Das ist wohl in „Der Schatz Rackhams des Roten“, als Haddock an Deck, den Sextanten in der Hand, bedeutungsschwer beginnt: „Hier stehen wir …“, sagt der Kapitän. Er schaut gerade hinaus, auf das weite blaugrüne Meer, begreift. Der Kapitän vollendet den Satz nicht, wirkt gedankenverloren – und Bienlein, Tim und die Schulzes blicken ihn einigermaßen verständnislos an. Er macht diese Pause, um anschließend um so heftiger loszubrechen, schnauzt einen der Umstehenden an! So ungefähr … es ist lang her, dass ich das gelesen habe. Was meint Haddock, wo ist diese Insel? Genau weiß ich’s nicht mehr. (Das Heft ist im Keller verschollen). Der Kapitän steht an Deck, aber der Sextant in seiner Hand weist schon darauf hin: Es geht um die genaue Position des Schiffes.

Kapitän Haddock, eine glaubwürdige Figur meiner Jugend. Die Comics waren bunt. Zu farbig für einige, sie ernst zu nehmen – John Wayne verkörperte noch regelmäßig einen alten Haudegen, wenn wir Fernsehen schauten. Die Eltern meiner Eltern haben in einer Welt gelebt, die schwarz-weiß gewesen ist. Fragen sind erlaubt. Wer hat anschließend die Bäume grün übergestrichen, nun rote Dächer auf die Gebäude gepinselt, was ist: „Technicolor?“ Meine Familie, beide Großväter hatten Patent. Einer war im Hafen Kapitän gewesen, der andere auf großer Fahrt. Hugo Schnars-Alquist malte als erster das Meer so blau, wie es in den Passatregionen der Ozeane wirklich ist. Er ging selbst an Bord. Die alten Holländer malten, ohne je die heimatlichen schlickig-braunen Brackwasser zu verlassen, einer beim anderen ab.

Die See ist nicht dein Freund: „Alle Mann an Deck, Klar zur Wende!“ Eine Hand für dich, eine für das Schiff. Festhalten! Schlechtwetter, es gibt Augenblicke (nicht nur an Bord, wo Navigation wesentlich ist), auch sonst Wendepunkte des Lebens, die eine klare Ansage benötigen, was gerade nun zu tun ist! Das große Schiff. Jeder kennt Situationen in denen es darauf ankommt auch im übertragenen Sinn, fest an Deck zu stehen: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir“ – so ähnlich soll Martin Luther gesprochen haben, und dann hat er den Kurs einer ganzen Kirche geändert. Heute ist Reformationstag.

Inzwischen ist die Welt bunt! Da ist kein Kind mehr, das sich fragt: „Hatten sie damals noch keine Farbe?“ Ein Weltbild ist eine Wirklichkeitsauffassung. Damit ist ein Weltbild weniger ein gemaltes Bild, es ist ein Bild, das wir von uns und unserem Platz in der Welt haben, eine Vorstellung, eine Annahme. Paul Watzlawick weist in mehreren Publikationen nach, dass der Mensch die Wirklichkeit nicht kennt und jede Auffassung und das Wahrnehmen der Realität das Ergebnis von Kommunikation ist. Wir kommunizieren durch unsere Sinnesorgane mit der Umgebung und entwickeln Annahmen. Was wir wie Wissen einordnen, ist nur zu oft etwas, das wir selbst nie nachprüften. Wir können Licht machen, betätigen den Schalter und erklären: „Da fließt Strom.“ Das muss nicht bedeuten, dass wir die Sache insgesamt verstehen und ein Kraftwerk bauen könnten. Wir können einen Lichtschalter betätigen, wir sagen: „Auf dem Mond gibt es keine Lufthülle“, aber wir waren nicht dort, und nur wenige wissen, wie Elektrizität im einzelnen funktioniert. Verbalisierte Informationen und Sinneseindrücke prägen unser Denken. Wie die Welt beschaffen ist, davon sehen wir nur soviel, als das Spektrum der gesamten Strahlung dem menschlichen Auge zugänglich ist. Im Bereich der Schallwellen ebenso; wir hören nur, was Menschen hören, und die Vielzahl der Schwingungen um uns herum ist wesentlich größer.

