Wenn Menschen psychisch krank werden, scheint es angesichts einer Vielzahl möglicher Diagnosen unangemessen, zu pauschal gedacht, nach dem grundsätzlichen Übel zu suchen, das allen Störungen zu Grunde liegt. Aber genau das fragen sich die Erkrankten, warum passiert es gerade mir? Was kann ich dafür, nicht normal zu sein, was ist der Grund? Der Arzt muss Lehrmeinung und Erwartungshaltung der Allgemeinheit in Einklang bringen. Seinem Patienten wird der Therapeut mit einer These helfen, die eine Erkrankung zugänglich beschreibt wie etwa Krebs. Jeder glaubt ja zu wissen, was das ist, und insofern hilft es, ein Erklärungsprinzip vorrätig zu haben. Im Einzelfall entwickelt sich die Suche, woran es liegt, aber weiter. Wir Kranken denken: Wüsste ich, woher das bei mir kommt, könnte ich’s selbst abstellen. Der psychisch Kranke erlebt Dysfunktion. Dem Arzt genügen Abnormität der neuronalen Systeme und Hinweise auf die spezielle Verhaltensstörung, die Abgrenzung zu genetischen Abweichungen oder pathologischer Degeneration, um seine Unterstützung anzubieten.

Einigen Patienten reicht das. Zufrieden, wenn ihnen jemand zuhört, sind sie scheinbar bereit, betreut und mit Pillen versorgt, in einem eigens für sie gebaggerten Kanal, der parallel zum Mainstream der normalen Gesellschaft verläuft, wie im Schlepptau ihres Arztes zu fahren. Anderen reicht die Einordnung zum Menschsein zweiter Klasse nicht. Immer wieder brechen sie aus der Behandlung aus, teilweise mit fatalem Ergebnis.

Für die normale, gesunde Gesellschaft ist ein psychisch Kranker ein wenig fremd. In mancherlei Hinsicht: Er passt z. B. nicht in das juristische Recht. Wer Schaden anrichtet und nicht weiß, wie ihm geschieht, dem kann man schlecht das gleiche Strafmaß aufdrücken wie demjenigen, der sich durch die Tat bewusst Vorteile verschafft. Wir erkennen eine Krankheit dann, wenn Menschen sich selbst schaden, wo sich andere klug oder sogar verbrecherisch zum Gewinner machen und unterscheiden dieses Verhalten von der Dummheit. Einen dummen Dieb sperren wir ein. Einen kranken Einbrecher werden wir therapieren; was ist der Unterschied zwischen ihnen? Zunächst einmal erkennen wir die Normalgesundheit daran, dass Menschen sich integriert verhalten. Sie sind klug genug, Erfolg zu erzielen, ohne die Regeln zu verletzen. Dumme Menschen begreifen wir leicht als gesund, ordnen diese aber als unnötigerweise begriffsstutzig ein. Im Spruch „Genie und Wahnsinn lägen dicht beieinander“ drücken wir aus, dass psychisch krank zu sein nicht Einfalt bedeuten muss, es an Intelligenz mangelt.

Wir unterscheiden den Verrückten vom Blöden: dem dummen Menschen. Was ein Einfältiger zu Tage bringt, therapieren wir nicht. Soll der doch selbst machen, wie er’s glaubt? Wer nicht stört, kann eine simple Arbeit tun zum Mindestlohn, wenn überhaupt. Mit dem kann man „es“ machen, denken viele, wenn jemand einfach gestrickt ist. Kranke sind anders, möglicherweise unkontrollierbar? Das Wichtigste ist der Gesellschaft die Sicherheit. Der Arzt führt seine Praxis mit der erklärten Absicht, für die Patienten da zu sein. In erster Linie hilft der Psychiater aber der Gesellschaft insgesamt. Wir brauchen einen Spezialisten, der ggf. die Verantwortung übernimmt, wenn die Patienten dazu nicht in der Lage sind. Obwohl es die unterschiedlichsten psychischen Abnormitäten gibt, jedenfalls die verschiedensten Verhaltensweisen und entsprechende Diagnosen – was doch suggeriert, man kenne sich aus – gelingt es oft nicht, die Betroffenen zum dauerhaft normalgesunden Verhalten richtigzustellen.

Tatsächlich können auch andere Erkrankungen zu einem nicht lösbaren Problem für Leidende werden, falls der Anspruch erhoben wird, ganz gesund zu werden. Alzheimer kennt nur eine Richtung. Parkinson ist nicht heilbar. Multiple Sklerose verläuft schubweise. Diese krankheitsaktiven Phasen sind bei einigen heftig und bedeuten schrittweise, sich vom normalen Leben verabschieden zu müssen. Die Krankheit kann sich auch milde entwickeln und zum Stillstand kommen. Warum das mal so oder anders geschieht, ist offen. Eine wirklich erfolgreiche Heilungsmethode wird nicht angeboten. Eine Vielzahl von Missbildungen begrenzen die Normalität des Menschseins. Wir müssen hinnehmen, dass es diese gibt und wissen nicht, warum es einige trifft, die nun ihr ganzes Leben beeinträchtigt sind. Manche Krankheiten bestehen von Geburt an und bleiben. Einige treten irgendwann auf und sind nicht heilbar. In vielen Fällen kann die Medizin für Erleichterung sorgen, ohne das Versprechen vollständiger Gesundung abzugeben. Insofern darf der Anspruch, psychisch Kranke – vor allem unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Ausprägungen und Verläufe – restlos zu heilen, nicht erhoben werden.

