Das Leben ist ein Geschenk. Was kann ich damit machen? Die Sparkasse hatte diese Headline für verschiedene Spots: „Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt.“ Stimmt das? Können wir über uns verfügen, wissen wir, was Wirklichkeit bedeutet oder ist alles Leben mehr oder weniger Blindflug? Was macht Menschen im einzelnen aktiv, die ganze Erde, Heimat und Basis des Lebens, sich drehen – und wie heftig wäre ein Crash, wenn eine Wand in der Umlaufbahn errichtet würde – ein anderer Klotz im All wird falsch geparkt?

Solange die Erde rast, solange das Leben wuselt – alles ist in Bewegung. Wer fragt nach dem Widerstand, wenn es nicht gut läuft, weiß geschickt umzulenken, wenn der Schuh drückt, der Rücken schmerzt? Höher springen als gestern, mehr Geld als der Nachbar verdienen, eine Liebe perfekt machen? Den Unfall vermeiden. Wir können nicht beantworten, warum unser Herz schlägt, aber wir spüren, wann es Zeit wird zu essen. Wir müssen uns nicht zum Atmen aufraffen, es geschieht. Das Herz schlägt, ohne dass wir wissen warum. Wo gehen wir hin?

Leben ist ein Antrieb, wie ein Motor, der immer läuft. Wir sind unterwegs, sogar nachts im Bett. Das Bett rast als Teil der Erde, und wie an Bord von einem Schiff oder im Wagen eines schnellen Zuges, können wir die Kabine zum Deck hin wechseln oder mal in den Speisewagen des Zuges gehen. Das Tempo unseres Fahrzeuges ist die Basis von allem. Wir sollten akzeptieren, dass wir diesen Zug nicht wechseln können und den Zeitpunkt der Abreise verlegen. Wir wissen nicht, wann wir ankommen und wo.

Zunächst werden unsere Eltern bestimmen, mit welchem Wagen wir fahren. Geschenkt und nachgeschenkt: „Das Leben ist ein Traum. Irgendwann wachst du auf“, hat mir ein Freund gesagt. Chaotische Umgebung stößt uns herum! Fahren im ruppigen Gelände, ohne selbst lenken zu können. Ein Traum mit schnellen Szenenwechseln. Erwachsen ist erwachen? Der Unterschied besteht nicht darin, dass Chaos und gestoßen werden ein Ende hat. Wir sind in gewissem Maße steuerungsfähig: „Ich gehe mal in den Speisewagen und trinke ein Bier“, sagen wir, und der Zug rast weiter.

Wir nehmen an, als kleiner Mensch in einer großen Welt herumzulaufen, achten kaum auf die Schwerkraft. Als Baby ist die Sache durchaus anders. Totale Abhängigkeit, interpretiert als gefühlte Allmacht. Fehlt was oder juckt es irgendwo? Schreien genügt – und es passiert etwas. Wirst du gefüttert und eigentlich hat’s dich gejuckt, dann beginnst du eben von Neuem damit, die Mama anzubrüllen. Du bist immer in der Mitte deiner Welt. Drückt etwas gegen deinen Hintern, lernst du, dich auf den Bauch zu drehen. Nach einiger Zeit drückst du den Boden mit Armen und Beinen von dir weg. Die Tante nennt es: „Oh, er krabbelt schon“, aber du weißt nicht, was eine Tante ist, und dass du im Zimmer unterwegs bist. Du drückst nur was weg.

Auf diese Weise bewegst du eine ganze Welt, wie ein Hamster sein Rad dreht. Da ist kein Boden für dich, es gibt keinen Teppich unten oder eine Zimmerdecke oben. Das ist das, was immer drückt, und allein durch drücken und schieben mit deinen Gliedern, kannst du einen Tapetenwechsel machen. Auch Mama drückt dich! Du lernst nun, selbst zu drücken und stoßen. Leben ist Widerstand, manchmal mehr, dann wieder weniger. Halte es dir vom Leib! Schmiege dich an, du bist nicht allein. Selbstschutz ist leicht, solange Mama kommt. Oben oder unten, das macht wenig Sinn für dich. Du weißt, wie weit deine Füße von deinem Mund entfernt sind. Das hast du schnell besser verstanden als manche Erwachsene.

Wir kennen Dinge, die wir erledigen müssen: aufs Klo gehen müssen wir. Wir müssen die Miete bezahlen und pünktlich sein, wenn etwas davon abhängt. Zu leben, kann Kampf darum sein! Wir kennen Vorlieben, Sachen, denen wir gern nachgehen und manches davon ist eine Sucht. Es gibt Zeiten, in denen wir Pflichten ausblenden: genießen, gutes Essen, Sex – mit Freunden abhängen oder irgend ein Spiel machen, Sport, nichts existentielles. Einige lieben die Arbeit.

David Hockney beschreibt, wie er (als Jugendlicher) bemerkte, dass es Menschen gibt, Künstler, die nicht im Auftrag ein Werbeschild (bis nächste Woche) fertigen oder den Hund der Nachbarin porträtieren, sondern Bilder für sich selbst malen. Hockney schreibt, als Kind hätte er angenommen die Bilder im Museum würden nach Feierabend gemalt, wenn die Künstler mit ihren Werbeschildern und Plakaten fertig wären. Das hing damit zusammen, dass in seiner Nachbarschaft sehr wohl Menschen anzutreffen waren, die kreativ arbeiteten: Drucker und Fotografen für die Dorfzeitung oder der Mann, der die Plakate für das Theater malte. Die logische Perspektive für einen talentierten Schüler ist wohl, sich nach Perspektiven umzusehen: „Was soll aus dem Jungen werden?“, werden Eltern, Verwandte gesagt haben. Dazu Lebensweisheiten, typische Tipps, die nicht gerade eine Karriere als professioneller Fußballer, Musiker oder Künstler nahelegen. So sind Eltern. Hockney muss früh mit eigenem Denken begonnen haben, sich frei gemacht haben von dem was gesagt wird. Er begriff bereits zu Beginn seines Lebens, dass Menschen Geld verdienen mit Bildern, die nicht im Auftrag entstanden. Er verstand, Hobby von Kunst zu unterscheiden. Nachdem er es verinnerlicht hatte, konnte er individuell arbeiten.

Bei mir war das durchaus anders. Eine Freundin und ich hatten Anfang der Neunziger in Chicago die Gelegenheit, Dennis Conner kennenzulernen. Uli fragte ihn nach dem Spaß beim Segeln. Das zu tun, was für andere nur Wochenendvergnügen ist, aber die Antwort fiel vergleichsweise brutal aus: kein Spaß, nur Arbeit. Harte Arbeit, wir wären naiv hieß das. Ich war noch (von uns beiden) besonders naiv, ich habe mich nicht einmal getraut, ihn anzusprechen.

Der Blog, es ist wie meine Malerei: Ich schreibe zunächst für mich selbst. (Schreiben sei das Sichtbarmachen von Gedanken, sagte uns Professor Martin Andersch im Studium). Gegenüber nachwachsenden Künstlern (die im Kunstunterricht dahingelobt sind), habe ich auch die Pflicht zu informieren, wie ich über Malerei denke. Es sollte lohnend sein, authentische Kenntnisse und das erreichte Lebensgefühl weiterzugeben, möglichst frei von der Absicht, alles gut wirken zu lassen. Was bringt die Beschäftigung mit Kunst, wenn Anerkennung weniger im Vordergrund steht, als zu malen an sich?

