Er könne nur infizieren – seit sich das Wort „Motivation“ als wichtige Komponente im Unterricht etabliert habe, sei die Vorstellung präsent, es ließe sich auch Lust lehren – meinte Siegfried Oelke in einem kleinen Aufsatz. Oelke war damals Professor für Illustration an der Armgartstraße, der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg. Er selbst hatte seinerzeit bei Alfred Mahlau studiert. Einige, die später bekannt wurden, Horst Janssen oder Loriot (Vicco von Bülow), waren bei Mahlau gewesen.

Ich kam nicht dazu, bei Oelke Illustration zu studieren. Er starb, bevor ich den ersten Studienabschnitt beendet hatte. Er unterrichtete ausschließlich im zweiten Teil des Studiums. Dafür musste man die Zwischenprüfung bestanden haben und ungefähr vier Semester dort gewesen sein. Dazu kam, ich wusste gar nicht, wer das ist. Siegfried Oelke war ein geschätzter Lehrer und Kollege, der zu meiner Zeit an der Armgartstraße bereits viele Jahre lang unterrichtet hatte. Mit Gero Flurschütz und Otto Ruths, dem langjährigem Sprecher der Schule und ihrem gemeinsamen Freund Martin Andersch, gaben diese Dozenten der Fachhochschule maßgeblich die Form, die sie hatte, als ich dort studierte. Flurschütz war auch Student bei Mahlau gewesen, zeitlich etwas nach Horst Janssen, und ich erinnere Anekdoten. Gero hat gern von früher erzählt, wir haben viel Zeit miteinander verbracht. (Bei Gero Flurschütz habe ich schließlich Informative Illustration studiert).

Bei Mahlau war es besonders, der war nicht irgendwer. Janssen, der fertige Student und beeindruckende Zeichner, kam noch gelegentlich zum Unterricht, besuchte seinen alten Lehrer und verbliebene Kommilitonen – kam möglicherweise auch, um eine Freundin zu treffen oder eine neue dort an der Hochschule zu finden, in der nachwachsenden Generation – und ich habe auch eine Beschreibung davon, wie Mahlau unterrichtete. Die Studenten kamen einmal in der Woche zusammen. Die neu angefertigten Arbeiten wurden an die Wand gepinnt, so dass alle sie sehen konnten. Mahlau sagte nichts dazu. Er zeigte nur wortlos auf einige Bilder, hängte diese möglicherweise um, an eine exponierte Position abseits der anderen, und die Schüler mussten sich selbst einen Reim drauf machen, was das zu bedeuten hatte. Waren diese Entwürfe gut? Sie mussten sich an Hand der sparsamen (Belehrung kann man ja eigentlich gar nicht sagen) selbst ein Urteil bilden.

Ich kann nicht beschreiben, wie der Unterricht bei Oelke, dem inzwischen selbst bekannten Mahlau-Zögling, ablief. Ich habe ihn nur ein einziges Mal getroffen, und ich wusste nicht, dass er ein von vielen bewunderter Professor war. Von Mahlau und den erwähnten Geschichten wusste ich anfangs genauso wenig, woher auch. Ich war neu bei Martin Andersch angefangen. Das muss zu einer Zeit gewesen sein, wo ich „Sie“ und „Herr Andersch“ oder „Professor“ zu ihm sagte, das war eine Respektsperson (und alt); der Bruder von Alfred Andersch, dem Schriftsteller. Martin ist schon viele Jahre tot, starb gleich nach der Pensionierung und ich denke noch oft an gemeinsame Momente dieser Zeit zurück. Er wurde ein Freund; und das kam, weil ich seinen Sohn schon vorher vom Segeln kannte, aber nicht wusste, dass der Vater Professor für Schrift und Buch war.

Bei Martin Andersch lernten wir „Humanistische Kursive“ mit Feder und Tinte schreiben. Wir nahmen auch Aquarellfarbe aus der Tube, die wir mit Wasser entsprechend verdünnten. Wir mischten die Farbe, bis sie eine gute Fließkraft hatte: satte Farbtiefe, aber leichte Gleitfähigkeit der Feder auf dem Papier. Martin: „Scriptol ist Schlamm, und mit Schlamm kann man nicht schreiben.“ Die Federn schliffen wir auf einem Arkansa-Splitter, brannten sie ab vor der ersten Benutzung und lernten so einiges. Wir schnitten Schilf zu Rohrfedern. Der Professor: „Das Rohr schneidet man von November bis März.“ Wir schrieben mit Material das wir uns selbst erst dafür suchen mussten: Glasscherben, Steinsplitter, Äste aus dem Garten der Wartenau oder steife Pappschnipsel: „Schriftzeichen ohne Bedeutungsinhalt“; und das sah aus wie chinesisch. Ein ganzes Buch habe ich layoutet und einen Dummy davon gebastelt. Ich beschrieb ein riesiges Blatt edles Papier mit einem Kapitel aus „Spiegel der See“ von Conrad. Martin: „Eines der schönsten Bücher, die es gibt“, und so haben wir uns näher kennen gelernt.