Nach einem grundsätzlichen Ansatz zu suchen, psychische Krankheiten von den anderen zu unterscheiden, wie den Fisch vom Landtier, obwohl man weiß, wie verschieden diese Störungen jeweils daherkommen, scheint aber so abwegig nicht. Schließlich weckt die Therapie doch die Hoffnung, man müsse nur folgsam lernen, um irgendwann gesund zu werden? Könnten Anfangspunkt und These falschen Verhaltens exakt definiert werden, bewegte man sich in die Richtung weg davon, könnte „facing backwards“ navigieren, wie es beim Fliegen heißt und Fortschritte messen, Etmale wie in einer Karte eintragen. Spezialisten gelingt in den meisten Fällen, Krankheiten wie Krebs, Infektionen und organische Dysfunktionen von denen abzusondern, die einer gestörten Psyche mit den unterschiedlichen Ausprägungen Depression, Psychose oder Neurose, Zwangsstörung zugeordnet sind. Nun sollte möglich sein, Therapieziele zu formulieren und Fortschritte zu prüfen. Patienten müssten zum Training finden, dürften nicht beim Hausarzt oder praktischerweise beim Psychiater um die Ecke landen.

Es gibt, um das Beispiel weiter zu verwenden, Menschen, die mögen keinen Fisch. Sie weigern sich, die unterschiedlichen Gerichte, Zubereitungen der allerverschiedensten Meeres- und überhaupt Wasserlebewesen auszuprobieren. Diese schmecken ihnen nicht, sagen sie. Dem Gourmet ist es ein Rätsel, bei der Vielfalt an Geschmacksnuancen, die ein guter Koch hervorzaubern kann, wenn Fisch auf der Karte steht. Es gibt sie aus Fluss und Teich, die Süßwasserfische. Da sind auf der anderen Seite welche aus dem salzigen Meer und der Tiefsee, dem Ozean, inklusive der Krabben, Krebse und Austern, Muscheln und was weiß ich Oktopussen. Wir können dünsten, köcheln, braten und gratinieren, Salate machen, Sushi essen: Die schmecken doch alle verschieden, die Fische. Es gibt Vegetarier aus Überzeugung, aber manche mögen fettes Fleisch, kümmern sich um keinen Rat, wie es sich gehöre, gesund zu essen. Diese kleine Abschweifung mag illustrieren, dass Haarspalterei in den Diagnosen das Eine sind und gelegentlich schwierig zu sagen ist, worin eine psychische Erkrankung besteht, aber auf der anderen Seite eine rote Linie verläuft, die den geistig Gesunden von demjenigen trennt, der zum Psychiater muss. Fisch ist nicht Fleisch.

Und genauso, Luxus der Einbildung, wie sich’s ein Hypochonder einredet, meint wieder geboren, im falschen Körper gefangen zu sein oder mit aufgespritzten Lippen (wie bei Daisy Duckface) sei es gut, gibt es den kranken Kopf wie den gebrochenen Fuß. Die Grauzone aus Lebensüberdruss, Langeweile, Desorientiertheit eines im Wohlstand verlorenen Millionärs oder der arbeitsunwilligen Person, die den Gang zum Arzt als Zeitvertreib aufsucht, endet dort, wo ein Mensch zwangsweise eingewiesen wird, weil es nicht anders geht. Neben den eindeutig pathologischen Fällen finden sich etliche Menschen, deren Normalität als grenzwertig anzusehen ist, obwohl sie mit einem Verhalten aufwarten, dass umgangssprachlich als „bescheuert“ bezeichnet wird. Als Spinner abgewertet, können sie trotzdem auf individuelle Weise integriert leben. Krank ist in erster Linie, wer zum Arzt muss und nicht wer mal hingeht, weil’s gefällt.

Nicht wirklich ein neues Thema; vom Spinner ist es nicht weit zum kultigen Typen, der irgendwie dazugehört. Da stellt sich die Frage, warum gibt es Künstler, und wozu braucht die Gesellschaft ihre Objekte, die Malerei und den vielfältigen Kram, der zwar gelegentlich hochwertig gehandelt wird, aber nicht unbedingt nötig erscheint? Das sind weniger verschiedene Themen, sich näher als Fisch und Fleisch, der normale Mitbürger, auf der anderen Seite die Kunst und die Suche nach dem Grund für psychische Krankheit; warum gibt es das? Es geht um die Existenz: Die individuelle Antwort auf den Lebensentwurf ist so verschieden, wie der Mensch an sich. Das Einfachste wäre wohl, alle machten nur nutzbringende Sachen. Die Handwerksberufe, die Ebene der Führungskräfte, die Sicherheit im Staat, Medizin, Politik, es gäbe ja genug.

Warum beginnen Menschen mit Malerei, beschränken sich nicht wenigstens, wenn es unbedingt sein muss, darauf, die Köter und Enkelkinder der Verwandtschaft, die Brandung vor Sylt oder die Porträts der Kanzler anzufertigen? Warum sind Menschen so blöd, im Wahn einen Amok zu starten, anstelle einfach zu arbeiten und anschließend zu chillen, ficken, was weiß ich? Warum lassen sich nicht alle endlich gegen das Coronavirus impfen usw. – das sind diese Fragen, die sind so unmöglich zu beantworten, wie die nach dem Grund, warum es uns überhaupt gibt. Nichtsdestotrotz ignorieren nicht wenige diese Tatsache und halten verbal auf alles drauf, das ihnen nicht geheuer ist. Besonders, wenn etwas nicht nutzt, sondert Schaden anrichtet. Ausradieren, ignorieren und nicht wahrhaben wollen, das manches zum Dasein auf diesem Planeten dazugehört, ist ihre Haltung.