Um den Eindruck nicht nachvollziehbarer Überheblichkeit zu entkräften: Ich bin verheiratet, habe parallel zur Info-Grafik mit Malerei angefangen, nachdem klar wurde, dass ich in der Summe verschiedener Einkommen einen aktiven Hausmann und Papa geben kann. Meine Eltern beteiligten uns an Mieteinnahmen, das hat immer geholfen. Geld ist nicht alles, mache nicht glücklich heißt es, und ich wäre gern normal durchs Leben gegangen. Ich möchte davon abraten, mich zu beneiden. Als junger Erwachsener wurde ich wiederholt aus der Bahn geworfen, und die Basis meines Lebens wurde zu ergründen, warum ich und andere psychisch erkranken. Ich wollte eine so grundsätzliche Antwort über die verschiedenen Diagnosen breit hinweg – und forderte Gesundheit ohne Medikament und Therapie vom Leben und der Gesellschaft zurück. Das ist nun gut gelungen. Es hätte gern schneller gehen können. Ich fand meine Freunde dort, wo ich es nicht vermutet hätte, wegweisend, danke! Wenn ich mich berufen fühle, dann dazu, Erfahrungen hin zu malen- und schreiben.

Dem Arzt genügt die „Begleitung“ des Behandelten. Er findet es nicht verkehrt, Erkrankte nur diagnostisch zu beschreiben, wie in der Biologie verschiedene Arten bezeichnet sind und übliche Medizin anzuwenden. Er versteht sich gern als lebenslanger Anleiter für diejenigen, denen zunächst gar keine Wahl bleibt, da sie unmöglich normal sein können. Ihnen diese Möglichkeit zurück zu geben, das ist ein Ziel, vor dem der Psychiater kapituliert. Er schafft die Alternative pseudonormaler Zukunft. Die eigene Wohnung, eine Arbeit, und dass es zu einer gewissen Anpassung kommt, die je nach Diagnose und Form typischen Ausprägungen kranken Verhaltens milder werden, da geht es hin. Falls die Krankheit schubweise auftritt, wird angestrebt, dass die Schübe weniger heftig sind und seltener. Das sind erfahrungsgemäß erreichbare Ziele, die das Team, bestehend aus Arzt und Patient, erwarten kann.

Dass gerade diese pragmatische Haltung, erreichen zu wollen was typischerweise gelingen kann, ein Nährboden für weitere unerwartete psychotische, aggressive oder depressive Fehlentwicklung ist, die sich zur Überraschung des Arztes trotz seiner Medikation und Therapie ereignen, wird er kaum einsehen wollen. Ein junger Mensch nimmt nicht an, zum parallelen Leben neben den normalen anderen, seinen früheren Mitschülern, bestimmt zu sein. Man erwartet von ihm lebenslang gepaart mit einem Arzt auszuhalten. Ein den Eltern nachfolgender Dauererzieher, der ohne mit dieser Erziehung je zu einem Ende zu kommen zufrieden ist. So ermuntert, in irgendeiner Ausbildung durchzuhalten, damit irgendein Abschluss erreicht wird, darf sich ein Betroffener schon gegängelt fühlen. Psychisch Kranke fühlen aber nicht, das ist ihr Problem.

Die Kraft eines Medikamentes wird unkontrolliertes Aufwallen von Emotionen zu verhindern suchen. Es ist damit der Zeitpunkt des Aufwachens aus dem geleiteten Leben eines Kindes in die Risikobereitschaft verantwortlicher Selbsthandlung bis zum Sanktnimmerleinstag verschoben. Kein Erwachsener kann ohne tiefe Gefühle existieren. Sie sind gerade die Basis seines Erlebens und der Grund, Verstand und Mut zu entwickeln! Damit es nicht zu quasi spätpubertären Schüben, nun mit Gewalt in die Freiheit der anderen auszubrechen oder Resignation und Rückentwicklung kommt, fehlt zunächst die belastbare Theorie, die menschliches Verhalten zuverlässig beschreibt.

Belastbar hieße Messbarkeit der Entwicklung eines jeden, sein Verhalten, Gefühle, Wohlbefinden und auf der anderen Seite: Ängste, Aggression und Ziele des Menschen – das ist schwer zu fassen. Der Psychologe, der Philosoph, der Psychiater, der Soziologe, viele Gurus und nicht zuletzt die Kirche wissen schon Bescheid. Einen Beleg ihres Könnens bleiben sie uns schuldig. Eine rethorische Frage: Warum erbringen sie den Nachweis ihrer jeweiligen Kenntnis nicht dadurch, dass sie entgleiste Mitglieder der Gesellschaft zurück in geregelte Bahn bringen? Weil es unmöglich ist, in einer dynamischen Entwicklung mit unzähligen, daran beteiligten Faktoren und Personen, den exakten Grund und den dafür direkt verantwortlichen Helfer zum persönlichen Erfolg und Wegweiser in das erfüllte Leben zu definieren. Und weil es nicht einmal möglich ist, erfolgreiches Leben zu beschreiben.

Das erklärte Ziel der Gesellschaft ist gar nicht, normalgesundes Verhalten der Erkrankten dauerhaft zu erreichen. Sie werden als Gestörte beruhigt, gelten als auffällig, und wenn der gewohnte Ablauf des Systems wiederhergestellt ist, genügt es. Wem genügt das denn? Zwischen den Träumen, was uns möglich sei, unseren Erwartungen ans Leben und dem Erreichbaren können ganze Welten liegen. Andere mussten auch zurückstecken. Ich konnte nicht dafür kämpfen, meine Träume wahr zu machen: Ich kannte meine Träume gar nicht! Ich nahm nur unklare Sehnsucht wahr. Ich wollte nicht behandelt, wie an der Hand von jemandem leben. Geduldig sein, Patient?

Ich bin nun ein Mensch.

Worin besteht Erfolg und was bestimmt den Wert von Kunst? Ein Kunstsammler sei (selbst) kein Künstler, sagt David Hockney im schon erwähnten Buch. Ein bemerkenswerter Satz, finde ich. Wer sich ein Bild kauft, malt nicht. Wer ein Bild malt, hat es sich verdient und muss es nicht bezahlen. Was ist das wert?

In meinem Fall: Selbstwert. Das Bild, das bin ich. Es ist mehr, als ein Roman für die Schublade. Meine Bilder hängen an der Wand. Es gibt eine Webseite und ich habe ausgestellt, auch verkauft. Das steht nicht im Vordergrund. Eine Entwicklung hat stattgefunden: Das primäre Ziel ist zu malen, fertig zu werden mit der selbst gestellten Aufgabe. So wie ich arbeite, ist das eine langwierige, verzwickte Tätigkeit, bis ich zufrieden bin. Es kommt nicht (mehr) darauf an, von wem auch immer gelobt zu werden oder gut bezahlt. Ich möchte einem ästhetischen und inhaltlichen Problem in der vollen Qualität meiner erlernten Fähigkeit gerecht werden.

Es gibt kein Medikament, das klug macht. Es ist Methode, junge Menschen die nicht klar kommen, in lebenslange Abhängigkeit binden zu wollen, als hätten sie Diabetes. Ich habe nach Unabhängigkeit gesucht. Zwei Menschen fallen mir ein, denen es ähnlich ergangen ist wie mir, die mutmaßlich dem Rat der Umgebung bis heute folgen. Der eine wollte ein „saugeiler“ Saxophonist werden (oder Tischler). Hat er gesagt. Der andere wurde in seiner Ausbildung zum Landschaftsgärtner aus dem normalen Leben gerissen, es ging nicht mehr. Diagnose? Das heißt nicht elegant: Burnout. Wir sind Rohrkrepierer, die nie abgehoben sind.

