Vielleicht haben wir Glück und wachsen behütet auf? Bald müssen wir uns der Realität stellen: Die Welt ist chaotisch und feindselig. Je nachdem, wo wir groß werden, zu wem wir uns entwickeln und geworden sind, entstehen Probleme, die wir durch Ordnung lösen möchten. Sich angemessen zu organisieren, ist wichtig. Ein Tischler findet seine Existenz auf andere Weise als die Polizistin. Der Handwerker muss gerade sein Fach verstehen und benötigt entsprechende Kunden. Im Management einer Firma gelten andere Regeln als in der Kunst; selbst bei grundsätzlicher Übereinstimmung aller Strukturen, bedeutet Ordnung etwas Individuelles. Die Übersicht behalten, Dinge zu kontrollieren, von denen wir mehr oder weniger verstehen, ist überlebenswichtig. Man muss nicht alles begreifen, um komfortabel leben zu können. Gut zu wissen, wo genau der Lichtschalter ist, wenn Helligkeit helfen würde: Wie Strom physikalisch zustande kommt, ist dabei nicht von Bedeutung. Jedes Bedürfnis zu befriedigen oder eine Pflicht tun müssen, heißt kleine oder größere Schwierigkeiten zu überwinden. Das erleben wir, wenn eine Krankheit oder anderes die gewohnten Tätigkeiten beeinträchtigt. Ohne Widerstand, wenn ein Lebewesen sich für eine Aktivität motiviert, ist nichts vorstellbar. Uns selbst lernen erst wir nach und nach besser kennen. Was ist der Mensch, wer sind wir selbst?

Ein Senior beschreibt anderen, wie es ihm nach einer Operation geht. Der Mann berichtet, dass er schon wieder Treppen steigen kann. Da sind Verwandte und einige Kinder mit ihm spazieren. Ich höre nebenbei: „Kannst du krabbeln, Opa?“ Das fragt ein Kind mehrmals, bis der Alte schließlich antwortet, eigentlich mit den Erwachsenen redet, die Lage erörtert. Ist es ihm peinlich oder unsinnig? Was der Mann leise zum hartnäckigen Jungen sagt, bekomme ich nicht mit. Da bin ich bereits vorbei in meinem Tempo. In Richtung Einkaufszentrum unterwegs, habe ich zu Fuß eine Familie überholt, die an der Seite rechts (beim Geländer) dazugestoßen ist.

Kriechen geht immer, denke ich; mein Knie mit dem degenerierten Meniskus schmerzt. „Wir können punktieren“, hatte K. angeboten – als er begriff, ich würde mich nicht operieren lassen – „wenn es dick wird.“ Es gibt gute und schlechte Tage. Oft bemerke ich’s nicht. „Ein rothaariges Mädchen, Bassiner. Sie reißen unbedacht den Kopf rum, was weiß ich, um ihr nachzusehen. Dann haben Sie’s wieder.“ Zeit ist vergangen. Keine noch bedeutsame Rothaarige kam vorbei, die mit – (der, von der irgendwie alle wissen) konkurrieren könnte. Es tut weh, geht wieder weg: Ein Auf und Ab. Mal habe ich beim Doktor angerufen; Weiterleitung in fremde Praxis, ein diffuses Tonband. Ich probierte es gegenüber, wo das MRT gemacht wurde. Die Sprechstundenhilfe musste überlegen: „K. gibt’s nicht mehr.“ Tot? Ich bekam es nicht heraus. Das klang so endgültig. Wahrscheinlich Rentner, nun doch. Mein Orthopäde hat mit Montgomery studiert, und der ist ja auch alt.

In Wedel früher waren wir (alle von unserer Familie, wenn nötig) bei D. gewesen, der M. nachfolgte. Diese Praxis in der Nachbarschaft hatte einen guten Ruf. Sie ist erst vor kurzem geschlossen worden, weil der aktuelle Orthopäde (nach dem ebenfalls verrenteten D.) ins Ärztehaus am Bahnhof abgewandert ist. Ich kann mich an die Anfänge erinnern, bekam Einlagen und musste zur Gymnastik. Das sollte meine kindlichen Plattfüße korrigieren. Der alte M. hörte bereits auf, als ich noch Jugendlicher war. Ein Respekt heischender Doktor und doch freundlich: „Da bist du wohl gerast? Du bist sicher zu schnell gerast? Da kann das Knie schon mal weh tun!“ Der hagere, große Mann beugt sich zu mir runter, und ich sehe es noch vor mir, höre diese schnarrende Stimme – obwohl es beinahe fünfzig Jahre her ist.