Er holte ein Foto von einer Jolle aus seiner Tasche. Das Boot kannte ich, es war der alte Holzpirat von einem Freund, der war gerade verkauft, und ich wusste an wen, aber nur den Vornamen. Das war Martins Sohn, nur wenig jünger als ich selbst. Als ich das große Papier, meine Semesterarbeit beschrieben hatte, wollte ich das ganz besonders gut machen. Ich konnte nicht ahnen, dass der Professor Ahnung von Schiffen hatte, aber es sollte ein schöner Text sein. In der Mitte vom Blatt sparte ich die Worte aus und zeichnete einen Dreimaster hinein. Ich schrieb exakt Wort für Wort nach Conrad über das Ankern und den Unsinn, den die Journalisten mit der Seemannssprache machen. „Fallen Anker!“ oder englisch einfach: „Let go!“ heißt es. (Da wird nicht geworfen). Danach tat mir ein ganzes Jahr lang der Handwurzelbereich meiner guten rechten Mal- und Zeichenhand weh. (Dreimal habe ich das Papier beschrieben, und erst mit der dritten Fassung war ich leidlich zufrieden, so dass ich mich traute, diese dem Prof. zu präsentieren).

Einmal war Siegfried Oelke zu Besuch beim Kollegen Andersch und beklagte sich bitterlich über irgendwelche Idioten, die etwas nicht begriffen hatten, was er im Auftrag gezeichnet hatte. Dazu zeigte er seinem Freund einen Druck und wies auf Stellen hin, an denen er Konturen mit der Umgebung hatte verschmelzen lassen, und jemand hatte etwas in der Art: „Was soll das sein?“ dazu gesagt. Das war mein einziges Treffen mit Oelke, und ich habe erst später begriffen, dass er das war. Ich dachte naseweis: ich kann’s auch nicht erkennen; sagte aber nichts. Später habe ich alles verschlungen, was ich von Oelke bekommen konnte, Publikationen und Drucke, Illustrationen. Ich habe mich stets von seinem Stil, mit dem Bleistift zu zeichnen, leiten lassen. Natürlich habe ich die ganze Zeit bei Otto Ruths gehört, wie es zu machen sei, aber der optische Selbstunterricht, wie ich gern wollte, dass es bei mir werden sollte ist von Oelkes Zeichnungen geprägt.

Busch. Das war auch einer, den alle kannten, aber der war zu meiner Zeit bereits nicht mehr an der Armgartstraße. Er starb, kurz nach dem ich zu studieren begonnen hatte. Den habe ich auch nur einmal gesehen. Er kam, alt und angeschlagen, auf Krücken vorbei, am Flurende oben zum Raum dreihundertirgendwas, wo wir immer zeichneten, seinen Freund Otto zu besuchen. Später begriff ich, dass ich den bekannten Grafiker Wilhelm Busch „in echt“ gesehen hatte. Der zeichnete mit Kugelschreiber als sein liebstes Werkzeug. Das ist nicht jedermanns Ding. (Ich habe jetzt mehrere Skizzenbücher damit gemacht, als Herausforderung nicht korrigierbar klarzukommen; Busch illustrierte aus der Vorstellung mit Kugelschreiber, wo es eigentlich weniger nutzt und ein Bleistift gute Möglichkeiten bietet, sich einer Idee anzunähern. Meine Skizzen sind direkt nach der Natur. Eine schwarze farbechte Kugelschreiberlinie mag zu einem guten Druckbild in der Reproduktion beigetragen haben).

Wilhelm M. Busch, Illustrator zahlreicher Bücher, Namensvetter von dem mit Max und Moritz und bitte nicht mit ihm zu verwechseln. Zur Einordnung: Ich bin 1964 geboren, habe von 1985 bis 1991 an der Armgartstraße studiert. Wir machten ein Diplom. Die Fachhochschule wollte bessere Grafiker machen, keine Künstler. Die sollten am Lerchenfeld studieren. Dazu benötigte man das ganze Abitur, und das habe ich ja bekanntlich nicht geschafft. Der „echte“ Busch mit seiner Witwe Bolte ist genau hundert Jahre vor meinem Vater zur Welt gekommen. Mein Professor Ruths, in den zwanzigern des vorigen Jahrhunderts geboren, war noch im Krieg gewesen, während mein Vater als „weißer Jahrgang“ weder bei den Nationalsozialisten noch in der späteren Bundeswehr Soldat wurde. Wilhelm M. Busch, der sich einen Namen in der Romanillustration (wie es sie nicht mehr gibt) gemacht hatte, war älter als Ruths. Sie waren Künstlerfreunde, gingen gemeinsam auf einige Studienreisen. Zum Stierkampf in Pamplona fuhren sie, und ich kenne Geschichten. Otto Ruths wurde mein wichtigster Professor und Freund, und Busch war sein engster Kollege an der Fachhochschule.

Ich habe diesen Text mit Oelke begonnen, weil ich mich besinnen musste, warum ich motiviert bin zu malen. Ich wurde gefragt. Wir waren auf einem Geburtstag eingeladen, und ich habe dort eine Kollegin gesprochen, die ich lange nicht gesehen habe. Sie bildet Kunstdozenten aus und kommt nicht mehr dazu, selbst zu malen, sagt sie. Sie findet Gründe: liest noch die Mails, bringt den Müll raus und hängt Vorhänge auf, nachdem die mal wieder gewaschen wurden. Es gibt immer zu tun. Sie ist nicht recht glücklich. Das Geld stimmt, die Zukunft scheint gesichert, aber die eigene Kreativität droht einzuschlafen oder für immer zu versiegen, was tun?

