Merkur ist der sonnennächste Planet: Es ist dort sehr heiß. Der Planet ist klein, ein wenig wie unser Mond mit Kratern übersät. Es gibt keine Atmosphäre. Niemand könnte in dieser lebensfeindlichen Umgebung existieren. Würden wir dennoch auf eine besondere Weise geschützt auf dem Planeten wohnen und könnten die Sonne an seinem Himmel anschauen, wäre diese etwa zweieinhalbmal größer, als bei uns zu sehen. Während einige Planeten gut am Nachthimmel gefunden werden können, bemerkt man den Merkur nicht so leicht. Mars, Jupiter und Saturn, die weit entfernt ihrer Bahn folgen und, innerhalb der Erde zur Sonne, die Venus als Abend- oder Morgenstern, können gut beobachtet werden. Noch weiter draußen als der Ringplanet Saturn gehören Uranus, Neptun und Pluto zu uns. Sie sind nur mit Teleskopen zu sehen. Merkur in Sonnennähe ist klein, aber vergleichsweise nah dran. Beim Merkur ist weniger das Problem, kein Fernglas zur Hand zu haben, sondern der richtige Zeitpunkt für eine Beobachtung. Natürlich kann der winzige Planet gerade ein schwaches Licht sein, und ein Feldstecher würde helfen. Wichtiger zu begreifen ist, dass dieser Himmelskörper stets in Sonnennähe am Firmament steht. Damit kann man ihn nur in der Dämmerung finden. Schon kurze Zeit später, wenn es eine Morgensichtbarkeit ist, geht die Sonne auf. Gibt es den Planeten am Abend zu sehen, geschieht es kurz nach Sonnenuntergang. Auch dann steht er tief unten, knapp über dem Horizont und wird bald verschwinden, weil dieser Wandelstern gleich nach der Sonne schon wieder untergeht.

Nachts ist er nie zu sehen. Wie bei der Venus muss man sich den Ort, wo sich der Merkur befindet, links oder rechts relativ in der Nähe zur Sonne denken. Die Sonne fährt von der Erde aus betrachtet wie auf einer Bahnlinie über den Himmel. Wenn sie nicht so hell strahlte, sähen wir neben und hinter ihr die bekannten Sterne, die dann des Nachts scheinen, wenn sich unser Zentralgestirn woanders aufhält. Nach einem Jahr ist die Sonne scheinbar einmal durch alle zu ihrer Spur gehörenden Sternbilder gelaufen. Das sind diejenigen, die wir als Sternzeichen unserer Geburt kennen. Wir können Widder sein, Löwe oder Zwilling. Niemand ist Bootes oder Kassiopeia, und Orion, das schöne Wintersternbild, kann genauso wenig unser Geburtszeichen sein. Dort ist die Sonne nie zu sehen. Die Linie der Sonnenbahn nennen wir Ekliptik.

# Woher ich das alles weiß?

Mein Opa Heinz, der eigentlich gern Großvater genannt werden wollte, kannte sich aus mit den Sternen und Planeten. Er ist Kapitän gewesen, und ich erinnere mich noch gut an viele gemeinsame Stunden. Als mein Opa 1991 gestorben ist, war es ihm noch gelungen, mich mit verschiedenen Partnern bekannt zu machen, mit denen er Bücher produziert hat, so etwa Grafiker Uwe Jarchow oder die Bürogemeinschaft vom Kabel Verlag. Das brachte mir den Auftrag für einen Buchtitel „Aufbruch in die weiße Wildnis“ (Christine Reinke-Kunze) ein, und mit Uwe habe ich mehrere Projekte zusammen gemacht. Ich kenne Heinz nur als Rentner. Er war vorher am Deutschen Hydrographischen Institut beschäftigt, die Seewarte an den Landungsbrücken in Hamburg mit Blick auf den Hafen.

Zur Konfirmation bekam ich 1980 einen Sextanten von ihm geschenkt. Das ist ein Winkelmesser, wie er an Bord verwendet wird. Genau genommen habe ich einen „Schinkenknochen“ bekommen, so genannt, weil die Minutenanzeige zur Feinablesung in einem kreisrunden Ableseteller am Ende der Alhidade daran erinnert. Er hat kein Fernrohr wie üblich, sondern eine runde Platte mit einer Bohrung, durch die man schaut. Im Sommer habe ich mir den noch rausgekramt, um die Sonnenfinsternis (im Juni) zu beobachten. Ein Sextant hat verschieden stark getönte Blenden, die das möglich machen. Nichtsdestotrotz sagte man bei der Marine, wenn man eine Bagatelle dem Kapitän besser verschwiegen hätte: „Da hättest du den Kieker ja auch an das blinde Auge setzen können.“ Das hieß ein Objekt (an der Kimm) auszulassen, um keine Arbeit mit etwas Unbequemen zu haben und erinnert daran, dass Seeleute auf dem zur Sonnenbeobachtung bevorzugtem Auge schlecht sahen.