Nicht jeder war im Ausland, hat aber Informationen darüber. Zu wissen, wie es beispielsweise in China ist, kann darauf beruhen, ein Buch gelesen zu haben, einen Film gesehen, oder ein Freund hat uns vom Urlaub erzählt. Wenn jemand schon dort war, wird das sein Wissen was es heißt in China zu sein, um diese Erfahrung reicher machen, und wer viele Jahre in Peking gelebt hat, wird noch intensiver beantworten können, was „China“ ihm bedeutet. Insgesamt kennt aber nicht einmal ein dort geborener Chinese das Ganze, was wir leichthin mit einem Wort bezeichnen. Ein Wort, in die Suchmaschine eingegeben, bringt sofort ein Ergebnis.

„Peru, Land in Südamerika, Beschreibung: Peru ist ein Land in Südamerika. Hier befinden sich ein Teil des Amazonas-Regenwalds sowie Machu Picchu, eine alte Inka-Stadt hoch oben in den Anden. Die Gegend rund um Machu Picchu, einschließlich des Heiligen Tals, des Inka-Pfads und der Kolonialstadt Cusco, verfügt über zahlreiche Ausgrabungsstätten. An der trockenen Pazifikküste Perus liegt die Hauptstadt Lima mit einem gut erhaltenen Zentrum aus der Kolonialzeit und wichtigen Sammlungen präkolumbianischer Kunst.“

Die Welt an sich: Wir kennen sie nicht. Wir arbeiten mit dem, was wir darüber wissen. Wir machen uns ein Bild, um planen zu können. Es bleibt eine persönliche Auffassung, subjektiv und perspektivisch, wie ein Gemälde vom Garten aus dem Fenster gesehen anders ist, als eine Abbildung von unten im Gras herumliegend. Das zu verstehen, ist nicht nur für den Maler wichtig. Begreifen kann dazu führen, mit eigenem Kartenmaterial das Lebensschiff vor Strandung zu bewahren. „Die Wissenschaft hat festgestellt“, heißt es in einem Kinderlied, und dann kommt der ganze bekannte Unsinn. Es gibt Menschen, die essen Sachen, die andere nie zu sich nehmen würden, weil sie meinen, es täte ihnen gut. Kunst ist meine Wissenschaft: Ich konnte nicht aufhören damit, jedes fertige Bild ist die Antwort auf eine Frage. Ein Bild ist ein Ausschnitt der Welt, eine Geschichte, wie ein Roman einen Lebensabschnitt definiert. Der Autor greift solange in das Geschehen ein, korrigiert seinen Stoff, bis eine insgesamt sinnvolle Struktur geschaffen ist. Dann schreibt er, und so malen Künstler, so wird Musik erfunden.

Wie wäre eine Welt, in der ein göttliches Strafgericht eins zu eins eingreift, wenn die Sache aus dem Ruder läuft? Da baut ein „Führer“ ein „Konzentrationslager“ – aber eine übergeordnete Macht stoppt dieses menschenverachtende Tun rechtzeitig: Ein Blitz soll vom Himmel fahren und die Bösen töten! Atheisten führen bekannte Argumente: „Wenn es Gott gäbe, dann würde er nicht zulassen, dass“ – usw. gern an, wenn man sie missioniert, wie wichtig Glaube sei. Sie wollen in Ruhe gelassen werden. Es stimmt aber: Der direkte kausale Bezug göttlicher Leitungsfähigkeit zum Guten der Welt ist nicht recht erkennbar. Wir müssen das zugeben: Der Mensch muss noch selbst handeln, um das Schlimmste zu richten und einzudämmen. Böse sein ist das eine, Böses zulassen das andere.

