Nach dem Wehrdienst, der für mich eine Dauer von 15 Monaten bedeutete, begann mein Studium an der „Armgartstraße“, der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg. Es war Anfang 1985, und nach zwölf Semestern bin ich vergleichsweise zügig damit fertig gewesen, habe ein Diplom bekommen. Als Regelstudienzeit waren acht Semester vorgesehen. Ich kenne niemanden, der es in so kurzer Zeit schaffte. Nicht, weil die Anforderungen so hart gewesen wären, dass man länger brauchte, sondern aufgrund erheblicher kreativer Freiheiten, was es hier eigentlich genau zu leisten galt oder eben auch nicht. Es sei „ein Sanatorium“, spottete Otto Ruths. Im Ausland würde konzentriert und hart ausgebildet, bei uns könne man machen, was man wolle. Dementsprechend mau wäre die Qualität dieses Studiums, fand mein alter Professor bekümmert. Nichtsdestotrotz: Ich bin also anerkannt ausgebildeter Grafik-Designer und habe informative Illustration als Schwerpunkt studiert, und zwar bei Professor Gero Flurschütz. Das inzwischen selbstverständliche Bachelor/Master-Studium wurde erst später etabliert: Heute heißt dort alles anders. Unser Grad war dem Wunsch nach einheitlichen Bezeichnungen geschuldet. Die FH für Gestaltung sollte als Teil der anderen Fachbereiche integriert ausbilden. Grafiker sind keine Künstler. Sie gestalten den Alltag künstlerisch, sind aber nicht frei, arbeiten im Auftrag. Man nannte es Gebrauchsgrafik. Für Kunst gingen die mit dem Abitur ans Lerchenfeld. Dazu reichte es bei mir nicht. Nach der Realschule schaffte ich noch ein Fachabitur.

Kunst war von vornherein ausgeschlossen. Hätte ein „richtiges“ Studium mich zum Künstler gemacht? Tatsächlich ließ die Schul- und Studiumslandschaft einen Wechsel ans Lerchenfeld (Uni) zu. Dazu musste man einige Zeit an der FH gewesen sein, sich quasi bewiesen haben. Die exakten Konditionen weiß ich nicht mehr. Es hat mich nicht interessiert. Vermutlich stand mir Angst im Weg, überhaupt über das Leben nachzudenken, die Zukunft zu planen. Damit Kreativität funktioniert, muss einiges im Menschen zusammenkommen.

Die Frage, ob Kunst existentiell ist und bedeutet die finanzielle Existenz miteinzuschließen, kann nicht korrekt beantwortet werden. Spielen mit Material, die Welt mit ästhetischen Thesen zu erreichen; wir streiten noch, wie’s zu verordnen ist. Als Belege für diese Unsicherheit, was das eigentlich sei, mögen die unterschiedlichen Leben Berühmter nützen. Wann waren sie anerkannt, zu Lebzeiten wie Picasso oder erst nach dem Tode wie Vincent van Gogh? Meine Eltern meinten: „Den Fischladen sollst du mal nicht machen“, Malen sei brotlos. Tröstlich: „Du kannst es in der Freizeit tun.“ Ich bin viel zu unreif gewesen, wusste nicht, was ich wollte. Ich tat, was manche geraten haben. Alles geschah irgendwie.

Trotzdem sperrig und irgendwie fehl am Platz: Diplom? Das hat der Ingenieur. Später, bei einer Bewerbung im künstlerischen Echtleben, konnten wir das kaum brauchen. Nur die Künstlerin Angela im Einkaufszentrum, oben im ersten Stock an der Rolltreppe zum 1-Euro-Laden, nennt sich stolz Diplom-Bildhauerin. So wird man kaum eine richtige Rodin. Diese liebe Bildhauerin kann allenfalls Hunde, Pferde und Enkelkinder hauen (für ein unterbezahltes Geschenk zu Weihnachten). Bleibt noch zu unterrichten. Zu lehren, so zu werden wie wir? Ein Erfolg, etwas aus dem Leben gemacht zu haben, der vermutlich nur wenige Schülerinnen davon überzeugt, dass das eine besondere Sache ist. Ein Weg, dem nachzueifern sich kaum lohnt.

