Wir sehen es in den Nachrichten, jemand hat alles verloren. Ein Brand in Kalifornien, Buschfeuer haben das Wohngebiet erreicht. Eine Frau steht fassungslos vor den verkohlten Resten. Nur Metall hat dem Feuer standgehalten. Das runde Guckloch in der Front einer schwarzen Form scheint zu beweisen, dass das wirklich einmal ihre Waschmaschine war. So können wir uns vorstellen, was es für uns selbst bedeuten würde. In den verbrannten Resten rundherum ist keine Struktur erkennbar. „Hier war die Küche“, sagt die Frau und bricht ab – dann kommt anderes, zum Schluss der Wetterbericht; uns geht es gut!

Wir sind gerade im Urlaub, in der Ferienwohnung.

Die kleine Welt. Unsere gewohnte Umgebung, in der wir uns zurechtfinden. Leicht nehmen wir ein Urlaubsdomizil in Besitz und kehren dann zurück, selbstbestimmte Wechsel sind einfach. Existenzverlust, wie es sich anfühlt? Das zieht uns den Boden unter den Füßen weg. Ich erinnere mich: Ich war noch klein, etwa elf Jahre alt oder zwölf, da wurde ich nach Marktschellenberg in eine Kur verschickt (das hieß wirklich so). Ich sei zu leicht, zu dünn und auch für mein Alter zu schwach, hatten Hausarzt und Barmer-Ersatzkasse festgestellt.

War das wirklich der Grund?

Die großen Ferien fanden erzwungenermaßen bei Berchtesgaden statt, Kinderheim für einen Sommer. Die Leitung durften wir „Charlotte“ nennen, eine ältere Dame. Sie war schon einmal an der Elbe zu Besuch gewesen, kannte unser Fährhaus und Schiffsbegrüßungsanlage, tatsächlich!

Wedel – meine Heimatstadt mit unserem verwinkelten Altbau mitten in der belebten Einkaufsstraße, die vom Bahnhof bis beinahe an die Elbe führt. Als ich zurück kam, war das vertraute Haus mit unserem Fischladen an der Straße, der Wohnung darüber und der von Oma Lina ganz oben unter dem Spitzgiebel (wo jedes Jahr die Schwalben ihre Nester in die Winkel kleisterten), weg.

Eine Baugrube gähnte mich an.

Zwei große Berge dahinter zerstörten das gewohnte Bild aus Obstbäumen, Erdbeer- und Gemüsebeeten, den Spargelreihen auf der anderen Seite vom schmalen Weg im Gras. Der vordere, ein reichlich fünf Meter hoch geschütteter Kegel aus gelbem Sand, Lehm. Der andere ein schwarzer Dreckhügel, aufgetürmt aus klebrigen Mutterboden. Sie besetzten den Platz, wo Garten und Schuppen für das Boot gewesen waren. Rechts hatte der große Birnbaum gestanden. Der war auch weg. Immerhin, mein Lieblingskletterbaum, unsere Kastanie ganz hinten im Garten, hatte das von den eigenen Eltern angezettelte Verbrechen gegen meine vertraute Heimatumgebung überlebt. Sie stellten alles anders dar, betonten bis zu ihrem seligen Ende die Sinnhaftigkeit des Neubaus, alternativlos wäre es gewesen. Die Eltern waren ja nicht meine Feinde oder so: „Dafür bist du noch zu klein“, sagten sie vielleicht auf verstörende Fragen, so sind Eltern. Später waren sie dann Oma und Opa für ihre Enkel und machten sich ganz gut.

Einmal war während unseres Urlaubs an der Ostsee zuhause in Schenefeld ein schweres Gewitter niedergegangen, und sie riefen uns im Ferienort an, würden sich kümmern, helfen, ordnen und alles aufwischen, damit wir bleiben konnten, wo wir waren. Sie (und einige ebenfalls betroffene Nachbarn) mussten den Keller trocknen. Wenige Zentimeter hoch (nur) hatte dort Wasser gestanden und doch reichlich Schaden angerichtet. Das vertraute Zuhause ist ein wesentlicher Teil unserer Existenz.

Meine Eltern sind seit einigen Jahren verstorben, und ich denke viel nach über Familie und gesellschaftliche Struktur. Wir helfen einander in der Not, aber die Nachrichten sind voll von Gewalt und Betrug. Menschen, was sind wir: Ist die Gesellschaft (an sich) böse? Das wollte ich herausfinden. Für mich eine wichtige Frage: Warum werden Menschen psychisch krank? Eine verworfene These aus den vierziger Jahren. Die modernen Psychologen tappen weiter herum, im Dschungel der Diagnosen und Lösungsansätze.