Was schlimm und was gut sei, das ist genauso eine Auffassung, die wir immer wieder neu definieren. Zusammengefasst können wir sagen, dass der gegenseitige Druck, den die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft aufeinander ausüben, ein Regelwerk hervorgebracht hat, das beständig modifiziert wird. Von den einfachen und elementaren zehn Geboten bis in die Jetzt-Zeit war es ein langer Weg mit vielen Erfahrungsberichten, den die Menschheit bis zur heutigen Gesetzgebung gegangen ist. Erfahrungsberichte sind Kommunikation, und unser Denken bedeutet, daraus Schlüsse für neue Entscheidungen zu ziehen. Das führt dazu, sie wieder zu kommunizieren. Aktive Handlungen, die sich daraus ergeben, werden von anderen kommuniziert. Und sei es, dass jemand zusieht und seine Augen ihn anregen, unser Tun zu begreifen. Zuschauen ist nicht machen. Bis ich zeichnen konnte, wie ich es nun kann, musste ich das sehr oft tun. Aus Wahrnehmung erwächst das Bild der Realität. Es bleibt eine Ansicht. Der auf die Person beschränkte subjektive Ausschnitt des einzelnen. Niemand anderes als der Mörder selbst weiß, wie es sich anfühlte, seine Tat zu tun und kann genau das Motiv angeben. Jede Realitätsschau bleibt eine Einschätzung aus der eigenen Perspektive. Selbst meine Reflexion von dem, was ich gestern machte, bleibt eine Erinnerung. Die Aktion selbst verfliegt mit dem Moment ihrer Umsetzung.

Mit flexiblen Denken ist es leicht, weiter zu gehen. „Man muss die Welt nicht verstehen, man muss sich nur darin zurechtfinden“, Albert Einstein oder scheinbar widersprüchlich dazu: „Man braucht nichts im Leben zu fürchten, man muss nur alles verstehen“, Marie Curie. Physiker erklären uns die Welt. Beide Sinnsprüche zeugen von der Suche nach der Realität und bringen eine Antwort. Das Ergebnis der Forschung ist: Entweder bist du zufrieden damit, das Licht einzuschalten, merkst dir wo der Schalter ist und gut ist – oder du verstehst deine Furcht im bewussten Selbst in jeder Lebenslage, kennst dich gut genug, siehst die Welt von innen, um verlässlich einzuschätzen, wie die beste Reaktion auf alles ist. Was auch immer kommt. Das ist dasselbe Ergebnis auf gegenteilige Weise formuliert. Interessant ist hier das „alles verstehen“, weil verstehen nicht „alles gelesen haben“ bedeutet. Verstehen kann nur heißen, selbst zum Mond zu fliegen oder einzusehen, nicht zu wissen was ein Mond ist. Vier Buchstaben sind nicht der Mond. Die Beruhigung der Emotionen kann nur im Begreifen eigener Unzulänglichkeiten gelingen.

In einem Schulbuch sah ich als Kind die zeitgenössische Abbildung eines Textes aus dem Mittelalter, ein Wanderer ist bis zu dem Ort gelangt, wo Himmel und Erde sich berühren. Das ist eine flache Welt, und wie eine Käseglocke ist ein Himmel darüber gestülpt. Der Wanderer ist am unteren Rand der Himmelskuppel und hebt den Saum des Himmelszeltes ein wenig an, steckt seinen Kopf auf die Seite hinter der bekannten Welt durch und erblickt eine Art kosmisches Räderwerk. Ich habe diesen Text gefunden:

„Flammarions Holzstich, auch Wanderer am Weltenrand oder im Französischen au pèlerin („auf Pilgerschaft“) genannt, ist das Werk eines unbekannten Künstlers. Der Holzstich erschien erstmals 1888 als Illustration in dem Unterkapitel La forme du ciel („Die Form des Himmels“) des populärwissenschaftlichen Bandes L’atmosphère. (…) Die Darstellung zeigt einen Menschen, der am Horizont als dem Rande seiner Welt mit den Schultern in der Himmelssphäre steckt und dahinter Befindliches erblickt. Das Bild wurde im 20. Jahrhundert häufig für die authentische Darstellung eines mittelalterlichen Weltbildes gehalten und oft reproduziert.“

Wir haben das so skizzierte mittelalterliche Weltbild verworfen. Die Weltumsegelungen der ersten grundlegenden großen Entdecker haben mit der Vorstellung eines Himmels, den ich am Horizont wie einen Mantel anheben kann aufgeräumt. Die Idee, dass da etwas noch hinter der Welt ist, ist alt. In der Predigt unserer Pastorin, die vor nicht so langer Zeit neu in die Stephanskirche hier im Dorf gekommen ist, erfuhren wir vom Leben und Ende des Namensgebers. Ein Zeitgenosse von Jesus Christus und Märtyrer. Der Tod des Stephanus wird so beschrieben:

„Als sie das hörten, ging’s ihnen durchs Herz und sie knirschten mit den Zähnen über ihn. Er aber, voll Heiligen Geistes, sah auf zum Himmel und sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus stehen zur Rechten Gottes und sprach: Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen. Sie schrien aber laut und hielten sich ihre Ohren zu und stürmten einmütig auf ihn ein, stießen ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn. Und die Zeugen legten ihre Kleider ab zu den Füßen eines jungen Mannes, der hieß Saulus, und sie steinigten Stephanus; der rief den Herrn an und sprach: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf! Er fiel auf die Knie und schrie laut: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! Und als er das gesagt hatte, verschied er.“

„Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen“, wen diese Textstelle nicht berührt, dem ist nicht zu helfen. (Das habe ich gedacht, als ich’s in der Predigt hörte). Dann fiel mir „Truman“ wieder ein, und so bin ich auf die Idee gekommen, etwas zum Thema zu schreiben. Wikipedia fasst den Film zusammen:

„Die zentrale Figur des Films ist der Versicherungsangestellte Truman Burbank, der – ohne davon zu wissen – der Hauptdarsteller einer Fernsehserie ist, die sich zum Ziel gesetzt hat, das Leben eines Menschen von Geburt an zu dokumentieren und per Liveübertragung im Fernsehen zu präsentieren. Zu diesem Zweck hat Christof, der Produzent der Serie, Truman als Baby von seiner Firma adoptieren lassen und eigens Seahaven, eine von Wasser umgebene Küstenstadt unter einer riesigen Kuppel (…) bauen lassen. Seahaven ist eine idyllisch-harmlose Kleinstadt im Stile der 1950er Jahre mit simuliertem Wetter, Sternenhimmel, Sonne und Mond. (…) Hier wächst Truman auf, umgeben von Schauspielern, täglich beobachtet von über 5.000 Kameras. Finanziert wird (…) hauptsächlich durch Produktplatzierung.

(…) wird Truman langsam misstrauisch, als versehentlich ein Scheinwerfer (…) direkt vor ihm zu Boden fällt. In der Folge erwecken verschiedene andere Missgeschicke zusätzlich sein Misstrauen, worauf er sich aus Sicht der Produzenten irregulär verhält. So erkennt er plötzlich seinen Vater in einem Obdachlosen auf der Straße wieder, was ihn sehr irritiert und verwirrt, da sein Vater in seiner Kindheit bei einem Bootsunfall ums Leben gekommen sein soll. In Rückblenden erfährt der Zuschauer mehr über den Anfang der Serie, die Trumans Leben praktisch lückenlos dokumentiert hat. Man erfährt von Zwischenfällen, bei denen Außenstehende eindrangen, um Truman mitzuteilen, dass er in einer künstlichen Welt lebt. So wird Lauren vorgestellt, eine Frau, die Truman immer noch liebt, obwohl er eine andere Frau geheiratet hat. Lauren wurde nach einem Versuch, Truman die Wahrheit über seine Welt zu sagen, aus der Serie entfernt. (…)

Es wird deutlich, dass die Produzenten (…) schon in Trumans Kindheit mit allen Mitteln versuchen mussten, ihn vom Fortgehen abzuhalten. Dies wurde dadurch erreicht, dass Truman (…) dazu gebracht wurde, eine starke Angst (…) zu entwickeln (…) eine Seebrücke zu überqueren. Truman versucht, aus dieser Welt, deren künstlichen Charakter er mehr und mehr erkennt, auszubrechen. (…) Schließlich flieht er aus der eigens für ihn gebauten Stadt, indem er ein Segelboot entwendet. Christof (…) erscheint als eine gottähnliche Figur, die über das Schicksal von Truman wacht, ihn beobachtet (…) und manipuliert. Nachdem er vergeblich versucht hat, Truman durch einen künstlich erzeugten Sturm zum Kentern zu bringen (…) beschwört er ihn, in Seahaven zu bleiben, da die Welt außerhalb (…) grausam und hart sei. Doch Truman wählt den Ausgang. (…)“

