Kinder werden Jugendliche, schließlich Erwachsene, sind nun eigenverantwortlich unterwegs. Andere ziehen uns zur Rechenschaft, wenn wir Fehler machen. Wir leiden darunter, wenn wir etwas schlecht tun. Daraus erwächst der Wunsch, keine Fehler machen zu wollen. Träume wachsen begleitet von der Vorstellung, noch Jahre lang Zeit für ihre Umsetzung zu haben. Wir sind auf der Suche, Ziele zu erreichen und Dinge umzusetzen, die gerade uns glücklich machen. Der persönliche Erfolg erwächst aus der Erfahrung, Erfüllung durch eigene Entscheidungen herbeizuführen.

Dass keine Fehler mehr passieren, wir weniger Fehler machen oder dass üble Momente ausbleiben, weil die Umgebung vergisst uns zu ärgern, ist unrealistisch. Mehr befriedigende Dinge tun zu können, ist möglich. Wünsche zu entwickeln und Schritte in Richtung ihrer Erfüllung zu machen ist besser, als sich auf das Vermeiden der Fehler zu fokussieren. Mehr gute Sachen zu machen geht; weniger Fehler oder keine zu machen ist kaum möglich. Nach Überschreiten der magische Grenze gesetzlicher Volljährigkeit, wird verantwortungsbewusstes Handeln erwartet. Ein Erwachsener muss herausfinden wohin der individuelle Weg führt, der sich vom allgemeinen durch eigene Ziele unterscheidet und deswegen definiert werden muss.

# Ein guter Weg fühlt sich gut an

Das bedeutet sich wahrnehmen und fühlen zu können, damit die Unterschiede zum normalen Rat und dem Gesetz spürbar werden, für eine präzise Ausrichtung: Die grobe Richtung wird durch die Erziehung gegeben: „brotlose“ Kunst oder besser die sichere Info-Grafik erlernen, was gibt das Talent her? Was willst du: alternativ den Fischladen der Eltern übernehmen oder etwa den Segelsport zum Beruf machen? Wir haben die Wahl zu wählen nur dann, wenn wir die Möglichkeiten wohin es gehen könnte – relativ zu unseren Fähigkeiten und der Kapazität dessen, was wir an Belastungen vertragen können – richtig einschätzen. Sonst werden wir tun, was andere uns raten. Und damit sind sie es, die eine Wahl für uns treffen. Überforderung oder als sinnentleert empfundene Umgebung sind nicht selten das Ergebnis. Es ist nötig zwischen Risiken, die eine Entscheidung mit sich bringt, und dem zu erwartenden emotionalen, finanziellen oder anderweitig die Stellung aufwertenden Gewinn abzuwägen. Keiner geht von zuhause weg, um woanders zu scheitern. Wir möchten unser Dasein gut und besser machen. Junge Menschen, die ihre Gefühle wahrnehmen können, sind klar im Vorteil. Sie haben, während sie groß geworden sind, eine Umgebung erleben dürfen, die ihnen genügend Raum gegeben hat, ihr Selbst kennenzulernen.

Es ist müßig, Eltern zu belehren. Paartherapie stößt schon zu Beginn an Grenzen, weil die Begriffe „Paar“ oder „Eltern“ einen Rahmen beschreiben, obwohl Mann und Frau für sich zunächst allein empfinden. Kinder sind abhängig vom Ort ihrer Geburt. Schließlich bleiben sie abhängig, bis sie erwachsen sind. Wie unabhängig und gefühlt frei jemand wird, hängt immer von der Vergangenheit ab. So ist klar, dass mit dem Tag der Volljährigkeit die Möglichkeiten der jungen Menschen schon deswegen verschieden sind, weil manche sich ihre gar nicht vorstellen können. Sie haben bisher nicht lernen können, eigene Ideen zu entwickeln und entsprechende Risiken einzugehen (obwohl sie die Schule möglicherweise mit einer guten Note verlassen haben).