Es ist wenig wahrscheinlich, anderen helfen zu können, die in dieser Lage sind. Motivationstraining? Das Buch was am wenigsten zu meiner selbstständigen Malerei beitrug, war ganz bestimmt „Der Weg des Künstlers“ von Cameron. Meine Bekannte hat mir bei unserem Wiedersehen von einem inspirierenden Workshop erzählt. Ein Partner und sie haben Karten mit Themen angefertigt und einen zweiten Stapel mit grafischen Techniken. In der Mischung zogen sie nun unerwartete Kombinationen, in etwa: Einsamkeit/Bleistift oder Populismus/Aquarell, um dann für eine festgelegte Zeitspanne in jeweils einem Studierzimmer zu verschwinden und die Aufgabe umzusetzen; das sei ja so genial gewesen und anregend. Ich will das gern glauben, aber für mich wäre es nichts. Warum sollte ich diese starke soziale Komponente in meine selbstständig entwickelte Kreativität einbringen? Die Begeisterung meiner Kollegin auf diese Art endlich kraftvoll motiviert, per Losverfahren zu einer Aufgabe zu kommen, eine untypische Technik unter Zeitbeschränkung für ein aufgegebenes Thema anzuwenden, kann ich nicht wirklich teilen. Ich blieb diplomatisch, verstand, dass sie dabei kreatives Glück empfunden hat. Das ist Kindergarten, angeleitet wie in der Schule; wenn jemand eigenständig Kunst machen möchte, reine Zeitverschwendung. Ein Trend, das Arbeiten in einer Gruppe. Ein gemeinsames Thema, einen Termin zu dem „geliefert“ wird und dann endet alles in einer Präsentation. Gemeinsames Skizzieren: „Urban Sketching“, kollektiv draußen unterwegs. Wenn die anderen nicht dabei sind, beginnt keine „KünstlerIn“ zu zeichnen. Eine modische Bezeichnung, sozial vernetzt – dabei sein.

Ich habe nur Geschichten zu bieten, intime Momente meines Lebens, wenn ich versuche zu sagen, was mich dabeibleiben lässt, hat anfangen lassen. Ich war froh nach dem Studium in freier Mitarbeit eines Verlags, maritime Auftragsarbeit zu machen. Nun konnte ich soviel Geld für ein selbstständiges Leben verdienen, dass ich eine Wohnung und das Essen, Kleidung allein erwirtschaften konnte. Immerhin dauerte diese erfolgreiche Phase als Illustrator einige Jahre an. Ich fand zu Frau, Heirat und Kind, wir nahmen uns eine gemeinsame Wohnung; ich war beinahe normal.

Als aus Deutschlands führender Yacht-Zeitschrift Europas größtes Segelmagazin wurde, war das für mich ein ungewolltes Ende regelmäßiger Auftragsarbeit in freier Mitarbeit dort und der Anfang meiner Malerei. Das erste eigene Bild nach dem Studium, ohne dass ein Lehrer oder Kunde es so haben wollte, malte ich im überschaubaren Format eines Zeichenblocks auf Acrylmalpapier. Motiv: Ein kleiner Leuchtturm. Er steht bei Glückstadt am Deich. Ich fuhr nicht etwa hin, malte vor Ort. Ich fand den vertrauten Freund vieler Segeltage in einem Buch. Dort habe ich abgemalt. Ich zeichnete vor, malte aus (wie in der Grundschule), und dann habe ich’s auf Tischlerplatte geklebt, Aluleisten drum montiert. Ich fand das toll, war stolz auf mich. Es ist allenfalls Naive-Malerei. Das Bild hängt im Kinderzimmer meines Sohnes. Er ist inzwischen achtzehn Jahre alt und zieht vernünftigerweise bald aus. Das Bild ist etwa genauso alt.

Ich war keineswegs mit einem klaren Plan oder dem studiert ausgebildeten Talent unterwegs. Ich machte ein dilettantisches Bildchen und hielt mich für wer weiß wie genial. Heute arbeite ich viele Wochen oder Monate, und wenn ein anspruchsvolles Thema fertig ist, bin ich sehr zufrieden, mir aber bewusst, wie unbedeutend meine Bilder insgesamt sind.

Ich kann Eckpunkte im Leben benennen, die mich motivierten. Ich liebe maritime Malerei. Da war zunächst ein Buch mit Bildern von Anton Otto Fischer das ich von meinem Großvater geschenkt bekam, der ja zur See gefahren ist. Schon als Jugendlicher habe ich mich für dieses Genre interessiert, habe einiges im Bücherschrank. Ich schaute mir zahlreiche Gemälde von bekannten Marinemalern im Original an.

Ich habe im Studium viel Zeit mit Otto Ruths verbracht, kenne und schätze seine Malerei und Auffassung von Komposition und Farbe, aber ich malte nie bei ihm. Gemalt habe ich bei Almut Heise. Wichtig wurde alles, was ich von Edward Hopper, David Hockney, und William Kurelek bekommen konnte. In Bologna auf der Kinderbuchmesse hatte ich das unglaubliche Glück, kanadische Originale anschauen zu können, und ich habe einige Bücher. Kurelek ist ein wunderbarer Erzähler.