# Was bitte ist Diplomkunst?

Nach dem Studium wollte niemand eine Note, einen Titel sehen, wenn wir uns irgendwo beworben haben. Da zählte nur die Mappe, eine Sammlung mit guten Zeichnungen, anstelle der Behauptung, jemand zu sein. Heute brauchen wir vor allem eine verblendete Sprache, um nicht danebenzuliegen, wenn wir etwas erreichen wollen. Department Design heißt es nun hinter der Alster auf dem Mediencampus, Master of Arts. Das ist unsere Armgartstraße gewesen. Gebrauchsgrafiker werden nicht mehr gesucht. Was brauchen wir?

# Ich benötige dich

Benötigen, ein altes Wort, dringlich klingt es, eleganter als brauchen, höflich formuliert: Was tut not? Humor auf keinen Fall, Ironie funktioniert nicht! Ich schweife mal ab, treibe das auf die Spitze. Anders als in der Politik (der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat auf diese Weise gerade den Parteikollegen und Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, abgestraft und korrigiert) ist Ironie in der Kunst (noch) nicht fehl am Platz, so hoffe ich. Ich bin es außerdem gewohnt, abgestraft und bestraft zu werden, und es gefällt mir. Ein Kreativer der nicht stört, ist kein Künstler, sondern nur ein Dekorateur.

Freiheit, sich frei entfalten, ausleben können und Träume, Wünsche entwickeln, sie sich erfüllen, das benötigt der Mensch. Druck ausüben, Macht über andere gewinnen, sie besiegen wollen, brechen, ist verpönt. Das tut weh. Menschen an sich zu binden, mitzunehmen, wem das gelingt, der konnte Grenzen übertreten, ohne gebremst zu werden. Was dem einen der erfüllte Wunsch ist, Besitz, wird dem Gegenüber ein Käfig, Leben, wie mitgeschleift zu werden, und doch geschieht es.

Wie weit kommt der Mann; denn wir sind ja die Bösen? „Wir mussten uns immer weiter ausziehen, wurden wie Spielzeuge herumgereicht“, eine Party beim Prinzen in England. Das habe ich so in einem Interview gelesen, das eine junge Frau gab, die jetzt öffentlich Klage führt (und ich war ja nicht dabei). Ich gebe zu, die Vorstellung Teil dieser Veranstaltung zu sein erregt mich. Kranke Männer werden dingfest gemacht, und auf der anderen Seite böse Männer tun es, üben sexuelle Gewalt aus. Machtmenschen, die ganz offensichtlich nicht krank sind, nehmen sich, was sie brauchen. Sie finden auch dazu helfende Frauen, die das böse Spiel vorantreiben, junge Menschen auszunutzen.

Die Gesellschaft schaute weg, die Eltern, die Freunde waren fern, und Gott gerade hinter dem Pluto unabkömmlich, beschäftigt. Heute steht hinzuschauen, wenn jemand bedrängt wird, so hoch im Kurs, dass zweierlei passiert: Es wird gerade deswegen doch weggeschaut, weil Zivilcourage eingefordert werden könnte, und es wird extra hingeschaut, zu intensiv, im voraus eilenden Sinne, weil eine Belohnung winkt. Retter sein! Und das Unheil entwickelt an Fahrt, das Rufmord heißt. Es ist mein malerisches Thema geworden, weil’s mich betrifft: Ich bin ein Mann, und ich war selbst einmal Kind und jugendlich. Ich möchte nicht als psychopathisches Monster gesehen werden wegen dem, was ich sagte, weiter (frech) male und hier im Dorf (selbst hinschauend) treibe. Das ist scheinbar passiert, und viel ging kaputt.

Es wird gern vergessen, das Menschen finstere Sachen tun, wenn wir bemerken, dass Männer böse sind. Das ist dummes Zeug. Frauen seien besser? Ich glaube nicht daran. Insgesamt: Es gibt weder gute noch böse Menschen. Es gibt Gewalt, auch verbal, und wir alle sind dazu in der Lage, die Grenzen anderer zu missachten. Der Krieg ist ein gutes Beispiel dafür, dass Angriffe, nicht die Menschen böse sind. Wer ist wem ein Feind? Das böse Spiel ist ein beiderseitiges. Nur weil eine Gesellschaft nach innen schauend den jeweiligen Gesetzesbrecher erkennt, muss respektiert werden, die Tat zu verurteilen und nicht den Menschen insgesamt. Das ist unser Fortschritt, seit es die „Gute Nachricht“ gibt. Der Grund, dass sich das Christentum so breit machen konnte, ist nicht, dass religiöse Eiferer damit Missbrauch trieben.