M. gab meinen Eltern Spritzen ins Knie oder Schulter, wenn sie vor Schmerzen nicht arbeiten konnten. Damit wurde es sofort besser. Das war ein Problem zu Weihnachten, Sylvester, wenn unentwegt geschlachtet wurde. Lachs in feine Scheiben säbeln, Karpfen schlachten, Forellen oder Schleie aus dem Bassin fischen und totschlagen, aufschlitzen und fachgerecht zerteilen; meine Eltern mussten immer im Kalten stehen und mit der Hand eine Schere führen, Fische fertig zu machen im Verkauf. Sie standen den ganzen Tag, eilten durch das Geschäft ohne Pause. Das tat weh im Arm, Knie, den Füßen, und in einer Schulter knirschte es vielleicht, als wäre Sand darin und brannte bei jeder Bewegung. Diese Spritze beim Orthopäden tat Wunder. Der gute Doktor war nur hundert Meter entfernt, immer bereit zu helfen. Aber nach einiger Zeit gab es auch damit Probleme. Später durfte M. diese Supermedizin nicht mehr verwenden: Die Spritzen, die so gut gewesen waren, hätten nicht erlaubte Inhaltsstoffe, hieß es.

Abhängig vom Zentrum einer Art Rampe, umgeben von individuellen Faktoren, dem Platz, wo wir ins Leben starten, werden wir mit Liebe versorgt, mit Anforderungen konfrontiert. Das fängt schon damit an, wie schnell Mama kommt, wenn’s kratzt oder der Hunger nagt, und ob da Geschwister sind, kann eine Rolle spielen. Der Kindheit wird eine gewisse Spanne eingeräumt, dann erwarten alle, dass wir uns selbst kümmern. Wir sollten mit unserem Apparat Mensch soweit klar kommen, diesen nun allein durch die Umgebung navigieren. Und wenn wir Schaden erleiden gibt es den Arzt. Gegen das Böse hilft die Polizei. Damit alles toll bleibt, wählen wir eine gute Politik usw. – fleißig sollen wir sein, und manche gehen noch Sonntags in die Kirche. So weit die Theorie. Die Zivilisation hat andere Tücken, als das Leben im Mittelalter oder Überleben in der Wildnis. Ich bin nicht im Armenviertel groß geworden; eigentlich konnte nichts schiefgehen, 1964 in Wedel anzufangen.

Es kam anders – zunächst irritiert besonders ein Erlebnis, wenn ich daran zurück denke. Die Welt ist gut eingerahmt und stabil? Kleinere Beschwerden hat jeder mal. Die Blinddarm-OP wurde nötig, und das betreute meine Hausärztin. Zu der ging meine Mutter mit mir, seitdem ich ein kleines Kind war. Bei HNO-Beschwerden wählten wir den Facharzt an der Ecke, wo einmal Johs. Schmidt sein Geschäft hatte. Die Zahnärztin unserer Familie ist im Riesenkamp gewesen. Wedel ist überschaubar. Mir wurde ganz gut geholfen von diesem Orthopäden D. um die Ecke – trotzdem, ein Beginn späterer Probleme findet sich hier. Damals wurde das gar nicht gesehen. Heute denke ich: Eine falsche Weichenstellung lenkte meine Zukunft von der Hauptstrecke ab.