Um eine attraktive Position in der Gesellschaft auszufüllen, benötigt man das nötige Selbstbewusstsein, dorthin zu gelangen. Als ich jung war, hatte ich das kaum, wusste es aber nicht. Das liegt ja in der Natur der Sache. Selbstbewusstsein ist zunächst ein Wort, etwa wie Intelligenz; das sind abstrakte Verständigungshilfen und weniger zuverlässig als Dingworte in einem Satz: Das blaue Auto fährt auf einen Berg. Hätte jemand zu mir gesagt: „Was machst du?“ Meine Antwort damals möglicherweise: „Ich habe ein Boot“ – leicht ist es, in ein anderes Thema hinüber zu segeln …

Jede Erkrankung verläuft anders. Es gibt keine Definition von Normalität. Behandelt wird, wenn die Fähigkeit eigenverantwortlichen Handelns in Frage gestellt werden kann. Wer sich nicht ums Selbst kümmern kann oder Gefahr ist im Verzug, wem wir die Macht der Gesellschaft aufzwingen können, der ist krank? Ein Kind kann ich zwingen, einen Erwachsenen nur, wenn derjenige das mit sich machen lässt – oder ich sicher sein kann, leicht unterstützt zu werden, wenn Hilfe nötig scheint: Das Gesetz unterstützt die Ordnung. Hier soll nicht diskutiert werden, dass Menschen zu Unrecht untergebracht sind. Die Klinik ist definitiv ein Schutzraum, und moderne Medikamente sind gut wirksam. Notsituationen können in der strukturiert vernetzten Zivilisation gut entspannt werden, und in diesem Text geht es weniger darum, dass die moderne Welt vermehrt psychisch kranke Menschen behandelt, möglicherweise erst hervorbringt.

Viele gehen aus eigenem Antrieb in eine Klinik, zu einem Therapeuten. Sie stören sich nicht daran, medikamentöse Unterstützung und therapeutische Hilfe anzunehmen, wie sie z.B. eine Brille oder die Verwendung von orthopädischen Einlagen in Schuhen gern tolerieren und mit der Vorstellung modernen Menschseins vereinbaren können. Der Rollator ist heute ein vertrautes Alltagsgerät. Die Ausstattung eines aktuell typischen Fahrradfahrers? Für einen Zeitreisenden aus der nahen Vergangenheit gewöhnungsbedürftig! Freiheit und Unabhängigkeit werden weniger verlangt als gleichmäßige Umgebung. Das mag daran liegen, dass Kontrollverlust mehr gefürchtet ist, als individuelle Lebensgestaltung, dem damit verbundenen Risiko. Auch viele moderne gut integrierte Menschen sind mit einer Existenz wie aus dem Baukasten nicht unzufrieden, solange sie nicht isoliert sind und ähnliche und andere Gruppen, in wirtschaftlicher Stellung ober- und unterhalb ihrer eigenen Position erkennbar sind. Ein gesamtgesellschaftlich zufriedenes Irrenhaus mit unmündigen Menschen – wenn eine feste Machtstruktur besonnen regiert, wie in Orwells Roman? Es ist schon vorstellbar.

Einige sind froh, dass man ihnen zuhört. Mich irritiert, wie standardisiert dem Kranken die Hilfe gegeben wird, wenn keine Akutsituation zum Handeln zwingt. Sich die Arme ritzen? Der Trott durch die Einrichtungen: „Wenn ich mit der Therapie fertig bin und anschließend zu Hause, wird alles wie vorher. Mama ist wieder immer da, und es beginnt ja doch von vorn“, so etwa hat es mir eine junge Frau in der Klinik anvertraut. Resignation und intelligentes Begreifen gleichzeitig; das konterkariert jede hochqualifizierte Behandlung mit wenigen lakonischen Sätzen, deprimierend.

Polizeibekannt? Natürlich werden Menschen vom sozialpsychiatrischen Dienst ungefragt helfend an die Hand genommen (wie eine Seniorin, die gar nicht über die Straße möchte). Das passiert, wenn der Staat glaubt, vorausschauend sein zu müssen. Es ist dieser Begriff der „Auffälligkeit“, an dem ich mich störe. Wenn es einfach wäre, Probleme vorauszusehen, so wie wir sagen können: „Dieses Kind hat die Masern“, dann könnten die nötigen Schritte effektiv getan werden. Auf der anderen Seite beschreibt die erschreckend oft wiederkehrende Einordnung: „Der Täter war zuvor unauffällig“, wenn ein Amoklauf stattgefunden hat, dass es uns nicht gelingt, Menschen in Gesellschaft zu sehen und Beteiligte vor einem Rätsel (wie vor einem Ausserirdischen) flüchten, wenn es passiert.

Es ist immer Aggression im Spiel, die sich letztlich gegen den Kranken selbst richtet. Es spielt keine Rolle, wie wir die Erkrankung nennen. Sie ist sozial motiviert. Sie beschädigt den Betroffenen. Sie kann die Umgebung verletzen, zusätzlich, das hängt ja vor allem von der Festigkeit des jeweiligen Außen ab. Bei einer Explosion im Volksfest begreifen die Besucher nicht, dass sie für ihre gesunde Fröhlichkeit bezahlen. Sie kennen den Täter und seinen Neid auf ihr Dasein gar nicht, dem nichts gesünderes zur Verfügung steht, seine Gefühle auszuleben. Eine starke Motivation ist nötig, um gewalttätig zu sein. Wir sollten nie vergessen, dass man es nicht mal so eben fertigbringt. Die breite Spanne des momentanen Lebensgefühls, zwischen dem Glühwein trinkenden Mitglied einer feiernden Gruppe und dem zum gleichen Zeitpunkt seinen Lkw in den Markt lenkenden Attentäter, schockiert besonders, wenn wir uns vorstellen, wie die Rollen der Menschen getauscht werden könnten. Das ist der Moment, wo sich der Normale für menschlich hält und den Amokläufer für außerhalb jeder Vorstellung. Eine gruppenweise organisierte terroristische Tat, ein religiös motivierter Anschlag; in jedem Fall ist der Amokläufer bereit zu sterben! Das ist krank, wie auch immer es anschließend eingeordnet wird. Das ist in der Regel ein Mann, er ist bereit zu intensiver Aggression. Wir sollten annehmen, dass Motive sich Geltung zu verschaffen, wesentlich sind. Zu realisieren ist, dass wir im Fall von Amok auf kurzem Wege die Todesstrafe als Teil unserer Gesetzgebung akzeptieren.

Bei Depression geht es nicht um Traurigkeit, sondern darum, eine ganze Familie unter Dampf und in vermeintlicher Schuld zu halten; das ist aggressiv. Wenn eine junge Frau sich die Arme ritzt, sucht sie ihre Grenze wahrzunehmen und ist aggressiv, zunächst gegen sich selbst. Das übt aber auch Druck auf Eltern und Freunde aus, man fühlt sich zum Mitleid gezwungen. In jedem Fall wird Angst und die Unfähigkeit, sie aktiv gesund einzuordnen, der Grund sein. Statt kanalisierter Risikobereitschaft mit einem taktischen Ziel, das uns gerade deswegen voranbringt, bahnt sich unklare Aggression den Weg.

