint klar zu sein, dass es in der Realität nicht mal so eben verfügbar ist: der Schlag in das Gesicht des Widersachers oder der Sprung vom Dach in den eigenen Tod. Manche konsumieren Serienkrimis wie Schokolade, für sie bleibt alles der Film da draußen. Konsequent über die Kreativität ins Selbst zu gehen, wird dazu führen, in diese Handlung einzutreten. Es heißt, von nun an aufzupassen. Die Abgründe in den Geschichten werden reale Löcher in das unergründliche Nichts.

Wer sich aus dem Verbund der Lemminge gelöst hat, den normalen Weg verlassen hat, dem geht es wie Mose und seinen Leuten in der Wüste. Es ist die Suche nach einer besseren Welt und wenn diese ganz weit weg ist; ein gelobtes Land. Das Verlassen der Konventionen ist der Weg in ein unwirtliches Terrain. Eine Gegend, in der vertraute Beziehungen nicht funktionieren, und hier muss der Mensch kämpfen, sich behaupten oder tatsächlich aufgeben. Das eigene Selbst zu suchen, bedeutet Teil des Films zu werden, Schauspieler einer eigenen Rolle, über entsprechend starke Motivation zu verfügen. Der Zuschauer ist überrascht, was passiert! Der Mensch kann nun tun, was ein Mensch tun kann, wenn er sich nicht an normales Verhalten gebunden empfindet.

Das ist der Beginn der inneren Freiheit. Und ein Leben mit Risiken. Der Preis ist hoch. Da ist kein Halt mehr an vertrauten Landmarken. Das neue Ideal ist ein zukunftsloses Leben, es findet in der Gegenwart statt. Wer weiß, was morgen ist? Wenn wir die Normalität verlassen, betreten wir die reale Welt. Und niemand weiß, wie diese beschaffen ist. Unser Ideal ist nun die feste Überzeugung, dass das Leben der anderen eins hinter der Maske ist. Dazu dürfen wir annehmen, dass viele sich dieser Tarnung nicht bewusst sind. Wir benötigen keinen Sonntags-Mord mit Kommissar Soundso oder Soko-Dingsbums im TV – wir fürchten den realen Kommissar genauso wie den leibhaftigen Einbrecher. In der echten Welt können wir ihnen jederzeit begegnen. Und wir wissen nicht, welche Rolle wir in ihren Augen spielen. Die Normalität ist die Normalität der anderen.

Ich glaube, dass es keine Normalität gibt und insofern die Menschen der Gesellschaft auch keine Lemminge sind, die geschlossen dekadent in den Abgrund gehen. Für mich sieht es nur so aus. Ich halte das für meinen subjektiven Eindruck, gebe mich dem in deprimierenden Augenblicken auch ganz hin. Meine Vermutung ist trotzdem, dass die anderen Leben ihre Höhen und Tiefen haben wie meins auch. Insofern ist der Begriff der Normalität ein eng beschränkendes Wort und keinesfalls die breite Wirklichkeit dessen, was die meisten von uns tun oder sind. Normalität kann die Fessel sein, die ich mir auferlege, wenn ich mich schäme oder ein schlechtes Gewissen habe: Das darf man nicht. Normalität kann verbales Kampfargument sein: Das tut man nicht!

Kreatives Leben befreit vom Zwang, einer Norm zu folgen, die es in Wahrheit gar nicht gibt. Wir sind so uniform nicht, als dass wir geschlossen untergehen. Angepasst an das imaginär Normale verkümmert man auf seine Art, im Glauben, wie alle anderen handeln zu müssen. Aber „alle anderen“ – das gibt es so gar nicht. Ein Selbstbeschiss. Er wird genährt durch das, was wir lesen, ansehen oder mit den Freunden teilen, die doch nicht so sind wie wir selbst. Wir reden uns das nur ein. Um einen sicheren Rahmen zu schaffen, suchen wir die Ordnung unserer Gruppe.

Wer gehört zu wem oder bleibt außen vor und was gehört sich, was nicht? Ich spreche eine junge Frau in einer Bar an, die ich wiedererkenne. Ich habe sie vor einem Jahr schon einmal dort gesehen, mich ein wenig mit ihr unterhalten (sie ist sehr hübsch). Mir ist aufgefallen, dass sie im Jahr davor dort gekellnert hat. Inzwischen ist sie Gast und redet mit Freunden; jünger, es könnten Kinder von mir sein. Ich kann es nun nicht lassen, quatsche sie an und versuche einen Anfang zu finden. Ich erinnere mich dran, dass sie Linkshänder ist.

Ich zähle Persönlichkeiten auf: Chaplin, Leonardo da Vinci, Barack Obama. Um mich beliebt zu machen, finde ich eine Reihe von sympathischen Prominenten, die alle Linkshänder sind. Da kommt es zum Missverständnis: „Obama nicht“, sagt sie. Für mich klingt das, was sie nun sagt, als wäre der ehemalige Präsident mit einem Mal kein Linkshänder mehr – weil er bei ihr und ihren Freunden gerade aussortiert wurde, als einer, der nicht authentisch sei? Wir reden aneinander vorbei: Obama. Man hätte ja gedacht, dass – er habe aber zuletzt wiederholt enttäuscht. Sie erzählt auf meine Nachfrage, dass sie singt und eine CD produziert hat, die ab der nächsten Woche zu kaufen ist – und ich verpasse es, diesem Gespräch noch eine gute Wendung zu geben.

Geblieben ist dieser skurrile Moment: Wir folgen Obama nicht mehr. Wir waren Linkshänder – und er ist nun bei den anderen? Klar, das war ein Missverständnis, dem Geräuschpegel der Umgebung geschuldet, und was habe ich auch eine Studentin anzuquatschen. Peinlich genug ist es ja.

Obama hat die Hand gewechselt.

🙂

Jahreswechsel, und ich denke: Jeden Tag beginnt eine neue Welt.