Es ist schlicht so, dass ab unserer Zeitrechnung die immer voller werdende Erde und die sozialer und zivilisierter werdenden Massen sich derartig auf die Pelle rückten, dass den zehn Geboten der Teil mit der Barmherzigkeit noch extradeutlich nachgereicht werden musste, damit zumindest diese neue Idee, wie’s auch geht, geübt werden konnte. Der Rechtsstaat sollte so handeln, und deswegen gibt es eine komplexe Struktur. Das hindert deinen Nachbarn nicht, wenn er dich verachtet, verbal selbst zu richten. Er ordnet dich als Ganzes ein: „Das ist so einer!“, sagt er anonym. Und ein kleiner Krieg fängt an. Die Gewalt ist ein Teil der Welt und wird es bleiben. Die Chance besteht ja gerade darin, sich auszuleben und eigene Grenzen zu bemerken, statt hinter der Gardine zu spannen, wenn unten falsch geparkt wird und die Polizei zu „informieren“; das ist nicht das Leben.

Nötigen, bedrängen, missbrauchen; ich habe mich immer gefragt, was sexueller Missbrauch sei? Nicht das Verbrechen. Ich meine den Begriff. Wenn wir die Zigeunersoße brandmarken, den Mohrenkopf nicht mehr zum Munde führen dürfen, ohne Bauchschmerzen zu bekommen, wie kann es sein, dass Menschen missbräuchlich gebraucht werden, zweckentfremdet?

# Missbrauch

Ein Wort, dass obschon omnipräsent, noch nicht in den Fokus der Gutmenschen geraten ist, die täglich ihre Verbots-, Gender- und Weltverbessrerliste länger machen. Bislang fand sich keine, die drauf plädiert hat, dass diese missdeutliche Verletterung dringend verworfen werden müsste, warum? Impliziert es für mich doch die gute Gegenseite des richtigen Gebrauchs. Wer sagt denn so was? Los geht’s: Ich brauche eine Frau und „gebrauche“ sie lustvoll, das wäre die korrekte Kehrseite zum Missbrauch? Das habe ich so noch nie gehört. Das klingt nach benutzen. Gebräuchlich ist, wie sich’s gehört. Brauch. Ach so.

# Verbrauch

Unser Altbundeskanzler Gerhard Schröder war von 1968 bis 1972 mit Eva Schubach, von 1972 bis 1984 mit Anne Taschenmacher und von 1984 bis 1997 mit Hiltrud Schwetje verheiratet. Vierte Ehefrau Schröders war ab 1997 die Journalistin Doris Schröder-Köpf. Im Januar 2018 stellte Schröder seine neue Partnerin, seine spätere fünfte Ehefrau, die südkoreanische Wirtschaftsexpertin Kim So-yeon vor, die er am 2. Mai 2018 in Seoul heiratete. (Wikipedia).

Er verbrauchte vier Frauen, bis er glücklich wurde? Das sagt man so nicht.

Das böse „Vergewaltigung“ ist eindeutig. In diesem Wort steckt wohl, dass es so nicht richtig ist, und es gibt keine umgekehrte Formulierung. Das ist brutal und lässt nicht an technische Geräte denken, eine Sache. Aber der bestimmungsgemäße Gebrauch auf der einen Seite, fälschlich der Missbrauch einer Sache andererseits, das klingt nur logisch, (denke ich) wenn wir von Dingen reden. Eine Kaffemaschine brauche ich zum Kaffee kochen. Wenn ich sie dazu missbrauche, Wiener Würstchen zu garen, ist es verkehrt, aber eventuell geht das.