Ein neuer Ansatz, Spinner, Geisteskranke, Querdenker und Künstler, Andersdenkende schlechthin zu begreifen, wäre, ihnen pauschal Neid vorzuwerfen. Wer nicht mitmacht, einfach normal dabei zu sein wie’s die Masse macht, ist neidisch auf diese Fähigkeit und Duldsamkeit, unter dem sozialen Druck kein Unwohlsein zu spüren? Eine Masse Mensch folgte Adolf Hitler begeistert in das Naziregime. Eine breite Menge trägt die Demokratie, und das sehen wir überall: Eine Mitte der Gesellschaft ist soweit zufrieden, dass sie als normaler Block verstanden werden kann. Ob nun freiheitlich und demokratisch streitend oder uniform in der Diktatur, zunächst einmal gibt es immer den größeren Kern eines Systems. Den Rand bildet der vereinzelte Sprenkler oder gruppierte Andersdenkende, unter Umständen zum Widerstand bereit. Der Innenminister unterscheidet gern den Terrorist vom kranken Einzeltäter im Falle von Attacken, aber zunächst einmal können wir sagen, dass Amok, Geisteskrankheit und dem System keinen Nutzen bringende Menschen den Rand bilden.

Neid als Ausdruck darin zu sehen, würde ein Handlungsfeld bedeuten, wenn wir diese Haltung beschreiben könnten. Durch Zufall, und weil ich als Jugendlicher etwas las, fand ich einen Hinweis darauf, den Neid als Körperfunktion zu isolieren und weniger verbal zu begreifen. Neid gehört zu den unerwünschten Gefühlen. Für viele Menschen finden psychische Krankheiten im Kopf statt. Im Gehirn, das messbar entgleist, finden sie ihren wissenschaftlichen Halt, diese Störung einzuordnen und vergessen gern, dass jeweils ein Körper zum entsprechenden Kopf gehört, der mit seinen Armen und Beinen all diese absurden Dinge macht, die ein Verrückter anstellt. Die meisten Gesunden laufen einigermaßen normal. Die wenigsten psychisch Kranken erwecken den Anschein entspannter Bewegung, aber es gibt auch Momente, in denen sie uns alle übertreffen, manisch aufdrehen, mitreißen und sich besser bewegen als Ottonormal. Sich mit der Bewegung und überhaupt den Spannungen in der Muskulatur auseinanderzusetzen, könnte helfen, „geistige“ Krankheiten als dem ganzen Menschen innewohnend zu begreifen. Was haben Körper und Verhalten gemein? In der Regel verstehen wir den Umgang mit anderen als entweder normal oder zu therapierende Fehlleistung. Dass der Körper eines Verhaltensgestörten anormal funktioniert, wird gern übersehen, wenn es darum geht, diese Störungen in alltägliche, die Existenz verbessernde Handlungen zu ändern. Das ist nicht klug. Leicht kann sogar der Laie den guten Sportler erkennen und den verkrampften Neurotiker. Ein disziplinierter Berufssportler kann sich zudem keine Manie erlauben. Er muss alltäglich funktionell agieren. Daran sollte sich die Psychiatrie orientieren, tut es aber nicht.

# Ein anderer Ansatz

Das schöne Leben der Gesunden? Sie gehen ab wie die Raketen von Bazos oder Musk. Schon in der Schule starten welche durch, sind schöner, und zu leben fällt ihnen scheinbar ganz leicht. Das möchte ich auch; kann man’s lernen? Wir könnten anders handeln. Wir könnten auch anders behandeln, wüssten wir, Gefühle aus dem intellektuellen Begriff hinaus zu nehmen. Denn wenn ich zu jemanden sage, er sei wohl ärgerlich, ängstlich oder neidisch, wird allein diese Zuweisung Zorn hervorrufen. Angenommen, dem einen bedeutet zu neiden eine Gänsehaut und anderen, dass sie schwitzten, würde es helfen, sie wüssten davon. Eine psychische Erkrankung ist schwer fassbar, weil der Betroffene Gefühle nicht zuordnen kann. Während Psychopharmaka ihre emotionale Stabilität zum Preis geistiger Beschränktheit bieten, könnte ein besserer Ansatz die Intelligenz der Kranken anregen. Wer mehr merkt, handelt flexibel und wird konkurrenzfähig mit denen, die er zu kopieren probiert, aber scheitert, weil er nicht weiß, wie und wo er sein System blockiert. Hier müsste die Psychiatrie nicht demontiert werden, sondern erweitert. In dramatischen Fällen ist der moderne Apparat gut aufgestellt. Man hat wirklich Erfahrung. Im Vergleich zum Grusel am Ort früherer Anstalten, wird in der Not auf eine menschliche Weise mit guter Wirksamkeit der Medikamente geholfen. Es fehlt vielmehr daran, einzusehen, dass allein Leben zu retten nicht genügt. Es muss lebenswert sein. Niemand müsste anderen den Erfolg neiden, könnte er handeln wie diese.

