Im Herbst, die Pandemie hatte noch nicht begonnen, war ich im Clubhaus eines Segelvereins am Hafen zu Gast. Wir haben den großen Raum mit Bar und Tanzfläche für eine private Feier nutzen können. Dort hing ein Gemälde von Johannes Holst, ein Viermaster in unruhiger See. Ein Freund meinte: „Du könntest das.“ Das hieß vermutlich: Warum malst du nicht einfach Rahsegler (statt diesen Quatsch)? Ich kann die Frage beantworten, aber ich glaube kaum, dass es interessiert. Jedenfalls auf einer Geburtstagsfeier will niemand ernsthaft diskutieren, warum Segelfreund John so malt, wie er’s tut.

Die Einladung zur eigenen Ausstellung kann mit der Erwartung verknüpft sein, unter Interessierten Inhalte zu teilen und Anerkennung zu erlangen. Das kann funktionieren.

Freundschaften dürfen nicht überstrapaziert werden. Das war eine der Erfahrungen, als ich selbst noch zu Vernissagen eingeladen habe. Ich habe gern ausgestellt und mich sehr über die Anerkennung gefreut. Freunde kamen zur Eröffnung, mein alter Professor lobte meine Malerei. Es war nicht schwierig, voran zu kommen, Leute kennen zu lernen. Anfangs fand ich es ganz einfach. Ein Café oder ein Galerist ist interessiert, selbst kennt man viele, und der Ausrichter der Ausstellung hat einen Mailverteiler. Leicht kommen zahlreiche Besucher vorbei, es gibt zu knabbern, Prosecco, eine Ansprache und Musik. Manchmal wird ein Bild verkauft, im Bereich von wenigen hundert Euro ist es schaffbar. Die Themen müssen dekorativ und inhaltlich unaufgeregt, belanglos sein.

Gerade haben es zwei Schülerinnen auf die Titelseite vom Schenefelder-Tageblatt geschafft. „Himmel“ werden im Rahmen einer Ausstellung vom Kunstkreis gezeigt. Da kommen vermutlich Eltern, Lehrer, Mitschüler und einige verkorkste Menschen, wie sie regelmäßig in kulturelle Veranstaltungen gehen. Die Zeitungs-Frauke wird knipsen, und dann gibt es einen weiteren Beitrag. Morgen sind dann wieder die Karnickelzüchter oder die Sportler von Blau-Weiß dran.

Das ist Deko, fest in Frauenhand. So ist die Kunst in der Provinz, aber mit Kunst hat es nichts zu tun. Ein Ettikettenschwindel. Natürlich, fein ist, dass talentierte Schülerinnen bei Marianne im Kunsthaus eine Ausbildung bekommen und eventuell ist es die Basis für eine gute Ausbildung im kreativen Bereich. Schön ist auch, wenn einige Muttis noch spätberufen zum Pinsel greifen oder angeleitet vom Feierabend-Dozenten mit der Kamera herum dackeln, um ein „Thema“ zu bebildern. Das kann alles eine Startrampe in die Welt der Kunst sein. Das geschieht im Ausnahmefall tatsächlich.

Die Marine-Maler wie Joh. Holst, Schnars-Alquist und andere haben um Anerkennung kämpfen müssen. Sie wurden von den Kennern der großen, richtigen Kunst nur am Rande respektiert. Immerhin haben sie Wertschätzung unter allen, die das Meer kennen, erlangt. Wesentliche Malerei der bis heute verehrten alten und neueren Meister hat die Gesellschaft geprägt, Einfluss genommen, unterhalten. Wie die bekannten Zirkusfamilien Althoff, Krone, Sarrasani, die beliebten Stars aus Theater, Film und Musik, waren zeitgenössische Maler den Menschen allgemein bekannt. Heute ist die Situation für Künstler anders. Nur Liebhaber von Malerei kennen sich aus. Es gibt so viel, wofür wir uns interessieren können. Wenn ich die Generation meiner Eltern frage: alle Segler kennen Maler, die Schiffe gemalt haben.

Man ereiferte sich damals noch immer über die Kunst von Picasso. Die Zeit des Nationalsozialismus war in guter Erinnerung, und die Kunst dieser Jahre war so politisch gewesen, dass Hitler sie als „entartet“ verbieten konnte. Nicht wenige in der Gesellschaft hatten dem zugestimmt. Malerei polarisierte bis in die Zeit, wo sie immer weniger gegenständlich wurde. Menschen störten sich noch daran, als die Kunst neue Wege ging und das Malen anderen Formen des Ausdrucks Platz machte. So wie die breite Masse den Zugang zum Jazz verlor, der mehr und mehr jede Form, Tradition und eingängige Melodie aufgegeben hatte, verstanden die Menschen nicht mehr, was Kunst genannt wurde. Die einfachen melodischen Jazzelemente konnten Amateure der fünfziger Jahre scheinbar imitieren und die frischen Farben und auf den ersten Blick primitiven Formen der modernen Kunst wollten sie gern selbst abmalen.

Mein Vater kopierte den expressiven, kubistischen Stil von Picasso, der immer noch in der Presse diskutiert wurde, für die Bühnen- und Hintergrundbilder der Feste des Segelvereins, und jeder wusste, worum es ging. Picasso lebte ja noch, war aktiv bis in die Siebzigerjahre, und seine Kunst blieb frisch und aktuell. Er war ein die breite Masse faszinierender Mensch, bekannt wie Louis Armstrong oder die Beatles. Heute wird mehr gemalt und mehr ausgestellt als damals – aber das ist gesellschaftlich nicht relevant.