Auf dieser Messe hat meine Freundin Ute Martens einen kleinen Band mit Gemälden von Menzel gekauft, das ist aus dem „Albogen“, (und meine Frau war später so lieb, mir dieses Buch in Berlin antiquarisch zu kaufen). Ich habe gezeichnete Bücher von Tomi Ungerer, einen Band mit Porträtzeichnungen von Hockney. Ich habe Petterson und Findus, Tim und Struppi, Asterix – unverzichtbar! Storm, Flash Gordon und jede Menge Prinz Eisenherz. Ich habe mir, wen wundert das, einen dicken Band mit den verschiedensten Pin-Up-Künstlern antiquarisch auf einem Flohmarkt gekauft und ein Buch mit den unglaublichen Aktgemälden von Freud habe ich natürlich auch. Jetzt habe ich Bo Bartlet durch Zufall ergoogelt, bewundere das unendlich.

Deswegen beginne ich aber nicht zu malen. Andere sammeln auch Bücher und Bilder, und allein davon, dass man etwas mag, macht man’s ja noch nicht. Sicher haben mich Biografien voran gebracht, für die ich mich interessierte. Ich habe über Louis Armstrong, Dizzy, Miles und Chet Baker gelesen, besonders gern autobiografische Texte. Keine Maler, aber Individualisten in ihrem Fach. Sie konnten nicht beliebig sein, Musik ist nicht irgendwas. Ich kenne zudem zahlreiche Musiker persönlich. Lebensläufe faszinieren mich, die Ansichten kreativer Publizisten: Der klassische Pianist Horowitz, Filmemacher Charlie Chaplin, Walt Disney und natürlich die Bücher von Moshe Feldenkrais, Popper und Watzlawick; ich habe verinnerlicht, was sie aufgeschrieben haben.

Als Jugendlicher habe ich die Hornblower-Romane gelesen. Eine gute Beschreibung von C. S. Forester, wie er kreativ vorgegangen ist, findet man im Aufsatz: „Meine Bücher und ich.“ Von treibenden Quallen im Meer und Muscheln am Holz erzählend beginnt der Text. Der Schriftsteller führt aus, wie er zunächst zulässt, nicht so genau zu planen. Kreatives Denken bedeutet ihm, nicht exakt hinzuschauen was ihn umtreibt, bis die Dinge deutlich hervortreten. Das hat den Vorteil, dort anzufangen, wo es lohnend ist. Einen Stoff zu finden, der nach einiger Zeit als unterbewusst bereits entwickeltes Element immer hartnäckiger selbst für sich spricht. Er macht anschaulich, wie eine neue Idee erst allmählich Form annimmt. Beschreibt, wie Einfälle im Dämmerdunkel eines versunkenen Bereichs vom Gehirn, als eine Art vollgesogenes Treibholz unter Wasser herumgondeln und Ableger des Themas wie Bewuchs, Kraut und Seepocken hinzukommen, bis man sich vernünftigerweise ernsthaft der Sache annimmt.

Im Text steht auch der bemerkenswerte Satz: „Nichtstun macht mich nicht produktiv.“ Der Schriftsteller geht nicht in das Studierzimmer und wartet auf den Kuss der Muse. Den Schreibraum betritt er erst, wenn er fertig mit der Idee seiner Geschichte ist und dann wird diszipliniert geschrieben. Der Autor setzt sich einem selbstgeschaffenen Zeitplan aus, schreibt ein immer gleiches Pensum am Tag. Würde er sich hinreißen lassen und mehr fabrizieren, könne er am darauffolgenden Tag nichts zu Papier bringen, meint er. Das kennt er schon aus Erfahrung mit sich selbst. Setzt er hingegen einen Tag lang mit dem Schreiben aus, empfindet er gleich belastenden Zeitdruck, da sein Verleger vorab in Kenntnis gesetzt ist, was Forester thematisch und wie viele Seiten stark zu einem bekannten Termin ungefähr abliefern wird.

Von John Irving wird erzählt, dass er typischerweise einige Sätze oder eine Seite vom Schluss der Geschichte zu Beginn notiert. Auch dieser Schriftsteller entwickelt sein Thema im Kopf, fängt nicht mal so an, was aufzuschreiben. Zu wissen, wo man hin will, ist von Vorteil. Genauso Edward Hopper, der sagt: „Wenn ich mich an die Staffelei setze, ist schon alles erledigt.“ Das sind Künstler, die innere Disziplin zu schätzen wissen. Es gibt andere Wege zu einem Ergebnis zu kommen: Der „Herr der Ringe“ hat sich als Trilogie von Weltrang während der Schreibarbeit verselbstständigt, wie auch der Film „Casablanca“, wo die Macher nicht recht wussten, wie die Sache enden sollte. Das erfolgreiche Duo aus Hans Albers und Heinz Rühmann behakte sich in der Umsetzung der Szenen, die Albers gern frei heraus anging und Rühmann auf den Schritt genau plante. Charlie Chaplin im Film und Artie Shaw in der Musik, sie waren Perfektionisten und kein studierter Psychologe würde ihr Arbeitsverhalten empfehlen. Ich war ja nicht dabei, aber Anekdoten haben mich immer interessiert. Meiner Auffassung nach ist Kunst absolut persönlich, also gerade nicht sozial; auch in einer Band muss der einzelne seinen Teil für sich beherrschen. Sich kennen lernen: Was mag gerade ich, was kann ich – wo kann ich drauf aufbauen, dabei bleiben und besser werden?