Als dieser Film im Fernsehen lief und ich die „Truman Story“ gesehen habe, war einige Zeit seit der Premiere im Kino vergangen und der Begriff „Fake News“, der heute gern verwendet wird, untypisch. Als ich „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“ oder „Anleitung zum Unglücklichsein“ von Paul Watzlawick gelesen habe, vor etwa zwanzig oder sogar dreißig Jahren, habe ich diese Lektüre genauso gelesen und nicht verstanden, wie ich den Film gesehen, aber nicht begriffen habe. Ein Erlebnis ist noch keine Erfahrung. Mir fällt abrundend noch Tenzin Gyatso ein, der 14. Dalai Lama, mit diesem Statement: „Die Physik sucht das Weltall zu erklären, wir aber wollen wissen, was dahinter ist“, und als das damals im Fernsehen lief, dachte ich, wie leicht er es sich mit so einem Spruch macht. Einstein und Hawking arbeiteten ein Leben lang, mussten alles was ihnen einfiel den Kollegen zum Fraß vorwerfen, und wenn sich’s nicht beweisen ließ oder ein anderer Physiker die jeweilige Theorie widerlegen konnte, fingen sie von vorn an. Ein Mönch, der sagt er schaue hinter die Welt, lebt hinter dem Mond.

Hinter dem Mond, wer war schon dort? Kunst, Wissenschaft und Glaube sind hier vereint: „Sie ist klein und unscheinbar, diese Figur auf dem Mond. Aus Aluminium gefertigt, nur 8,5 Zentimeter groß, ist das kleine Kunstwerk das einzige seiner Art auf dem Erdtrabanten. Am 2. August 1971 wurde es dort von der Crew der amerikanischen Apollo-15-Mission hinterlegt. So winzig sie ist, so groß ist die Geste. Denn die Statuette ist zugleich ein Denkmal für die Astronauten und Kosmonauten, die bis zu diesem Zeitpunkt ihr Leben verloren haben. Kosmonauten? Ganz richtig, auch der verstorbenen sowjetischen Raumfahrer wird dort mitten im kalten Krieg gedacht, ihre Namen stehen neben denen der Amerikaner auf der hinteren Plakette. Als berühmtester natürlich Juri Gagarin, der 1968 bei einem Flug starb. Entworfen und gefertigt wurde die Figur, die „Fallen Astronaut“ genannt wurde, von dem Künstler Paul Van Hoeydonck aus Belgien. Bei seiner Arbeit leitete ihn eine Bedingung: Die Figur durfte weder als männlich oder weiblich erscheinen, auch keine bestimmte Ethnie verkörpern. Sie sollte vielmehr die ganze Menschheit darstellen. Und klein musste sie sein, um sie überhaupt auf den Mond schaffen zu können. Und dort ist der „Fallen Astronaut“ noch immer.“

Ein Text, aktuell kopiert aus t-online.de – Rubrik: „Historisches Bild“ – ein Foto vom Mond, sieht aus, wie ein Bierdeckel, der schief im grauen Mondschotter steckt, davor liegt der kleine Blechastronaut, wie lang dahin gestolpert im groben Mondsand. Verschwörungstheoretiker glauben, dass die Mondlandung ein Fake ist. Wikipedia schreibt an anderer Stelle: „Edward Joseph „Ed“ Snowden ist ein US-amerikanischer Whistleblower und ehemaliger CIA-Mitarbeiter. Seine Enthüllungen gaben Einblicke in das Ausmaß der weltweiten Überwachungs- und Spionagepraktiken von Geheimdiensten – überwiegend jenen der Vereinigten Staaten und Großbritanniens.“ Wenn wir das glauben, müssen wir die Mondlandung ebenfalls glauben. Es gibt keinen überzeugenden Whistleblower, der uns detailiert etwa von dem „großen Mondfake“ berichtet hätte; und es hätte einen gegeben, bei so vielen Beteiligten.

Wenn ich ein Gott wäre und wollte Menschen machen, würde ich dieser „künstlichen Intelligenz“ alles geben, mein ganzes eigenes Wissen und dazu noch die Befähigung, selbst über Leben und Tod zu entscheiden? Möglicherweise nicht. Ich würde mir vorbehalten, den Stecker zu ziehen, würde mir einen privaten Teil größerer Wirklichkeit behalten, schon deswegen, damit das mit dem Leben das ich machte nicht vollends aus dem Ruder läuft. (Kann natürlich auch sein, dass wir Menschen so eine Art Tschernobyl sind; es ist bereits passiert). Ich glaube nun wiederum daran, dass der einzelne Mensch, als eine Art Spielball der umgebenden Natur und den vielfachen Motiven seiner Mitmenschen, ebenfalls bestimmen zu wollen, umher gestoßen wird, angerempelt die ganze Zeit. Ich glaube fest daran, dass die Kraft des einzelnen vielfältig beschränkt ist, durch sein Unvermögen, das Ganze zu sehen und durch die Behinderung unumgänglicher Widerstände, die sich aus dem Ort und der Zeit seines jeweiligen Daseins ergeben. Im Positiven sehe ich viele Chancen, mutig einen eigenen Weg zu finden, wenn die innerste Angst etwas könne schiefgehen, verstanden ist. Was das heißt?

