Da habe sich viel aufgestaut, heißt es oft, und dann sei die Aggression losgebrochen! Wir dürfen skeptisch sein, wenn diese Argumentation ins Feld geführt wird. Wir bemühen ein Bild, suchen nach einem Erklärungsprinzip. Ist unser Kopf ein Haus mit Kammern und Staudämmen? Wenn das Gehirn eine Kommode mit Schubladen wäre, müsste man dieses mit zu vielen Inhalten schnell an den Rand der Belastbarkeit bringen. Dann wäre der Kopf, nach sagen wir der dritten Fremdsprache, die wir lernten, voll, wenn es ein kleines Gehirn ist, und zu musizieren könnten wir nicht auch noch lernen. Es sei denn, wir löschten eine Fremdsprache und fänden so Raum, das Klavierspielen auszuprobieren, schmissen anschließend, von der Musik begeistert, weitere Fähigkeiten in den geistigen Mülleimer: Nun hätten wir Platz und könnten noch Trompete lernen?

Die Muttersprache auszulöschen und für immer die Klappe halten, das wünscht sich mancher, dem was sauer aufstößt. Den Mund halten, ist möglich. Die Augen haben Deckel. Was wir nicht sehen wollen, schauen wir nicht an. Menschen haben die Wahl. Sie müssen nichts riechen, das stinkt, kneifen die Nase mit den Fingern zu. Der liebe Gott erlaubt es: Man kann und darf schweigen, schlafen, hält sich die Ohren zu, wenn es laut wird. Das muss man nicht üben. Ein Lebewesen wie unsereiner kann darüber verfügen und wird sich gegebenenfalls schützen, bestimmte Funktionen eine Zeit lang auszusetzen. Warum müssen wir Luft holen, wieder ausatmen? Essen und auf das Klo gehen; der Zwang zu leben: Wir können unsere Atmung nicht willkürlich pausieren lassen, für viele Stunden, und anschließend nach Gutdünken wieder aufnehmen. Nicht mehr weiter atmen nach Belieben: Warum geht das nicht? Selbstmord wäre einfach. Das Leben sei ein Geschenk, heißt es. Eines, das man nicht ablehnen darf. Vieles wird gesagt, das bei näherer Prüfung ins Wanken gerät und eine Kehrseite der Medaille zeigt. Wie bei einer Mauer. Schöne Fassade, hinten bröckelt der Putz. Einige möchten wissen, wie es „drüben“ sein mag, andere leben nur so dahin.

Das Leben sei „keine Errungenschaft“, meint der Vater eines Freundes. Mit siebenundneunzig beurteilt er vieles anders. Atmen geschieht, ohne dass wir’s uns vornehmen müssen. Die Freiheit, ein Mensch zu sein, hat ihren Rahmen und der begrenzt einiges: Wir können Unangenehmes nicht vergessen, wie wir den Müll im Haus raustragen und für immer wegwerfen. Hätten wir als Gedächtnis eine Kiste voller Sachen, könnte man diese samt Erinnerungen anderen verpflanzen wie die fremde Niere. So einfach ist es nicht.

Der Wunsch, das Gehirn zu ändern, zumindest seine Funktionsweise, ist möglicherweise nachvollziehbar, und zwar immer dann, wenn ein Mensch unvernünftigerweise Dinge tut, die ihm schaden. Warum sollte man gegen sich selbst handeln? Trotzdem ist es nicht ungewöhnlich, dass Menschen sich, oft unbewusst, Schaden zufügen. Psychisch Kranke tun das. Nicht nur die Jugendlichen, die sich ritzen. Jeder psychisch kranke Mensch macht genau genommen dumme Sachen. Statt dort, wo es nötig wäre, auf den Putz zu hauen, handelt ein Verstörter gegen den eigenen Apparat. Davon mal abgesehen, dass es unendliche Spielarten dieser Falschverwendung gibt und entsprechend viele Diagnosen und Behandlungsansätze, hat diese Krankheit mit ihren zahlreichen Macken einen gemeinsamen Nenner. Könnte ein Arzt oder sonst wer das Gehirn des Betroffenen zügig direkt korrigieren, in die normale Funktion eines gesunden Denkapparates nach dem Motto „zurücksetzen“, wäre es bestimmt eine medizinische Sensation, die durch alle Medien ginge.