Die Macht der Worte, die Gewalt geht vom Gesetz aus, vom Staat. Was ist richtig, was sollte bestraft werden, und wer im Staat ist dafür zuständig, Bedingungen zu schaffen, dass Straftaten dort gesehen werden, wo Leid und Gewalt real verübt werden? Schmerz und Verbrechen sind eindeutig am Leib spürbar. Was weh tut, tut weh. Juristische Bewertungen dagegen sind eine Welt für sich. Ein Urteil macht aus dem Leben ein Wort. Und ein Wort bedeutet dann, über das Leben anderer zu bestimmen.

# Vollstreckt

9. Mai 1921, ich muss das so schreiben: Weil es aktuell in den Nachrichten kam, Erinnerung an eine Heldin damals, vor hundert Jahren geboren. (Es wirkt tagelang nach bei mir). 22. Februar 1943, Sophie Scholl, die Widerstandskämpferin im Dritten Reich wurde enthauptet. Sie wurde nur 21 Jahre alt.

Ich weiß, dass viele Menschen litten, auch heute täglich Unheil geschieht, aber meistens sehe ich darüber hinweg. Ich habe vor wenigen Tagen einen Mann gesehen, der trug ein Mädchen auf der Schulter. Sie war etwa zwölf Jahre alt. Im Fernsehen war das, in den Nachrichten. Mit vielen anderen, in einem Strom durch das Bild drängenden Menschen, eilte er mit ihr auf die Kamera zu. Ich sehe es noch immer vor mir, wenn ich daran denke: Er kommt nah heran, passiert die Stelle an der er gefilmt wird, ohne darauf zu achten. Mit der Kleinen, wie eine leichte Jacke oder einen leblosen Sack übergeworfen, hetzt er schnell rechts raus, direkt im Vordergrund, dass man die Gesichter erkennen kann. Die Verletzte ist dünn, hübsch, dunkelhaarig, vielleicht seine Tochter. Ich erinnere, wie verzweifelt dieser Mann schaut, obwohl das Bild nur für einige Sekunden durchlief. Das kleine Mädchen; dort, wo das linke Auge hingehört, war alles blutig, matschig geradezu. Krieg in Israel, im Gaza.

Menschen sind Monster, immer wieder, wenn sie meinen zu wissen, was richtig ist, wer Feind. Ich kann nicht länger ausblenden, dass auch ich ein Mensch bin, und worin deswegen meine Pflicht besteht. 1943 – ich konnte nicht darüber hinweg lesen: Es gab einen Henker, der es schaffte, eine junge Frau abzuschlachten (wie ein Schwein), die Flugblätter verteilt hatte, und das galt ihm und seinem Staat als Recht und richtig. Und heute gibt es weiter Menschen, die möchten, dass der Staat tötet, weil diese Leute mutmaßlich das Rechte kennen?

Es liegt einige Jahre zurück: „Wiedereinführung der Todesstrafe“, was ich davon hielte? Sie fände, darüber müsse nachgedacht werden; eine Frau in meinem Alter hat mich das gefragt. Wir trabten durch den sich im Umbau befindlichen Stuttgarter Bahnhof. Die intellektuell Geistreiche kannte den aktuellen Weg zur S-Bahn nach Backnang, wo wir hinwollten wie oft. Während der Bauarbeiten im Rahmen des Megaprojektes „Einundzwanzig!“ änderte sich das einige Male zu gehen, und der verschlungene Pfad in den Keller der Bahn ist dort nicht immer logisch wiederfindbar gewesen. Sie kenne sich aus, fahre hier jeden Tag, meinte sie. Eine flotte Dame in schwarz. Wir ließen uns gern ein wenig an die Hand nehmen, plauderten vergnügt, im guten Tempo durch das Gewusel der Massen vorwärts strebend. Sie sei Medienreferentin beim grünen Kretschmann im Büro, so hatte sie sich vorgestellt, während wir beschlossen, den Regio aufzugeben. Lok kaputt, Hirn beschädigt? Zu Fuß am Gleis unterwegs, erst fröhlich interessiert, vielerlei politische Themen durchhechelnd, machte es Spaß zu reden; schließlich konfrontierte sie mich – brüskierte uns, mit ihrem Wunsch nach scharfem Schwert im Staat.