Wüssten wir, wo wir unbewusst hemmen, könnten wir damit aufhören. Das ist schwieriger, als etwas zu tun, denn wir müssten etwas lassen, von dem wir nicht wissen, dass wir es tun. Folgen wir aber einem Therapeuten, bewegten wir uns weiter von uns weg. Wir sind dann nichts weniger als der innovative Unternehmensgründer. Unter dem Medikament ist der Behandelte noch weniger flexibel als ohnehin. Therapiert, folgt ein Kranker dem Arzt, bleibt an die Hand genommen, erkennt seine hemmende Körperspannung nicht, kann sich sozial weiter nicht behaupten.

Der erste Schritt hieße, Emotionen daran zu erkennen, was sie – ganz individuell – mit dem eigenen Körper machen oder dem Gesicht. Erfolgreiche lernten, dieses entweder als individuelle Maske in die Welt zu tragen oder sind tatsächlich offen. Normalgesund kann bedeuten mitzulaufen oder mutiger Gestalter sein. Wir scheitern dazwischen. Kranke zerren sich eine Fratze und können das eigene Theaterspiel nicht begreifen, als wüssten sie nicht, wo die Bühne ihr Ende hat und persönliche Intimität gefragt ist. Das Problem kann nicht vom Psychiater gelöst werden, solange dieser nicht sagen kann oder machen, dass sein Klient fühlt, was er tut. Ein neuer Ansatz wäre eine Benutzungsanleitung für Menschen zu konzipieren, die der Patient quasi auf seine Festplatte, das eigene Gehirn herunterlädt.

Neid beschreibt individuell und präzise, was uns geschieht und krank macht, genauer als Angst. Wir möchten etwas, können es nicht bekommen. Angst hindert uns, aber das Gefühl des Neides beinhaltet die persönliche Note, zu sagen was wir uns genau wünschen. Das kombiniert Frust mit Furcht. Wir halten uns zur nötigen Eigenleistung, die wir aufbringen müssten, Ziele zu erreichen, nicht fähig und sind überfordert Befriedigung zu erlangen. Angst ist die Basis, aber Neid ist persönlich. Manche möchten Fußball spielen und andere malen oder Musik machen. Wir fürchten die, denen wir nicht gewachsen sind, uns gegen sie durchzusetzen auf einem eigenen Weg, ja nicht einmal genau zu wissen, wohin die Reise geht; deswegen ist ein unklarer Neid auf andere, denen zu leben scheinbar leicht gelingt, der Angst und Pudels Kern.

# In sehr seltenen Fällen liegt das Herz auf der rechten Seite des Brustkorbes. Mediziner bezeichnen das Phänomen als Dextrokardie. Häufig ist diese Anomalie angeboren, manchmal sind alle Organe des Körpers spiegelverkehrt angeordnet. Durch Verletzungen oder Erkrankungen kann das Herz aber auch erst im Laufe des Lebens nach rechts verlagert werden. (Deutsche Herzstiftung).

Die Organe sind in einer bestimmten Weise im menschlichen Körper untergebracht. In der Regel befindet sich das Herz links. Die meisten Menschen sind Rechtshänder, warum? Während vieles in unserer Existenz mal so oder anders zu sein scheint, sind diese Dinge recht konstant übereinstimmend: Herz links, Rechtshändigkeit. Der Anteil der Linkshänder in der Bevölkerung scheint anzuwachsen, und möglicherweise ernähren sich heute mehr Menschen vegetarisch? Vielleicht wird es zukünftig eine Operation geben, die unser Herz auf die gegenüberliegende Seite bringt weil das für manche besser wäre, die sonst mit falschem Körper lebten, wer weiß? Jemand könnte es behaupten und Follower finden. Funktionelle Symmetrie hieße, mit rechts wie links schreiben zu können, das Fahrrad so- wie andersherum zu besteigen, ein Telefon gleichermaßen am rechten wie linken Ohr zu halten. Das würde bedeuten, beim Warten auf den Bus zu gleichen Teilen der Zeit mal das linke bzw. rechte Bein als „Standbein“ zu nutzen. Menschen, die darin vollkommen wären, nach Belieben mit der rechten oder linken Körperseite Handlungen zu beginnen, dürften wir darin bewundern und möglicherweise beneiden. Das könnte auch unbewusst geschehen, und was würden wir neidisches anstellen, zunächst mit unserem eigenen Leib?

Es kann nicht bestritten werden, dass manche Menschen diesem Ideal – falls es eines ist, die symmetrische Selbstverwendung – nahe kommen und andere weniger. Schneide ich ein Blatt Papier heute mit der rechten Hand, morgen nehme ich die Schere links, ohne groß darauf zu achten; es könnte Menschen geben, die das machen. Einen Anhaltspunkt, ob jemand die Angewohnheit hat, Dinge nur auf eine Weise zu tun, also nicht nur Rechtshänder zu sein, sondern viele Dinge sehr speziell ausführt, müsste sein Gesicht zeigen. Zu individuell an Aufgaben heranzugehen, kann nachteilig sein. Während wir das Besondere bewundern, schauen wir auf das Absonderliche herab. Das betrifft auch das Gesicht unseres Gegenübers; symmetrische Gesichtszüge werden von manchen als vollkommen und schön empfunden, während andere sich an den geringen Abweichungen erfreuen, die einige in die Mimik bringen. Ein einseitig übertrieben schiefes Lächeln, das derjenige gewohnheitsmäßig hinzerrt, während andere frei lachen, mögen die wenigsten.