Ich habe schon viele auf unterschiedliche Weise psychisch Kranke kennengelernt: „Hier in der Klinik bekomme ich täglich Therapie, mache die Aufgaben, aber irgendwann ist es ja fertig. Dann bin ich wieder zuhause, und dann ist Mama ja wieder immer da“, sagt eine junge Frau und fährt fort: „Dann beginnt sowieso alles von vorn.“ Sie zeigt mir verheilte Narben auf dem Unterarm.

„Ritzen“ ist ihre Diagnose.

Wenn das Buschfeuer unser Haus niederbrennt, das Gewitter den Keller flutet oder Terroristen – der Feind von draußen – wer auch immer unsere Existenz vernichtet: Das wird uns stärker machen. Wir werden Hilfe bekommen und sie nutzen können. Entscheidend ist die Grenze, was wir als unser Leben definieren und ob die Bedrohung fremd ist oder der Gegner auf untrennbare Weise mit uns zusammen wohnt? Mama ist wieder „immer“ da – wie hilflos und frustrierend – es ist nur jeweils eine Mutter die eigene. Eine bessere ist nicht zu bekommen. Liebe ist eine Pflicht? Dann wird ein abhängiger Mensch krank. Kinder benötigen Jahre, bis sie erwachsen sind und selbst für sich sorgen können. Wenn das nach der in unserer Gesellschaft als angemessen empfundenen Zeit nicht gelingt, wird es schwierig für die jungen Erwachsenen und genauso für die Eltern.

Eine Möglichkeit Ansätze zu finden, um Probleme in den Griff zu bekommen, ist zunächst eine Theorie zu formulieren, die erklärt wie die Schwierigkeiten entstehen. Das zeigt schon deswegen Lösungen auf. Wir können Beispiele aus verschiedenen Bereichen beschreiben und deutlich machen, wo innerhalb von Grenzen einerseits und Beziehungen zu fremden Mitgliedern andererseits das Netzwerk des Lebens erkennbar ist. Das skizziert fremde, aber verwandte Bilder, um ähnliche Systeme wie Modelle nutzen zu können. Wir schauen auf Staaten, ihre Regierungen und Gesellschaft, um ein vergleichbares Bild der Familie, dem einzelnen Organismus und den individuellen Problemen zeichnen zu können.

Ein System ist eine Verbindung von strukturierten Abteilungen mit einem gemeinsamen Ziel. Ein Schiff mit der Fähigkeit dem Meer und Wetterbedingungen zu trotzen, auf einer Fahrt zu einem fernen Hafen? Es hat eine Mannschaft an Bord, transportiert Fracht oder Passagiere und wird letztlich in seiner Bewegung durch den Kapitän verantwortet; das ist ein System. Eine Firma ist eins, ein Staat oder eine Familie ist ein System. Ein Mensch, begrenzt durch die Haut, mit seinen Armen und Beinen, den Muskeln, Knochen und den inneren Organen, der leitenden, Sinn gebenden Zentrale im Kopf, ist ein System. Um eine psychische Erkrankung zu verstehen und in den Griff zu bekommen, müssen Muskulatur und Bewegung genauso wie familiäres Umfeld und Jobsituation in das Denken miteinbezogen werden.

Beispiele aus anderen Strukturen können eine gute Illustration der Problematik sein.

Was sind nicht änderbare Widerstände, und wo sind flexible Grenzen? Wenn es beispielsweise in Europa Schwierigkeiten gibt, Verantwortung zwischen einzelnen Staaten anderen gegenüber geltend zu machen, werden schnell Unterschiede deutlich. Ein Mensch wird sich schwerlich von einem schmerzenden Fuß trennen. Aber ein Staat wie Großbritannien kann die Europäische Union verlassen. Dasselbe geschieht in Firmen mit finanzieller Schieflage. Die funktionierenden Abteilungen können von einem Käufer in die eigene Struktur integriert werden, aber einige Filialen etwa einer Bäckereikette, die aufgrund ihrer Lage keinen Umsatz machen, werden geschlossen. Innerhalb der Familie werden einzelne Mitglieder nicht so einfach die Struktur aus Eltern, Großeltern, weiteren Verwandten verlassen können, und ein Mensch als ebenso systemisch erklärbare Einheit, trennt keine Körperteile ab, die nicht gefallen. Selbstverletzungen und Schönheitsoperationen gehen in diese Richtung, wo aber ist ein Bein zu finden das von sich aus das Weite sucht, wie etwa die Katalanen Spanien verlassen wollen oder die Briten Europa?