Ich kann aus eigener Erfahrung nachempfinden, in welche Panik und Wut man über sich selbst gerät, wenn in weit vorangeschrittener Arbeit ein unerwartetes Problem auftaucht. Das Bild steht auf der Staffelei. Angetan von der täglichen Arbeit, bist du gut voran gekommen und voll motiviert, weil du dich auf den Tag freust, an dem die Sache irgendwann fertig ist. Und dann kommt ein Moment, wo eine bislang unbemerkte kompositorische oder thematische Schwäche der gesamten Konstruktion den Boden unter den Füßen wegzuziehen scheint. Das kann einige Tage Panik bedeuten, ob das Bild überhaupt zu retten ist.

Forester beschreibt so eine Situation: „Ich hatte mir einfach gesagt, hier entfliehen sie“, gibt er zu, als ein entscheidender Moment ihn beim Schreiben kalt erwischt hat und der professionelle Schriftsteller nun grundsätzlich an seiner Befähigung zweifelt, ob er überhaupt zu diesem Beruf geeignet ist. Er spürt womöglich die gleiche Angst seiner im feindlichen Frankreich gefangenen Freunde am eigenen Leibe: Wie komme ich da raus? Jedes Projekt wird zu einer Art Reise, niemand möchte vor dem Ziel abbrechen. Ich glaube, es war Menzel, der ein monumentales Gemälde halbfertig (ein Leben lang) im Atelier ausgehalten hat.

Von Beethoven ist bekannt, dass er lange Kompositionen im Kopf entwickelte, bevor er Noten zu Papier gebracht hat. Wissenschaftler und erfolgreiche Geschäftsleute betonen, wie kreativ sie denken (müssen). Von Einstein ist überliefert, wie es sich mit der Relativitätstheorie im Ursprung zugetragen haben soll: „Mir ist etwas ganz Wunderbares eingefallen, nun muss ich es (aber) noch aufschreiben“, soll er zu seiner Frau gesagt haben – und anschließend grummelnd lang daran gesessen haben, genau festzuhalten, was er eigentlich bereits fertig erdacht hatte. Worte für etwas zu finden, ist extra Arbeit, kreatives Denken ist anders.

Ich habe einen Mann gesehen, der konnte anspruchsvolle Rechenaufgaben schneller als eine Maschine oder doch zumindest genauso exakt lösen. Das war Teil einer Show. Dem Mathe-Genie wurde eine große Schultafel hingestellt, und er bekam seine Aufgabe. Die Lösung bestand in einer vielstelligen Zahl, so lang, dass die Ziffernkombination die volle Breite der Tafel benötigte. Der Mann rechnete aufeinanderfolgende Kommastellen für die Zuschauer in Echtzeit vor, schrieb mit Kreide in lockerem Tempo Zahlen hintereinander weg, dass man nur staunte; dabei redete er die ganze Zeit. Er sagte nicht etwa: „Jetzt kommt eine Drei, dann eine Sieben“, er brabbelte: „Nun kommt das Ding hier, jetzt kommt da sowas … und nun machen wir eine von diesen.“ Dabei schrieb er (bzw. seine Hand schrieb, sollte ich wohl genauer sagen) in etwa: vier, acht und zwei – (nur als Beispiel).

„Hornblower“ (Der Kapitän) wurde während einer Schiffsreise in Gesellschaft mit einigen Passagieren erdacht. Spiele an Deck, gemeinsamer Landgang, Essen mit den anderen, Forester war damals leicht beschäftigt und gut unterhalten unterwegs. Er hat seinen neuen Helden in die Küstenformationen und Meere hinein erfunden, in denen er selbst gerade Kreuzfahrt machte. In der Heimat angekommen, konnte er aufschreiben, was er jeden Tag an Bord im Geiste durchgespielt hatte. Als ihm die neue Figur gut vertraut vor dem inneren Auge stand, nach dem veröffentlichten ersten Roman „Der Kapitän“, entwickelte er weitere Episoden mit dem eigenwilligen Helden. (Es ist mit Gregory Peck verfilmt).

Sein Thema ist der auf sich gestellte Mann. Im Kapitän auf stürmischen Meer, bedroht von unvorhersehbaren Feindaktionen, kommunikativ abgeschnitten und entfernt von der Admiralität, die ihn mit einer Aufgabe betraut hat, findet der Schriftsteller das Modell dieser Idee, die er in immer neuen Geschichten erzählt. Sein Horatio Hornblower, der den eigenen Namen als sperrig hasst, ist in Ausnahmesituationen extrem mutig, empfindet jedoch würgende Angst dabei. Selbst hält er sich für feig, nimmt an, dass andere bedenkenloser durchs Leben gehen. Das ist ein schöner Mann, der sich steif und linkisch bewegt. Hornblower ist unfähig, Musik zu begreifen, ein Ton ist ihm wie der andere, aber er ist mathematisch brillant und ein guter Kartenspieler. Es gibt albtraumhafte Beschreibungen des mörderischen Krieges und große Liebe! Hornblower findet sich in persönlicher Gegnerschaft zu Napoleon, dem er zeitlebens als britischer Kommandant bekämpfen muss aber nie persönlich trifft. Er hat einen Freund in Bush, mit dem er viele Reisen zusammen segelt der aber schlichten Gemüts ist (und nie seekrank wird). Bush habe einen gusseisernen Magen, heißt es, und der von der Mannschaft bewunderte Kapitän Hornblower verkriecht sich zu jedem Reisebeginn in seine Kajüte, weil niemand bemerken soll, wie er sich übergibt. Er möchte zudem als „der große Schweiger“ gelten und beißt sich geradezu auf die Zunge, wenn es um taktische Kommunikation geht, damit er intellektuell Sieger bleibt.