Das wurde zu meinem persönlichen Problem! Ich sah mich dazu gezwungen, es zu lösen, zumindest Besserung musste sein. Mir fiel das mit den Jahren auf, und es hat mich nicht nur gestört, es wurde zum Gradmesser für emotionale Probleme, wie stark ich zwanghaft eine Gesichtsseite zusammengezogen halte, das kontrolliere ich heute oft. Dazu helfen mir einige Techniken, meine Bewusstheit zu schärfen. Durch die Verbesserung, diese mehr als lästige Angewohnheit abzumildern, sind meine teilweise extremen Kopfschmerzen deutlich zurückgegangen. Nicht nur das. Ich möchte behaupten, dass zwar gern gesagt würde, Symmetrie sei langweilig, aber ausgeglichene Selbstverwendung viele Leiden bessern kann. Es geht wohl nicht an, zu behaupten, wer schief lächle sei krank. Wer aber nicht anders kann, als melancholisch oder einschleimend andere anzugrinsen, könnte erfahren, wie befreiend spontanes Lachen ist. Es scheint nicht haltbar oder kausal darzulegen, wie eine Asymmetrie krank oder gar psychisch krank macht. Wer zwanghaft gestört unter den selbstgeschaffenen Verhaltensweisen leidet, die gerade ihm eingefallen sind, kann neue Wege zu gehen lernen, körpereigene, eingefleischte Muskelkontraktionen erkennen und auflösen.

Darzulegen, warum alles mit dem Gefühl des Neides zusammenhängt, dürfte schwierig werden. Ein Versuch lohnt dennoch. Zunächst eine Anekdote; ich erinnere eine kleine Angeltour in Dänemark und möchte davon erzählen. An anderer Stelle war ich offen, einige Probleme meines Lebens zu verschriftlichen. Meine Ansicht, dass die Kindheit und Jugend uns prägen, zu Gewohnheiten führen, die möglicherweise krank machen, ist bekannt. Ich halte wenig davon, psychische Krankheiten auf Vererbung hin festlegen zu wollen. Keine Veranlagung ist so bindend, wie das, was anschließend, wenn wir erst Teil unserer Umgebung geworden sind, Möglichkeiten fanden, individuelle Wege einzuschlagen, uns im Guten wie Schlechten formt. Gene, mit denen wir ins Leben starten, haben Einfluss auf unser Verhalten. Ihre Aktivität kann sich aber durch Emotionen in Reflexion zur Umgebung ändern. Das Gute daran, es auf diese Weise zu betrachten, ist die Möglichkeit positiver Entwicklung. Die statische Sicht auf die Welt und uns als Person verselbständigt sich. Wir berauben uns der Perspektive, uns noch ändern zu können.

Eltern wollen das Beste unbedingt. Gut gedacht ist aber nicht immer gut gemacht. Im Weiteren ist festzuhalten, das der Begriff „Eltern“ zusammenfügt, was es so nicht gibt. Es ist eine Abstraktion von Familie, Eltern, den Erziehern oder Freunden zu sprechen, denn es verstempelt Individuen im Intellekt. Die Liebe von Vater und Mutter zueinander ist eine gleichermaßen dynamische wie abstrakte Verbalisierung, die auch im Begriff der Mutterliebe zum Kind nichts weiter als einen zusätzlichen Ast wachsen lässt, einen Arm dieser Konstruktion ausfährt, der ein Kind bestenfalls trägt. Wie das genau geschieht, ob es die Arme der Mutter sind, die das Kind halten und schützen oder es die Angewohnheit einer Familie ist, mit Worten Trost zu geben, wenn es mal nicht so gut läuft für einen Heranwachsenden, ist so individuell, dass es sich verbietet zu urteilen, wie es richtig gehöre zu lieben.

Wir waren mit dem Delfin unterwegs im Kleinen Belt, das muss Anfang der Achtziger gewesen sein. Dieser Kielschwerter mit der Baunummer 32 war der Nachfolger unseres Jollenkreuzers, den meine Eltern nur wenige Jahre segelten. Der „Delf“ hatte die Abmessungen einer komfortablen Kieljacht, ging aber nur gut einen Meter tief, was sich auf der Elbe im Tidengewässer auszahlt. Ich habe ein Foto aus dem Jahr 1980 gefunden, das mich mit meinen Eltern im Schlauchboot hinter Fænø vor der Biegung in Richtung Middelfart zeigt. Das kommt so ungefähr hin mit dem Ort und der Zeit in der ich folgendes erlebte. Als Jugendlicher mit fünfzehn oder jedenfalls noch nicht siebzehn Jahren, verbrachte ich die Sommer mit meinen Eltern an Bord. Wir segelten etwa vier Wochen, meistens auf der Ostsee. Zwischen der erwähnten Insel und der Landzunge (auf deren gegenüberliegenden Seite Middelfart liegt), gibt es einen schmalen Wasserarm. Bevor die Marina in eine nahe Bucht gebaut wurde, war das bereits ein beliebter Ankerplatz. Es steht hoher Wald, der gibt Schutz gegen plötzlichen Wind über Nacht und es ist eine Engstelle, an der typischerweise keine Welle steht, idyllisch.