„Ich, dein Fuß – halte es nicht mehr aus bei dir, mag nicht länger deinen (fetten) Leib zum Döner-Laden schleppen. Ich gehe fort“, das ist eine Sprache, die wenige verstehen. Theoretisch reizvoll sind diese Gedanken trotzdem, weil das Denken in Bildern überraschende, neue Gedanken hervorbringt. Ob jemand bewegliche Hüften hat und ansprechend herumspaziert, kümmert den Psychiater nicht. Er gibt eine gute Erhaltungsdosis seiner Medizin und versteift den Geisteskranken damit extra. Dann solle der sich mal wo bewerben und bitte verschweigen, er sei grad in Behandlung. Das wird geraten. Tunnelblick vom Fachmann, und beim Behandelten ist es genauso. Es einmal mit intelligenten Ansätzen probieren?

Fehlanzeige.

Wenn sie an einer Regatta teilnehmen und es auf Details ankommt, das Boot optimal zu trimmen, gehen manche Bootsbesitzer vorher eine Liste durch. Kein Flugzeug hebt ab, bevor nicht die Piloten ihre Checkliste abgehakt haben, was unbedingt funktionieren muss, vernünftigerweise in Ordnung ist und worauf man eventuell verzichten kann, wenn es nicht störungsfrei arbeitet. Ein System ist bestrebt, Fehler zu vermeiden. Die Triebwerke müssen fehlerfrei Schub bringen. Der Höhenmesser muss das Team im Cockpit korrekt informieren, und die Treibstoffanzeige muss ihren Dienst tun. Es werden aber auch Geräte überprüft, die für das sichere Fliegen nicht unbedingt nötig sind. „Noch nie bin ich abgehoben und wirklich alles an Bord hat vollständig funktioniert“, sagte mir einmal ein erfahrener Pilot. Fehler im System gehören dazu, und es ist an der Leitung zu entscheiden, wie damit umgegangen wird.

Der schlimmste Fall kann eintreten. Als eine Maschine mit Regierungsmitgliedern gegen die Warnungen vom Flughafenpersonal trotz schlechtem Wetters landet, haben der Pilot, die kleine Besatzung und die wenigen Passagiere das mit dem Leben bezahlt: Landebahn verfehlt oder darüber hinaus geschossen. Man hat bereits einen vergeblichen Anflug auf die Piste im Nebel erfolglos abgebrochen? Dann ist, möglicherweise auf Anweisung der hochrangigen Passagiere an Bord aus der Politik, die den wichtigen Termin in der Stadt unbedingt wahrnehmen wollen, ein weiteres Mal der im Unwetter nicht sichtbare Flughafen angesteuert worden – und die Landung in einer Katastrophe geendet.

Das Unglück liegt bereits einige Jahre zurück, wie auch der Absturz der Concorde oder die Challenger-Katastrophe. Trotzdem habe ich eine Erinnerung daran, die ich nicht vergessen kann. Wir kennen dramatische Filmszenen, das ist nicht real. Wie die Maschine in „Cast Away“ abstürzt, die Propellerschaufeln des riesigen Triebwerks vor Hanks in Notschwimmweste bei aufgewühlter See letzte Umdrehungen machen, ist Kino. Das hier war ganz normales Fernsehen im Zweiten Programm, mit Klaus Kleber oder so.

Ich erinnere mich.

Im heute-journal werden die Originalgeräusche des später aus dem Wrack geborgenen Voice-Recorders abgespielt. Es kracht und knallt. Das Flugzeug schlägt Bäume um, als die Tragflächen brechen, wir hören die Schreie der Flugreisenden und Piloten an Bord. Die Insassen begreifen, dass die Sache schließlich schief geht! Die unüberhörbare Angst der Menschen – die verstehen, dass sie sterben und zwar jetzt sofort, ihre Panik – eine schrille Frauenstimme war auch dabei, ist mir unvergesslich.

Abhängig sterben, das denke ich.

Mitgerissen in den Tod, das ist die extremste Form von Gewalt gegen uns, weil wir ein Teil des Apparates sind und unfähig, seinen Kurs zum Besten abzuändern und zudem wissend oder zumindest ausgestattet mit der Annahme, dass da ein besserer Weg ist. Wir lernen in der Schule, was es bedeutet die Stimme kritisch zu erheben und werden dazu ermuntert. Die moderne demokratische Politik erkennt die Opposition als unerlässlich und notwendig an. Manche glauben, dass bei uns gute Menschen verantwortungsvolle Staatsführung betreiben und einige andere Länder von bösen Machthabern geführt sind? Ich glaube nicht, dass wir bessere Anführer haben, sondern an unser stabiles System, das einzelne zwingt, zum Nutzen aller zu handeln.