Was mich zum Nachdenken brachte, war seinerzeit der Fehler in der Argumentation des behandelnden Arztes, ich wäre außerhalb meiner Krankheitsschübe gesund. Es ist anzunehmen, dass damit mein Selbstbewusstsein gestärkt werden sollte. Diese Zeit könne genutzt werden, neue Erkrankungen zu verhindern. Das ist uns aber regelmäßig misslungen. Krank macht, was eindringt wie ein Virus. Auch verbalisierte oder fantasierte Risiken. Es geht uns im Kopf rum, Angst fährt in die Glieder, und einige merken nicht einmal, wie Angst sich anfühlt. Und zwar, weil die das Selbst verletzende Angriffe anderer durch unbewusste und individuell verdrehte Denkweise geradezu in die eigene Psyche hineingebeten werden. Abgrenzung heißt also Abwehr. Dass im Versuch nicht krank zu werden, Aggression das letzte, aber letztlich nachvollziehbare Mittel wird, ist für mich nur zu verständlich. Wem also das Vermeiden jeder heftigen Reaktion wie in das Gehirn geschrieben wurde, ein Gebunden sein im Grundsatz des Ichs, dem wird sich diese Kraft, wie das Leben selbst, einen Weg bahnen, ohne nach Verletzlichkeit zu fragen.

Es gibt den ganzen Tag über Handlungen sich im Lebensweg überkreuzender Personen. Aus großer Entfernung betrachtet, wären das nur wuselnde, rempelnde Teilchen. Dass wir in diesem Prozess noch denken, fühlen und etwas erwarten, wäre aus der Distanz ganz unwesentlich. So betrachtet ist hier nur eine einzige Kraft aktiv. Wie beim Blick auf die Strudel und Schäume im Schraubenwasser eines ablegenden Fährschiffs, würden wir keinem Tropfen im Wasser das Selbst zusprechen. Jeder einzelne Schluck Wasser müsste sich allein darum kümmern, seine Individualität (buchstäblich) nicht zu verwässern. Die eigene Grenze zu definieren, ist unumgänglich und ein individueller Lernprozess, wenn wir nicht die Identität an das Allgemeine verlieren wollen. Ohne eine eindeutige Definition des Selbst, kann sich unser Organismus nicht gesund entwickeln und wird verkümmern.

Ich begann riskanter und mutiger zu werden, wollte bewusst angreifbar werden, mich dabei beobachten, wie ich mich individuell in Schwierigkeiten brachte! Provokation wurde Methode – das fing schon damit an, die Erkrankung zuzugeben. Wer nur freundlich tat, musste ins eigene Messer seines inszenierten Rufmordes laufen, wenn ich zuverlässig blieb und die Spekulationen, was ich in Wahrheit für einer sei, nicht eintrafen. Falsche Freunde raus! Was habe ich dabei gelernt? Zunächst den jeweils eigenen Anteil meiner Angst, also die vielen möglichen Schwierigkeiten, die sich aus einer Aktivität von mir und dem gewünschten Ergebnis ergeben können, wenn etwas nicht klappt. Ich musste mich mit meinen Erwartungen auseinandersetzen. Die Erfahrungen waren ernüchternd. Erst allmählich fand ich einen persönlichen Stil, damit umzugehen, dass ein von mir erwartetes Verhalten anderer sich oft nicht erfüllte. Mir war also nie klar gewesen, wie unzuverlässig nicht nur das Wetter, sondern eigentlich jede Wirklichkeitsvorstellung ist. (Malen hilft).

Ausländer kennen Probleme bei der Wohnungssuche und in anderen Lebensbereichen. Weniger angesehene Mitglieder der Gesellschaft werden ebenfalls ausgegrenzt. Ausgegrenzt sein kränkt, es braucht keine bessere Erklärung, keine Diagnose oder den Spezialisten, um zu begreifen, dass einzig die Fähigkeit innerer Stärke gegen diese Mechanismen hilft. Die Alternative wäre, die krank machende Umgebung zu wechseln, aber wohin? Oder eine Art Schutz zwischen mich und die angreifenden Belastungen durch andere: Medikament, Beichtvater, die individuelle Rüstung? Gut möglich, dass die Pharma so denkt. Psychische Krankheiten sind traumatisch. Wenn Selbstbewusstsein zunächst aus dem Meistern von Schwierigkeiten hergeleitet werden kann – ich spüre meine Körperlichkeit, weiß um meinen Verstand, kenne meine Fähigkeiten, Schwächen, und meistens gelingt es mir, ein Ziel zu erreichen – dann wird schnell klar, wie sehr ein unvermeidbarer Aufenthalt in der Klinik runterzieht.

Ein Teufelskreis, den ich letztendlich nur ohne die Hilfe der Ärzte durchbrechen kann. Mit jedem weiteren Tag der Unterstützung akzeptiere ich eine abhängige Lebenssituation, und die Krankheit ist die Folge von Unselbstständigkeit. Innere Stärke kann durch nichts als den eigenen Lernprozess erworben werden. Das kann natürlich durch eine Art coaching unterstützt werden, und selbstverständlich können Medikamente zeitweise sinnvoll unterstützen. Gefühle und Sensibilität medikamentös zu dämpfen, verhindert jedoch Risiken wahrzunehmen und verlängert den Weg in die Unabhängigkeit. Wie lange und wie bindend soll das sein? Aus diesen Angeboten und Überlegungen ein eigenes Konzept zu formen, ist der nötige Anteil auf dem Weg zum gesunden Selbst.

Jede ausgegrenzte Gruppe kann sich untereinander solidarisieren und daraus Stärke für den einzelnen formen. Das funktioniert aber nur, wenn diese Gruppe sich untereinander sozial verhalten und erkennen kann. Es liegt auf der Hand, dass Menschen mit psychischen Krankheiten kaum so effizient zusammenhalten, wie etwa die afrikanischen Sklaven, die in Amerika noch heute diesen Prozess ihrer Befreiung weiter und weiter gehen. Die Schuld liegt in der Hautfarbe? Da ist klar, dass die Farbe der Schuldigen weiß ist. Es wird schwieriger, wenn der Unterschied nur ein wenig größer ist als die Farbe der Haut, das liegt auf der Hand.

Wenn Männer mit Männern Liebe machen, Männer mit Kindern Liebe machen; die Gesellschaft mobbt nicht grundlos. Es geht um den Zusammenhalt der Gesellschaft insgesamt. Inzucht wurde als Problem erkannt und verboten. Gleichgeschlechtliche Liebe haben Generationen als krank empfunden, und das sehen wir heute anders! Wir konnten uns dazu durchringen, ein drittes Geschlecht: „Divers“ mit einem Wort zu benennen, diese Menschen gibt es in großer Zahl, überfällig. Wir können Sex mit Kindern weiter nicht zulassen – und in der Skizze dieser Aufzählung, sollte ein flexibel denkender Mensch die wahren Errungenschaften unserer Zivilisation begreifen. Es ist nicht einfach, tolerant zu sein. Unterscheidungsfähigkeit muss gelehrt und diskutiert werden: Wir geben dem Bettler, aber wir verschließen unsere Haustür.

Das Problem der psychisch Kranken ist, dass sie durchaus zu Recht ausgegrenzt werden und zudem nicht fähig sind, sich zu solidarisieren, Gefahr ist im Verzug. Helfen bedeutet in jedem Fall sich einzulassen, bestimmt mehr als auf eine andere Hautfarbe. Missbrauch der Helfer kann problematisch sein: Ärztepfusch wird in Zahlen belegt. Soundso viele wurden falsch operiert, am Darm, am Rücken, am Auge – wer wurde falsch therapiert? Wer sich nicht wehrt, wird unter den Tisch gekehrt. Darüber steht nichts in den Statistiken am Jahresende. Die besten Chancen hat ein psychisch Kranker, wenn er nicht mehr krank wird. Dann bleibt weiter die nicht änderbare Vergangenheit, die unter Umständen unvermeidlich bekannt ist, und das ist eine Herausforderung! (Ich nehme sie täglich an).

