Bei einem Seminar der Feuerwehr warnt der Seelsorger: „Die Posttraumatische Belastungsstörung kann jeden treffen!“ Er will deutlich machen, dass es hier nicht um Weicheier geht, die es gäbe, und härtere Kameraden. Ob es stimmt? Der Referent steigt selbst ein wenig in seiner eigenen Wichtigkeit auf, weil er allen auf einmal drohen kann, nicht nur den „Mädels“. Es lässt sich kaum beweisen, wenn nach dem Einsatz der geschockte Kollege Meyer ausfällt und Krüger nicht, dass es diesen gleichwohl getroffen hätte, wenn – ja, was wäre der Grund? Typisch Psychiater, sie möchten Bescheid wissen und können nichts belegen. Auch Zwillinge erleben die Tage verschieden, machen eigene Erfahrungen, kommen in der Summe der Erkenntnisse nie beieinander an.

Das Katastrophentrauma, auf jeden Fall eine schöne Sache für den Betroffenen und seinen Psychiater. Hier ist ein Mensch gekommen, der kann zunächst einmal nichts dafür zu leiden, weil ein bestimmtes Ereignis Schuld am Problem ist. Das befreit Therapeuten und Patienten gleichermaßen vom Stigma, in der pathologischen Psychoecke zu manövrieren, sagen zu können, keine auf die Person bezogene Schwäche wäre der Grund. Das ist das beste Arbeitsfeld. Der Kranke ist wirklich krank, es gibt einen bekannten (und anerkannten) Auslöser des Leidens. Er kann nichts dafür, weil es anderen schon genauso passiert ist. Ganz gewöhnliche Helfer haben das manchmal. Das trifft nicht nur Spinner, Frauen und Zartbesaitete: Selbsthilfegruppe? Derbe Schale, weicher Kern. Der starke Feuerwehrmann ist normal, obwohl er zum Psychodoktor muss. Doku im Fernsehen, die Krankheit ist erforscht. Wie eine Jacke kann sie jedem angezogen werden. Da kommt es nicht drauf an, was derjenige drunter trägt, bereits mitgebracht hat. Interessierte werden im Netz informiert.

# Die Begriffe Posttraumatische Belastungsstörung, Posttraumatisches Belastungssyndrom, Posttraumatisches Stresssyndrom oder das englische Posttraumatic Stress Disorder (PTSD) werden gleichbedeutend verwendet. Die psychische Erkrankung wird gemäß der internationalen Klassifikation ICD-10 den Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen zugeordnet. (Neurologen und Psychiater im Netz, Informationsportal zur psychischen Gesundheit und Nervenerkrankungen, herausgegeben von Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie aus Deutschland und der Schweiz).

Da kann der Fachmann richtig auf die Kacke hauen, was da alles untersucht wurde. Wie viel Studium und Theorie hinter diesen Krankheiten steht: Genau bezeichnet, eingeordnet und welche Pille wie hoch als Dosis im speziellen Fall die richtige sei; das ist echte Medizin. Sie gründet auf langjähriger Forschung und kann ihre Wichtigkeit entsprechend aufplustern. Patienten sind gern bereit mitzumachen? Anders sieht das Ganze aus, wenn alle im Dunkeln tappen. Die Diagnose wird schwierig, wenn ein Verrückter nicht weiß woher’s kommt und der Arzt zunächst Detektiv spielt.

Es könnte einfacher sein. Wir könnten behaupten, die Probleme kämen immer von außen und seien untrennbar vom ganzen Betroffenen, seinem Körper, den persönlichen Erfahrungen. Dann müssten wir den Menschen insgesamt ernst nehmen. Die Erkrankung wäre nicht statisch der Begriff, die Diagnose, ein einziges, momentan zu bezeichnendes Ding. Da hätte, würden wir realistisch sein und die Sache als solche zugeben, eine Entwicklung stattgefunden und schreitet noch fort. Die Krankheit wäre nicht mehr allgemein die von jedermann, sondern viele Faktoren infizierten den Menschen, durch die persönliche Einschätzungen der Umstände, die der Patient auf seine Weise bewertet. Andere kämen mit derselben Situation klar, die ihn aus der Bahn wirft. Vom Arzt und der Gesellschaft respektiert, wäre so jemand krank, ohne eine Krankheit zu haben. Wir sollten uns dazu durchringen, einzusehen, dass weder eine bauliche Macke, etwa ein Gen oder eine Beschädigung in der Kindheit Schuld daran ist, die das Normalsein für immer amputiert hat, noch eine Krankheit diagnostiziert werden müsste, weil es symptomatisch anderen ähnlich geht.