Hornblowers Freund (und untergebener Offizier) Bush beschreibt Lady Barbara, der von Forester erfundenen Schwester von Lord Wellington (den es wirklich gab) seinen Kapitän, der es bevorzugt, zum Nachdenken auf der Luvseite des Achterdecks auf und ab zu gehen und dabei keinesfalls gestört werden darf: „Er denkt in einem fort.“ Dann unterbricht er, seine Offenheit korrigierend: „Verzeihung Mylady, bei Ihnen ist es natürlich genauso.“ Hornblower hat eine Angewohnheit, er macht im Gespräch: „Ha – Hm“, räuspert sich ohne Not.

Das machte mein Großvater ganz genauso. Manchmal denke ich dran, wie vertraut es war.

Forester beschreibt auch eine Marotte, die einiges über seine eigene Denkweise verrät. Der Autor erzählt in „Meine Bücher und ich“ davon, in Gesellschaft mit anderen zu essen. Typischerweise bekommt man eine Suppe, und es gehört sich, gepflegte Unterhaltung mit Tischnachbarn zu führen, während gemeinsam gegessen wird. Der bekannte Schriftsteller gibt hier zu, dass er, während die Suppe serviert wird, die Angewohnheit entwickelt habe, vor Beginn des Essens abzuschätzen, wie viele Löffel er zum Mund führen muss bis der Teller leer ist. Alles heimlich, versteht sich. Der höfliche Engländer lässt kein Sterbenswörtchen davon verlauten, derweil halblauter Smalltalk untereinander gepflegt wird, alle Suppe essen und er im Geiste mitzählt, wie nahe seine Schätzung dem tatsächlich ausgelöffelten entspricht.

Forester berichtet, wie eine Erkrankung sein Leben verändert und er jedes Buch in der Vorstellung schreibt, das könne sein letztes sein. Er machte, wenn möglich, keine Aufzeichnungen: „Das Geschreibsel das dabei heraus kommen könnte, wenn ein anderer die Geschichte zu ende bringt“, für den Fall er während der Arbeit stirbt, ist ihm unerträglich.

Natürlich ist meine Motivation, ein neues Bild zu beginnen heute anders, als zu Beginn meiner Arbeit. Das liegt in der Entwicklung meiner kreativen Persönlichkeit, die unausweichlich voranschreitet, je länger man dabei ist. Auf jeden Fall ist ein Künstler immer auch davon bedroht, seine Motivation generell zu verlieren. Dazu kann ich nichts sagen, weil es mir bislang nicht passierte, und zur aktuellen Motivlage habe ich schon publiziert. An dieser Stelle fällt mir vor allem ein Moment ein, der mein Leben grundsätzlich veränderte, und das möchte ich noch erzählen.

Als es mit der Illustration noch lief, machten wir einmal mit der ganzen Redaktion einen Tagesausflug mit dem Reisebus und zwar nach irgendwo hinter der Oste (aber vor Bremen). Wir steuerten verschiedene Aktionspunkte an, tranken Kaffee im Restaurant, fuhren paarweise rudernd in kleinen Booten über einen Binnensee und alberten in einer Art ehemaliger Kiesgrube bei verschiedenen Rallye-Aufgaben herum. Matze und ich sägten mit einer Riesensäge eine Scheibe von einem Baumstamm, und die anderen mussten es besser machen. Als es dämmerte, bestiegen wir endgültig wieder den Bus und nahmen Hamburg, die Heimat, zum Ziel.

Diesmal ergab sich eine andere Sitzordnung, und da waren Ausflugsteilnehmer, die ich gar nicht kannte. Ich kam neben einen im Vergleich zu mir schon älteren freien Mitarbeiter zu sitzen. Das schien vielversprechend zu werden, schon beim Einsteigen. Der Mann hatte Humor. Ich glaube, er war mit einem bereits leicht angegrauten Schnurrbart bestückt, wie es seinerzeit nicht mehr modern war. Der trug wohl eine kurze dunkelbraune Lederjacke und hatte die vitale Sportlichkeit eines gestandenen Mannes mit eigenen Ansichten im „besten“ Alter.

Im Bus dudelte Musik, und mein neuer Nachbar erklärte eine kategorische Ablehnung von Country-Music zugunsten von Jazz. Ein guter Anfang! Er war offenbar Fotograf. Damals begann der Siegeszug der Digitalfotografie über den Film. Ich bekam zunächst eine fachlich qualifizierte Argumentation für oder gegen die jeweilige Technik. Der Computer hatte den Alltag bereits erreicht. Aber E-Mail und mobiles Telefon kamen nur zögerlich in der Gesellschaft an. Dateien schickte ich mit dem „Leonardo“, und vorher rief ich bei Helmut in der Grafik an, dass ich die Absicht hätte, ihm jetzt zum Beispiel eine neue Karte mit Törntipps-Mittelmeer zu schicken. Die wäre für eine Soundso-Geschichte, sagte ich vielleicht, von diesem oder jenem Autoren für das aktuelle- oder nächste Heft. Wir sprachen noch regelmäßig miteinander. Das machte man so. Und dann schalteten wir beide diesen grauen Kasten an, und die Datei ging auf den Weg in die Redaktion.

