Jetzt tauchte er wieder auf, der Begriff: „Alternative Fakten“, als die Trump Vertraute und Sprecherin des Weißen Hauses überraschend von ihrem Amt zurückgetreten ist.

„Washington – Kellyanne Conway tritt nur einen Tag vor dem Beginn des Parteitags der US-Republikaner zurück. Conway ist eine hochrangige Beraterin von Präsident Donald Trump. Die Juristin aus New Jersey erlangte Anfang 2017 auch international große Bekanntheit, als sie versuchte, Trumps Unwahrheiten einfach zu „alternativen Fakten“ erklären. „Alternative Fakten“ wurde 2017 in Deutschland und Österreich zum Unwort des Jahres gekürt.“ (Merkur, 25.08.2020).

Die nachvollziehbare Empörung über die skurrile Formulierung ist das eine. Zu begreifen, dass es mehrere Wahrheiten schon deswegen gibt, weil niemand im Besitz der einen allumfassenden Realität ist und nur korrigieren kann, was zu beweisen ist, das andere. Es ist nicht leicht einzusehen, sich getäuscht zu haben, in Zukunft täuschen wird und keine Chance hat, Antwort auf brennende Fragen der eigenen Geschichte zu bekommen.

Ein Geschenk, der Person zu begegnen, die uns (das) verrät …

Eine Erfahrung ist wie ein Schatz. Wenn ich tauche, erlebe ich in jedem Fall was, na klar. Wenn ich dabei aber einen Eimer mit Goldmünzen fische, nehme ich nicht nur die Erinnerung an das faszinierende Unterwassererlebnis mit, sondern einige echte Dublonen. Das ist ein Fakt, alternativlos und unbestritten harte Realität. Ich kann auf die Goldmünzen beißen, wie der Cowboy im Film und sie klimpernd durch die Hände gleiten lassen.

Wenn ich frage, ob ich geliebt werde (sogar bei Fragen, ob ich selbst liebe), wie intelligent oder faul ich oder jemand anderes sei, kann es keine vergleichbar harte Antwort geben. Aber eine Erfahrung bedeutet, auch wenn das genauso ein intellektueller Begriff ist, viel mehr als ein Erlebnis. Erfahrung ist allgemein. Aus Erlebnissen erwächst eine Formel, bereit in anderen Fällen Lösungen anzubieten, die sonst unkalkulierbar blieben. Was ich selbst weiß und eigenhändig prüfe, ist mein Teil Wahrheit.

Zitat: „Nach der Amtseinführung im Januar hatte Trump-Pressesprecher Sean Spicer auf Geheiß des Präsidenten verkündet, bei der Amtseinführung seien mehr Menschen anwesend gewesen als bei jener von Barack Obama. Aber weder Luftaufnahmen noch die Zählungen im Personennahverkehr in Washington bestätigten die Aussage. Doch Trump-Beraterin Conway hielt dagegen: „Sean Spicer hat alternative Fakten dargestellt.“ Es gebe kein Verfahren, um Menschenmengen sicher zu quantifizieren. Seitdem ist der Begriff alternative Fakten zu einem Synonym für gefühlte Wahrheiten und falsche Behauptungen geworden.“ (Frankfurter Allgemeine, Anna Friedrich, 09.08.2017).

Klar, dass bei der Amtseinführung von Donald Trump nicht so viele Menschen waren wie bei seinem Vorgänger Barack Obama. Das ist durch Videos der Nachrichtensendungen belegt. Oder sagen wir mal so: auf den Aufnahmen, die wir zu sehen bekommen, ist es so. Das Interessante ist, dass Trump so oft einfach zu widerlegen ist und trotzdem kein Gegenkandidat für das Präsidentenamt bereitsteht, der ganz eindeutig die Wahl gewinnen wird. Nicht nur in den Vereinigten Staaten, die Unwahrheit öffentlich zu machen, bedeutet zunächst nicht mehr als das. Auch im Fall des mutmaßlich vergifteten Regimekritikers in Russland: Trotz fortdauernder Anschuldigungen gegen den russischen Präsidenten ist zweifelhaft, ob Nawalny ein guter Präsident für Russland wäre und ob er gewählt würde.