Dazu fällt mir noch eine Geschichte ein, und diesmal ist es eine eigene. Das war vor einigen Jahren. Wir fingen an, im Sommer den Urlaub auf der Insel Fehmarn zu verbringen. Davor waren wir nach Dänemark gefahren. Das fing an mit dem Boot: Wenn nicht auf der Elbe unterwegs, ließen meine Freunde und ich uns durch den Nord-Ostsee-Kanal schleppen (unsere Jollen haben keinen Motor), sind in der „Dänischen-Südsee“, rund Fünen oder rund Seeland gesegelt. Eine langvertraute Mitseglerin und beste Freundin hat „nach Dänemark geheiratet“, und meine Frau und ich sind in den Sommern, als unser Sohn klein war, gern dort gewesen. Auch in der Umgebung im Ferienhaus, nicht weit entfernt, machten wir Urlaub. Wir fuhren mit dem Auto hin. Fehmarn war für uns nichts weiter, als ein Stück Straße auf dem Weg in das jeweilige Ferienhaus. Auf der Insel ist schließlich Puttgarden, das ist das Ende vom Land, und man wartet auf die Fähre. So haben wir das gesehen. Das war bevor die Debatte um Brücke oder Tunnel in Gang gekommen ist. Ich kann nicht genau sagen, warum wir die Insel für uns entdeckten. Ich finde es dort ganz wunderbar. Das ist schön wie Dänemark, aber nicht so weit entfernt. Wir haben anfangs „Urlaub auf dem Bauernhof“ gemacht. Eine feine Sache (wenn man ein kleines Kind hat).

In dieser Zeit fand auch die Begebenheit statt, an die ich mich erinnere, weil sie so wichtig wurde und ich das nicht geahnt habe. Damals spielte das Städtchen Burg oder der touristische Südstrand mit den drei prägnanten Hotel-Häusern keine Rolle in unserem Urlaub. Wir waren im Norden „auf dem Dorf“ und kamen allenfalls bis Landkirchen zurück in Richtung einer belebten Ortschaft. Landkirchen als belebt zu beschreiben, ist mutig. Dort fand ein Bläserabend bei schönem Wetter stand. Der Turm der großen Kirche steht wohl neben dem Gebäude, und ein Friedhof geht längs dem langen Kirchendach im roten Ziegelgewand hin, weg von der Hauptstraße. Ein kleiner Weg begrenzt die Gräber, und auf der anderen Seite ist eine von alten Bäumen beschützte Wiese, die vor dem Gemeindehaus einen Abstand zur Straße schafft. Ein guter Platz für einen lauen Abend mit allmählich tiefstehender Sonne und dem blitzenden Blech! Mehr als hundert sommerlich-fröhlich gekleidete Eingeborene und kultivierte Touristen waren als Publikum des hervorragenden Orchesters zusammengekommen. An Details erinnere ich mich nicht wirklich, aber dass ich nach der Aufführung noch mit einem Trompeter ins Gespräch kam. Ich habe ihn nach seiner Lesart der B-Noten gefragt, weil Kirchenmusik das gern anders auffasst als die populäre Musik.

Nachdem einige Stücke gespielt waren und wir ein Glas Weißwein oder etwas zu knabbern bekommen konnten, war die Stimmung wunderbar sommerabendlich verklärt. Fremde Menschen gerieten unverhofft miteinander ins Gespräch. Zarte und doch schwungvolle Melodien erklangen, vornehmlich kirchlicher Natur. Jetzt kam der musikalische Leiter ins Erzählen. Ich erinnere mich nicht genau, aber es ging drum, jazzige Elemente in die klassische- und kirchenmusikalische Bläserwelt zu integrieren. Die Musik muss swingen, damit sie gut ist, das wusste schon Bach.