Wir könnten die Theorie der Verhaltensauffälligkeiten insgesamt neu formulieren. Statt die Störungen in einem Buch zu sammeln wie Dosen im Regal und diese dem Kranken zuzuordnen, verstünden wir zu leben als dynamisch. Eine Diagnose neigt dazu, psychisches Leid als schuldhaft ertapptes Übel – vergleichbar dem Tumor, den es zu behandeln gilt, bis dieser Feind eliminiert wurde – dinghaft festzunageln. Das möchten wir gern: wegschneiden, was kränkt? Die Vergangenheit annehmen und zu integrieren wird gesagt, sei wichtig, aber wie es zu machen sei, sich zusammenzureißen, können nur wenige uns beibringen. Vielleicht wäre es hilfreicher, Psyche und Körper als ohnehin zusammenhängend mit gemeinsamer Erfahrung zu begreifen? Anstelle von psychosomatischen Krankheiten zu reden und diese nur als weitere Gruppe zu benennen: Dann hätte jeder das Werkzeug, sich zu einen bereits in der Hand, und das Gerede von der gespaltenen Persönlichkeit wäre keine dumme Worthülse mehr. Die Anleitung zur Selbsterforschung könnte geschrieben werden, statt nach „Borderline“und „Burnout“ zukünftig weitere, moderne Begriffe zu kreieren, definieren. Das Dumme im Verhalten der prinzipiell Intelligenten dürfte ehrlich aufgedeckt werden, statt zu bemerken, emotionale Intelligenz gäbe es auch noch und etwa positiven Stress.

Die bessere Sicht auf uns wäre nicht statisch: „Ich bin halt so“, sondern variabel mit der Perspektive einer Entwicklung. Und statt das Ziel zu fixieren, den Tag zu erreichen an dem alles gut sein wird, könnte die Gegenwart beweglicher sein. Eine Erzählung dieses dynamischen Lebens wären Erlebnisse, aber kein Roman. Die Geschichte dazu müsste geschrieben werden. Alle Elemente zusammen machen krank; worin besteht die verbindende Erfahrung? Was passierte, wird erst spät klar. Der Betroffene spürt es nicht, und wird von Gefühlen übermannt. Der Arzt scheint Bescheid zu wissen, da er einen Namen dafür hat und andere genauso reagieren? Ein Fehler, so zu denken! Die Krankheit ist ein vielfältiger Gegner, der sich aufspaltet und immer neue Visagen präsentiert. Das ist ein Eindringling, der sich schließlich vermehrt, ein visionäres Virus der Fantasie. Ein intellektuelles Problem infizierte den Armen, hat sich im System eingenistet. Die Angst ist an Bord! Ratten sind in jedes Schapp und sämtliche Backskisten gekrochen. Das Übel hat Gehirnzellen, Körperteile, Organe und Extremitäten befallen.

Dann kommt noch der Psychiater an Bord: schwere Schlagseite! Der Fachmann für geistige Probleme stellt seine Einschätzung über die Erfahrungen des Patienten. Der Arzt kennt vergleichbare Fälle. Man lehrte ihm, was es alles gibt. Wie die Muskulatur an den Rippen seines Kunden hakt, während dieser atmet, bemerkt der Psychiater nicht. Er konzentriert sich auf seine Diagnose und was im Fall übereintreffender Verhaltensweisen mit bekannten Fällen empfohlen wird. Der Schizophrene bemerkt Spannungen im Leib genauso wenig. Dann beginnt die Reise mit dem neuen Lotsen an Bord, die bekannten Therapien. Der Arzt begleitet seinen Patienten oft ein Leben lang. Manche Kranke wechseln noch, bis sie zufrieden sind. Andere verschleißen mehrere Fachärzte im Laufe der Zeit, weil diese Rentner wurden, ohne dass die Patienten genesen sind.