Meine Eltern hatten als Fischhändler in Wedel auch außerhalb des Berufs ein Faible für etwa das Angeln und selbst Zubereiten ihres Lieblingstieres aus dem Meer. Wir schleppten am Bott auf- bzw. abgewickelt Sehne mit wirbelndem Zugblinker nach, fingen Hornhechte. Wir ließen uns an guter Tiefenlinie bei Flaute treiben und pilkten auf Dorsch. „Hört auf!“, mahnte meine Mutter, „wer soll die alle essen?“, wenn wir das Cockpit wie im Rausch vollangelten mit den schönen Fischen. Mein Vater stellte Aalkörbe aus auf Anholt. Er verlegte gelegentlich am Anker eine Reuse. Wir angelten vom Boot und vom Strand aus. Wir aßen andauernd Fisch. Mein Lieblingsessen war gebratener Aal, und den aßen wir sogar einige Male im Restaurant, dem „Aalekrøn“ auf der Insel Møn. Normalerweise gingen meine Eltern in Dänemark mit uns Kindern nicht essen. Das war hier teuer im Vergleich zu den in Hamburg gewohnten Preisen. Meine Mutter kochte hervorragend, auch an Bord, auf dem praktischen, zweiflammigen Gasherd, der auf der Backbordseite gleich am Niedergang montiert war. Die Stücke vom frischen Aal, den mein Vater nach dem Fang etwa in Salz tot laufen ließ (keine freundliche Methode), zuckten noch beim Braten und hatten tatsächlich die Neigung, aus der Pfanne springen zu wollen.

Ich war nicht tierlieb. Als ich klein war, las ich die beliebten Sachkinderbücher von Tessloff- und Bunter Kinder-Kosmos. Als ich zum ersten Mal einen Flusskrebs abgebildet sah, musste mein Vater sofort welche vom Markt mitbringen, die wir dann wie Hummer kochten. Diese genauso, sie kamen mit zusammengebundenen Scheren lebend ins kochende Wasser. Waren sie gar, hatten die Tiere ihre rote Färbung, schmeckten köstlich mit Majonäse. Wir hatten eine eigene Majonäsemaschine im Laden und alles drehte sich um Fische und Delikatessen in unserem Leben, auch im Urlaub auf der Ostsee. Ich las Moby Dick und meine erste Reaktion auf den Walfang war, ein Steak von diesem Riesentier essen zu wollen wie Taschtego. Ich bekam Thunfisch, immerhin.

In einem dieser Jahre ankerten wir an der erwähnten Stelle. Mein Vater machte die Angelruten klar, wir pumpten das Schlauchboot auf. Als die nötigen Vorbereitungen getroffen waren, lösten Erich und ich uns vom Dickschiff und pullten das kleine Beiboot einige hundert Meter an eine mutmaßlich günstige Stelle zum Fischen. Es stand Strom, fast wie auf der Elbe. Das ist im Kleinen Belt nicht ungewöhnlich. Wir verankerten uns in Landnähe zur dunkel bewaldeten Insel, unweit eines anderen Bötchens mit Jugendlichen. Mein Vater bereute bald, derartig nahe zu den Jungs, die ebenfalls angelten, seinen Fischereiplatz gewählt zu haben. Aber man fing hier gut, wie sich schnell zeigte. Wir pilkten glaube ich, kann mich aber irren. Es waren andere Köder vorrätig. Einige Male gingen wir nachts auf die Suche nach Taumetten. Es hätte schönes Angeln sein können an diesem warmen Sommertag im Belt. Die neben uns quatschten die ganze Zeit, dass es nervte: „Angeln Sie gerne?“, wurden wir wiederholt angpreit. Dabei zog der naseweise Typ das Wort ge-äeerne in die Länge, als käme er aus Barmbek oder Wilhelmsburg, jedenfalls wo die Leute das Hamburgische breit und einfach sprechen.

Wir blieben mehr als eine Nacht und Tag hier vor Anker. Nachdem wir die Angelei beendeten, kam es noch dazu, dass wir uns mit dem Nebenlieger (von dem diese Kinder gekommen waren) zu Landgängen verabredeten. In Middelfart ist ein Supermarkt, einige wussten den Weg durch den Wald über die Landzunge. Jugendliche in meinem Alter zu treffen, kam selten vor, oft trafen wir ja auf dänische Besatzungen. Dieser penetrante Frager aus dem anderen Schlauchboot erwies sich bald als einfallsreicher Spielkamerad. Wir verbrachten einige Tage zusammen. Die Eltern vertrugen sich mit meinen ebenfalls, es kam dazu, sich über manches auszutauschen, bis jedes Schiff eigene Wege segelte. Die habe ich nie wieder gesehen und keine detaillierte Erinnerung daran. Aber einen Satz, eine Frage, der ich mich zu stellen hatte, erinnere ich genau. Das war dieser Junge, der mir ein wenig frech und mutiger in Erinnerung ist. Ich musste an „Joschi bummelt durch die Stadt“ denken, das wir im Deutschunterricht lasen, und ich war nicht „Joschi“ bei dieser hier nur gedachten Rollenbesetzung, sondern das angepasste Kind, das den anderen nicht begreift und ein wenig fürchtet.

„Warum ziehst du deinen Mund immer so schief, wenn du mich ansiehst, du lachst so komisch mit nur einer Seite?“, das hat der mich gefragt. Mir war es peinlich, unverständlich; ich konnte es ihm nicht erklären, ja ich glaube, ich begriff zum ersten Mal, dass ich hier von der Normalität offensichtlich abwich und zur schnellen Änderung jedenfalls unfähig war. Der war dann trotzdem nett und klug sowieso, bestimmt machten wir feine Sachen, fanden einiges zu erkunden, dem Alter damals gemäß, wenn man mit den Eltern segelte und so zwischen vierzehn und siebzehn Jahren alt gewesen ist. Es gab kein Internet; dass unsere Kindheit sich vergleichsweise behütet in die Länge gezogen hat, war so ungewöhnlich nicht.