Ist die Welt ein von Gott zusammengehaltenes Ganzes? Menschen die annehmen, dass ohnehin geschieht was passieren muss, können nicht definieren, wo das eigene ich beginnt und aufhört. Das wäre eine Welt, die vollkommen vom Zwang das jeweilige zu tun beherrscht ist. Ist das bei uns so? Ausgeliefert dem Schicksal, gingen wir willig sogar bis in den Tod wenn die „Macht“ das fordert. Geführt wie auf einer Eisenbahnschiene und ohne Möglichkeit durch Eigeninitiative abzubiegen? Das Leben zu meistern bedeutet, gerade diese Lücke für die eigene Wahl zu bemerken in der Umgebung, die zugegebenermaßen nicht selten wenig Platz für gerade unsere Interessen frei macht. „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ – zu glauben, bedeutet nicht zwanghaft und blind vorwärts zu traben. Den Körper, die Gefühle wahrzunehmen und mit dem lenkenden Gehirn entscheiden zu können, ist unsere gesunde Aktion, die dem Kranken nicht gelingt. Dazu gehört die eigene Handlungsfähigkeit in Relation der Umstände einzuschätzen. Politische Strukturen, Management und verlässliche Freundschaften können als Beispiele genutzt werden, dem Leben einen individuellen Weg abzuschauen.

Die Tendenz Macht auszuüben, Eitelkeiten auszuleben und fachlich schwach aufgestellt zu sein, ist bei unserer Politik genauso erkennbar. Wer es je am eigenen Leib erfahren hat, beiseite gedrückt zu werden, kann bestätigen, dass auch unsere Gesellschaft (in einzelnen Gruppen) böse ist. Der Mensch wird immer der Versuchung erliegen, seine schlechte Seite zum persönlichen Vorteil einzusetzen und Macht missbrauchen. Die Frage ist weniger, ob es gute und böse Menschen gibt, Strafen verschärft werden müssen. Der theoretische Ansatz zur Erklärung von Missbrauch und die daraus resultierenden Traumata derer die sich dem nicht entziehen können, findet sich dort, wo die Möglichkeiten gegeben sind. Die Motive von einigen, für die gezielte Unterdrückung anderer eine gute Methode ist, Befriedigung zu erlangen, sollten wir begreifen.

Wenn wir einen stabilen Rechtsstaat pflegen, ist Machtmissbrauch durch die Verwaltung und Politik des Systems nur begrenzt möglich. Genauso wenig, wie wir sexuellen Missbrauch in Sportvereinen, Kinder- und Jugendbetreuung oder kirchlichen Organisationen grundsätzlich abschaffen können, müssen wir begreifen, dass es keine bösen Menschen gibt und wir selbst nicht gut sind, sondern eine komplizierte Struktur der Beziehungen im System die Grundlage ist, wenn Einzelne fertig gemacht werden, die sich nicht wehren können.

Systeme haben unterschiedliche Ansätze, mit Kritik umzugehen. Zur Zeit beherrscht die mögliche Vergiftung eines russischen Regimekritikers unsere Nachrichten. Eine gute Möglichkeit, unterschiedliche Individuen systemisch zu betrachten, sehen einige darin, Personen wie Staaten einzuschätzen, Nationalitäten auf die Schippe zu nehmen. Jüdische Witze oder englischer Humor sind die milde Form, spezielles Verhalten auf Absonderlichkeiten hin abzuklopfen. Familien können als kleine Einheit durchaus mit Gesellschaften verglichen werden: „Oma und Opa klagen Urlaub mit Enkelin ein, Eltern verlieren Prozess um Umgangsrecht“, titelt die BamS. Präsidentenwahl, Aufruhr in Weißrussland und die Mahnung aus Moskau, Europa möge sich bitte mit Einmischung in innere Angelegenheiten beim Nachbarn zurückhalten, ist auch ein Thema.

„Der umstrittene Staatschef hatte am Samstag eine Militärbasis in Grodno im Westen des Landes nahe der Grenze zu Polen besucht. Dabei erneuerte er seinen Vorwurf, dass die Proteste ,von außen‘ gesteuert seien. Nato-Truppen in Polen und Litauen seien entlang der Grenze zu Belarus ,ernsthaft in Bewegung‘, sagte Lukaschenko weiter. Er habe deshalb die gesamte Armee seines Landes in Alarmzustand versetzt. Diese Angaben wurden von der Nato als ,haltlos‘ zurückgewiesen.“ (Fehmarnsches Tageblatt, Montag, 24. August 2020).