Der Denkfehler beginnt dort, wo gesunde Normalität gegen kranke Disfunktion zur Basis unserer Logik wurde. Es scheint einfach, psychische Krankheiten zu bemerken und ihnen zahlreiche Namen zu geben. Auf der anderen Seite steht dann immer die eine Normalität. Oder eben das Richtige, das Gesunde. Was normal oder gesund ist, sollte zuerst gefragt werden. Die Antwort dürfte so vielfältig und individuell sein wie es Menschen gibt. Ein Gesunder grenzt sich leichthin ab. Dieser weiß nicht, dass er oft nur reflexartig Situationen managt, indem er Störendes beseitigt oder andere zurückweist. Jeder von uns ist täglich unendlichen Ablenkungen ausgesetzt. Nachdem zunächst die Schwierigkeit, sich für eine Handlung zu motivieren aufgelöst wird, beginnen wir mit einer Sache. Sofort ist eine gewisse Konzentration unumgänglich und die ersten Fehler passieren. Jede Tätigkeit gelingt nur zum Teil. Wollte man in allem die vollständige Perfektion erreichen, also auch bei ganz alltäglichen Dingen, ist wohl anzunehmen, schon deswegen verrückt zu werden.

Da gibt es welche, die nehmen vieles nicht so genau. Andere finden es reizvoll, an gewissen Beschäftigungen detailverliebt herumzupusseln, dass man nur staunen kann. Beides ist nicht mehr oder weniger gesund. Man kann sich an bestimmten Belästigungen stören und doch dieselben bei anderen auslösen! Ohne mit der Wimper zu zucken. Die Gesundheit besteht darin und das Normale ist, dazwischen bildlich gesprochen eine Mauer im Kopf zu ziehen. Natürlich wissen wir heute viel über das Gehirn an sich. Abgrenzungen zwischen individuellen Sachverhalten und Emotionen, Türen, die Gedanken wie Querverbindungen erlauben; ein Problem ist, nicht erklären zu können, woraus Zement und Ziegel sind, die unser Denkapparat verwendet. Das löst das Individuum individuell. Nicht wenige treten anderen auf die Füße und schnauzen im nächsten Moment einen Fremden an, nicht zu schubsen. Das ließe sich leicht mit einigen Beispielen illustrieren.

# 1. Beispiel, Doofe beschuldigt Doofere 

Im Café sitzend, bin ich Zeuge einer Unterhaltung am Nachbartisch. Das ist unumgänglich, man hört leicht mit, wenn man allein ist und die Tische dicht stehen. Eine kleine Familie, Tochter ungefähr zwölf oder vierzehn Jahre alt mit ihren Eltern, sitzt in meiner Nachbarschaft. Die Mutter regt sich auf. Sie war mit einer Sachbearbeiterin irgendwo im Widerpart gewesen, möglicherweise am Morgen oder vor kurzem, jedenfalls schimpft die Frau über ein Erlebnis und probiert, Tochter und Ehemann begreiflich zu machen, wie bescheuert diese Situation war. Sie hat nur Unflätiges parat: „Die ist so blöd!“, und dergleichen poltert sie über das Erlebte, und die Angehörigen nicken.

So weit kennt man das ja, und wir alle würden gern manchen Bürokraten los werden. Ich sollte verschweigen, was ich denke, aber mir ist diese Mutter vom Sehen her bekannt. Die arbeitet in einem Geschäft. Ich mache, wenn möglich, einen Bogen um diese Frau. Ich empfinde sie in jeder Hinsicht als hässlich, bin geradezu erstaunt, dass sie verheiratet ist, die Tochter und der Ehemann hier ansprechend und sympathisch dasitzen. Hässlich ist die angestrengte Weise jeglicher Kommunikation mit dieser, mir ansonsten vollkommen Unbekannten.

Wenn ich als einkaufender Verbraucher in dieses Geschäft gehe, registriere ich meine innere Ablehnung, und nur deswegen halte ich Abstand. Der optische Eindruck, die penetrante Tonlage, das verkniffene Gesicht und die unübersehbare Absicht, sich sowohl zuvorkommend gegenüber dem Kunden zu verhalten als auch dieser extreme Drang, unbewusst Grimassen ins Gesicht zu zerren, bösartig wie einschleimend – das stößt ab. Woher will so eine wissen, in einem Behördengang unterwegs, dass ihr Gegenüber „bescheuert“ ist, wenn sie doch selbst – so denke ich – penetrant und dumm ist?