Warum kann die Psychiatrie nicht begreifen, dass ihre Krankheiten Erklärungsprinzipien sind? Eine Diagnose mag angehen, wenn ich Internist bin. „Sie haben Gürtelrose“, sagt der Hausarzt etwa. Das will der Psychiater auch können. Er möchte Anerkennung und so tun, als wäre er ein richtiger Arzt. Er entdeckt: „Der Patient hat eine X-Z1-Paranoia nach Kategorie 4“, verschleiert das noch gemäß dem Rat, niemand zu überlasten und drückt sich entsprechend aus. Das Prinzip, die Krankheit sei wie ein Ding an sich und erforscht, behält er bei. Das ist vollkommen falsch, aber es stört diese Fachrichtung nicht, weil man es eben so macht. Die Behandlung kommt um das Mittel der Manipulation nicht herum? Das wird dem latent paranoiden Patienten nicht helfen und kann durch perfide Alltagsverarsche noch getoppt werden. Seitdem der Aufmerksamkeit heischende Begriff des „Profilers“ Allgemeingut geworden ist, können wir uns vorstellen, wie ein Netz um den Auffälligen gespannt werden könnte (und der kann es sich selbst auch ausmalen).

Psychiatrische Gutachten und das Entwickeln eines Profils, wie ein Sonderling sich entwickeln wird, entsprechen den Problemen der Wettervorhersage. Eine Krankheit, kaum mehr als einen Begriff dafür, der aufgrund von Beobachtungen, Symptomen und Diagnose dem Kranken zugeschrieben wird, sollte dieser nicht „haben“. Ich kann, um das Beispiel von oben aufzugreifen, eine Jacke besitzen, ein Auto haben, aber eine Ehefrau werde ich wohl kaum „haben“ (obwohl es umgangssprachlich schon mal gesagt wird), weil diese sich nicht in meinem Besitz befindet, ein Eigenleben darstellt. Ein Grippe zu haben, weil sie im Menschen bekannte Veränderungen wie Fieber, Kopfschmerzen und Schnupfen auslöst, macht Sinn. Einen Minderwertigkeitskomplex kann ich nicht haben, weil das dem einen dies bedeutet und anderen jenes. Wenn der eine Schizophrene gewalttätig wird, andere katatone Verkrampfungen ausleben, ist die Ausgangslage warum es geschieht kompliziert genug. Mit dem jeweiligen Menschen selbst zu beginnen, anstelle Krankheiten aus dem Lehrbuch zu diagnostizieren, wäre besser.

Wenn ein Grippevirus den Menschen außer Gefecht setzt, laufen ähnliche Prozesse bei jedem Betroffenen ab und der Arzt kann zielgenau therapieren. Das Verhalten der Kranken wird als rational und mehr oder weniger klug nur ausnahmsweise einbezogen. Wer mit hohem Fieber noch arbeitet, ist dumm aber nicht krank im Geiste. „Bleiben Sie zu Hause im Bett!“, ist eine Anweisung, der man folgen kann. „Bleiben Sie zu Hause, bis die Psychose aufhört“, wäre ein kaum umzusetzender Rat (wenn der Kranke von einem zum nächsten Moment nicht weiß, was er tut). Könnte sichergestellt werden, dass die nötige Dosis passender Psychopharmaka eingenommen wird, ist die Möglichkeit, eine Krise in der Wohnung allein abzuwettern, theoretisch gegeben. Die Medikation ist nur bedingt zuverlässig, wenn der Patient unzuverlässig reagiert. Das kann auf seine Konstitution und sein Krankheitsbild bezogen eine Unsicherheit bedeuten, die unsere Gesellschaft allgemein und seine Angehörigen im Besonderen an die Belastungsgrenze bringen. Deswegen wird das Umfeld dazu neigen, Druck auszuüben. Verantwortliche stellen Sicherheit über das Bestreben, den Kranken risikoreiche Wege gehen zu lassen, mit dem Ziel, auf zukünftige Behandlungen zu verzichten. Zu oft enttäuscht, bestätigen weitere, unkontrollierbare Vorfälle die Begleitpersonen, den Rahmen enger zu ziehen und das entwürdigende Schicksal, jemanden dauerhaft zu betreuen, als das Beste zu wollen.