Unglaublich. Es ging so nett voran. Sie kannte den Weg. Grün kann so ordentlich sein, pragmatisch und vernünftig in Baden-Württemberg. Das gefiel mir. Man läuft mit, weiter, auch im Text, und dann das. Ich weiß noch, ich sagte wörtlich: „Da gehe ich nicht mehr mit“, war schockiert und höflich zum Schluss.

„Einen schönen Tag noch.“

Widerstand ist immer begründet. Widerstand zeigt, dass kein Staat das Recht und das Richtige schon kennt, sondern darum ringen muss. Natürlich ist unsere Welt besser geworden. Es gibt aber weiter zu tun, und wir machen weiter Fehler. Besonders meine Fehler, mein eigenes Versagen kenne ich nur zu gut. Andere zeigen mit dem Finger auf wieder andere Menschen. Das liegt mir nicht so. Ich probiere, besser zu verstehen. Heute lebe ich, und es treibt mich um, etwas zu verbessern, zunächst mich selbst. Ich will wissen: Was ist krank, was böse? Was tut gut, geht leicht, gefällt und macht Spaß; wie fühlt sich’s an? Wo beginnt übergriffige Einflussnahme, Machtmissbrauch? Mich drängt zu verstehen: Was schafft die Lenkungskraft der Erziehung? Möglichkeiten zur Selbsterziehung nicht zuletzt gesundes Erwachsenwerden, auch die Entwicklungsmöglichkeiten derjenigen, die bereits lange volljährig, aber unreif geblieben sind, probiere ich dort zu sehen, wo diese gegen sich selbst unterwegs sind. Schwer, andere zu ändern, beinahe unmöglich. Sie sind so blöd, man sieht das doch gleich. Ich möchte ihnen das, was sie so tun, auf diese Weise nicht nachmachen, kann meine Fehler bei ihnen erkennen. Ich bin, so scheint es mir, auf meine Art genauso. Wo setzen wir an, unsere Gesellschaft besser und menschlicher zu machen, wenn nicht bei uns selbst?

Stark verkürzt erzählt: Ich wollte das vor einiger Zeit mit einer Polizistin diskutieren. (Die Polizei diskutiert nicht). So ist mein neues Menü „Psycho“ entstanden. Eine Thematik, die ich so befremdlich und unmöglich wie nötig dargestellt habe, weil ich Unglaubliches erlebte. Das hat mich eine Zeit lang von der richtigen Malerei mit Farbe abgebracht. Das große Bild, an dem ich seit einem Jahr arbeite, „Europa von den Socken“, 120 x 100 cm, Acryl auf Leinwand, stand in der Ecke. Aber eben nicht ganz fertig. Ich konnte es aushalten. Das hätte früher nicht funktioniert, ein Bild lange beiseite zu legen.

# Strafbar!

Ironie funktioniere nicht in der Politik. „Das sei doch ein Profi, der müsste das doch wissen, der Palmer“, sagte der Ministerpräsident. Wir Politiker sind nicht am wirklichen Geschehen interessiert, „wir stellen es professionell in unsrem Sinne dar“, heißt das wohl. Zu unserem grünen Vorteil. „Quotenschwarzer“ bedeute ein rassistisches Unwort, das sage man nicht. Vielleicht macht man sich strafbar, wenn man es verwendet? Er hatte es nur weitergesagt, seine These illustriert, Cancelling in unserer Kultur angeprangert. Auch Lehmann, der Fußballer, hat den Begriff nicht erfunden. Er stand am Anfang einer Kette von umfallenden Dominosteinen. Ein Wort, das auf drastische Weise rassistischen Alltag beschreibt, wird selbst zum Unwort. „Neger“ ist schlimmer, und die Steigerung davon? Das dürfen nur die selbst sagen, die es betrifft; stimmt. Die eleganten Politiker sagen nur professionelle Wörter.

Wer glaubt etwas verstehen zu wollen, ist schon vom Ansatz her auf einem riskanten Weg. Der Mensch ist mit der Größe der Realität überfordert, schafft sich Ordnung, verkleinert sie auf einen Schrank. Er gibt allem eine Schublade. Es steckt im Wort „strafbar“. Die Polizei ist nicht daran interessiert, die Wahrheit zu finden. „Können wir ihn bestrafen?“ ist vielmehr ihr Ansatz (und falls nötig, helfen wir nach, damit’s passt).