Ein wenig Glück gehört dazu, und was ist eine glückliche Kindheit? Das hier gemeinte Glück ist eine Kombination unterschiedlichster Faktoren: Es gibt das Beispiel von gelungenen Lebenswegen, die in bitterster Armut und emotionaler Not ihren Anfang genommen haben. Mit ein paar griffigen Erklärungen wird der psychologische Ratgeber der Realität selten gerecht.

Diejenigen, die nur unter den Bedingungen ihrer Erziehung angepasst klargekommen sind, werden es schwierig finden, nach Schule, Studium oder in einer Ausbildung den Weg in die Zukunft allein zu finden. Denn nun müssen wir uns selbst erziehen: zu dem, was wir individuell als „gut“ empfinden. Wer möchte scheitern oder schlecht sein? Niemand sucht den Weg in die Katastrophe, das passiert nur dann, wenn der gute Weg nicht mehr zu sehen ist. Ins Verderben läuft man in der Absicht, hier noch gerade eine Verbesserung zu finden! Was uns gut tut und wie es zu erreichen ist (dort zu sein wo’s gefällt), müssen wir lernen. Zunächst schaffen die Eltern Orte, an denen es der Familie gut geht. Das ist aber vom Ideal dessen, was sie dafür halten, bestimmt. Gut zu sein, ist zunächst eine Forderung der Erwachsenen an ihre Kinder. Wie es gemeint ist, wird individuell unterschiedlich aufgefasst. (Wenn ich in einem speziellen Clan heranwachse, kann „gut zu sein“ bedeuten, grundsätzlich mit dem Gesetz im Konflikt zu leben).

Gut im Sinne von anständig, was immer damit gemeint ist, gut im Sinne von Leistung: In jedem Fall werden Eltern und Lehrer eine Vorstellung zu vermitteln suchen, die ihren eigenen Idealen oder Absichten entspricht. Es kommt vor, dass Eltern die Zukunft ihrer Kinder fest an das eigene Alter binden, sie die weiterzuführende Firma im Blick haben oder die Erwartung an einen bestimmten Karriereabschluss. Auf diesem guten Weg mögen sie das Kind sehen, etwa wie die staatliche Ordnung den guten Bürger dort erkennt, wo er Gesetze befolgt. Religion sieht den Gläubigen dort, wo entsprechende Regeln eingehalten werden. Das Mitglied einer Partei ist gut im Sinne des speziellen Verbunds: Grüne grün, Rote rot, usw. – sonst droht ein Konflikt.

„Gut“ ist zunächst eine Definition, ein Trend?

Trendnamen 2020: Olivia, Amalia, Levin und Adam besonders beliebt – Greta stark gesunken. (Presseportal; news aktuell Hamburg/fabulabs Berlin, 19.09.2020). Chantal, Mandy oder Kevin sind grundsätzlich out. (Adolf geht gar nicht). Das ist eine aktuelle Nachricht. Meine Mutter hieß Greta, und mir kommen einige Dinge in den Sinn, wenn ich das höre. „Greta Thunberg werfe einen zu großen Schatten“, sagen die Forscher. Deswegen „schreckten Eltern davor zurück“, ihr Kind so zu nennen, meinte der Sprecher im Beitrag einer Nachrichtensendung. Ein Foto von einer Mutter mit Zwillingen wurde eingeblendet: Corona und Covid heißen ihre Kinder.

Bevor die Corona-Pandemie die Medien beherrscht hat, war „Fridays-for-Future“ ein wesentliches Thema, und gelegentlich werden wir daran erinnert, dass es immer noch höchste Zeit ist, die Umweltprobleme wichtig zu nehmen. Wichtig für wen? Die Sender ordnen die Nachrichten im Sinne von gut oder schlecht (für alle) ein. Gewalt ist böse. Toleranz wird eingefordert. Der biologische Fußabdruck muss nachhaltig sein. Der böse Trump oder Putin, Erdogan – und mehr von diesen Dingen. Frauen erfahren Wertschätzung dafür, dass sie Frauen sind: Sprache wird gern gut gegendert. Wir finden es gut, dass die Kirche Missbrauchsopfer entschädigt. Alle Paare werden akzeptiert und böse ist, Menschen auszubeuten, zum Beispiel in der Fleischindustrie. Das sind die immer gleichen Themen. Ach ja: Wir stehen zusammen, wenn wieder ein Attentäter oder ein böses Netzwerk „uns“ angegriffen hat. Das wiederholt regelmäßig (mit Nachdruck) der Frank-Walter-Präsident, dafür ist er da (und gut genug).