Die moderne Welt ist spezialisiert und fährt die größten Erfolge der Zivilisation ein. Jedes Fach entwickelt seine Ökonomie. Handwerkszeug macht Sinn in Form eines Hammers, wenn ich nageln möchte. Der Hammer erkennt quasi den Nagel, aber eben nicht die Schraube. Schrauben, vom einfachen Schlitz über den Kreuzschlitz zum Torx. Professionell sind Torx vielem überlegen. Ein passendes Arrangement, der richtige Bit und Material, die Umgebung und spätere Nutzbarkeit, die Verbindung wieder lösen zu wollen oder nicht, wo das Werkzeug seine Anwendung findet, ist unabdingbar. Spezialisierung: Beim Bau vom Carport nützlich, im Falle der großartigen Operationen, die Menschen wieder gehen machen, hilft die moderne Medizin. Aber manchmal zielt der Doktor vorbei, gerade weil er fachlich isoliert handelt. Diese Erfahrung machen alle, die mit wenig spezifischen Beschwerden losgehen und eine Odyssee beginnt, bis ihnen geholfen wird.

Der Facharzt als solcher war in den Sechzigern bereits anerkannt. Wir nutzten beste Produkte „made in Germany“, ein Auto. Nun forderte der Normalbürger, sich selbst reparieren zu lassen wie jede technische Errungenschaft. „Homo Faber“ im bekannten Roman von Max Frisch; wir lasen in der Schule: „Der Mensch als Konstruktion denkbar, aber das Material ist verfehlt. Fleisch ist kein Material. Fleisch ist ein Fluch.“

# Meine eigene Baustelle

Psychisch krank zu werden beruht auf dem Fehler, sich nicht effektiv durchsetzen zu können, eine soziale Störung. Das haben Menschen, die sich vor anderen fürchten. Sonst könnten alle in unsrer von Regeln dominierten Welt einen Platz finden, der ihnen gefällt. Der Planet wäre groß genug, böte Lebensraum auch für diejenigen, die sich den Weg zum Wohlfühlort verbauen. Viele Menschen müssen in bitterster Armut leben und sind nicht krank im Kopf. Zu Glück und Existenz kommen wir von überall oder scheitern. Gewalt, dem Hunger oder einer Naturkatastrophe zum Opfer zu fallen, mag traumatisieren, macht aber nicht zwingend krank. Normalgesund sein, heißt effektiv Probleme zu lösen. Psychisch krank handeln bedeutet, sich unbewusst selbst zu schaden. Weltweit ein Prozent der Menschen erkrankt mindestens einmal im Leben psychotisch, ein hoher Prozentsatz. Moderne Medizin hat sich einiges einfallen lassen, denen zu helfen, die selbst erheblichen Anteil daran haben, sich in Gefahr zu bringen und andere mit. Erschwerend kommt bei jenen, die eine Problematik haben, selbst in Richtung Abgrund zu laufen, hinzu, dass Helfende ihr spezielles Motiv nicht kennen wie sie selbst.

Man kann die These vertreten, die Gesellschaft sei krank, bösartig, und die Auffälligen hier wären in Wirklichkeit die Sensiblen, die es bemerkten? Damit kommt man nicht weit. Die Masse behält Macht und Überblick in der von ihr geschaffenen Umgebung. Sie lässt sich nicht zuweisen, insgesamt krank zu sein, da der Normale wie alle anderen in der Lage ist, das System zu nutzen und der Kranke nicht. Der Verkehr auf der Straße macht anschaulich, dass die Mehrheit ihre Ampeln bei grün passiert und erst bei rot anderen ihr Recht gestattet, hält. Ärger bereiten uns diejenigen, die trotz rotem Licht fahren. Probleme haben Menschen, die bei grün anhalten, ohne farbenblind zu sein. Dieses Bild meint welche, die in der Firma gern bereit sind, anderen den Weg in die Führungsposition zu gestatten, aber sich insgeheim für besser halten. Solange dies bewusst mit der eigenen Psyche ausgetragen wird oder wütend unter Kollegen, besteht die Chance, noch Erfolg zu erzielen. Krank wird, wer sich fürchtet, neidet und das selbst nicht mitbekommt, weil ihm negative Gefühle nicht erlaubt sind. Wer kann ihnen das Fühlen und Gefühle verbieten?