Daran zu glauben, es gäbe eine Wahrheit ist bereits falsch, weil wir damit rechnen müssen, dass diese nur bruchstückhaft bekannt ist. Es siegt demzufolge die stärkere Wahrheit. Darin liegt eine Chance. Jedem Projekt wohnt das Risiko seiner Fehlerhaftigkeit inne, so auch dem Unternehmen, andere gezielt gesellschaftlich ächtend zu bespitzeln.

Ein Teil der strafbaren Handlungen ist ein argumentativer Rattenschwanz im Gesetz um den Kern einer Tat herum. So ist das Verbrechen beispielsweise, Falschgeld zu verwenden. Dazu muss dieses hergestellt werden, und derjenige, der es unwissentlich weitergibt, gerät auch in den Fokus. Deswegen geht es bei Gericht gezielt um die exakt zu beweisende Strafbarkeit, weniger um den Menschen und das verursachte Leid. Der Ruf nach größerer Gerechtigkeit verhallt ein ums andere Mal, und nur einfach gestrickte Menschen beharren darauf. Gerechtigkeit, für wen den? Milde für den Täter, der Opfer der Situation sei, wäre gerecht; der empörte Verteidiger verlangt danach? Das sehen die Ankläger genau anders herum. Diese sind in der komfortablen Situation, Schuld benennen zu können. Das ist denen, die verletzt wurden nur selten klar. Ihr Verständnis von Gerechtigkeit bedeutet in der Regel gnadenlose Härte, die „es geben müsste“.

Es bleibt die Annäherung an ein für die Gesellschaft zu komplexes Problem. Der Rechtsstaat kontrolliert sich dort, wo Ordnungskräfte notwendigerweise Gewalt anwenden, um polizeilicher Willkür vorzubeugen. Die größere Wahrheit kann letztlich gewinnen, wenn eine mobbende Gruppe sich zum Aufpasser deklariert, aber lügen muss, ihre Ziele zu erreichen. Lügen haben kurze Beine, heißt es. Eine Polizei mit kurzen Beinen fällt schließlich hin.

# Meine kleine Freiheit

Heute würde ich sagen, dass der Gewinn des Lebens darin besteht, dazuzulernen. Während zunächst der Anteil Meinungen und Ratschläge anderer mein Leben bestimmt hat, bin ich heute frei zu denken, was ich möchte.

So kommt es mir vor.

So fühlt es sich an. Da muss ich, wenn ich diesen Satz hinschreibe, gleich an S. denken. Ein Professor im Studium. Zusammen mit dem Kollegen M. waren zwei Fachleute für Trickfilm engagiert worden. Und ein oder zwei Semester habe ich dort verschiedene Kniffe der filmischen Erzählkunst und Techniken erlernt, diese elegant mit wenig Aufwand grafisch umzusetzen. Der Kollege S. hatte zahlreiche kluge Tipps drauf, wie man eine Geschichte im Film mit ganz einfachen Mitteln auf den Punkt bringen kann. Einmal glitten unsere Gespräche in kleiner Runde vom Thema ab. Zwei, drei Kommilitoninnen saßen mit mir dabei, hübsche Mädchen, deren Augen geradezu an den Lippen des Profs. hingen, als der philosophisch wurde. „Was heißt das, der eigene Wille?“, meinte er.

„Du kannst ja nicht einmal darüber bestimmen, was du denkst.“

Ein ganzes Leben lang scheinbar … habe ich über diesen Satz nachgedacht.

# Die Gedanken sind nicht frei

Stimmt das? Ich prüfe es nach. Andere thematisieren dasselbe auf ihre Weise. Mein Weltbild kollidiert immer wieder damit. Vor geraumer Zeit, als es ganz normal war ohne Maske vor Mund und Nase zum Gottesdienst zu gehen, singen mit der Gemeinde war üblich, dicht an dicht sitzend in der Bank eine Kirche zu besuchen, statt bei ausgewählt begrenzter Besucherzahl nach vorheriger Anmeldung hinzugehen. Es geschieht oft, mal im Alltag, dann im besonderen Moment, ich stolpere drüber. Eine Predigt mahnt mich, dass es kein isoliertes Selbst gibt und damit auch keine Freiheit der Gedanken nach dem Motto „mein Wille geschehe“, sondern nur die Freiheit zwischen den anderen. So gesehen sind die stillen Worte in unserem Kopf immer bedingte Gedanken, frei nur im individuellen Kanal. Wie breit kann ich meine Spur machen?

