„Schönen Tag auch!“, oder einfach gar nicht reagieren. Meine Grenze: Nie wieder Nähe zulassen. Wortlos, grußlos mit leichtem Lächeln passieren, ist das Beste.

Da kommt sie: sommerlich gekleidet, verschämter Blick, ihre Brust zeichnet sich deutlich ab, unter einem hellen Stoff. Sie ist schlank, wie immer. Sie ist schön. Wir kannten uns mal. Sie zieht einen Reiserolli hinter sich her, und ich atme tief durch, gehe einfach weiter. Wieder reden wir nicht. Schiffe, die sich in finsterer Nacht begegnen, am hellen Sommertag. Das war nun unsere fünfte Begegnung kurz hintereinander in den wenigen Wochen, die sie mutmaßlich hier ist. Ich zähle das mit. Andere Straßenseite, ein kurzer Blick – weiter gehen – nicht denken ist besser. Ich hoffe, sie hat dieses Mal nicht noch angefangen zu laufen.

Ich sehe mich nicht um.

Frust ist die Basis. Es ist Montag, und ich bin damit aufgewacht: „Nie wieder“, denke ich. Damit gehe ich durch diesen Tag. Damit ertrage ich jeden Tag. Ich gehe damit zu Bett. Wenn ich nachts aufwache, denke ich: Nie wieder. Ich atme ein, atme aus – und nach einer Stunde spätestens, fühlt es sich sehr gut an. Ich habe das gelernt: Feldenkrais. Nie wieder, denke ich, und dann schlafe ich bis etwa um fünf. Ich stehe früh auf, finde was zu tun, das mir gefällt – und das mache ich dann.

Es ist Montag, und ich war einkaufen. An der Hauptstraße: Stau. Ich schaue in die Gesichter der am Steuer. Es ist gegen elf, und in erster Linie sehe ich, denke ich: dumme, verkrampfte, hässliche Frauen mittleren Alters in dummen, dicken Autos; sie müssen warten, und das können solche nicht, und deswegen sehen sie so bekannt scheiße aus.

Ich habe fertig.

Ich habe ein Atelier, einen Rückzugsort. Ich quatsche gern, aber ich gehe anderen grundsätzlich aus dem Weg. Nie wieder bringe ich mich uneigennützig in die Gesellschaft ein. An (…) gehe ich ebenfalls stumpf vorbei, probiere ihr einstudiertes Plakatgesicht grußlos nachzumachen. Das gelingt meistens. Es funktioniert bei einigen (…) sehr gut. Nie wieder Nähe zulassen, noch zehn, zwanzig Jahre, dann Krankheiten aushalten, sich pflegen lassen – meine Zukunft. Ist doch egal.

Eine stabile, belastbare psychische Gesundheit, mein Ziel; ich bin angekommen.

Nie wieder irgendeine Politik unterstützen, nie wieder wählen gehen und vor allem niemals eine soziale Partei unterstützen. „Mit Stegner Kaffee trinken?“ Das fragt mich heute niemand mehr. Gut so. Natürlich habe ich beim Bürgerentscheid gegen das jahrelang ausgearbeitete Konzept gestimmt. Fein, dass wir es zu Fall bringen konnten. Hauptsache gegenan. Zeit meines Lebens war ich begeisterter Demokrat! Vorbei. Nur noch Spott kommt über meine Lippen, wenn ich die Nachrichten schaue.

Das erste Bier trinke ich so um halb zwölf, manchmal früher. Ich esse fett, ich habe schlechte Zuckerwerte. Ich bin bei über achtzig Kilo. Ich esse zweimal die Woche Eis mit Schlagsahne bei Olli. Ich wasche mich ohne Seife, weil es besser für die Haut ist, und ich gehe nicht zum Friseur. Tanja ist schwanger, und bald ist sie im Mutterschutz; zu einer anderen gehe ich nicht. Die mag ich! Wir haben es immer nett gehabt; aber jetzt in der Corona-Zeit begreife ich, dass es mir vollkommen egal ist, wie ich aussehe. Ich stinke: Ich esse hemmungslos und reichlich Knoblauch, weil mir das schmeckt, und in der Summe dieser hier notierten Sätze und ihrem totalen Frust wird mir klar: Ich bin einfach nur noch eklig. Gut so.

Nie wieder, Leute.

Die Gesellschaft pauschal? „SCHönen guten Tag!“ – ich betone es schon gern mal extra, wie unser alter SPD-Grüßonkel hier im Dorf. Und etwa so viele Leute wie er, kenne ich auch. Da gibt es immer mal einen Plausch. Das kann ich, und ich bin gern nett.

Bis bald, hier an der Straße im Ort laufe ich ja täglich.

🙂