Es gibt keinen Star der Malerei, den jeder kennt.

Meine Eltern bewunderten gute Schiffsmalerei, gelungene Darstellung von Wasser und Himmel. Meine beiden Großväter fuhren zur See. Opa Heinz schenkte mir einen Bildband mit Gemälden von Anton Otto Fischer. Bei Uwe Jarchow, während meiner Ausbildung zum Grafiker und Illustrator, lernte ich die Bilder von Jochen Sachse kennen und im Familienbesitz sind einige Gemälde von Holst. In Bremerhaven sah ich „Nordkap“ von Alquist im Original, und Walter Schulz, der mit Holst segelte und selbst viele Bilder malte, ist der verstorbene Großvater eines guten Freundes. Meine Mutter fotografierte gekonnt, und wir waren ja immer auf dem Wasser.

Vor vielen Jahren war ich Illustrator in freier Mitarbeit. Ich arbeitete, wie es mir gesagt wurde. Am für uns noch ungewohnten, neuen Computer, kreierte ich zeitgemäße Info-Grafik. Ich kam nicht drauf, zu malen. Aber das Interesse daran rumorte bereits im Unterbewusstsein. Um mit Kunst zu beginnen, benötigen wir den inneren Drang, es wirklich zu tun. Es braucht mehr als ein einziges Erlebnis das uns formt, bevor wir ein erstes, eigenes Bild malen, ohne dass ein Lehrer es anregt. Was kann das persönliche Thema sein? Das fragen wir erst, wenn uns klar wird, dass wir grundsätzlich beginnen müssen – weil wir sonst unser Leben und uns selbst verpassen.

Wir laufen nicht mehr weg vor unserem Problem: wer bin ich, will ich sein?

Wasser zu malen, ist nicht einfach. Im NRV-Clubhaus hängt ein großes Bild von Schnars-Alquist. Ein Schoner gleitet eine gewaltige See hinab, das kann man auch als Kunstdruck kaufen. Bei einer opulenten Weihnachtsfeier, mit allerlei Buffet und reichlich wichtigem Publikum eines bekannten maritimen Verlags, durfte ich dabei sein und habe mir das riesige Gemälde genau angesehen: unglaublich! Ich war bestimmt der aller-einzige von allen Gästen an diesem Abend, der dieses großartige und unvergleichlich gelungene Bild überhaupt bemerkt hat. Es nimmt die ganze Wand ein, wie ein großes Fenster, mit Blick auf einen tosenden Atlantik.

Keine hoch gelobte Schülerarbeit zum Thema „Meer“ – echte Ölfarbe, alt, gut und vom anerkannten Maler geschaffen. Das reichte nicht aus, um sich’s anzuschauen? Da waren fast ausschließlich Segler und Gäste, die einen ästhetischen Print produzieren, zur Feier geladen …

Ein guter Freund in der Redaktion hatte bereits vor dem Empfang reichlich Knoblauch gegessen; und das sind die bleibenden Erinnerungen an diese Feier: unmöglich mit Martin zu quatschen, weil er so stinkt – und unglaublich ist dieses Bild.

Niemand sieht sich das an.

Habe ich deswegen mit dem Malen angefangen? Das möchte ich auch können, dachte ich. Leicht konnte man beobachten, dass niemand hinschaut, wenn es nicht eine Vernissage ist und andere sehen, dass man dort ist. Aber ich habe das damals gar nicht begriffen.

Vielleicht der beste Grund, immer weiter zu malen!

Von Edward Hopper heißt es, er liebte das Sonnenlicht in einem Raum (oder auf einer Mauer) zu malen, und viele lesen solche Sätze in einem Buch, aber nur wenige Menschen malen, was sie lieben. Sie malen, wenn überhaupt, was ihnen als Thema gesagt wird. Wenn keiner sie anleitet, hören sie wieder damit auf. Ein eigenes Thema finden und fertig malen? Das ist, was ich mag. Ein langer Weg, es herauszufinden. Das ist ja nicht: Lebe deinen Traum; denn dann hätte ich gewusst, wovon ich träume – und ein Ziel verfolgt.

Ich bin aber ziemlich sicher, dass es dieses Mal ein gutes Wasser wird, in meinem Bild mit dem Floß. Schon allein deswegen werde ich auch fertig mit dieser Fläche von mehr als einem Quadratmeter Leinwand, das ist ein Ziel. Und es kann gelingen. Dafür benötige ich weder einen Lehrer, eine Kunstschule und einen Kunstkreis der das Bild ausstellt oder jemanden, der es kauft. Ich brauche den inneren Antrieb, regelmäßig ein wenig weiter daran zu malen.

Ich male es für mich selbst.

Das andere auf dem Bild? Das zu erklären, dann müsste man ja nicht malen. Inhalte, Themen – Schülerinnen zeigen schon wieder „Himmel“ – na klar. Alexandra findet ein Motiv, textet eine Phrase und bekommt eine gute Note. „Never underestimate your power“ – die talentiert fotografierende Kunst-Studentin titelt auf flickr. Nachdenklich macht dieses Foto: Eine blasse, schlappe Wolke treibt windlos am Horizont …

Das motiviert mich bis heute!

🙂