Das Fotografieren, wir kauften Filme, die waren von Kodak, Agfa oder modern bunt: Fuji – und die hatten 36 Bilder oder auch weniger, das waren bekannte Produkte in bekannten Verpackungen. Auch wie diese Filme in den jeweiligen Kameratyp einzulegen waren, was man beim Zurückspulen vernünftigerweise zu machen hatte, das wusste man. Das blieb jahrelang gleich. Das war so wie Schöllerhammerkarton, den hatte es seit Erfindung der Erde und des Weltalls und dem ganzen Rest gegeben und würde es bis an das Ende aller Tage weiter geben.

Meine berufliche Laufbahn hatte nach dem Praktikum bei Werner Harders in der Grafik von Markenfilm ihre Fortsetzung bei Schlotfeldt in der Hansastraße genommen, und dort war es Peter Plasberg der mir zur OM-2 verhalf. Die habe ich noch immer. Ich fotografiere nur nicht mehr. Diese Spiegelreflexkamera hat gegenüber der Nikon den Vorteil, dass sie klein und leicht ist. Ich habe nicht so große Hände. Es ist eine Kunst, eine Kamera so festzuhalten, dass die Bilder unverwackelt scharf werden. Ich lernte, so abzudrücken, dass nur das vorderste Fingerglied den Auslöser drückt (wie man auch lernen muss, beim Schießen mit einem Gewehr zügig aber entspannt über den Druckpunkt durchzuziehen). Peter brachte mir zudem bei, den Film behutsam einzulegen. Man muss darauf achten, dass beim späteren Weitertransport nach jedem Bild alles klar geht, da man ja nicht mal eben aufmachen kann und nachsehen. War der Film voll, spulten wir mit einer kleinen Kurbel zurück, und da fand Plasberg es gut, wenn ich mir angewöhnen würde, den Film exakt so weit in seine Dose zurückzuschrauben, dass noch einige Zentimeter rausschauten. Dafür musste man Gefühl entwickeln. Er war der Auffassung, dass man auf diese Art dem Labor eine Freude machte, da die Leute dort einen Anfasser fänden, um den Film in der Dunkelheit wieder zur Entwicklung herauszuziehen. Nur „Lieschen Müller“ würde stumpf „bis Ende“ in die Dose spulen, der professionelle Fotograf müsse immer mitdenken. Ich habe aber von anderer Seite gehört: „Die schlachten die Dose sowieso, das ist ganz egal.“ Ich kannte mich allmählich aus. Nicht nur in der Fotografie. Eine Zeitlang änderte sich kaum etwas, so ist es mir immer vorgekommen.

Dann kam eine unerwartete Dynamik in die Welt. Alle machten Airbrush. Einen Kompressor, wie mein späterer Arbeitgeber, Lehrer und Freund Uwe Jarchow sich seinen aus Lkw- und ähnlichem Zubehör selbst zusammengebastelt hatte, mit eigens dafür zusammen gelöteten Geschläuch, für teilweise im Ausland langwierig zu bestellende Spezialpistolen, gab es nun an jeder Ecke serienmäßig. Farbkopierer wurden Standard. Man konnte die Kopien locker bezahlen, und überall gab es neuerdings entsprechende „Copy“-Shops. Die englische Sprache mussten wir können. Man sagte: „shit“ statt: „So’n Schiet!“ (oder Chance statt Schanx und mehr davon). Fotoläden schossen wie Pilze aus dem Boden. Es wurde direkt im Laden entwickelt, und du konntest deine Bilder nach nur einer Stunde schon bekommen!

Filmentwicklung hatte so etwa eine Woche mindestens gedauert, Agfa und Kodak waren allein zuständig, bis Porst „mit der runden Ecke“ auftauchte, und die Sofortbildkamera gab es bald auch. Viele lernten schwarz-weiß Bilder selbst zu entwickeln, einige hatten ein kleines Farblabor im Keller, ich konnte das! Dann kam der Boom, wie oben beschrieben – der Siegeszug der Compact Disk und vieles mehr – und bald darauf verschwand der ganze Zauber schneller, als er aufgetaucht war. Dann wurde noch einmal alles ganz anders. Es wurde so, wie es jetzt immer ist.

Im Bus: Mein Sitznachbar erzählte von seiner Arbeit als Fotograf, und nun kam Leben in unser Gespräch. Ich wollte auch was zum Besten geben, fing an, eine Porträtfotografie zu loben. Ich erinnerte mich: vor kurzem wäre doch Erdmann auf Doppelseite im Heft gewesen. Ich war einigermaßen im Thema, hatte eine Karte beigesteuert. Wilfried Erdmann stand kurz vor seiner „Gegen-den-Wind-Reise“, wollte ganz allein an Bord um die Welt segeln. Das Schiff ohne Hilfs-Motor (da bin ich mir nicht sicher), der Trip geplant, ohne je wo anzulegen. Alles, auch das Essen für die lange Weltreise, musste von Beginn an Bord komplett dabei sein. Um es noch extremer auszugestalten, war die Reise „verkehrt herum“ geplant. Statt so zu segeln, dass wie üblich gute Winde mitschieben, Schlechtwetterzonen und Jahreszeiten mit bekannten Unwettern vermieden würden, den Kurs etwa durch den Panama-Kanal abzukürzen, statt um Kap Horn zu gehen (wie die Kochs es gemacht hatten), wollte Erdmann alle Schikane (und sich selbst) auf einmal bezwingen.

