… können, von dem was gefällt: weniger zwanghaft sein, Auswählen macht frei. Was dir Spaß macht, ist nicht was ich mag. Leben nach dem Lustprinzip ist verpönt? Leben ist genau das, es wendet sich dem Besseren zu. Probleme werden gelöst. Erfüllung bedeutet, auf Unerreichbares zu verzichten, um tun zu können was befriedigt: Sich selbst einschätzen können, auch nicht vorhandene Freiheit akzeptieren. Der freie Wille? Nicht nur die Verpflichtungen, die Gesetze beschränken (auch Atheisten). Wir können nicht alles tun, schon deswegen, weil wir es gar nicht möchten. Aktuell: Die Corona-Krise erlaubt das Reisen nicht? Aber niemand setzt sich in einen Zug und macht eine Reise nach Mailand, nur weil es theoretisch möglich ist. Urlaub oder Geschäft; es gibt ein Motiv für jede Handlung.

Eine Frage, der besondere Einfall; ein bestimmter Gedanke geht der Tat voraus, bevor jemand aktiv wird. Die Erinnerung an einen Termin, eine Verpflichtung oder eine Sehnsucht, die erfüllbar ist? Nur ein Gefangener trottet ausschließlich auf fremden Befehl – weil er muss. Die Kunst zeigt uns, das Einreißen von Mauern ist möglich.

Ein lesenswertes Buch beschreibt den Trompeter Chet Baker: Der Autor ist seinem Lieblingsmusiker zu vielen Auftritten nachgereist. Einmal, das Konzert in Frankfurt oder Stuttgart (ich erinnere mich nicht genau) beginnt verspätet. Der Musiker, so stellt sich heraus, war noch mit dem Sportwagen unterwegs. Lothar Lewien ist ein vertrauter Bewunderer und zitiert aus zahlreichen Backstage-Gesprächen mit seinem Star: „This is the fan we need“, sagt Baker, lobt den Eifer des unermüdlichen Zuhörers, der immer auftaucht und die Nähe zu den Musikern sucht. Chet Baker war, so scheint es, ohne Anlass mit dem neuen Auto von Deutschland aus, also bereits vor Ort, nach Italien gefahren und wieder zurück und nicht ganz rechtzeitig auf der Bühne gewesen? Es bleibt sein Geheimnis, warum es nötig gewesen war, die Strecke Frankfurt / Mailand und zurück an einem Tag abzufahren – so ähnlich kommentiert der Zuhörer dieser Geschichte (und hingebungsvolle Fan) die Aktion.

Es war möglich gewesen. Er konnte vor dem Auftritt noch hinfahren und war beinahe rechtzeitig zurück, trug Sandalen auch im Winter, da wird viel erzählt bei Lewien. Auch Bakers eigene Lebensbeschreibungen sind empfehlenswert. Meine Schwester, die mich mit der Musik des wunderbaren Trompeters und ausdrucksstarken Sängers bekannt machte, gab unverlangt Hinweise von ihrer Freundin weiter (die ihr die Platte empfohlen hatte), wie’s einzuordnen sei: Bakers Musik sei erst nachdem er seine Zähne eingebüßt hatte und durch Drogenkonsum beeindruckend geworden.

Wenn ich mich daran zurück erinnere (das ist ja lange her), passt diese (typische) Belehrung, wie zu hören und begreifen sei, in die Textstelle eines Freud-Buches, in dem ich vor ein paar Tagen herumblätterte. Maler Lucian Freud äußert sich zum Thema Erotik. Da steht etwas darüber, was Menschen, die selbst nicht malen, in Bildern sehen, hineininterpretieren. Wenn ich eine Kulturerklärerin im Fernsehen oder so erlebe, die gerade eine Ausstellung von Nolde, van Gogh oder einem anderen (verstorbenen) Maler eröffnet, denke ich jedes Mal: Was redet die da?

Ein Gespräch unter Musikern, noch eine Textstelle. Der erwähnte Jazztrompeter Chet Baker und ein Kollege kommen zum Schluss: „Nur zwei Prozent vom Publikum kann hören, den Melodielinien des Trompeters überhaupt folgen.“ Die anderen sind aus privaten Gründen im Club. Miles Davis, er spielte mit dem Rücken zum Publikum, störte sich am Herumalbern auf dem Podium von Louis oder Dizzy. Sie waren Unterhalter, sagt Miles abwertend und einordnend, für die ältere Generation gehörte das eben dazu, um Erfolg zu haben. Die reine Musik? In der Kunst reden wir vom Motiv und in der Kriminalistik auch. Lewien gibt in seinen einfühlsamen Beschreibungen „Engel mit gebrochenen Flügeln“ viel vom eigenen Leben preis. Er hat amateurhaft Trompete gespielt, erzählt privates – wurde nie ein Star. Sein Buch ist eine sensible, künstlerische Einordnung des Musikers, die jeder der selbst kreativ ist nachvollziehen kann.

Nun bin ich ja weder berühmt noch tot, aber Maler bin ich. Am aktuellen Bild „Gurken und Rosen“ arbeite ich seit über einem Jahr, und inzwischen beginnt es mir zu gefallen. Es sieht recht fertig aus. Ein schwieriges Problem. Als ich das Thema anfing, im März 2019, war meine Lebenssituation ganz anders. Ich beginne stets mit einem Bild, wenn ich mich an einer Idee festbeiße. Es ist dann weniger, weil ich den soundsovielten Bauernhof oder das xte Porträt malte, weil es mein Beruf ist, Landschaften oder ein anderes Genre auszufüllen. Ich bin meiner Psyche auf der Spur und packe ein Problem an.

Es heißt, dass der „Herr der Ringe“ seine Form beim Schreiben gefunden hat, Tolkien also nicht genau wusste, wie es enden würde. Edward Hopper beklagt, dass sich eine Idee während der Arbeit immer wandelt. Dennoch ist gerade Hopper derjenige, der wie John Irving darauf drängt zu betonen, wie genau ein Werk vorher geplant ist: „Wenn ich mich an die Staffelei setze, ist alles erledigt.“ Und von Irving heißt es, er schreibe den letzten Satz eines Romans zu Beginn auf. Solche immer verbreiteten Anekdoten sind Märchen für Leser, die selbst nicht malen oder schreiben.

Es gehört zu meiner tiefen Befriedigung, auch im verzweifelten Zorn und unflätigen verbalen Ausbrüchen, die mich regelmäßig vor der Staffelei packen, wenn es irgendwo hakt mit der Arbeit, den Unterschied vom Konsumenten, Erklärer und Schaffenden zu verstehen. Ich bin der, der’s macht.

Ich lese diese Bücher anders, deswegen. Das kann man nicht erklären.

🙂