Es sind unbestritten Politiker in europäischen Ländern, zahlreiche Aktivisten und Journalisten angetreten, die sich außerhalb des Landes in Stellung bringen, den Regierungschef ihres Nachbarlandes zum Rücktritt auffordern. Ob uns es etwas angeht oder nicht, verhindert kaum, dass Menschen solidarisch mit anderen empfinden. Die Bilder der vielen Oppositionellen auf den Straßen von Minsk bewegen uns. Natürlich befinden sich (wie auch sonst) Soldaten der Nato in der Region, und es liegt nahe, das für die amtierende Regierung als gefährlich für die Stabilität zu begreifen. Tatsächlich bedeutet es auch eine Gefahr für die Stabilität von Belarus insgesamt, und insofern hat Lukaschenko zunächst recht. Ob er will oder nicht, er befindet sich mit seinem Land inmitten anderer, die ein Interesse daran haben, dass er geht. Ob seine politischen Nachbarn in Moskau (die ihn stützen) entscheiden können was passiert, bleibt unsicher.

Das Beispiel kann durchaus dazu herangezogen werden, die Empfindungen eines psychisch Kranken nachzuvollziehen. Ein gesunder Mensch kann oft ohne Einmischung von anderen seine Aktivitäten umsetzen. Je sicherer jemand auftritt, desto weniger Kritik gibt es von außen, aber auch was das „Bauchgefühl“ betrifft; klare Motivation fühlt sich gut an. Hier sehen wir, was wirkliches Selbstbewusstsein ausmacht: Es benötigt keine Willensstärke. Gute Aktivität wird bewundert, hartes Durchgreifen fordert Kritik heraus, und verrücktes Tun wird Helfer auf den Plan rufen, die schließlich die Kontrolle übernehmen. Der Kranke wird sich definitiv als fremdbestimmt und bevormundet fühlen und gegebenenfalls wehren. Natürlich kann die Umgebung den Anfang machen, so wie die Auflösung der Sowjetunion und die inzwischen vermehrt auftretenden Demokratien rund um Belarus Druck auf den alten Diktator ausüben. Er hat recht, die fortdauernden Angriffe, er solle sein Land den modernen, freien Systemen anpassen, dringen wie ein Virus in seine Bevölkerung ein. Die gute Grippe, möchte man meinen. Im besten Fall wandelt sich Weißrussland in einen freien, gesunden Staat – im ungünstigen stürzt das Land ins Chaos.

Der zunehmende Druck auf sein System, welchen der Diktator fürchtet und grimmig zurückweisen möchte, um stark und frei von Schuld zu wirken, ist durch das lockende Beispiel der auf sympathisch freie Weise lebenden Menschen tatsächlich im Ausland begründet. Auch ein verklemmter, unattraktiver Jugendlicher, der den Besuch im Nachtklub mit Freunden meidet, weil er dort sowieso kein Mädchen trifft, das ihn attraktiv findet, spürt unterbewusst, dass er prinzipiell die Fehler selbst verschuldet. Das kränkt: Er sieht den geilen Böcken zu, die ihre Mädels klar machen, möchte auch, kann nicht – und niemand scheint ihn darin unterrichten zu können, wie die anderen zu sein? Lukaschenko persönlich ist in Gefahr, nicht wirklich das Land. Belarus kann nur gewinnen, und das begreifen immer mehr im Land. Sie überwinden die Furcht vor den Ordnungskräften. Das Land entgleitet dem Diktator. Es entwickelt eine neue, moderne, freie Identität. Wie närrisch glauben seine Bewohner an die Freiheit – und riskieren ihr Leben dafür, zuhause alles gerade zu rücken. Eine verrückte Idee? Die außer Rand und Band geratenen Dopaminströme im Gehirn des psychotisch kranken Menschen, finden ihre Entsprechung in diesem Bild. Auch dann probieren alle Beteiligten, Stabilität herzustellen: durch gutes Zureden, Medikamente und fixierende Fesseln – wenn sonst nichts hilft. Das Ergebnis sollte besser sein und kein Rückschlag in traumatisierendes Chaos, das Existenzen vernichtet.

Im großen wie im Kleinen, das ist das Leben. Es sucht die befriedigende Ordnung, nicht die erzwungene Stabilität, notfalls über den Umweg Krieg. Der Druck entsteht zum Teil von innen, die eigene, innere Bewegung der zusammenhängenden Struktur selbst. Das Bild von draußen als Vision, wie es auch bei uns sein könnte, ist ein Eindruck; die Beule in die Außengrenze des Systems bringt die Kraft hervor, die schließlich innere Kräfte in Bewegung setzt.