Für Maritimes, das Wetter und Navigation habe ich mich immer begeistern können. Tatsächlich verstehe ich nur Grundsätzliches. Ich habe zwar einige Prüfungen gemacht, um die entsprechenden Segelscheine zu bekommen und auch zahlreiche Fachliteratur illustriert, aber ein guter Nautiker bin ich keinesfalls. Wenn Piet und ich im Sommer Dänemark besegelten, zeichneten wir den Kurs mit Bleistift in die Karte und steuerten entsprechend. Um mit einer Jolle auf der Ostsee, die meiste Zeit in Landsicht, korrekt anzukommen, war es nie nötig Abweichungen hineinzurechnen. Ich habe etliches begreifen müssen, um meine Autoren zu verstehen, wenn Fachliteratur mit meinen Zeichnungen gestaltet werden sollte. Aber Rechnen ist keine Stärke von mir. Ich war in den letzten Schuljahren recht gut in Mathematik, habe alles wieder vergessen! Kopfrechnen kann ich beinahe gar nicht. Die Logik einer Kartenaufgabe macht mir aber schon Spaß. Auf einer Sommerreise mit meinem kleinen Boot hatten Kocki, meine Mitseglerin und ich, einen besonders schönen Urlaub. 1995 war es nicht eine einzige Nacht bedeckt oder regnete. Wir ließen das Persenning immer ein wenig offen, lagen lange wach nebeneinander in den Kojen und schauten in den Nachthimmel. Ein ums andere Mal probierte ich, ihr Sternbilder oder den Lauf vom Mond zu erklären, mit nur mäßigem Erfolg. Meine Freundin hatte damals ein Studium im Bereich Vermessung begonnen, das sie nie beendet hat. Es erinnert mich gern daran, dass meine Mutter wollte, ich solle Zahntechniker werden, warum bloß?

An dieser Stelle wird es Zeit, den Bogen noch ein wenig größer zu spannen. In einer Art Umlaufbahn, das Thema einkreisend wie bei den Planeten, muss diese Geschichte erzählt werden, damit alle wesentlichen Elemente enthalten sind. Wie ein Busfahrer, der auf seiner Route keine Haltestelle auslassen darf, möchte ich Vergangenheit mit der Gegenwart verweben. Jetzt ist es also nötig, nachdem der Planet und meine maritime Vorgeschichte mit dem Großvater skizziert sind, den Philosophen Karl Popper zu Wort kommen zu lassen. Es gefällt mir, ihn noch einmal zu zitieren, wie bereits in einem anderen Beitrag. Popper stellt die Theorie richtig, räumt mit der Überzeugung auf, wir sähen etwas und reagierten. Der kluge Autor macht deutlich, dass der Spaziergänger den Wald vor Bäumen nicht bemerkt. „Oh wie schön die Tanne“, sagt er, aber ein Förster sieht anderes.

# Dass die Wissenschaften, wie schon die griechischen Philosophen sahen, vom Problem, von der Verwunderung über etwas ausgehen, das an sich etwas Alltägliches sein kann, aber für den wissenschaftlichen Denker eben zur Verwunderung, zum Problem wird, das habe ich schon am Anfang angedeutet. Meine These ist, dass jede wissenschaftliche Entwicklung nur so zu verstehen ist, dass ihr Ausgangspunkt ein Problem ist oder eine Problemsituation, das heißt, das Auftauchen eines Problems in einer bestimmten Situation unseres Gesamtwissens.