Psychisch krank zu sein wurde anerkanntes Problem, schuf eine medizinische Fachrichtung. Diese will sein, wie die Kollegen in der richtigen Medizin. Wir messen oder probieren zu analysieren, was im Gehirn eines Kranken passiert. Die Ergebnisse werden mit denen anderer Kranken verglichen. Eine Liste der Erkenntnisse kann in Relation zum Verhalten strukturiert werden. Nun möchte eine grundsätzliche Einordnung oberhalb und die jeweils differenzierte Untergruppe zur Diagnostik formuliert werden; beispielsweise der schizophrene Formenkreis. Dann entwickelt man eine Medikation und redet, entwickelt Aufgaben und Verhaltensmaßnahmen. So werden Äpfel mit Birnen verglichen: Nehmen wir an, wir wüssten genau, was im Gehirn bei einer Psychose falsch läuft beim Dopamin. Dann entspricht diese Beobachtung der vom Wirken des Fiebers bei einer Infektion. Während wir dort unterscheiden können, ob Bakterien ursächlich sind oder ein Virus, weiß kein Psychiater die genaue Ursache einer Psychose einzugrenzen, das auslösende aktuelle Geschehen in Relation zum Erlebten, eine nicht auszuschließende erblich bedingte Komponente. Da sind individuelle Motive, und diese können nicht ein greifbares Ding sein, wie ein Gedächtnis zwar lokalisiert wird, aber seine Inhalte nur ungefähr beschreibbar sind. Eine individuelle Benutzungsweise des Gehirns, unter Verwendung unbekannter Inhalte am gemessenen Ort sind eine dürftige Bestandsaufnahme. Ein krankes Gehirn mag Fehlfunktionen aufweisen. Deswegen kennen wir die Dinge, die dort abgespeichert wurden, noch lange nicht und können nicht voraussagen, zu welchen Kombinationen der Patient neigen wird, wie er reagiert, wenn weitere Ereignisse relativ zu seinem Handeln geschehen.

Der gut behandelbare Traumakomplex sollte nachdenklich machen. Eine Vergewaltigung oder das Dabeisein am Flugzeugabsturz zeigen, dass Befürchtungen die Fantasie beflügeln. Diese visionäre Kraft kann anschließend unbeherrschbare Wege einschlagen. Menschen werden handlungs- und arbeitsunfähig, wenn entsprechende Erlebnisse verstören. Die Gründe, Angst nicht zu erkennen, weil keine Vergewaltigung beschreibbar ist und die Auswirkungen auf das eigene System nicht spüren zu können, weil Furcht sich maskiert, könnten am Besten gelöst werden, wenn wir Mittel nutzten, individuelle Muster zu erkennen und selbst auflösen. Natürlich kann es eine Hilfe sein zu reden. Nachts im Bett ist man aber allein mit sich und der Furcht.

Menschen neigen dazu, sich auf das zu konzentrieren, was sie tun. Das ist nicht selten ein fixierter Tunnelblick, nur wie durch ein kleines Guckloch informiert, eilig voran zu machen. Obwohl unsere Informationen vom Drumherum immer eine Selektion sind, die so vieles gar nicht miteinbeziehen kann, weil wir schlicht nicht wissen, was unsretwegen passiert und was nicht, wählen wir je nach der momentanen Einschätzung eine Version der Realität, die augenblicklichen Erwartungen entspricht. Das Wirklichkeitsbild kann nur so gut sein wie unsere Kommunikation und Reflexion der Umgebung, in Relation zur Erwartungshaltung, was alles bedeutet. Statt nun der Einbildung zu folgen, etwas begriffen zu haben, wäre es möglich wahrzunehmen, wer und wo wir sind und wie sich’s anfühlt, innezuhalten, neu abzuwägen. Das kann jeder Gesunde.

Anstelle sich mit dem Arzt, seiner Medizin und der zugeschriebenen Diagnose zu beschäftigen, würden Kenntnisse des eigenen Empfindens nützen. Diese spürbar zu machen, wäre die Aufgabe eines Trainers. Eine Krankheit als solche anzunehmen macht die Lage kaum gut. Ein Stigma ist nicht hilfreich. Die eigene Intelligenz wieder nutzen zu können, könnte wirkliche Besserung bringen, individuelle Wertschätzung möglich machen. Diesen Weg muss ein Betroffener selbst finden, und das ist nach rund hundert Jahren seit Freud traurig.