„Russen und Amerikaner“, die Kapitelüberschrift im Klassiker der psychologischen Literatur für jedermann, zitiert: „Von der Anthropologin Margaret Mead stammt die Scherzfrage, was der Unterschied zwischen einem Russen und einem Amerikaner sei. Der Amerikaner, sagte sie, neigt dazu, Kopfweh vorzuschützen, um sich glaubwürdig einer unerwünschten gesellschaftlichen Verpflichtung zu entziehen; der Russe dagegen muss das Kopfweh tatsächlich haben. Ex Oriente lux, kann man da nur wieder einmal sagen, denn Sie werden zugeben, dass die russische Lösung ungleich besser und eleganter ist. Der Amerikaner erreicht zwar seinen Zweck, weiß aber, dass er schwindelt. Der Russe dagegen bleibt in Harmonie mit seinem Gewissen. Er hat die Fähigkeit, ganz nach Bedarf einen Entschuldigungsgrund herbeizuführen, der ihm nützlich ist, ohne aber zu wissen (und ohne daher dafür verantwortlich zu sein), wie er es schafft. Seine rechte Hand weiß sozusagen nicht, was seine Linke tut. (Paul Watzlawick, Anleitung zum Unglücklichsein, 1983).

Über das Verhalten von Musikern untereinander ist schon viel geschrieben worden. Eine Band ist ein Beispiel für ein funktionierendes System mit einem gemeinsamen Ziel. Besonders im Jazz, wo es neben arrangierter Musik auch freie Improvisation gibt, müssen die Musiker exakt aufeinander achten, damit das Ganze stimmt. 1962 gab es unter strengen Auflagen eine Tournee mit dem „King of Swing“ in die Sowjetunion. Zitiert aus einer Musikerbiografie lesen wir: „Ein seltsamer Mensch, dieser Benny Goodman. Die Wunderkind-Karriere war ihm offenbar früh zu Kopf gestiegen, und seine Arroganz wurde sprichwörtlich. Das Gros der Musiker, die für ihn arbeiteten, kam daher nur schwer mit ihm aus: Bandleader Goodman galt als launisch, jähzornig und geizig. Er kritisierte gern und lobte nie, verlangte eiserne Disziplin und gute Manieren, schnorrte bei seinen Angestellten die Zigaretten und die Klarinettenblättchen, verstand keinen Spaß und verbreitete schlechte Laune. Er konnte sich viele Namen und Gesichter in der Band nie merken, setzte Stücke vom Programm, wenn ein Solist ihm die Schau zu stehlen drohte, und schickte beim Konzert am liebsten strafende Blicke in die Runde. Ein Job bei Goodman versprach viel Geld und wenig Freude an der Arbeit. Als Zoot Sims einmal nach seinen Erlebnissen mit Goodman in Rußland gefragt wurde, sagte er nur: Jeder Auftritt mit Benny ist wie Russland.“ (Hans-Jürgen Schaal, 1999).

Sind alle Russen krank? Wohl kaum. Nach den Sanktionen, die in Folge der Annexion der Krim gegen das Land verhängt wurden, sagt mir eine liebe Bekannte, Natascha, selbstbewusst: „Was wollen die? Das war doch immer unser.“ Wir dürfen gern annehmen, dass Amerikaner nicht wie Russen sind. Die USA sind das Einwanderungsland schlechthin, da ist vieles anders. Ein nationales Bewusstsein, eine individuelle Persönlichkeit, da gibt es Parallelen – und wie mit Kritik und Fehlern umgehen? In jedem Unrechtsstaat besteht die Gefahr von Machtmissbrauch, der Verfolgung von Kritikern. Das heißt aber nicht, dass unser System von selbst läuft und hier ausschließlich „die Guten“ leben (und selbstverständlich so nachgeboren werden). Jeder Staat muss sich nicht nur nach innen strukturieren, sondern auch nach außen konkurrenzfähig sein. Die Wirtschaftlichkeit eines staatlichen Systems kann mit der Selbstständigkeit eines Erwachsenen, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, verglichen werden. Und genau hier ist es an uns – der Gesellschaft – die Parallele zum großen Modell des Ganzen, relativ zum Einzelnen in der Familie zu begreifen und das gesunde Miteinander vom krank machenden Verhalten zu unterscheiden. „Der Fisch stinkt vom Kopf her“, sagen wir. Missbrauch von Macht im Staat bedeutet eine kranke Struktur. Sie handelt böse, aggressiv nach außen, infiziert das System nach innen. Mitglieder denunzieren sich dem Apparat der Unterdrückung – wie sich auch der einzelne selbst verrät, der psychisch krank ist.