Dieser Punkt ist von größter Bedeutung. Die ältere Wissenschaftstheorie lehrte – und sie lehrt es noch immer –, dass der Ausgangspunkt der Wissenschaft unsere Sinneswahrnehmung oder die sinnliche Beobachtung ist. Das klingt zunächst durchaus vernünftig und überzeugend, ist aber grundfalsch. Man kann das leicht durch die folgende These zeigen: ohne Problem keine Beobachtung. Wenn ich Sie auffordere: „Bitte, beobachten Sie!“, so sollten Sie mich, dem Sprachgebrauch gemäß, fragen: „Ja, aber was? Was soll ich beobachten?“ Mit anderen Worten, Sie bitten mich, Ihnen ein Problem anzugeben, das durch Ihre Beobachtung gelöst werden kann; und wenn ich Ihnen kein Problem angebe, sondern nur ein Objekt, so ist das zwar schon etwas besser, aber keinesfalls befriedigend. Wenn ich Ihnen zum Beispiel sage: „Bitte, beobachten Sie Ihre Uhr“, so werden Sie noch immer nicht wissen, was ich eigentlich beobachtet haben will. Wenn ich Ihnen aber ein ganz triviales Problem stelle, dann wird die Sache anders. Sie werden sich vielleicht für das Problem nicht interessieren, aber Sie werden wenigstens wissen, was Sie durch Ihre Wahrnehmung oder Beobachtung feststellen sollen. Als Beispiel könnten Sie das Problem nehmen, ob der Mond im Zunehmen oder Abnehmen ist; oder in welcher Stadt das Buch, das sie gegenwärtig lesen, gedruckt wurde. (Karl R. Popper, Alles Leben ist Problemlösen, Piper 1996).

Nun habe ich, was Popper ausführt, gerade selbst erlebt! Der besondere, wissenschaftliche Denker, von dem der kluge Analyst berichtet, bin ich gerade selbst gewesen. In dieser zufälligen Situation, geadelt durch die persönliche Erinnerung, konnte ich genießen, was jemand anderes nicht wahrgenommen hätte. Geprägt durch das Wissen meiner Jugend, aber unvorbereitet, damit konfrontiert zu werden, trottete ich in den Tag. Das war am Montagmorgen. Ich stehe gern früh auf. Es ist also kurz nach halb sieben, als ich mit einem frisch gekochten Becher Kaffee noch im Bademantel die Treppe rauf ins Atelier komme. Ich betrete unser Dachgeschoss, wie es auf etlichen Bildern der Webseite online abgebildet ist (und deswegen unnötig, meine unordentliche Arbeitshöhle weiter zu beschreiben). Ein schöner Morgen deutet sich an. Es ist noch dunkel, und als Erstes öffne ich das Westfenster, um zu lüften und einen Blick auf die Sterne zu genießen. Der Mond hängt im Westen rum und versaut die Nacht mit seinem Licht. Der Winter ist am Himmel um diese Uhrzeit bereits am Davonlaufen. Orion hat den Meridian schon überquert, noch bevor Weihnachten überhaupt ein Thema ist. Es kommt eben immer auf den Zeitpunkt der Betrachtung an. Ein Wintersternbild am Abend ist keines im Herbst am Morgen. Jetzt klettert vor der Sonne bereits der Frühling hoch, und der Löwe beherrscht den Südosten.

Da gehe ich nun hinüber, mache auch das Velux der Gegenseite auf. Zwischen dem Giebel oberhalb vom „Lindos“ mit seinen beiden Fenstern, der Satellitenschüssel darauf und dem Hochhaus links, ist eine breite Lücke zwischen verschiedenen Gebäuden drumherum geblieben. Das freie Ende gestattet einen weiten Blick zum östlichen Horizont. Hier beginnt, hinter niedrigen Bäumen versteckt, nach wenigen, davon verdeckten Häusern, dem alten Dorfkern von Schenefeld, gleich die Weltstadt Hamburg. Es fängt an, hell zu werden. Die Morgendämmerung kündigt sich an, und genau in der Mitte dieser kleinen, frei bis ganz nach unten gebliebenen Himmelsstrecke im Osten, steht ein magisch funkelnder Lichtpunkt. Nicht besonders hoch über den Bäumen und einem Wohnhaus an der Bushaltestelle Dorfplatz, hinter dem Flachdach der Bäckerei.

Ein startendes Flugzeug von Fuhlsbüttel, denke ich. Ich kann mich noch gut daran erinnern, meinen Eltern einmal (stolz auf meine Kenntnisse), die Venus am Himmel präsentiert zu haben. Etwa dreißig Sekunden hielt diese Vision stand, und mein Vater staunte: „Die ist aber hell!“ Dann bog „sie“ links ab, nahm noch Geschwindigkeit auf und bald kamen rot und grün die Seitenlichter raus.

Das war Montag anders. Das musste ein bekannter Stern sein oder ein Planet? Dazu gibt es doch das Internet, Fragen dieser Art zu klären, denke ich und finde heraus, dass da eine gute Morgensichtbarkeit vom Merkur just dieser Tage erwartet wird. Aus verschiedenen Beiträgen wird klar, dass der unscheinbare Planet ausnahmsweise so hell scheinen wird wie ein gut erkennbarer Stern!