Im typischen Krimi scheint der Hergang der Ereignisse am Ende klar. In der Realität gehen die Geschichten aber weiter. Nicht nur, dass findige Verteidiger den Angeklagten vor langen Strafen schützen können, zur Empörung der Boulevardpresse kommt es vor, dass Menschen mangels Beweis freigesprochen werden.

Alternative Fakten sind nichts Neues.

Es ist viel mehr so, dass wir uns über diesen treffenden Ausdruck freuen sollten, führt er uns doch auf zupackende Weise vor Augen, wie unsicher unsere Wirklichkeit ist. Die Wahrheit ist abhängig von sozialer Stärke und der Fähigkeit, gute Argumente zu liefern. Wie einfach es ist, sich zu empören, aber wie schwierig, an eine verantwortungsvolle Position zu gelangen und diesen Job anschließend gut zu machen, zeigt der Begriff. Menschen erfassen nur einen Ausschnitt ihrer Realität. Auch wenn es eindeutig scheint, dass Trump im Fall der Größe der Menschenmasse gelogen hat, bleibt das faszinierende Phänomen der Fake-News ein Teil unserer modernen Realität. Obwohl überall Kameras Begebenheiten festhalten und wir deswegen annehmen könnten, Sicherheit zu bekommen, wie etwas gewesen ist, schafft das Medium Video auch zweifelhaftes Material heran und Unklarheit, wo es keine geben sollte. Wer war bei der Amtseinführung des Präsidenten vor Ort und kann sagen, er wüsste wie es war, habe das selbst gezählt?

Der aktuelle Wetterbericht für Schleswig-Holstein: „Heute Vormittag wechselnd bewölkt mit einzelnen Schauern. Nachmittags zunehmend trocken mit längeren Aufheiterungen bei kühlen 18 bis 19 Grad. Anfangs mäßiger, an der See frischer bis starker und in Böen teils stürmischer Nordwestwind, abflauend.“ (DWD, 27.08.2020)

Was sind kühle 18 Grad?

Mir tut weh, wenn mir jemand persönlich Schaden zufügt, ich belogen werde, und das ist schon vorgekommen. Ich kann mich zur Wehr setzen, wenn mich kein schlechtes Gewissen plagt, es mir gelingt, mich abzugrenzen, Gegner ins Leere laufen zu lassen. Am meisten wehgetan hat immer, Kränkungen hinnehmen zu müssen, weil Mittel gefehlt haben, die Fehler eindeutig bei den anderen zu sehen und die Kraft, Anschuldigungen zurückzuweisen. Ich kann damit leben, auf einiges was gut wär’ zu verzichten – Empörung? Die breite Brust zu haben, von „Alternativen Fakten“ zu reden, ändert nicht, dass etwa die Hälfte der Amerikaner darin Stärke sieht und keine Lüge. Sie haben Donald Trump gewählt und werden es wieder tun.

Gelesen, als es neu war: „Hendrie Weisinger, Kreative Kritik: mit negativen Werturteilen positiv umgehen“, Heyne 1991). Das war auf einer Segelyacht Teil der Bordbibliothek. Ich war für zwei Monate in der Karibik segeln und nicht wenig überrascht, um nicht zu sagen persönlich angegriffen, als die Tante meines langjährigen Freundes, die Ehefrau meines Skippers auf der „Capella“, mir dieses Buch mit dem Hinweis „natürlich gebe es mehrere Wahrheiten“, empfahl.

Getäuscht zu werden ist das eine, und es zu bemerken tut weh. Andererseits: Das hat den Vorteil, in den Besitz einer neuen, erweiterten Wirklichkeit zu gelangen …

Ich finde: Ein Stück der Wahrheit zu kennen ist (besser als ein Stück vom Mond zu kaufen und) fast so schön, wie ein Stück Himmel zu besitzen.

🙂