Dazu, wie man das anstellt, sein eigenes System Mensch kaputtzuspielen, dass man es selbst nicht spürt wie, fällt mir die angedeutete Geschichte beim Orthopäden ein. Das Problem ist physisch? Bei den meisten treten hin und wieder Verspannungen, eine steife Schulter oder ein Hexenschuss auf. Ich meine etwas anderes. Ein schleichender Prozess. Menschen, deren spätere, psychisch behandlungswürdige Leiden mit mechanischen begonnen haben. Man kollabiert erst wirklich, wenn die Sache psychisch wird, und dann ist es zu spät. Spät allemal, denn der Spezialist für die Psyche weiß nicht, wann und wo vor Jahren der orthopädische Kollege den Schalter umlegte, die Weiche stellte – mit seiner irreführenden, vereinfachten Erklärung – auf das psychische Abstellgleis, neben die gesunde Masse. Hier arbeitet der eine Spezialist auf fatale Weise dem anderen zu. Das wäre ein gutes Beispiel dafür, wie krank, fehlleitend, spezialisiert unsere Welt ist, aber wie effektiv, gesund und selbst bestätigend sie sich darstellt.

Man spricht von einer gespaltenen Persönlichkeit? Die Welt insgesamt ist widersprüchlich und durchaus unordentlich zerspalten. Die Ordnung, sich das auszusuchen, was zu uns passt, müssen wir selbst finden. Viele suchen, aber Gott ist nicht Katholik oder in der evangelischen Kirche. Er ist weder Muslim, noch Buddhist. Ist er selbst Atheist? Manche treten enttäuscht aus der Kirche aus. Aus der Welt gehen sie damit nicht, sind Gesetzen unterworfen, die nicht nur von der Regierung bestimmt werden. Naturgesetze und -katastrophen bilden den größeren Rahmen. Das soziale Verhalten folgt in diesem Sinne ebenfalls der Natur und nicht nur dem Gesetz. Viele Menschen brechen Regeln. Sie sind nicht unbedingt der Strafe durch die Gerichtsbarkeit ausgeliefert, aber jeder muss sich insofern verantworten, dass die Zukunft schwer zu verstehen ist und was kommt, weil man aktiv war. Erklärungsprinzipien erweisen sich oft als trügerische Krücken. Besser ist wohl, fest zum eigenen Selbst zu stehen. Und das gelingt nur mit Akzeptanz. Empathie geben wir nach dem Motto: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, je mehr du dir selbst vertraust, desto eher gelingt es, anderen ihren Weg zuzugestehen. Zuversicht erlangt, wer sich selbst annehmen kann wie andere.

Davon sind wir in der Regel so weit weg, dass manche es gar nicht wahrhaben wollen. Verdrängen ist nicht ungewöhnlich, gibt Schutz, wie die Hand vor Augen zu halten, um das Gefährliche der Welt nicht sehen zu müssen. Menschen behandeln sich selbst wie einen Dreck, fordern die ganze Zeit andere und halten sich für gut. Sie tun mir weh. Der Allmächtige selbst hat es nicht nötig zu glauben. Er ist einfach nur da. Oder nicht, das spielt keine Rolle: Viele möchten, dass die Welt sich nach ihrem Bild, das sie sich davon machen (oder dem ihrer Gruppe), verhält. Damit ist zu scheitern unausweichlich. Das eigene Wirklichkeitsbild kann nicht vollständig sein. Wenn Dinge eine unerwartete Richtung nehmen, müssen wir neu denken.

Da sind einige, die sich schiefes Grinsen angewöhnen? Hochgezogene Augenbrauen überzeugen nicht, wenn man es die ganze Zeit macht, unfähig, gegebenenfalls auch zornig zu schauen. Mit der Einbildung, Ironie könne wie Stärke wirken, kommen manche weit. Nicht alle werden krank. Es gehört mehr dazu. Eine gute Maske zur Schau zu stellen, hilft scheinbar? Es ist aber auch keine Empfehlung für einen guten Job. Emotionen im Gesicht von Barack Obama haben gezeigt, dass ein Spitzenamt mit flexibler Mimik zu schaffen ist; möglicherweise die beste Methode überhaupt. Konkurrenzfähig ist man nur mit angemessener Stärke. Selbstbewusstsein wird nicht mit zweierlei Maß gemessen.