Du stellst meine Füße auf weiten Raum (David).

# Paulskirche

Der neue Pastor Brodowski, hier bei den anderen, in der Siedlung in Schenefeld, nicht im Dorf, wo ich „meine“ Stephanskirche und Rinja mag, gut kenne, spricht vom Leben in der Beziehung zu Gott. Der Pastor macht sich lustig über den altgrünen Joschka. Der Prediger zitiert: „Mein langer Lauf zu mir selbst“, so hieße ein Buch vom pensionierten Politstar. Das sei an seiner Realität, wie er, Brodowski sie verstünde, vorbei. Leben isoliert von Gott und der Umgebung ganz auf sich selbst bezogen, blende doch aus, dass niemand ohne das Drumherum existiere. So ungefähr erinnere ich seine Mahnung vor kurzem in unsrer anderen (großen) Kirche mit dem etwas abseits stehenden Turm. In diese Richtung argumentierte auch der Professor für Trick. Nur glaube ich, dass es weniger „evangelisch“ gemeint war. Was wäre denn noch freies Denken, Freiheit überhaupt, wenn wir so festgelegt sind, dass uns alles bloß geschieht?

# Leben in Beziehung zum Gegenüber

Freier Wille, ja oder nein, glasklar und entschieden oder fest und vorherbestimmt unterwegs, irgendwie dazwischen; ich kann das nicht beantworten, aber das eindeutige Empfinden, viel selbstbestimmter zu sein, ist nun immer spürbar. Das wird mit den Jahren stärker, lässt sich nicht auslöschen, wenn mich noch irritiert, dass mir nach wie vor so einiges passiert, worüber ich wenig Kontrolle habe. Gerade das häufiger vorkommende Erlebnis, die Wahl zu haben was ich als nächstes möchte, lässt mich spüren, dass es Momente gab in meinem Leben, wo ich keine Wahl hatte und wie unter Zwang funktionierte.

Das fühlt sich nicht gut an. Wer nicht wählen kann, wird sich fürchten. Schlimm, wenn wir nicht wählen können, obwohl wir’s könnten, wenn wir wüssten, dass wir es können. Auf diese Weise sind viele gefangen in ihrem Kreislauf, den sie zu denken gewohnt sind. Ich habe nach einem Ausweg aus diesem Strudel gesucht. Ich fand den entscheidenden Menschen, um auszubrechen, kam raus, gewann meine menschliche, natürliche Freiheit und Selbstachtung zurück – und habe dabei so viel verloren. Freiheit vom lebenslangen Alptraum, eine vollzeitliche Angststörung (wer denkt sich Begriffe aus, und wie lang dürfen wir sie verwenden) war mein Leben, was heißt das schon. Der Schock, schließlich ganz viel zerstört zu haben; das sitzt noch.

Vor einem Jahr habe ich mit „Das grünere Gras“ angefangen (Europa von den Socken). Das ist zu einem Bild mit Malpausen geworden. Nun hat es beinahe ein Vierteljahr herumgestanden, eine Zeit, in der anderes wichtiger war. Seit einigen Tagen male ich wieder. Zwischendurch kamen mir Zweifel, ob ich ein weiteres Mal den Zugang finde weiterzumachen. Aber darauf kann ich mich, so scheint es, verlassen; die Kreativität versiegt mir nicht. Ich zeichne nicht seit dem letzten Sommer, na und? Man wird schlechter darin, wenn man’s nicht täglich tut, na und? Gerade mache ich anderes. Es macht keinen Sinn, in eine Richtung arbeiten zu wollen, aus Angst man müsse dranbleiben. Für wen denn? Und vielleicht liegt hier die Antwort auf die schwierige Frage, wie es denn richtig ist, mit der Freiheit und dem sinnvollen Gebrauch unseres Selbst.