Heute gibt es nicht selten als Antwort auf die Frage, die Jungs früher mit: „Lokomotivführer“ und Mädchen mit: „Verkäuferin“ beantwortet haben: „Erst ein soziales Jahr und dann studieren.“ Seitdem wir einen Job suchen, mit dem Partner zusammen und ein Arbeitsplatz für uns geschaffen wird, gibt es die Welt von gestern nicht mehr. Ein Buchtitel von Stefan Zweig, ich habe das gelesen: Berufen und verheiratet war man.

Meine Mutter verwendete noch die Anrede „Fräulein“ selbstverständlich, wie die Engländer „Miss“ sagen. Niemand möchte zurück in eine Zeit, die nur von Menschen verklärt wird, die darüber den verbalen Beschiss, den jede Epoche auf ihre Art hatte, ausblenden. Immer wieder werden junge Menschen von Erwachsenen getäuscht, auch wenn es gar nicht beabsichtigt ist. Erwachsene verstehen die Realität genau so wenig. Gerade ältere Leute können oft nicht nachvollziehen, dass Jugendliche sich Fragen stellen, ob sie überhaupt eine Zukunft haben. Eine Wirklichkeitsauffassung ist ein Instrument zur Navigation. Sie ist nur so gut wie die Seekarte, nach der das Schiff gesteuert wird. Das Unglück, ein psychisch krankes Wesen heranzubilden beginnt, wenn das Kind die Dinge genau wissen möchte, die seine Umgebung mit einer Erklärung befriedigt, die nur dem nützt der sie verbalisiert. Die Eltern reiten ein Pferd durch die bekannten Wiesen, schenken ihrem Kind gleich ein Flugzeug, drücken ihm die Flurkarte vom Gelände neben dem Hof in die Hand – und der Lütte hebt ab – fliegt, allein im Cockpit, hinter dem Wald über das offene Meer in die Nacht; so etwa.

Manche finden sich zurecht, andere weniger. Opa wird noch stutzig, wenn die Enkeltochter antwortet: „Ich möchte studieren.“ Er hakt nach: „Was denn?“ Eltern, Freunde und das Mädchen selbst, sie schieben den Zeitpunkt selbstverantwortlicher Existenz gern auf. Die Welt lebt davon, Schulden zu machen. Die Absichtserklärung ist salonfähig geworden. Die Wahrheit wird durch „Fake-News“ ersetzt, wir haben ein neues Wort dafür – und müssen deswegen nichts mehr tun? Das macht die künstliche Intelligenz für uns, und Elon Musk fliegt zum Mars. Senkrechtstarter wie er, ziehen an der Masse typischer Schulabgänger vorbei, das ist nicht neu, und wir können annehmen, dass der entspannte Weg in das Leben seine guten Seiten hat. Aus gutem Grund möchte ich trotzdem davor warnen, emotional auf Pump zu leben und der Angst, vor Entscheidungen davonzulaufen.

Der Frisör, zu dem mein Vater und ich gingen, als ich ein Kind und später Jugendlicher war, beurteilte meinen Vater: „Bassi kann ja schon austeilen, einen spöttischen Witz machen, dein alter Herr. Aber, kann der auch einstecken?“ Ich erinnere mich an diesen Moment, ich habe das nämlich nicht begriffen, war ich fünfzehn? Auch später, mit vielleicht gut 20 Jahren, hätte ich ein Gespräch über Gefühle und Selbstbewusstsein nicht wirklich führen können: ich habe mein Unvermögen überspielt, mich in jedem Fall für normal wie jedermann gehalten und bin sicher, die Mehrzahl meiner Zeitgenossen hätte auch nichts an mir irritiert. Ich störte nicht.

Neulich: Ich hörte vor nicht allzu langer Zeit im Bus das Telefonat einer Frau mit (es war aufgrund von Lautstärke und Drang in ihrer Stimme unvermeidlich), die sich ausgiebig ins Zeug legte, einen Mann zu beschreiben: „Er hat kein eigenes Standing“, sagte sie unter anderem (und möglicherweise hörten wir unbeteiligten Mitfahrer ein Gespräch unter Kollegen, dann wäre die Frau Psychologin gewesen). Es kann natürlich auch um den Ex gegangen sein. Er kam nicht gut weg, das merkte man.

Hier soll nicht erörtert werden, was sich im Bus gehört. Ich kann etwas zu meiner Freundin sagen und es ist gut möglich, dass sie mich so versteht, wie ich es meine. Was passierte wohl, wenn ein Arzt mir sagt: „Sie haben kein eigenes Standing“, oder dergleichen? Der Sinn und Zweck, die Zuverlässigkeit, Besserung zu erzielen, die verschiedenen Ansätze von Therapie in Relation zur Form einer Erkrankung, das kann diskutiert werden. Bevor jemand selbstbewusster und damit gesünder leben kann, muss er den Ist-Zustand wahrnehmen. Dann folgt eine für Betroffene, wie diejenigen, die sich berufen fühlen zu helfen, interessante Frage, wie etwas besser werden soll, das zunächst eindeutig scheint, bei näherer Betrachtung aber ein Wort ist, das nur unter „Insidern“ begriffen wird? Ein selbstbewusster Mensch verfügt über eine normalgesunde Fähigkeit, aber in der Regel so normal, dass es ihm kaum möglich ist, sein Tun zu erklären. „Brust raus, Schultern zurück!“ oder „Reiß dich zusammen“, Tipps die Haltung betreffend sind bekannte aber hilflose Versuche, offensichtlich durchsetztungsunfähige Zeitgenossen zu bessern.

In eine Castingshow gelangen immer wieder junge Menschen, die gar nicht singen können. Eigentlich kann das gar nicht sein, wer singt, wird doch unweigerlich gehört und kritisch bewertet, die Eltern, die Freunde, ein Musiklehrer: Wie kommt es, dass niemand korrigierend eingegriffen hat? Und sich weiter junge Menschen blamieren? Das ist ein wesentlicher Grund für den Erfolg dieser Formate. Es sollte uns zu denken geben. Es ist nicht, dass Dieter Bohlen böse ist, es ist vielmehr so, dass er verlässlich ist. Die Umgebung mancher Kinder ist unzuverlässig. Das Problem ist nicht der harte Juror, es ist auch nicht, dass zu singen schwierig ist oder es nur ums Geld ginge. Es ist so, dass da immer Menschen sind, die sich selbst nicht wahrnehmen.

Ich war sehr gut im Zeichnen. Hätte es eine Castingshow gegeben, in der die Bewerber etwas zeichnen, da hätte ich gute Chance auf einen Recall gehabt! Es gibt auch Talentierte im Casting, die werden nicht vorgeführt, aber sie gewinnen die Show nicht. Da spielen ja einige Faktoren eine Rolle. Zunächst einmal wird, wer singen kann, schon deswegen ein besseres Körpergefühl mitbringen oder umgekehrt, freies Atmen wird Singen als natürliche Ausdrucksform gratis mitliefern. Eine gute Verfügbarkeit der Muskulatur, eine flexible, sportliche Körperhaltung; Musik machen und Selbstbewusstsein bedingen einander. In gewisser Weise ist auch das eine eigene Erfahrung. Heute kann ich akzeptabel singen, sagen wir mal: für den Hausgebrauch, verstehe in welchem Takt ich bin, wann der Chorus von vorn beginnt und kann auch bemerken, wenn ich falsch liege und mich anpassen. Ich weiß, was ich mache und kann besser werden. Es kommt darauf an, wieviel ich übe. Als ich jung war, liebte ich schon Musik, ging aber der Auseinandersetzung (mit mir selbst) gut zu sein, dass ich mit anderen zusammen hätte musizieren können, aus dem Weg. Nicht nur, weil es keinen guten Unterricht in der normalen Schule gab, ich organisierte nicht diesen Traum, Musik zu machen. Das ist keine Frage von Talent, das war ein Problem mangelnder sozialer Kompetenz. Insofern fühle ich mich berufen, über diese Dinge zu schreiben und die Defizite meiner Erziehung anzusprechen: als meine wesentliche Leistung herauszuarbeiten, wie meine Kunst mich dorthin führte, wo ich hin musste, ohne es zu wissen. Da sind ja immer neue junge Menschen, denen es ähnlich geht.