Ich kam zu früh zur Schule, weil es meinen Eltern, meiner Mutter gefiel. Kinder sind abhängige Lebewesen. Anders als vom angeleinten Hund, erhoffen sich Eltern eine leistungsorientierte Entwicklung des eigenen Sprösslings. Es gibt Hundeschulen für die Halter:innen; aber keine für Mütter. Ich sollte ein Abitur schaffen und flog nach einer Klasse Rist mit drei fünfen. Meine Mutter prügelte mich mit Kleiderbügeln, dem Schullineal und ihrem Rechenschieber. Man hat ja nur die eine Mutter und ist zur Liebe verpflichtet. Die Plattfüße korrigierten sich nicht durch die Einlagen und das Füßeturnen beim Orthopäden. Ich war leicht, mit dünnen Ärmchen und schwächlicher Muskulatur. Meine Brust hielt ich flach, eingefallen. Trichterbrust; eine Lunke bildete sich, wo das Brustbein den harten Bereich der Rippen beendet. Darunter wölbte sich das Bäuchlein vor, meine Haltung war schlecht schon mit zehn. Ich stand verbogen wie ein Fragezeichen. Und dann bekam ich Schmerzen, wohl vierzehn Jahre alt? Es tat auf der rechten Seite weh, am Rücken und vorn gleichzeitig; Verspannungen, meinten die Eltern.

Beim Termin erinnere ich meinen Orthopäden fröhlich: „Wie eine Schublade, die klemmt“, erklärte der Doktor. Heute würde ich sagen, das Zwerchfell kam an den Rippen nicht vorbei. Aber was das ist, und dass es beim Atmen von Bedeutung ist, wusste ich als Jugendlicher nicht. Verspannungen oder einen Hexenschuss betrachtete man mechanisch. Später war von Stress die Rede. Was ist Stress? Davon, dass es ein Wort gibt, versteht man nichts. Damals war die Chiropraktik das Neueste, D. konnte es. Er hatte eine Ausbildung gemacht und bewarb seine Griffe, sprach von Sportmedizin und musste täglich dicke Seniorinnen betreuen. Sie füllten reichlich das Wartezimmer. Chiropraktik, jede Anwendung wurde einzeln notiert, 1 x Doppelnelson für dreiundzwanzigfuffzig, 2 x effektives Handschütteln im Gelenk für je fünfzehn Mark (rabattiert) zusammen achtundzwanzig? Die Helferin notierte auf Zuruf jeden Griff in die Kladde, wenn der Doktor ansetzte.

D. war nicht groß, ein wenig korpulent und kräftig. Ich musste mich vor ihm hinstellen, schaute aus dem Fenster. Der Arzt trat von hinten an mich heran und rief den Fachbegriff, was er nun renken würde, der Sprechstundenhilfe zu. Er griff unter meinen Achseln durch, und tatsächlich, wie beim Ringen umschlossen seine kraftvollen Arme meinen Oberkörper vorn. Fest in der Zange vor dem dicken Bauch des Doktors stand ich wie ein schwacher Hering. Dann „Zack!“, wippte der schneeweiß gekleidete aus der Hüfte, sich ins Hohlkreuz werfend, und ich Knabenwurm flog kurz hoch, dass meine Füße in die Luft kamen und es in mir knackte. Ich wurde wieder abgestellt wie ein Pappsoldat, wog kaum mehr als nichts, glaube ich. Ein leichter „Wippnelson“ oder wie auch immer die kleine Übung heißen mag, für den Onkel Doktor. Wir scherzten immer, ein freundlicher Mann.

Geheilt entlassen?

Es wurde wirklich besser für den Moment.