Das darf man hier natürlich nicht schreiben, und deswegen komme ich gleich dazu, weiteres zu petzen. Natürlich nur deswegen, weil ich hehre Ziele verfolge.

# 2. Beispiel, die selbst kriminelle Polizei

Wenn man die Dinge in verschieden Schubladen einlagert, kann ein und dieselbe Sache ganz unterschiedlich beurteilt werden. Wichtig ist, keine Querverbindungen zuzulassen. Heute lese ich, dass es im Norden zeitgleich etliche Hausdurchsuchungen gab. Die Beamten waren Hinweisen auf den Besitz von Kinderpornografie nachgegangen. In Deutschland sei das Ausspähen von Personen ohne Anfangsverdacht in dieser Sache nicht erlaubt, schreibt das Tageblatt. Aber in den USA beispielsweise wären Provider verpflichtet, verbotene Inhalte zu melden. Das Netz ist bekanntlich weltweit verwoben. Auf diese Daten greift die deutsche Polizei zu und geht zu Meyer in die Bude, nimmt den Rechner mit, toll. So hilft man sich.

Das Problem der Ordnungshüter beginnt damit, dass die Kriminellen so unordentlich vorgehen, überhaupt kriminell sind. Die halten sich nicht an das Gesetz. Wenn der Beamte mit Uniform herumspazierte und höflich wie Columbo sagte: „Entschuldigen Sie, eine Frage hätt’ ich noch …“, kämen sie nicht weit, meinen die Polizisten. Da hat man den verdeckten Ermittler erfunden und den großen Lauschangriff. Dem sind im Anschluss aber gleich wieder Fesseln angelegt worden, aus dem vermutlich guten Grund, dass ein Verdacht, der sich später als unbegründet herausstellt, bedeuten würde, Unbescholtene auszuspähen. Das macht die Hürden, so vorzugehen, dass wirklich gar Niemand davon mitbekommt, hoch. Wir dürfen nicht sagen, dass, wenn unsere Ordnungshüter nicht hausdurchsuchen dürfen, die Daten der Amerikaner in den Händen der Deutschen eine Umgehung der Rechtslage darstellen? Man wird argumentieren „weil hier ja keine pauschalen Verdachtsfälle inspiziert würden, sondern der Rechtsbruch bereits dokumentiert ist“, und das ist raffiniert gedacht.

Ich lese diese Berichte aufmerksam. Es ist nicht verboten, nackte Kinder zu zeigen, das müssen welche in einer FKK-Veranstaltung sein und einfach hingestellt. Wäre das verboten, müssten etliche Seiten vom Netz. Verboten sind Kinder in sexuellen Haltungen. Wenn also jemand ein Kind neben ein anderes stellt, etwa für einen Contest und ihm eine Nummer in die Hand drückt, nach dem Motto „wenn die Sieben gewinnt, bist du die Schönste“ und die nackten Opas rundherum applaudieren, ist es Naturdarstellung und erlaubt. Das kann jeder leicht ergoogeln. Setzt du dein Gör im Wald auf einen Ast und fotografierst es in den offenen Schritt hinein, kommen die Bullen zu dir nach Hause. Und zu denen, die das Bild sonst noch klickten. Wir werden diese Menschen, die nicht nur ihre Currywurst posten, die sie in einem Imbiss bestellten oder ihr neues Auto, nicht ändern. Wir können auch nicht den größten Teil der Männer dahingehend umerziehen, ausschließlich alte Muttis geil zu finden.