Das ist der Moment an Popper zu erinnern, der uns darauf hinweist, wir gingen nicht primär von einer Beobachtung aus, um eine Forschung zu beginnen. Es liegt ja eigentlich nahe. Zunächst sehe ich das Objekt am Himmel, dann beginne ich nachzurechnen, mache kleine Skizzen, ein Foto vom Himmel, drehe an meiner Kosmossternkarte, suche die Ephemeriden raus und prüfe, ob das wirklich unser kleiner, sonnennächster Planet Merkur ist, der dort so schön im Morgenlicht funkelt? Nein, es ist tatsächlich anders. Nur ich, als besonderes Individuum mit persönlicher Erfahrung und speziellen Interessen, habe dieses „Problem“ mit dem Lichtpunkt. Ich wecke meinen Sohn: „Schau, komm schnell mit ins Arbeitszimmer!“, fordere ich aufgekratzt. Der ist nur genervt, hätte noch eine halbe Stunde schlafen können, bis er los muss: „Der Merkur, das ist aber toll Papa.“

Ich denke an meinen Opa Heinz. Ich weiß noch genau, dass wir darüber sprachen. So lange ist es her. Er wäre auf „Milwaukee“ oder einem anderen Schiff der Hapag gefahren als dritter Offizier oder so. Da hätte er tatsächlich einmal den Merkur gesehen und wäre sich auch ganz sicher gewesen, da er die entsprechenden Tabellen zur Hand hatte, es nachzuprüfen. Der kleine Punkt im Auge des Sextanten, und das war der kleine Planet, ganz sicher. Nur einmal im Leben käme so etwas vor, wenn man nicht sehr darauf aus wäre. Oft sei das Wetter ungeeignet, dann die Nähe zur Sonne, die bekannten Probleme.

Das meint Popper, wenn er beschreibt, dass wir mit einem Problem beginnen und nicht mit dem optischen Erlebnis. Sind das reine intellektuelle Haarspaltereien? Das denke ich nicht. Es sind auch keine Erkenntnisse ausschließlich für Wissenschaftler, die sich gerade mit einer Relativitätstheorie 2.0 herumschlagen. Das kann auch dem gewöhnlichen Hansdampf beim Einkaufen zum Grübeln bringen, wenn eine Packung Müsli ins Auge sticht? Ich glaube, die Antwort ist: ja. Wir sollten lernen, uns als Individuum zu sehen, das ist definitiv gesund. Ein Mensch kann lernen, Dinge wichtig zu nehmen, die faszinieren und Spaß machen, obwohl andere gar nichts damit anfangen können.

Es hat mehrere Tage gebraucht, bis ich ganz sicher sagen kann, mein Opa und ich, wir haben den Merkur gesehen! Ich habe alles nachgerechnet. Dafür benötigte ich einige Blatt Papier, musste eine Karte aus Google Maps ziehen und die genaue Richtung nach Osten ermitteln. Mit dem Sonnenstand, den man ebenfalls für Hamburg erfragen kann, wusste ich, wo genau diese aufgehen würde. Damit ergab sich ein Winkel zur Ostrichtung, und es ist bekannt, dass die Sonne 15° in einer Stunde vorankommt. Sie muss für ihren rechtzeitigen Auftritt auf der Weltenbühne am nächsten Tag, nach 24 Stunden (entsprechend 360°), scheinbar um uns rundherum gewandert sein.

Die Deklination(en) von Merkur und Sonne waren schnell gefunden, der Neigungswinkel des Himmelsäquators musste relativ zur Breite von Hamburg sein. Diese Linie beginnt genau in diesem Ausschnitt, den ich anvisierte; eine gute Möglichkeit für eine Konstante. Die relativ in der Nähe dazu verorteten Objekte erlaubten es mir, fand ich, einen geraden Strich parallel davon zu ziehen. Vereinfacht, aber nicht unzuverlässig, ergab das quasi die Fahrtrichtung des Ganzen.

Dann konnte noch die Rektaszension von Sonne und Merkur genutzt werden, um in ihrer Differenz den Abstand der Gestirne zu prüfen. Schließlich vervollständigten Arktur im Bootes und Denebola im Löwen, die gut erkennbar weiter oben sichtbar waren, das Bild, den kleinen Planeten als in der Jungfrau zu begreifen. Folgebeobachtungen bei gutem Wetter halfen noch, und dann erst entdeckte ich eine Webseite, die unseren Nachthimmel in Echtzeit abbildet, inklusive des Planeten. Kein Zweifel blieb, ich habe den Merkur gesehen. „Na und?“, sagt mein Sohn. „Ach ja, wie interessant“, meint meine Frau, und dann haben sie Wichtiges zu tun. Die Geschichten meines Opas „seien ihnen bereits bekannt“, bremsen die beiden mich aus.

„Na und?“, sage auch ich.

🙂