Erwachsene sollten weniger die vergangene Zeit beschuldigen oder versuchen, sich selbst in einem möglichst guten Licht glänzen zu lassen, sondern Wege zeigen, die gelungen sind und Irrtümer nicht verschweigen. Ich hätte weiß Gott gern anders gelebt und schneller und effektiver sein können, dorthin zu gelangen, wo ich heute gern bin. Damit wären auch Sehnsüchte erfüllbar gewesen, die jetzt nicht nachholbar sind. Die Kunst besteht in der Fähigkeit, die eigene Realität zu erkennen, zu tun was heute möglich ist. Es sei nie zu spät, sagt man. Aber das ist nur relativ wahr. Auf jeden Topf passe ein Deckel, ist genauso Unfug. Niemand bleibt der Topf, der er einmal gewesen ist. Dass sich hingegen stets neue Türen öffnen und wir, klüger geworden, nicht anderswo sinnlos gegenan rennen? Das stimmt.

Natürlich verdanken einige ihr erfülltes Leben einer gesunden Familie, für die sie nichts konnten, als sie dorthinein geboren wurden. Es ist einfach, rückblickend den Eltern für unser Versagen die Schuld zu geben, und es stimmt, dass viele Schwierigkeiten in der Kindheit beginnen. Gleichwohl gibt es erstaunliche Lebenswege, die in armseligen Verhältnissen ihren Anfang genommen haben. Ich hätte mehr erreichen können, aber niemand hätte es so machen können wie gerade ich. Mein Leben in seiner Einzigartigkeit (wie das von jedem einzig ist), das gefällt mir doch!

Ich muss nicht Musik machen, aber ich hätte gern früher mit der Trompete angefangen! Ich verstand nicht, warum ich damit nicht zurecht kam und heute, wo es mir als Fähigkeit zur Verfügung steht, kann ich alternativ ein wenig unter der Dusche singen und mich auf das Malen konzentrieren. Ebenfalls andere Wünsche, die nicht wahr wurden: Selbstbewusstsein bedeutet gleichermaßen zufrieden zu sein, mal passiv zu bleiben, wie über den nötigen (sogar aggressiv) voran treibenden Antrieb zu verfügen, wenn es wichtig ist. Sich verteidigen zu können, im Falle man vorgeführt wird – und anschließend unproblematisch auszuschlafen, die Fähigkeit, sich von Stress zu erholen, ich kann das heute: tun und lassen.

Der Grund dafür, dass Bilder zu malen so wertvoll ist? Der Wert für das Selbst, ungestört von anderen und doch im Widerstreit mit der Welt fertig werden, ich kann das erklären: Ein Gesetz der Fläche, weit mehr als der Geschmack der ungeübten Betrachter, eine Art inneres Raster. Der Mensch findet sich selbst, im Erforschen der Natur. Unser Gehirn erkennt Ordnung, wo keine ist, und das mag darin liegen, dass jedes Wesen darauf angewiesen ist, Wege zu finden. In einem Urwald Sinn zu sehen? Für eine Pflanze besteht der Sinn darin, inmitten anderer das Sonnenlicht zu finden und Wasser. Sie wird ihre Wurzeln dorthin treiben, wo diese die Feuchtigkeit nutzen können, ihre Äste und Blätter dem Licht zuwenden. Der Mensch wird sich im Gestrüpp einen Pfad bahnen, der ihn auch morgen sicher nach Hause führt, wie der Wurm, das Wildschwein, der Vogel das jeweilige existentielle üben, gerade diese Umgebung zu nutzen.

Eine leere weiße Leinwand ist eine Wiese, und der Maler findet darauf den Garten Eden oder eine chaotische Struktur. Wer das Bild schließlich anschaut, sollte genauso Wege finden können, die ein Mensch nachvollziehen kann, weil er genauso Mensch ist. In einer Abbildung Raum zu erkennen, wir müssen das lernen. Die Kunst der Perspektive in einer Darstellung der Natur anzuwenden, als eine Technik menschliches Sehen zu imitieren, wurde studiert wie die Mathematik. Wir können durchaus diskutieren, ob hier etwas gefunden wurde, das die Wirklichkeit ist – oder ob es die menschliche Interpretation der Welt ist. Aus dem Bereich realer Strukturen, kann das menschliche Auge seinen Teil der sichtbaren Farben abbilden, unser Ohr über einen Abschnitt in der Skala möglicher Töne verfügen. Die Wissenschaft konnte belegen, dass die existierende Realität größer ist. Tiere sehen spektral anderes, können Dinge hören, die uns verborgen bleiben. Die Gläubigen der verschiedenen Religionen suchen zu akzeptieren, dass unser irdisches Dasein größer ist, als wir erkennen können.

In jedem Fall wird ein Mensch nach längerer Beschäftigung mit Kunst Methoden finden, die ansprechende Arbeiten hervorbringen. Richtig von falsch zu unterscheiden, kann individuell begriffen werden: Mit wachsender Erfahrung erkenne ich, was mich am Gemälde (noch) stört. Ich kann mein Bild nun genau so lange verbessern, bis es mir selbst als gelungen erscheint. In sofern kann ein erfahrener Maler auf die Bewertung einer Jury verzichten und zufrieden sein: alle inneren Kritiker wurden zu Freunden, haben gemeinsam gemalt. Das genau ist der innere Frieden real erlebt.

Bis mein Bild fertig ist, müssen viele den Weg weisende Stimmen darum ringen. Meine Frau und mein Sohn wissen, wie laut und unflätig ausfallend ich werden kann, wenn ich wieder einmal mit den Umständen verwechsle, was ich in Wahrheit selbst verbocke. Damit ein gesundes System von innen handlungsfähig wird, müssen die vielgesichtigen Motive außen in eine geschlossene Form zu eindeutiger Aktivität gebunden werden.

Das Gesicht der guten Jazztrompeter beim Vortrag zeigt die Intensität innerer Kräfte und den Einsatz der Muskulatur in einer Weise, die niemand mit dem Gesicht zuwege bringt, der es nicht so gekonnt gelernt hat. Youtube zeigt Freddie Hubbard in Großaufnahme, und keiner der nie spielte, könnte ihn imitieren. Auch die anderen Stars dieser Musik, einzigartig sind sie, unverwechselbar. Das ist der Mensch. Was ist die Gage des Abends oder der Preis eines Bildes dagegen? Das muss jeder für sich einschätzen. Für mich zählt einzig Erfahrung, die ich durch das Machen weiter fortführen kann. Es geht mir viel weniger darum, wie gekonnt ein Künstler ist. Es geht um den eigenen Fortschritt, und das kann vom ersten zum zweiten Bild, das überhaupt begonnen wurde, Ziel sein. Musik: Louis Armstrong sagt in einem Buch: „Ich studierte die Akkorde und Harmonien und begriff anschließend, dass ich sie schon vorher die ganze Zeit gespielt hatte.“

Wir entdecken die Welt, wir finden uns selbst.