Ich zeichnete fleißig und ließ mich gern dafür loben. Dass sich parallel eine Entwicklungsstörung anbahnte, wurde allgemein übersehen. Als ich noch Jugendlicher war, las ich in einer Zeitschrift über „linksgesichtige“ Künstler. Jemand hatte eine Arbeit verfasst, die untersuchte, dass einige Menschen bevorzugt mit einer Gesichtshälfte aktiver sind, diese Seite „interessanter“ strukturiert sei und wollte belegen, bei gerade musischen, künstlerischen Menschen wäre es deren linke. Als ich vor kurzem Ai Weiwei im Interview sah, musste ich wieder daran denken. Der Chinese zieht seine Augen zu schmalsten Schlitzen zusammen. Trotzdem schien es mir, als kniffe er sein linkes Auge noch mehr zu als die andere Seite, besonders, weil das Licht denken ließ, er krampfe auch seine linke Wange dem Auge nach oben entgegen, kürze also gewohnheitsmäßig die linke Gesichtshälfte. Das ist genau wie ich’s mache und schmerzhaft bewusst. Der hat das auch, überlegte ich. Nicht schwer, den berühmten Kollegen zu googeln. Sein Gesicht erscheint ganz glatt und doch sehr gleichmäßig. Man muss einige Aufnahmen ansehen, um zu verstehen, dass ich mich nicht täusche. Ich habe eine kleine Zeichnung (einfach so, freihändig mit Kugelschreiber) probiert und finde die gut gelungen und ähnlich. Dann habe ich auf seine Mundwinkel geachtet und überlegt, was mir an dem Mann unsympathisch ist. Da ist so eine unbeschreibliche Mischung aus Überheblichkeit, fast weibischer Schnippigkeit und gekränkter Eitelkeit in den dünnen Spitzen der Linie ganz außen zwischen den Lippen, und das mag davon herrühren wie viel Unbill dieser Mann bereits erfahren hat.

Nun ging ich dran, interessehalber die alte Studie meiner Jugendzeit in irgendeiner Form zu finden, gab den Begriff „linksgesichtig“ in die Leiste ein; es erschien beinahe gar nichts. Ich fand ein Dokument für den Unterricht an einer Uni herausgegeben. Dort geht es um die Übersetzung einer geschichtlichen Sprache.

Ich zitiere daraus.

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Das K’iche’ kennt zusammengesetzte Verben, die allerdings nur mit wenigen Verbstämmen belegt und oft nicht eindeutig analysierbar sind. Hierzu gehören insbesondere Ableitungen von dem bedeutungsmäßig schwer fassbaren, von wach »Gesicht« abgeleiteten Verbstamm wachi-j »etwas oder jemanden ein Gesicht geben«, das u. a. »Frucht oder Blüten tragen (von Pflanzen)« bedeuten kann. Ein vorangestelltes Nomen oder Adjektiv bestimmt das Verb adverbial, d. h. es gibt die Art und Weise der Handlung an: moywachi-j »blind machen, d. h. betrügen« oder winaqwachi-j »etwas menschengestaltig machen«. Einige Zusammensetzungen sind idiomatisch: q’aq’wachi-j »eifersüchtig (wörtl. feuergesichtig) machen« oder moxwachi-j »neidisch (wörtl. linksgesichtig) machen«

Der Publizist ist Michael Dürr, mir unbekannt wie sein Aufsatz.

Das Interessante ist, dass jemanden „neidisch zu machen“ hier gleichgesetzt ist mit dem ungewöhnlichen Begriff. Etwas Rechtes zu tun, ist eine bekannte Formulierung und was eine linke Type ist, bedeutet gemeinhin nichts Gutes, warum? Ein bisschen zu spinnen, kann nützlich sein. Einmal angenommen, es kommt nicht von ungefähr, dass so viele Rechtshänder sind oder wir das Herz mehrheitlich links haben? Einiges ist unabänderlich wie die Kindsgeburt durch die Frau. So dürften sich in mancher Formulierung Wahrheiten verbergen, die gern einmal neu betrachtet werden sollten. Hier ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Neidisch zu sein, kann Antrieb werden, Ziele anzustreben und adelt schließlich das negative an diesem Gefühl. Manche hätten mit dem Tennisschläger der Eltern Banjo oder Gitarre nachgeahmt als Kind, meinte Addi Münster, ein in unserer Stadt sich dem traditionellen Jazz verdient gemachter Posaunist einmal, bevor sie ein echtes Instrument bekamen. Sich etwas abzuschauen, das machen welche, die später Künstler sind. Nun reden wir da nicht von Neid. Vielleicht sollten wir es so sehen? Das ist ja nur ein Wort.

Eine nagende Sehnsucht, das wäre so eine leidende Sache, ein Schmachten mit neidvollen Zügen? Wenn wir das Gefühl anschaulicher machten, dürften sich einige in ihrer Migräne wiederfinden (die sie nach einer übertriebenen Bestleistung plagt). Das heißt wohl nicht, dass jemand, der sich links (oder möglicherweise rechts) zusammenzieht, nun zwingend psychisch krank wird? Wir könnten Psyche und Physis mit gutem Ergebnis in unseren Theorien verbinden und lernen, über den Tellerrand zu schauen.