Niemand kann Gott verprügeln oder der Welt selbst einen Tritt verpassen nach einer unfassbaren Katastrophe. Das mag der Kern eines Traumas sein, hilflos und überfordert waren wir. Einem Vergewaltiger gegenüber hätten wir uns wehren können; die Frage nistet sich ein, warum taten wir’s nicht? Als Kind waren wir dem Einfluss des Elternhauses ausgesetzt und dieses war schlecht, hat uns überfordert und verwirrt, das kommt vor. Niemand kann in die Vergangenheit reisen und sie korrigieren. Das mag ein Problem sein? Menschen werden durchgängig nach einer OP, das ist wie eine Psychose. „Delir“ ist ein modernes Wort dafür, „rallig“ sagt die erfahrene Schwester der Anästhesie. Eine Schwangerschaftsdepression nimmt schon mal dieselben Züge an. Eine einmalige Episode meistens, während der geübte Schizophrene sein Leben lang Wiederholungstäter werden kann, Täter gegen sich selbst und gegen andere.

Gewalt ist zunächst einmal ein Teil dieser Welt. Insofern ist sich zu wehren legitim. Die Zivilisation verlangt uns einiges an Stil ab, das zu tun. Verfügbare Mittel gegen Gewalt und Überforderung sind, den eigenen Angriff zu wagen oder voller Körperspannung zu warten, bis es vorbei ist. Schließlich kann uns gegeben sein wegzulaufen, statt sich zu wehren. Dreimal selbst Gewalt resp. Kraft stehen dem Gesunden zur Verfügung, wenn Angst das beherrschende Gefühl ist: Spannung im Leib erzeugen, Muskeln zur Flucht in Höchstleistung versetzen oder selbst schlagen, treten, kratzen, beißen.

# Der ganze Mensch

Funktional und von der Struktur ähneln sich Menschen ziemlich. Sie unterscheiden sich durch individuellen Erfahrungen. Das Wissen prägt sich nicht nur in die „Rinde“ seines Gehirns ein, der Mensch lernt insgesamt. Wer ein Tennisspiel gewinnen kann, weiß seinen Körper entsprechend zu verwenden, wie in jedem Beruf spezielle Bewegungen nötig sind. Modernes Homeoffice macht deutlich, dass ergonomische Arbeitsplätze nicht grundlos entwickelt wurden, um orthopädische Beschwerden am Arbeitsplatz zu vermeiden. Nett zu Hause arbeiten, ist nicht jedermanns stressfreie Zone.

Die Idee eines Daseins nach dem Tod übersteigt unsere Vorstellungskraft schon deswegen, weil wir uns in der Summe nicht außerhalb vom Körper, seinen Extremitäten und ganzheitlicher Erfahrungen begreifen, untrennbar ein Individuum sind. Wer möchte als Rind wiedergeboren sein? Noch dazu krank, heilig zwar, aber mit Wahnvorstellungen aus früheren Episoden des Lebens durch Mumbai strolchen. Diesen Vorteil gäbe es: Eine psychisch kranke Kuh könnte andere nicht mit einer Axt angreifen. Wie aber fühlt sich’s an, das Jenseits im Zustand der Demenz ewiglich zu erleben? Darüber müssten Rentner im Seniorenstift nachdenken, denen der baldige Tod gewiss ist. Das Beste inklusive Jungbrunnen erwarten manche da oben im Himmel.

Körper und Geist getrennt darzustellen, ist eine Abstraktion. Obwohl es vertraute Begriffe sind, helfen sie gerade nicht, Menschen und Verhalten zu kennen. Wir spalten die Person. Damit verzettelt sich mancher mehr als gut ist. Der Titel einer intelligenten Theorie lautet im Original: „Body and Mature Behaviour“ und nicht „Weg zum reifen Selbst“, wie die deutsche Übersetzung. Ärzte sind spezialisiert und handeln isoliert. Der studierte Weißkittel einer geschlossenen Station glaubt nicht selten an den kranken Geist für sich genommen. Ohne Konzept lässt man Desorientierte basteln und malen, weil das in der Regeln gut tut und bietet Entspannungseinheiten nach Jacobson oder als billigen Abklatsch Feldenkrais für (geistig) Arme an. Ärzte überhöhen sich, ohne Erfolge belegen zu können. Wenn es dem Patienten besser geht, bleibt der exakte Grund, warum ihm das gelungen ist, dieser nicht wirklich zu entschlüsselnde Multikomplex aus Faktoren; wie schon bei der Suche nach der Ursache einer Erkrankung das Übel vielfältig gewesen ist. Keinesfalls wird der behandelnde psychiatrische Arzt etwas in der Art seiner Kollegen aus den anderen Fachbereichen gemacht haben, das nachweislich wie ein neues Hüftgelenk operativ Besserung bringt, wenn etwa der orthopädische Chirurg seinen Auftrag bekam. Wir sollten die Spürbarkeit der menschlichen Struktur nutzen, ihre Funktionalität zu bessern und Verstörten die Ordnung im Körper lehren, der Angst einen individuellen Rahmen zu setzten. Das hieße therapeutisch auf die Intelligenz der Kranken zu setzen und dürfte gesellschaftlich schwierig zu etablieren sein. Je nach Schwere der Verhaltensauffälligkeit müssten auch neue Ansätze an bekannte, unüberwindbare Grenzen stoßen. Immerhin, es wurden Fortschritte gemacht; es könnte aber besser sein in der Psychiatrie. Besonders der Allgemeinheit nützte klügeres Denken anstelle stereotyper Darstellungen der Presse.