Langfristig hat sich eine hartnäckige Biegung meiner Wirbelsäule etabliert, die niemand als behandlungswürdig erkannte. Geschweige denn einen Zusammenhang mit Arztbesuchen beim Neurologen zu sehen. Ich war früher (nach dem Studium) jahrelang in Therapie. Heute gehe ich nie zum Arzt! Angewidert: Mein Vertrauen ist durch einiges, das hier nicht nötig ist aufzuschreiben, grundsätzlich zerstört, nicht nur in die Medizin. Ich gehe Menschen aus dem Weg. Nicht, dass ich nicht Spaß am Schnacken habe. Ich gehe keine inneren Bande ein. Ich empfinde kaum Empathie, das hat sich entwickelt, schafft Abgrenzung. „Lass die Leute reden“, wie es im Lied heißt, ist meine Devise, „und hör’ ihnen nicht zu.“

Für die Liebe bin ich nicht bereit. Wer diese nicht spürt, kann keine geben; schade. Ich fand mit den Jahren heraus, dass orthopädische Beschwerden mitnichten nur mechanische sind. Stress ist für mich kein Wort. Ich benötige keine Pillen, um gut zu schlafen. Eine Notfalldose Tavorreste und Packungen mit abgelaufenen Risperdal verstauben im Atelier zwischen Pinseln und dem Foto von Alex neben mir. Ich reagiere mich ab, wenn ich übervorteilt werde, erhole mich anschließend. Ich kenne meine Deformation. Ein individuelles Muster, das ich, bestens erforscht, weiter prüfe. Da muss kein Nelson mich richten, ich entspanne mich tatsächlich. Mit dem, was ich lernte, kann ich Widerstand merken, wo ich früher nicht einmal ahnte, Muskeln zu haben.

# Eine Liste

Ich ziehe links meinen Mundwinkel zum Auge hoch. Ich hebe die Schulter dort, jeden Tag, immer. Ich schiebe sie vor. Dadurch, dass ich links höher bin, ist – zwingend – rechts alles tiefer im Oberkörper. Sei es dahingestellt, ob es mir wichtig ist, links oben zu grinsen oder rechts unten die Brust einzuschnüren. Insgesamt ist der Bereich verdreht, verklemmt und lateral krumm. Das Bewegen des Zwerchfells, ein Kolben im verbeulten Zylinder bei mir, geschieht auf behinderte Weise trotzdem. Mutmaßlich hat dieses Muster einmal (anfangs meines Daseins) Hilfestellung leisten können, Angst nicht wahrzunehmen?

Ich denke, ja.

Es wird empfohlen, die Zähne zusammenzubeißen, bei Problemen und zu lächeln, wenn’s auch schwerfällt. „Halt die Luft an!“, sagt man und: „Reiß’ dich zusammen!“, – sich anzustrengen, bringt Lob ein. Dumme Erwachsene kommen klar im Leben, zwingen Schwächeren ihren Rat auf. Blöde bemerken nicht, dass ihr eigenes Leben armselig und emotional verkümmert verläuft. Besonders, wenn sie Stärke anstelle von Bewusstheit setzen, bewundern manche ihre Willenskraft. Geschickte Menschen amüsieren sich über unnötigen Kraftaufwand anderer, bei jeder Sache, die ihnen selbst leicht gelingt.

Fakt ist, dass mein Brustkorb immer rechts ein wenig eingeklemmt ist, und das bedingt eine widerständige Atmung, Magenbeschwerden, weil das Sternum halbseitig draufdrückt. Das erschwert, die Trompete zu blasen (Malen kann jeder). Ich spiele täglich Etüden und Tonleitern, Stücke, die mich reizen, sie zu können, nicht mit der Absicht, Musik mit anderen zu machen. Der Grund ist, Verspannungen zu bemerken, für den Moment Besserung zu erreichen.