Stärke kann nur gelingen, wenn sie nach außen und innen gelebt wird. Urlaubszeit, ein abschließendes Beispiel: In der Schlange der Wartenden beim Bäcker sehe ich, hier kaufen Menschen aus ganz Deutschland ihre Sonntagsbrötchen ein. Etwa zwanzig locker aufgestellte, sommerlich kurzhosige Zeitgenossen unterschiedlichen Geschlechts und Alter, haben sich vor dem Geschäft entlang des Kantsteins zur angrenzenden Straße aufgereiht. Immer, wenn jemand zu uns heraus kommt, takelt der nächste auf den Treppenstufen vor der offen stehenden Ladentür seine Corona-Maske an und tritt in den Verkaufsraum. Die aktuellen Fallzahlen haben leicht angezogen. Landesweit sind aktuell etwa fünfzehntausend Menschen positiv auf das Virus getestet. Die Gefahr, einem von ihnen beim Bäcker zu begegnen, ist nicht allzu groß – dementsprechend entspannt sind die Urlauber hier an der heimatlichen Ostsee.

Während ich als zweitnächster Kunde schon eine der oberen Stufen der Treppe erreicht habe, kommt es zum Wortwechsel hinter mir. Ein intellektuell gebildet und äußerlich modern und gepflegt erscheinender Mann (er ist wohl um die Vierzig, trägt eine schön geformte, etwas modische Brille, ein bunt kariertes Oberhemd und eine feine, helle Tuchhose, elegante Sommerschuhe) dreht sich heftig um! Es fallen scharfe Worte gegen den nächsten in der Reihe nach ihm: Ein kleinerer Mann, älter, blaue Strickjacke. Er steht schlicht, gelassen und friedlich da. Was ist jetzt verkehrt, fragt er sich offenbar – und ich versuche es genauso zu begreifen.

Wir schauen alle hin. Die laute Zurechtweisung erheischt Aufmerksamkeit, schon durch den fordernden Ansatz: „Von einsfünfzig haben Sie noch nichts gehört?“ So fährt der Empörte den Alten an – aber der (immerhin) einen erkennbaren Meter hinter ihm stehende Senior reagiert kaum. Eher leicht belustigt, zeigt sein Gesicht den Anflug freundlicher Anteilnahme am Zorn des Jüngeren. Als etwas kleinerer, älterer Herr ist er ganz der liebe Großvater – mit festem Stand und langer Lebenserfahrung. Der wütende Mann redet sich in Rage, ob der Senior nicht Bescheid wisse, keine Nachrichten schaue, wo er herkomme – und der Alte nennt nun schlicht seinen Heimatort, mit dem unschuldigstem Gesicht, das es nur geben kann. Ein wenig Abstand zu nehmen, etwa einen Schritt nach rückwärts zu machen, kommt ihm nicht in den Sinn? Das wäre auch schwierig: Die ganze Schlange der Wartenden steht eng zusammen.

„So siehst du aus! Wo du wohnst, ist man wohl noch blöde“, geht der selbsterklärte Eiferer für Abstandsregeln zum „Du!“ über und dreht sich aber, weil kein Erfolg seiner Eruption der Korrektheit sichtbar wird, resigniert weg. Er schaut mucksch nach vorn, wohin er selbst den Abstand vergrößern könnte, um die geforderte Entfernung wiederherzustellen. Die drei Meter zu mir auf der Treppe könnte er leicht kleiner machen. Ein Musterbeispiel für Schwäche: aufgeplustertes Tun, das niemand interessiert, allenfalls belustigt. Angesichts dramatischer Zustände in einigen Kliniken, hatte er sich bestimmt mehr Unterstützung erhofft – aber falls dieser Mann Kinder hat, werden sie (und die Ehefrau) typischerweise unter ihm leiden. Es ist anzunehmen, dass er empfindlich ist und neurotisch den Weg sucht, wo das funktioniert. Angestellt am Arbeitsplatz; in seiner Firma wird er kaum eine wesentliche Stellung inne haben. So jedenfalls hat das Ganze auf mich gewirkt. Der heftige Zorn am vollkommen falschen Ort.

Abgeblitzt.

Wo ist dieser Mann stark? Nach außen jedenfalls nicht, seine gar nicht mal unbegründeten Anwürfe prallen am fremden Senior einfach ab – die anderen bleiben desinteressiert. Die Leute sind erheitert, ein schimpfender Rohrspatz spielt Männlein. Er kann mit seiner unbestritten korrekten Kritik nicht überzeugen. Dazu alternativ wäre gewesen, selbst einen beherzten Schritt vorwärts und leise klar zu machen, dass hier bitte nicht zu drängeln sei. Schließlich hätte er bei weiterem Schieben darauf hinweisen können, dass es so nicht schneller geht und aktuell aus gutem Grund verkehrt ist. Möglicherweise wäre der Senior als unbelehrbar senil eingestuft worden, und es hätten sich noch Unterstützer gefunden, ihn kollektiv zurecht zu weisen.