Manche nervt es, aber man stelle sich vor in einem dieser Länder zu leben, in denen die jeweilige Regierung noch Öl ins Feuer der Unruhen gießt. Bei uns sind die Anführer schwach. Die einstmals staatstragende Volkspartei SPD ist zu einem unprofilierten Haufen verkommen. Mit Schrecken bemerken einige das Machtvakuum, wenn unser Außenminister neben dem amerikanischen, russischen oder chinesischen Kollegen bemühte Moral zum Besten gibt.

Ich kann nicht gut sein wie Greta Thunberg und auf Fleisch verzichten oder das Auto. Ich kann nicht alle Werte verinnerlichen und im Alltag umsetzen wie der sauberste Frank-Walter, den du dir denken kannst. Ich habe einige Sachen herausgefunden, die ich mag und denen folge ich. Ich male, was ich mag und probiere nicht auszustellen, weil das nur Ärger gibt. Ich bewundere Greta Thunberg unendlich, aber nicht weil ich die Umwelt retten möchte und sie deswegen mein Leitbild ist. Ich bewundere sie, weil sie über den Atlantik gesegelt ist. Ich beneide sie, weil sie die Chance hatte, Donald Trump zu sagen, was sie von ihm hält, und man hört ihr zu. Eitel, eingebildet und dumm sind Politik und ihre MacherInnen (die ich persönlich kennengelernt habe).

Greta! (Du bist gut).

Sie ist da hingesegelt – auf einer Art Rakete ist sie durch die Wellen geschossen (ich kann dieses Boot von meiner Jolle unterscheiden). Ich bin schon sehr viel gesegelt und weiß, wie man es macht. Ich weiß auch genau, wovor ich Angst habe; vor schlechtem Wetter zum Beispiel.

# Europa ist von den Socken

Was ist der richtige Name für das persönliche Motiv? Ich bin lieber im sicheren Atelier unterwegs. Während nun endlich die Arbeit an meinem großen (100 x 120 cm) Bild „Grüneres Gras“ weitergeht, nachdem es einige Wochen unfertig herumgestanden hat, weil wir im Urlaub waren und ich anderes zu tun hatte, schaue ich jede Menge Video, um Wasser und Wellen zu studieren. Es bedeutet immer, sich einen Ruck zu geben und die besondere Motivation für einen neuen Anfang zu finden, wenn es gilt, die Beschäftigung mit dem Gemälde wieder aufzunehmen.

Die Schwierigkeit das Wasser „gut“ zu malen, ist so ein Anreiz für mich.

Eine Geschichte erinnere ich, wenn ich diese Filme sehe. Mein Großvater hat eine Reise als Passagier gemacht, und zwar auf einem Frachtschiff. Das muss so Ende der Fünfziger gewesen sein. Reederei Hamburg-Süd oder Hansa, das kann ich nicht sagen. Er war mit dem Kapitän befreundet und hatte Patent wie dieser, aber die erwähnte Reise fuhr er nur so mit. Er war bereits am Hydrographischen Institut angestellt. Die Überfahrt mit dem seinerzeit modernen Stück- oder Schwergutschiff ging von Hamburg aus über den Nordatlantik. Das Ziel lag irgendwo an der amerikanischen Ostküste, möglicherweise: New York.