# Es gibt keine psychischen Krankheiten

Es gibt keinen kranken Kopf, der nicht seine Beine zum Laufen nimmt oder die Arme schwingt, mit denen er Aktivitäten startet. Krank ist immer der ganze Mensch, wenn wir vom „Geisteskranken“ reden. Spannung, Fluchtkräfte, Angriff: Diese drei Funktionen setzt ein psychisch Kranker unkontrolliert frei, gegen andere, und ein selbstbeschädigender Angriff auf die eigene Person ist auch denkbar. Der Einsatz von Psychopharmaka möchte diese Energien zu vermeiden helfen. Das gewohnte Prinzip der Maßnahmen, zusammen mit einer auf Mäßigung hinwirkenden Therapie, wird die Probleme oft genug verewigen. Warum genügt es der Gesellschaft, ihre kranken Mitglieder auf vielfältige Weise auszusortieren? Nach wie vor diktiert die Hilflosigkeit gegenüber den Problemen unser Handeln.

Amok wird zur alltäglichen Bedrohung. Ein ums andere Mal entsetzt die zur Schau gestellte Fachlichkeit der Verantwortlichen, die in Wirklichkeit nicht wissen, was sie tun. Einen anderen kennen, hieße sich selbst kennen, sagt man. Bei psychisch Kranken eine Höchstanforderung für diejenigen, denen solche quasi an die Hand gegeben sind. Berufsbezogen übernehmen nicht wenige die Aufgabe zu helfen. Das ist in der Realität viel schwieriger, als man sich’s normalerweise vorstellt.

Wir wollen gut sein, nicht strafen, stattdessen helfen. Man möchte wegsperren, aber Schuldunfähigkeit feststellen. Es klingt wie: „Wir waschen unsere Hände in Unschuld“, und „das ist kein Gefängnis.“ Würde die Psychiatrie ihre Behandelten in überschaubarer Zeit dauerhaft gesund machen, könnte sie als anerkannte Fakultät einen Ehrenplatz in der Gesellschaft haben. Sie sperrt in erster Linie weg, doktert weiter herum wie man’s kennt. Das verschriebene Medikament, die Fußfessel am Bein der frei herumlaufenden Sexualstraftäter sind weitere Einfälle, die erdacht wurden, anstelle echter Integration moderne Käfige um diese Menschen herum zu basteln. Das macht die Betroffenen zornig und listig, nun gerade Rache zu nehmen, wie es immer wieder passiert. Gelehrt werden müsste die dosierte Anwendung unserer Kräfte, wie die Gesunden sich einen Platz in der Gesellschaft ja auch erst erkämpfen. Es ist bekanntlich noch kein Meister vom Himmel gefallen.

Manche Tante nimmt an einer Friedenswerkstatt Teil und verschrobene Langbartonkel möchten Frieden schaffen ohne Waffen, aber diese Leute erträgt die Gesellschaft als Spinner. Wenn sie sich wenigstens gegen Corona impfen ließen, meinen viele und nicht etwa radikal für den gewaltfreien Frieden ihre Steine schmeißen.

Und genau hier beginnt das Problem: Niemand möchte Gewalt erleben. Kein Psychiater will die Verantwortung übernehmen, wenn ein Patient ausrastet. Wenn die Gesellschaft nicht wahrhaben mag, dass Aggression in ihrer brutalsten Form wie im dosierten Gebrauch, sich effektiv im Leben durchzusetzen, das Ergebnis von Angst und Überlebenswillen ist, werden wir weiter im Dunkeln tappen. Wir müssen größere Gefängnisse und Psychiatrien bauen. Wir verspotten weiter Querdenker aller Art, können sie aber nicht verhindern, und vieles wird bleiben, wie es ist.

🙂