Vielleicht einfach pubertär verspätetes Üben, mal auf den Putz zu hauen?

Das wäre doch prima! Interessant ist an der Szene, dass man weiter denken kann: die Beiden sind sich fremd, werden es, weil es eine Urlaubsbegegnung ist, auch bleiben. Das ist kaum der Nachbar, den man jeden Morgen trifft und gewohnheitsmäßig durch Drohgebärden dominieren kann. Darum bleibt es interessant, was ich zu erwarten hätte, wäre ich sein kleines Kind, und dieser Mann hätte die Macht über mich als Erzieher und Vater. Das habe ich gedacht! Wenn Menschen sich ausprobieren, können sie besser werden. Wenn wir uns nur wiederholen, sind wir normal wie alle. Sich selbst verrücken können, bedeutet innere Kräfte gewähren lassen und ihnen schließlich eine neue Richtung zu geben.

Wer hat die Macht, den schmerzenden Rücken als Teil der eigenen Struktur wirkungsvoll anzuschnauzen, dass dieser endlich normal funktioniere, seinen deprimierten Geist durch Alkohol auf Linie zu bringen oder den Marathon zu gewinnen, weil er sich ein lahmes Bein im vollen Lauf wegschneidet?

Wer kann seine Kinder stark machen, indem er die Größe seines Erwachsenseins missbraucht und doch vor jedem, fremden, älteren Zeitgenossen einknickt, der einfach gelassen standhalten kann, wenn er vom unreifen Windbeutel angequakt wird?

Die Fähigkeit ein lautes Wort zu erheben, ist notwendig, aber das bei wenig Erfolg versprechenden Gelegenheiten zu tun, sinnlos. Die Gewohnheit andere regelmäßig anzuzeigen, wegen allerlei Regelverstoß, Ziele auf Kosten der eigenen Gesundheit oder zu Lasten der Familie zu erreichen, wird als eitles Wichtignehmen schließlich zum Scheitern führen. Es sei denn, das umgebende System hofiert und stützt dieses Verhalten: Dann wäre die Gesellschaft insgesamt krank und böse, und meine Erfahrungen haben das nicht bestätigt. Nur in einem grundsätzlich bösen Staat können armselige Mitläufer selbst zu Bestien werden wie der irre Anführer.

Die unterschiedlichen psychischen Krankheiten sind gleichbedeutend mit sozialen Problemen.

Es ist die Furcht vor anderen Menschen, Unfähigkeit sich gegen Kritik abzugrenzen und ein Mangel an Geduld, sich mit der jeweiligen Existenz abzufinden, bis eine Verbesserung durch Lernen und Aufstieg in der Gesellschaft erreichbar sind.

Selbstbewusstsein fehlt.

Der Gang zum Arzt ist oft kontraproduktiv, weil ein selbstbewusster Mensch vergleichsweise unabhängig ist und Therapie dieses Ziel in der Regel nicht erreicht. Behandelt zu werden, bedeutet abhängig zu sein. Dazu kommt das Stigma. Die Erkrankung ist (darum das Beispiel der undemokratischen Staaten und die Furcht vor dem Existenz vernichtenden Chaos) im Grunde nur der Versuch, das eigene System auf eine gesunde Basis zu stellen. Wenn die verschiedenen Wünsche, Träume und realistische Ziele des Menschen im Einklang sind (vergleichbar mit den verschiedenen Individuen im gesunden Staat), ist das Ziel selbstbewusster gesunder Existenz insgesamt erreicht. So viele Menschen quälen sich darin, normal sein zu müssen wie andere und verfehlen ihre individuelle Freiheit. Sie sind es gewohnt, sich selbst fertig zu machen, unterdrücken Schwächere (oder ihre Kinder), die von ihnen abhängig sind. Manche wollen irgendwann sein wie ihre Vorbilder, die zeigen: Es geht auch anders!

Schließlich zu erkranken, ist so gesehen eine Chance.

Es hat sich gezeigt, dass es schwierig ist, effektiv Hilfe zu bekommen, wenn wir psychisch nicht auf der Höhe sind. Wir müssen selbst gesunde Intelligenz entwickeln, und es hat sich bestätigt, dass ein kranker Kopf das Ergebnis einer undurchsichtigen und missbräuchlichen, verschworenen Umgebung ist – und dennoch ist es möglich für den Organismus, Wege zu finden, die auf intelligente Weise in eine gesunde Umgebung der Solidarität führen. Bei uns zuhause im Rechtsstaat mit guten Argumenten funktioniert es.

Es dauert aber viel zu lang.

🙂