Natürlich entwickeln die Künste sich weiter. Dinge werden gemacht, die früher nicht akzeptiert wurden. Ehrlicherweise sollten wir zugeben, dass inzwischen viel erfunden wurde und die Kunst nicht nur darin besteht, insgesamt neu zu werden sondern auch darin, Varianten innerhalb bekannter Ausdrucksformen zu finden. Kreativ zu schaffen, innerhalb eines Rahmens, ist immer individuell neu. In der Malerei können wir das wörtlich nehmen. Die Bilder sind in der Regel rechteckig, haben einen Abschluss der Fläche an Kanten, und innerhalb der vier Seiten besteht die Kunst darin, ein eigenes Motiv zu schaffen. Es muss das Malen nicht abgeschafft werden als keine Kunst, weil es ja von früher schon da ist. Auf der anderen Seite ist es eine unendliche Folge von Entdeckungen, die ein Maler macht, im Probieren was gut aussieht, zielführend einer Idee und was nicht.

Entwicklungsmöglichkeiten sind bessere Heilung. Ein Mensch ist kein zu flickender Stuhl. Leben ist ein Prozess, ein Körper bewegt sich in der Zeit, und unser Gehirn passt sich gern lernend an neue Gegebenheiten an, wenn wir ein Feld neuer Erfahrungen betreten können. Um sich auf sich selbst zurück zu werfen, wie Robinson auf die Insel; es nützt mehr, aktiv etwas zu tun, ohne dass jemand stört, als auszuschlafen und sich zu entspannen. Die Erholung vom unvermeidbaren Stress geschieht im erfüllten Spiel, mehr noch im Erschaffen der eigenen Spielwiese! Beim Ausfüllen eines Kreuzworträtsels oder beim Spiel mit einer gekauften Einrichtung, eine App oder dergleichen, würde es nicht so gut wirken.

Nein, zu Beginn einer künstlerischen Entwicklung werden wir unweigerlich darüber nachsinnen, wie die Betrachter, die wir uns während der Arbeit zunächst nur vorstellen, reagieren. Das muss ja auch so sein, denn ein Bild transportiert einen Inhalt in die Öffentlichkeit, und zu malen und nicht an die zu denken, die wir erreichen wollen; das wird es nicht geben. Es wäre unehrlich zu behaupten, dass es ganz egal sei. Die Freiheit des Denkens besteht gerade darin, genau zu sein.

Unselbstständigkeit ist vorausschauend gehorsame Anpassung an andere. Das kommt nicht von ungefähr. Abfällig wird ein kranker Mensch als „gestört“ bezeichnet: Im Ausdruck kommt die Wahrheit seiner Macke durch, die anderen waren schuld. Wenn ein Kind oft unterbrochen wird, etwas zu tun das nicht ganz einfach ist, wird das Denken dieses späteren Erwachsenen geprägt von inneren Stimmen der Einmischung sein, auch wenn niemand im Raum ist.

Unzuverlässige Liebe: überraschend, nicht nachvollziehbar alleingelassen. Dazu Überforderung nach dem Motto: „Du schaffst das, mein Kind ist etwas ganz Besonderes!“, von Bezugspersonen, wenn wir als Kind unänderlich von ihnen abhängig sind, ist der Anfang. So entwickelt ein Kind seine Selbst-Störung. Es handelt nur, um von anderen dafür gelobt zu werden. Aus der Gewohnheit, immer unterbrochen zu werden, lernt der kindliche Organismus, die in seine Tätigkeit einbrechende Stimme schon vorher zu ahnen. Daraus entwickelt sich das abhängige Denken. Eine Stimme im Kopf spricht. Umgangssprachlich das Gegenteil wäre Bauchgefühl oder Intuition, dieses beherzte, risikofreudige Entscheiden – kein psychisch Kranker kann das. Allenfalls zwanghafte, heftige Aggressivität stehen zur Verfügung, der böse Rest der Freiheit. Gesunde wägen noch ab, ob sie dem Verstand folgen oder sich mal machen lassen. Sie können wählen.

Die Eltern: Lob im Übermaß? Das schadet nicht weniger, als vernichtende Kritik. Es ist das Zuviel an Einmischung, im Wechsel mit völligem Alleingelassen sein, in einem Alter, wo Kinder abhängig sind. Ernährer haben die Macht. Wie beim Haustier: Der böse Hund ist das Ergebnis falscher Haltung.

Das Kind: Wir begeben uns außerhalb unsres Selbst – als wäre die Regierung des Landes ins Exil gegangen, bedrängt vom Chaos im heimischen System – im Beobachten anderer, wie wir auf sie wirken könnten. Statt innerhalb unsrer Person mit effektiven Maßnahmen Vertrauen zu schaffen, ist das eine Flucht (die unnötig wird, wenn ein Erwachsener gelernt hat, Körper und Geist zu einen).

Ich war in vielem früh überfordert, schon deswegen, weil ich einen schlechten Start im örtlichen Kindergarten hatte, sozialer Druck andauerte, als ich aus heutiger Einschätzung verfrüht die Grundschule beginnen musste. Ein unnötiger Versuch, anschließend das Gymnasium zu besuchen, erscheint mir heute mehr von meiner Mutter aufgezwungen, als selbst gewollt oder von Lehrern empfohlen. Im Gegenteil. Natürlich blieb ich krachend sitzen und ging ab. Realschule. Später dann doch noch Fachhochschulreife. Meine Methode nun: einschleimen beim Lehrer, ich habe mich angebiedert, wo es ging. Eine erste Freundin findet man so in Schule oder Studium nicht. Wer mag Jungs, die nicht wissen was sie wollen, wer sie sind und sich freuen, wenn eine gute Note ihr braves Verhalten stärkt? Meine Leistungen waren nur durchschnittlich. Ich war dünn und unsportlich. Blieb doch die leicht zu erreichende Anerkennung im ansonsten wenig respektierten Fach Kunst. Mein Talent war bereits im Kleinkindalter gut entwickelt, ein Geschenk!

Gelobt zu werden, stand an erster Stelle. Ich hatte mein Fortkommen einer Umgebung anvertraut, die sich mit dem Ende der Schul- und Studienzeit radikal bösartig änderte: Ein in Freiheit orientierungsloses Tier aus dem Zoo wurde in den Dschungel gegangen.

Unsere Geschwindigkeit ist zunächst das Tempo der Erde. Unser großer blauer Planet. Das Fahrzeug für uns kleine Menschen. Wir reden von Zeit, und das ist wieder ein Wort, ein Begriff. Was ist Zeit? Selbst Fachleute diskutieren noch. Es scheint, als könne nur das eine auf’s andere folgen. Kausalität, das Auto fährt, es biegt auf die Fernstraße, beschleunigt, und nach einiger Zeit kommt’s an. Ohne ein Ding in seinem jeweiligen Tempo, fällt es schwer Zeit zu beschreiben. Der Zeiger einer Uhr, die aufeinanderfolgenden Ziffern im Display, das sind alles Elemente, deren Bewegung uns zum Begriff Zeit angeregt hat. Ein Stein liegt in der Wüste rum, er verwittert, wird Risse bekommen. Der Zahn der Zeit nagt an ihm? Ein Stein lebt ja nicht, und es ist ihm wohl egal, ob er leidet? Um Geschwindigkeit zu verstehen, interessieren wir uns für etwas, das sich bewegt. Ich winke mit meiner Hand, winke schneller. Was ist Entschleunigung? Um langsamer zu sein, muss ich fragen, was gebremst wird? Es ist doch immer gut, die Dinge beim Namen zu nennen: Eine Hand bewegt sich, ein Auto fährt und John braucht lange dafür. Wofür? Ohne die Dinge, die wir bewegen, fällt es schwer, Zeit zu verstehen.