Man gehe durch die offene Tür, renne nicht an gegen die Wand daneben, finde ich. Aber zu glauben, man könne alles und jedes beginnen, führt eventuell dazu, nicht wahrhaben zu wollen, wo man gerade ist. Die Wahl besteht darin, zwischen den Türen und Mauern zu unterscheiden und den passenden Weg zu nehmen. Aber die Unfreiheit, die sich nicht leugnen lässt, ist die, dass hier eben nur Türen offen stehen, von uns geöffnet werden können, die am aktuellen Platz drumherum montiert sind. Wenn ich gerade in einem Zimmer bin, ist das bildlich real. Wenn ich mich auf einem Bahnhof befinde, muss ich, wenn es mir nicht gefällt, etwa die Bahn als Verkehrsmittel zu nutzen, zunächst den Weg zum Flughafen auf mich nehmen, bevor ich auf diese Weise abheben kann.

Entspannter auf dem Weg, der so vieles bedingt, das ist mein Leben heute. Und ich bin um so vieles unglücklicher, trauriger und enttäuschter als je zuvor – ein Widerspruch scheinbar: Entspannt aber nicht glücklich, was soll das denn? Glück ist doch nur ein Höhepunkt. Enttäuschungen zulassen können, sich nicht dafür bestrafen, Fehler gemacht zu haben, das meine ich. Was ich alles nicht bekam, wo überall ich mir im Weg stand, gegen wie viele Mauern ich rannte! Nur scheiße war diese Vergangenheit. Eine Kette von Fehlern, Versagen und falschen Entscheidungen drängt sich mir auf, die ganze Zeit ist alles präsent, was ich verkackte. Meine Erinnerung tut mir weh; ich komme klar damit. Früher wollte und konnte ich’s nie spüren, wie unglücklich, ängstlich und blind ich gewesen bin. Eine seltsame Sache.

Es ist für so vieles nun unwiederbringlich zu spät. Das geben diejenigen, die gern sagen, sie würden alles noch einmal ganz genauso machen, nicht zu. Das ist so blöd, denn natürlich möchte kaum jemand das Leben eines anderen komplett haben, mir jedenfalls geht es so. Fehler schmerzen, und es gibt Sachen anderer, die ich ihnen neide. In diesem Widerspruch liegt die Wahrheit des nicht anders Könnens. Weil wir nun mal Individuen sind. Anderen kann ich vormachen, der tolle Typ zu sein? Mir selbst mache ich nichts mehr vor. Ich hätte ganz anders gelebt, wenn ich das nur gekonnt hätte. Das gibt heute und zukünftig unendlich viele Dinge, die ich ändern möchte, und es scheint ausgeschlossen, eine Möglichkeit zu entdecken, spezielle Wünsche umzusetzen. So denke ich, es sei zu spät. Na und.

# Verdammt lang her

Es kann niemand mehr kommen, der mich eines Bessren belehrt. Das müsste ich selbst entscheiden. Mir fällt eine Erzählung ein, gerade nur ein Satz aus diesem Roman, er sticht hervor bis heute: Die anderen sind irritiert, als Rob (der Rancher auf einem Gestüt) umschwenkt. „Ein erwachsener Mann kann seine Meinung doch ändern“, sagt der raubeinige Pferdezüchter. Die kleine Familie. Sie hielten den Vater für starrsinnig. Ein harter Mann, Mutter und die Söhne, sie hatten bereits aufgegeben. Aber seine Härte ist kein Starrsinn, ist nicht egoistisch, es ist mehr. Der knorrige Rob kann sie noch überraschen. So lang her! Ich habe das als Jugendlicher in einem Buch gelesen. Es blieb irgendwie hängen. Vielleicht, weil mein Vater es so nie gesagt hätte? Heute, ich bin traurig, kann vieles nicht ändern, es tut weh. Ich bin zufrieden. Es macht mir Spaß, zu tun, was ich kann. Fühlen und Gefühle sind nun zweierlei. So ist es unsinnig formuliert? Das kann man einem jungen Menschen kaum plausibel machen.

🙂