Wenn ich irgendwo stehe, habe ich die Angewohnheit, das rechte Bein durchzudrücken, es zu belasten und die linke Seite als „Spielbein“ locker im Kniegelenk zu knicken. Die Verschiedenartigkeit meiner Hüften, was deren Beweglichkeit betrifft und hier nur äußerst schwierig beschreibbar wäre, ermuntert meine Beine dazu, es immer so herum zu tun. Natürlich kann ich mir das bewusst machen und während ich auf den Bus warte oder die freie Ampelschaltung, tue ich es. Dann lockere ich mich soweit, dass die andere Seite (links) mich trägt, stelle rechts entspannt ab. Wieder macht es nicht so viel Sinn, den Beinen die Schuld dafür zu geben, dass sie meine Hüften einseitig zwingen oder dem Becken, das verhindere, wie die Beine eingehängt sind. Es ist eine systemische Frage genereller Einstellung und mit der Kausalität nach dem Ansatz „wer hat schuld“ weniger gut lösbar, als Beziehungen auszuprobieren. Abhängigkeiten zu akzeptieren, in denen beide Seiten, etwa Bein wie Hüfte und entsprechend Oberkörper, Hals, Schultern, Arme und Kopf zusammenhängen, ermöglicht integrative Antworten darauf zu finden, wie der gesamte Mensch besser harmoniert. Das ist (hier nur skizziert) die Methode vom Physiker, Publizisten und Verhaltenstrainer Moshe Feldenkrais („Body and Mature Behavior“), die ich anwende, etwas zu bemerken, das eigentlich allen Lebewesen selbstverständlich bewusst sein könnte; aber offensichtlich ist das nicht der Fall.

Sollte ich der Vollständigkeit halber sagen, dass ich auf der rechten Seite meine Lippen zusammenpresse und die Zunge drückt, wenn ich gerade meine, nichts zu tun, von unten gegen den Gaumen? Früher, als das schlimmer war, mahlten links meine Backenzähne ineinander, bis es schmerzte; Migräne. Der Zahnarzt wiederum sah nur den Zahn: „Da sei ein Schmerznerv gereizt“, das käme vor. Klar, dass meine Hüften recht unbeweglich sind und Plattfüße zwingend. Das ist nun alles viel besser geworden, und diese Dinge zu bemerken und täglich damit arbeiten zu können, lernte ich größtenteils aus Büchern allein.

# Wenn überhaupt Zukunft Sinn macht, dann damit, das zu tun

Meiner Auffassung nach klemmt niemand seine Rippen ein, weil er falsch hebt. Ich glaube, dass ein individuelles Haltungsmuster – wie oben beschrieben – eine Art imaginäre Rüstung formt, eine Ganzkörpermaske, um Emotionen unter Kontrolle zu behalten. Übermäßige Kontrolle führt in der Diktatur zur Revolution. Das Land kann nicht mehr, sinngemäß der psychisch Kranke. Wir wären fortschrittlich, Patienten zu helfen und nicht nur für Ordnung zu sorgen, wenn einer spinnt.

Ein langer Weg, den ich benötigte, zufrieden zu sein. Zu lang, um noch etwas aus dem Leben zu machen mit fast sechzig Jahren. Ohne Vertrauen in andere, nicht mehr zur Wahl gehend, keine Solidarität mit der (durch Corona angegriffenen) Bevölkerung empfindend, bin ich degeneriert. Ich verachte den Staat, Polizei, Psychiatrie, Politik und die Pürgermeisterin.

# P = Panik?

Ich habe alles und alle provoziert, vielleicht kommt es deswegen? Psycho ist allgegenwärtig: Schwarmintelligenz, das Leben der Lemminge. Sie sind stark, kommen klar und sind doch so blöd dabei. Hauptsächlich „junge Städter wählen die Grünen“, klagt eine Jägerin, die nie im Supermarkt Fleisch oder Fisch kauft. Die attraktive schießt sich’s Essen selbst, angelt. Sie „bekomme täglich Hassmails“, sagt sie, von Leuten, die mutmaßlich niemals in der Natur unterwegs sind.

Ich denke, die anderen machen einzelne krank. Ein soziales Trauma. Deswegen ist die Gesellschaft gesund: Die Menschen halten zusammen, stoßen die raus, die nicht mitmachen können, dabei zu sein. Schuld ist die Umgebung, wenn Menschen psychisch kollabieren. Das fand ich heraus im Selbstversuch. Einige Jahre studierte ich in einem kleinen Dorf westlich von Hamburg gezielt, was die Leute machen, wenn man ihnen gegenüber Angriffsflächen zeigt, Schwächen zugibt. Fertig damit, fertig mit anderen. Ich fühle mich frei, glaube aber nicht, es zu sein; pariere heute besser …

🙂