Wie lange benötigt „ein“ Künstler für ein gutes Bild? (Was ist gut)? Keine Ahnung. Ich habe „Malen hilft“ in nur drei Wochen gemalt. Ich war extrem verstört, enttäuscht und wütend. Eine Abrechnung. War das gut, war das richtig? Ich habe so gut und realistisch gemalt, wie ich es gerade konnte. Dieses Bild, was war meine Intention? Gewaltporno, Persönlichkeitsrechte wurden verletzt, es steht nun in einer Ecke meines Ateliers, ein kleines Loch ist in der Leinwand dort, wo die Signatur war. Im Internet sollte es nicht mehr zu sehen sein. Dark ist die Nacht. Drei Wochen Malerei können nicht rückgängig gemacht werden. Mein Tempo, ich habe Vollgas gefahren in meinem Zorn und war dann schließlich genau dort, wo ich hinwollte! Meine Kunst bestand darin, erst nachzudenken und anschließend zu schauen, ob der Versuch zum erwarteten Ergebnis führt. Einige haben es begriffen. Danke. Drei Wochen, das Format ist 120 x 100 cm, und an „Gurken und Rosen“ im gleichen Format arbeite ich inzwischen seit Mitte März (wir haben Oktober).

Ich habe eine Zeitlang als Briefträger gearbeitet. Dort war die korrekte Erfassung der Arbeitszeit ein wichtiges Instrument, nicht nur der Abrechnung. Der Ablauf der gesamten Arbeit war in Menge der Sendungen, verwendetem Fahrrad und Tour in direktem Bezug zur Zeiterfassung, die wir als Zusteller nie aus dem Auge verlieren durften. Das gesamte zweckmäßige Berufsleben ist ein Netz ineinandergreifender Abläufe. Und Leistung ist die Definition, wieviel in welcher Zeit bewegt wurde. (Ein städtischer Linienbus fährt nach Plan). Arbeit an sich wäre, den Stein auf den Berg zu schaffen. Eine Leistung wird daraus, wenn ich sage, wie lange es dauerte. Bleibt noch die Frage, ob es individuell mir gut getan hat, eine sportliche Herausforderung oder eine zwanghafte Qual, ein existentieller Kampf?

Kunst ist anders, jedenfalls nach meinem Verständnis. In der Ansprache einer Vernissage sprechen wir gern von Arbeiten, die gezeigt würden. Noch nie hörte ich, dass jemand Leistungen an die Wand hängte. Hier geht es also um das Wohlbefinden bei gelungener Bewegung! Ein Künstler schafft im eigenen Tempo ein eigenes Motiv. Alles andere wäre Illustration: Deko für die allgemeine Gesellschaft, malen eines Themas, ausgerufen vom Aussteller zum Termin einer Präsentation. Das geschieht dennoch ständig, und die Akteure solcher Veranstaltungen betreiben Selbst- und Gesellschaftsbeschiss. Das ist keine Kunst, obwohl es so heißt.

Selbstwert ist Haltung, und das ist genauso Aktion wie standhalten. Auch im negativen Gefühl. Kunst bedeutet nicht, rosarot glückstaumelnd bei softer Musik vor sich hin zu pinseln, obwohl es das mal sein kann. Insgesamt wird aber der Mensch John Bassiner bewegt, wenn ich mich dazu entschließe, Maler zu sein. Nun kommt die Eigenverantwortung an erster Stelle, und da können wir diese Künstler, die Unmengen Alkohol trinken oder Drogen nehmen sehen, die pedantischen, die alles ganz genau planen und die anderen, die sich ganz der Spiritualität und spontaner Schaffensenergie hingeben. Eigenverantwortlich heißt, dass es meine Sache ist, wie ich’s mache.

Auf eigenen Füßen stehen. Ich stelle mir vor: Nicht die Schwerkraft gibt mir Gewicht, zieht runter. Stelle mir vor, der Apfel fällt nicht vom Baum zu Boden. Ich stelle mir das so vor, der Boden ist der große Schieber. Meine Rakete ist die runde Platte, dieser vertraute Kreis der Erde, mit dem ich voran gebracht werde. Die große Kraft. Die Drehung der Erde bemerke ich dabei gar nicht. Es ist doch die Sonne und der Mond die oben herumfahren! Das Himmelszelt, der Hintergrund ist vorn. Dahin fliegen wir, und Han Solo ist wohl gerade im Begriff, den Hebel im Cockpit bis zum Anschlag zu reißen und alle Sterne werden perspektivisch fluchtend weiße Striche – Fantasie!

Dass ich mich gegen eine Platte stemme, die wie die Spitze einer rasenden Rakete beschleunigt, und ich, nachdem ich die Balance darauf zu stehen lernte, auch gehen kann – zunächst als Kleinkind noch wacklig wie betrunken – ich halte mir den Boden vom Leib, pariere sein Drängen mit Ausfallschritten?

Das ist mein Bild der Welt.

Auf diese Weise kann ich mir ins Bewusstsein rufen, wie schnell ich Tag für Tag reise. Das ist elegantes Denken, warum? Es bedeutet, stets zu wissen wie unbedeutend klein der Mensch ist, wie schwach jeder Schlag, Tritt und Schritt, wenn wir den Schwung der Welt davon abziehen. Zum anderen ist es selbstbewusste Größe, ich bin stets in der Mitte meiner Welt, für die ich hauptverantwortlich bin. Mein Leib, mein Ich. Was auch kommt, sogar der Fußboden geht mich an, und ich halte nur dagegen. Meine Gesundheit beginnt im Bett, wenn ich mich in eine bequeme Lage drehe. Die Zukunft der Erde, ihr Tempo ist die Kraft von allem: Der Motor läuft, wir sind unterwegs!

Theater des Lebens. Die Kunst ist meine Physik: „Der Kopf ist dein Spielzeug“, sagt Charlie Chaplin dem Kind – das Geld hat wieder einmal nicht gereicht, ein Geschenk zu kaufen – als gealterter Clown. Es kostet nichts zu denken! (Das ist der Film, in dem er zum Schluss von der Bühne rückwärts in die große Trommel stürzt, sie ihn dort drin steckend raustragen). Es sind die unvergesslichen Momente der Kunst, die berühren.

Was interessiert mich, wieviel Geld wohin geflossen ist bei einem Werk das mich zum Lachen, zum Weinen oder Träumen brachte? Geschenkt: Das will ich auch machen, habe ich gedacht als ich ein Bilderbuch von AOF bekam oder „Nordkap“ von Schnars-Alquist im Original anschauen konnte.

Nachgeschenkt: Die umfangreichen raffinierten Einfälle kreativ zu erleben, über die ein Künstler nach Jahren der Selbsterforschung verfügt, übersteigen emotional den materiellen Wert, wieviel „Meyer“ für ein Bild zahlt. Es wird sich niemandem auf diese Weise offenbaren, als dem Maler selbst: in seinen starken Motivationen, Zweifeln und Irrwegen während der Herstellung. Eine Reise jedes Mal.

Oktober 2019, geschrieben im Zug nach Backnang