Nach einigen Tagen auf See wurde Abends das Wetter rapide schlechter. Heinz konnte nicht schlafen, weil das große Schiff merklich unruhig war und kam nachts auf die Brücke. Rose, so mag der Freund und Kapitän geheißen haben (ich bin mir unsicher), stand breitbeinig neben den nautischen Geräten und schaute in die Finsternis voraus. Man machte Bemerkungen über den Sturm. „Wir haben schon einige Risse“, sagte der Kapitän und erklärte meinem Großvater, dass im übelsten Bereich überkommender Seen einige Männer an Deck waren.

Am Steuerstand war es ungemütlich, aber dann bugsierte der Kapitän seinen Passagier ins Freie. Der Sturm brüllte! Mein Großvater klemmte die Hände an die gewölbte Kante der Brüstung auf der Brückennock. Auf dieser Seite gab das Steuerhaus ihnen ein wenig Lee. Rose zeigte mit ausgestrecktem Arm in das Dunkel. Er legte die andere Hand zum Windschutz und wie einen Schalltrichter an den Mund: „Da!“, grölte er derb – normal zu sprechen war gar nicht möglich – während kalter Regen in ihre Gesichter peitschte und die feindselige Nacht schrie und fauchte wie ein wütendes Tier. Sie mussten sich anstrengen, etwas zu sehen. Hier im Freien konnten sie das Licht vorn in wehender Gischt so gerade erkennen. Ein kleiner Trupp schien da geduckt hinter der Schanz beschäftigt. Die Männer huschten jeweils einige Meter vorwärts, wenn gerade kein Brecher hindonnerte und wieder alles überschwemmte. Sie hatten die unerfreuliche Aufgabe, nachts nach frischen Sturmschäden Ausschau zu halten. Wenn sie einen neuen Riss im Deck bemerkten, sollten sie zügig am Ende davon ein Loch in den Stahl bohren. Im traditionellen Ölzeug der damaligen Zeit unterwegs, mit primitivem Werkzeug ausgerüstet, waren sie um den Job bei kümmerlicher Beleuchtung sicher nicht zu beneiden.

Das Loch sollte verhindern, dass der Riss noch länger würde.

Das Schiff mag ähnlich dem Hamburger Museumsschiff „Cap San Diego“ gewesen sein, und ich bin schon darauf herumspaziert. Es liegt friedlich an den Landungsbrücken. Ich habe mir einen Eindruck verschaffen können (als gewöhnlicher Besucher wie jede andere Landratte). Natürlich, ich bin schon auf See gewesen, einige Monate in der Karibik und dann nach Bermuda. Unzählige Tage habe ich auf Nord- und Ostsee und auf der Elbe gesegelt. Wenn ich entsprechende Schlecht-Wetter-Filme auf Youtube schaue, weiß ich, dass ich niemals wirklich zur See fahren möchte (auch nicht auf einem idiotischen Kreuzfahrtschiff). Das schon gar nicht. Nicht wegen der Umwelt. Sondern, weil man dort mit lauter idiotischen Menschen wie in einem Hotel herumfährt und dazu noch auf einem Ozean, der schlimmstenfalls einen Orkan bereithält. Und dann ist nix mit Party; es gibt entsprechende Bilder im Netz.

Ich habe die Reise von Greta Thunberg im letzten Jahr im Tracking angeschaut, wo sie täglich jeweils war, welcher Wind herrschte, wie schnell sie in die günstigste Richtung vorankamen – erst mit Boris Herrmann und dann mit La Vagabonde – und die wenigen Sequenzen aus dem Cockpit und einige Fotos gern angeschaut. Unglaublich! Ich selbst hätte eine solche Scheißangst vor einer derartigen Überfahrt und parallel aber jede Menge Ahnung, wie alles an Bord zu tun sei – ich glaube, das Beste, was der jungen Aktivistin passiert ist, war beherzt diese Rolle anzunehmen und alles wirklich durchzuziehen. Das ist so dermaßen großartig, es gibt keine Worte dafür, die genügen. Nicht weil sie die Welt rettet; sie hat sich selbst gerettet. Sie hat erkannt, was sie tun kann und macht es tatsächlich. Sie hat ihr Leben, ihr ganz persönliches Schicksal, angenommen.

🙂