Ich habe mich auf die Suche nach anderen gemacht und etwa Christo gefunden, der ebenfalls seinen linken Mundwinkel hochzieht. Bei dem ist kurioserweise das Auge auf dieser Seite offener. Es wird schwierig, eine entsprechende These zu belegen, wenn man naiv drauflos Gesichter googelt. Claus Kleber, den bekannten Nachrichtensprecher, werden viele asymmetrisch erinnern, aber mit viel Charisma. Und Christo als Neidhammel zu betrachten, würde niemandem einfallen. Dass aber die Mimik, und bei Kleber gut zu sehen, der ganze Körper gewohnheitsmäßig verzogen durchs Leben getragen werden, ist nicht selten. Als ein Beispiel für den effektiven, symmetrisch geformten Sportler mit bester Selbstausnutzung der Muskulatur kommt mir Manuel Neuer in den Sinn.

Es gibt da einen alten Witz.

Diese Zote aus dem vorigen Jahrhundert wollte sicher mehr als unterhalten. Das ist ganz nebenbei eine Geschichte, die so wunderbar illustriert, wie sich jemand buchstäblich anpasst, ja verbiegt bis zum geht nicht mehr. Gut möglich, dass der antiquierte Witz heute anstößig wirkt und sich welche dran stören? Man dürfte, passte man sich Idioten an, nichts mehr sagen, schreiben: Ein Mann lässt sich einen Anzug schneidern, kauft also nicht von der Stange, geht zum Spezialisten. Der ist tatsächlich einer; aber kein Könner mit der Nadel: Dieser Schneider verkauft sich gut. Der neue Anzug, das zeigt sich bei der Anprobe, sitzt schlecht. Der Kunde – sein Naturell ist das des Zaghaften, der sich überzeugen lässt, obschon ihm dabei unwohl ist – der Mann beginnt, einiges am neuen Kleidungsstück, vorsichtig wohlgemerkt, zu monieren. Der Ärmel, hier links, sei doch wohl kürzer? Da stimme offenbar etwas (noch) nicht, meint der Enttäuschte. „Sie müssten sich ein wenig beugen, ja genau so, hier“, der Schneider fasst vorsichtig den Ellenbogen des Irritierten, „den Arm leicht winkeln und die Schulter hängen lassen, dann sieht es gleich viel besser aus“, beginnt er gekonnt, seine Fehler dem Kunden anzunähen. „Die Hose sackt mir von den Hüften“, klagt der Betrogene nun. „Das kommt Ihnen nur so vor“, schmeichelt der Nähfritze, um gleich einen Rat zu geben, wie das Problem zu beheben sei. Der Mann müsse voll einatmen, die Luft anhalten! Da sei der Bauch gewölbt und die Hose halte Platz. Gute und reichliche Mahlzeiten täten ihr übriges, und der Meister empfiehlt jetzt ein Restaurant.

Nicht unwahrscheinlich, dass er den Wirt kennt?

Der einfallsreiche Schneidersmann, weiter frech: „Darf ich?“, öffnet ungeniert die Gürtelschnalle, reißt das Ende beherzt um gleich zwei Löcher fester. „So!“, meint der Schlaue, jetzt halte die Hose doch. Das gute Wirtshaus mit dem fetten Essen wäre gleich um die Ecke, lockt er (charmant feixend) – und beschreibt den Weg.

Ein Hosenbein schiene ihm kürzer, dasselbe Problem wie beim Arm, findet der Kunde, hin- und hergerissen, die Weisungen anzunehmen oder Korrekturen zu verlangen. „Und dieselbe Lösung“, belehrt ihn der Schneider. Er folgt seiner Logik, das verschnittene Ding in jedem Fall „an den Mann zu bringen“, gibt Tipps, der Käufer solle sich hier ein wenig sacken lassen, dort das Becken drehen und so fort. „Winkeln Sie ihr Bein am Knie, stupsen Sie beim Gehen nur kurz die Fußspitze auf den Boden, während Sie auf der anderen Seite mehr mit der Hacke auftreten. Das kann man auch üben“, gibt der Fadenfuchser listig zum Besten – und schiebt den Kunden in Richtung Ladenkasse …

„Heben Sie den linken Fuß einfach immer ein wenig an!“

Er hat Erfolg damit, tatsächlich, der Mann bezahlt und verlässt das Geschäft!

An dieser Stelle wechselt der Witz die Erzählperspektive. Zwei neue Personen werden in die Geschichte eingeführt. Man wartet zufällig gemeinsam an einer Fußgängerampel. Raunt der eine dem anderen zu:

„Sieh mal, dieser Mann dort.“

„Der scheint behindert zu sein, der Arme.“

„Wie schief dieser Krüppel dasteht, oh weh.“

„Aber einen tollen Schneider hat er!“

„Wie angegossen, sitzt dieser Anzug …“

Ich bin überzeugt, dass es nur schwer möglich wäre, auszuloten, was genau das individuelle Muster anderer ist. Aber jeder kann lernen, Spannungen wahrzunehmen, wenn ihm gelehrt würde (am Besten bereits in der Schule), wie das geht. Wer den Mundwinkel hochzieht, gewinnt erst Sympathien, wenn so viel menschliche Reife erreicht wurde, dass daraus eine individuelle Nuance geworden ist. Neid auf andere kann jugendlicher Anfang einer Altlast im Erwachsenenleben sein. Und aus Erfahrung weiß ich, wie viel man sich verbaut, bis es schließlich gelingt, einen gordischen Knoten zu zerschlagen.

🙂