Allein.

In der Redaktion hatte er eine Weltkarte mit der geplanten Route hinterlassen, das war die Vorlage für mich. Meine Aufgabe bestand darin, sie einzuscannen und eine Infografik daraus zu kreieren. Mit grünem Filzstift hatte er vorgemalt, wo es längs gehen sollte. Und es ist möglich, dass diese Fotokopie mit der von seiner Hand eingemalten Linie hier noch irgendwo bei mir in einer Mappe mit alten Arbeiten liegt. Ein Erdmann im Keller ist eventuell mehr wert als ein Bassiner an der Wand? Vielleicht sollte ich danach suchen, ein Bankschließfach anmieten, besser ist das.

Der kommende Held war vor Abfahrt an Bord fotografiert worden. Er saß in seiner Kajüte, dem zukünftigen Zuhause für lange, gefährliche und einsame Zeit. Er entwickelte die Reise in der Vorstellung, exklusiv für die staunenden Reporter vom allergrößten Segelmagazin Europas. Den Blick hatte der Extreme vergeistigt in die Ferne gerichtet, die nur er schon so sehen konnte, im Halbdunkel seiner Erdmannhöhle. Mann in der Tonne. (Kathena ist aus Alu).

Und das hatte einer fotografiert. So gut, dass es eine Doppelseite mitten im Heft wurde. Das Gesicht des Abenteurers in Lebensgröße, der Blick männlich klug und ernst. Er schaut besser, als von jedem nur denkbaren Schauspieler darstellbar, sinniger als jeder Camel- oder Marlboromann; und du konntest jeden Bartstoppel oder Sonnenfleck gestochen scharf sehen, ein feiner Reflex im glänzenden Auge. Das war eine fotografische Meisterleistung der Porträtkunst. Der Fotograf hatte keinen Blitz verwendet, um sich gegen das tückische Halbdunkel zu helfen. Hier hatte einer auf das unmöglichste Filmmaterial mit dem feinsten Korn und der besten schwarz-weiß Zeichnung vertraut. Hatte in Kauf genommen, deswegen extra lang belichten zu müssen – und ganz ruhig hin gehalten und dann abgedrückt. Dieser Moment! Das hatte ich gesehen, und wollte erzählen, wie geil dieses Foto war, wollte mich als Kenner der Materie beim älteren Nachbarn beliebt machen; und da sitzt ein echter Heinz Teufel neben mir! Der war das nämlich, und ich kannte den gar nicht.

Ein wirklicher Künstler.

Nun redeten und redeten wir, es wurde dunkel, und der Bus fuhr in Richtung Hamburg. Und wir hörten Country dabei. Das war dann egal. Schließlich kam es zu einer Sonderrunde durch den Freihafen. Wir überquerten den Köhlbrand auf der schönen Brücke, keine Ahnung, warum es nötig war. Die Fahrt sollte wohl in der Nähe vom Hauptbahnhof enden, und dem Busfahrer gefiel die Route. Es war inzwischen Nacht geworden, später Abend, und alle Lichter des emsigen Hafenbetriebs funkelten, wie extra für uns zum Abschluss des Ausflugs angeschaltet. Ein alltägliches Feuerwerk der Ästhetik krönte unsern lustig kollektiven Kurzurlaub für einen Tag. Die fleißigen Krane rotierten in unermüdlicher Ladearbeit, beleuchtete Schubverbände waren ruhelos im Kanal unter uns unterwegs. Aus der Höhe gesehen kleine Lastwagen (wie Wiking Autos) schlichen da rum, mit Containern beladen, das bunteste, geschäftigste Gewusel draußen, während wir über den mutig geschwungenen Himmelsbogen der schönen Brücke sausten. In unermüdlicher Bewegung rauschte alles in seine jeweilige Richtung. Entgegenkommende weiße Augen der anderen Autos links, rote Lichter der Fahrzeuge vor uns, in langer Kette. Die dunklen Haltetrossen, an der Seite ins Nichts der Nacht verschwindend, sind noch über uns fluchtend in den Himmel gemalt, wie sie dabei diese ganze großartig filigrane Konstruktion tragen. Ein unvergesslicher Fahrtrausch. Wir fliegen durch die bunte Hafennacht.

Warum weiß ich das noch?

Das war dieser Heinz Teufel. Wir hatten, inzwischen müde vom Reden, in Gedanken eigenen Welten nachhängend, dösend im Bus gesessen, als diese brillante Szene das bisher eher konturlose Dunkel ablöste. Da schaut dieser Teufel an mir vorbei in die Nacht und sagt leise, fast zu sich selbst: „Das sind ja alles noch Bilder. Die müssen ja alle noch fotografiert werden.“ Das war wie ein Auftrag vor Gott, vor der Welt – eine Verpflichtung für jemanden, der es hinbekommen kann. Unerledigte Pflichten.

Das hat mich dann nicht mehr los gelassen.

🙂

Schenefeld, Anfang November 2019 – heute beim Arzt. Diagnose: Mein Meniskus innen rechtes Knie ist möglicherweise abgerissen, Operation wahrscheinlich. Es tut beschissen weh, aber das macht nix.

Es gibt ja immer zu tun.