Der Titel eines neuen Kirchenliedes wurde uns anschaulich erklärt. Ein wenig modisch hatte da jemand getextet. So in der Art: „Swingin’ God“; und das war der Titel eines Originals vom Komponisten aus einem Orchester, mit dem der musikalische Leiter befreundet war. Ein Stück das sie jetzt nicht spielen würden, stattdessen ein eigenes Werk. Wie gesagt, es ist lang her und es kann sein, dass ich alles nicht ganz richtig wiedergebe. Nun wurde uns dieses andere Stück und die Entstehungsgeschichte dazu vorab beschrieben, warum und wieso – das sollte wohl swingen, im besten Sinne des Musizierens – aber hier ging es nicht um populäre Kirchenmusik, die mit verstaubter Steife mancher Kompositionen aufräumen wollte. Man hatte weniger die Absicht, Menschen in die Gotteshäuser zu locken, weil fetzig (wie mit Whoopi Goldberg in Sister Act) gejazzt würde; hier ging das um eine ebenso feinsinnige wie originell betitelte Musik.

„Zwinge Deinen Gott“, hieß die eigenwillige Komposition.

Das ist bei mir hängen geblieben. Was sollte das? Zwinge „deinen“ Gott. Da ist ein persönliches Element, eine Art Zweikampf? Welche Person ist gemeint? Gott ist für uns alle da, und es gibt nur einen einzigen, heißt es. Der große Gott. Den nun zwingen? Eine Herausforderung. „Klopfe an, und dir wird aufgetan“, das kam mir auch in den Sinn. Da muss ich an jemanden denken, der die Tür zum Gotteshaus eingetreten hat und brüllt: „Komm da raus aus deiner Hütte, Mann!“ Die Musik, ich erinnere es nicht, war sie heftig? Inzwischen habe ich mir ein eigenes Bild gemacht, und das soll man ja nicht. Aber, als Maler – hier stehe ich mit meinem Pinsel – ich kann nicht anders. Luther war auch nicht frei, handelte unter Zwang. Er musste. Muss Gott tun, was ich erzwingen kann?

Gleichauf sein. Mein Sohn ist achtzehn Jahre alt, und ich muss daran denken, dass ich ihn jetzt frei gebe, von meiner Macht der Erziehung. Ein Vater kann das Kind zwingen zu gehorchen, und manchmal muss man das tun. Ich überlege, wann hat mich mein Sohn gezwungen zu handeln? Mir fällt da etwas ein, das kann ich hier unmöglich erzählen. „Zwinge deinen Gott“, da muss ich schließlich an Katrin denken, das ist auch so eine beste Freundin, die für mich einmal falsche Stimmen, als Ratgeber von göttlicher Weisung, so trennte: „Das war er dann wohl nicht“, meinte sie, als es drum ging, dem Bauchgefühl zu folgen (wenn der Verstand versagt).

Frei werden von Zwang: „Jetzt könnt ich’s tun“, überlegend wie Hamlet – sich schließlich anders entscheiden: Zweifel oder Klugheit? Zweifel ist nicht Feigheit. „Wenn du im Zweifel bist, tue nichts“, sagt uns Napoleon, und der war nicht feige. Die Macht über das eigene Ich; abwarten können, ist Freiheit. Keine Wahl zu haben, macht Angst. Nicht ausweichen: Der Angst direkt ins Gesicht zu sehen, das ist Mut – kann bedeuten, keine Wahl mehr zu haben und wie ein Automat zu reagieren, wissend, nur so in die Freiheit zu gelangen.

Und die Welt hinter der Welt, was hat das damit zu tun? Ich glaube nicht, dass man im Mittelalter dumm war, die Erde den Menschen deswegen eine Scheibe oder die Welt früher nur schwarz und weiß, weil die Farbfotografie oder die Digitalkamera noch nicht erfunden war. Ich glaube, dass zu jeder Zeit der Geschichte der einzelne Mensch klug werden konnte, so klug es eben geht, (und dass ist nicht wiedergeben können, wie Einsteins Formel lautet oder ein Lexikon aufsagen bei Günther Jauch). Da stelle man sich nur mal so einen neunmalklugen Roboter vor, wie wir vielleicht bald einen erfinden, der mehr kann, als den Rasen nach Programm mähen oder Rollläden ablassen, während wir im Urlaub sind. Was wird der von uns einfordern?

🙂

Reformation – nun ist es ein Feiertag.