# Polizei?

Ein Team wird weniger beraten, ob hier jeweils ein Verbrechen begangen wurde. Sie werden überlegen, ob der Besitz des Bildes strafbar ist. Das heißt dem Wort nach: „Kommen wir damit beim Staatsanwalt durch und gewinnt dieser vor Gericht seine Anklage?“ Da kann man sich noch streiten, wie weit geöffnet diese Einblicke sein müssen und ob da schon ein Busen ist? Nun gehen die Kommissare nicht dran, diese missbrauchten Seelen vor Ort zu retten. Das wäre zu schwierig. Wo könnte das böse Bild oder Film entstanden sein? Die Polizistin aus dem Sachgebiet eins kennt die Kinder nicht persönlich, wie ich genauso wenig, der sogenannte Nutzer. Den sexsüchtigen Wichser kann der Weltretter dingfest machen, wenn dieser einfach so surft. Das ist doch schon mal was. Gut, dass es verboten ist, sich was anzuschauen, was man nicht anschauen darf. Sonst bliebe dieses Arbeitsfeld unbeackert, und die Verbrechensbekämpfer müssten die finden, die vor Ort quälten. Zynismus hilft dem unter Generalverdacht stehenden Mann. (Ich weiß schon, dass diejenigen, die sich das bloß anschauen, den gefährlichen Pfad laufen, selbst Täter zu werden am wirklichen Kind, und dass sie im günstigen Fall eine Fährte legen für die Polizei). Der Beamte entscheidet nach Augenmaß, wie alt jemand ist und wie verwerflich das Motiv. Verhandlungssache: Wie einfach muss man denken, um hier verbal nach vorn zu preschen, zu wissen was nötig tut? Dem Staat obliegt nicht nur die Pflicht, Verbrechen aufzuklären, sie zu verhindern, sondern auch – anstelle nach dem Beuteprinzip die Kriminellen erst anzuregen und dann fertigzumachen – Bedingungen zu schaffen, den Nährboden dafür zu begrenzen. Also zu löschen was geht und eine Zensur zu probieren. Das dürfte schwierig sein.

Ich denke, dass den Jugendlichen im Grenzbereich zum Erwachsenwerden nicht klar ist, dass es „alte“ Männer wie mich erregt, wenn Heranwachsende hübsch sind und nicht nur gleichaltrige Mitschüler. Sittenwächter übersehen gern, dass dieses an sich zu bemerken, weder krank noch kriminell ist. Ein Mann, der zugibt Schülerinnen attraktiv zu finden, ist kein Fall für den Arzt. Den eventuell eifersüchtigen Psychologinnen, und das scheinen mir ältere Frauen zu sein, denen unbewusst klar wird, dass in einer Galerie von Mädels vor der Webcam die Mehrheit doch sehr jung ist, unterstelle ich gern Eigennutz, Männer fertig machen zu wollen.

Die Kriminalität gegenüber der Pornoindustrie dingfest zu machen, ist nicht einfach. Ein „guter“ Markt für viele ist entstanden. Das ist ein Geschäft. Eine delikate Sache zunächst, die der Beamte mit Augenmaß betreiben muss, um diesem heute buchstäblich kinderleichten Eingang in das Verbrechen zu begegnen. Die Jugendlichen selbst sind fleißige Täter in einer Welt, die schwarzweiß keine Zwischentöne zum Opfer sehen möchte. Es klingt zunächst toll, wenn „diese Schweine“ belangt werden können. Das ist aber weder toll noch einfach für die Polizei. Es ist auch nicht toll für neunzig Prozent der Männer, die bemerken, dass junge Frauen nackt abgebildet, sie mehr erregen als die gleichaltrigen Muttis, wie etwa diejenige, mit der man verheiratet ist. Bei so einem Satz explodiert jedes Opfer sexuellen Missbrauchs vor Wut, hier würde die Opfer/Täterrolle böswillig umgestellt, na klar. Das mag sich nicht gehören, aber Gefühle wahrzunehmen, macht möglich, die eigenen Handlungen anzupassen. Wir waren selbst alle einmal Kind.

Wenn zu denken und zu reden verboten erscheint, lassen sich manche zum Kranken erklären, aber andere setzen sich über jede Menschlichkeit hinweg, wie die aktuellen Verfahren gegen Berühmte zeigen. Hier muss zunächst erlaubt sein, festzuhalten, dass Mädchen früh geschlechtsreif sind und aufgeklärt, aber erst sehr viel später eine Beziehung mit eventueller Heirat gesellschaftlich gewünscht ist. Dazu kommt, dass sexuelles Lustempfinden nicht kanalisiert und geordnet auf Gleichaltrigkeit gespürt wird. Lebten wir noch wie die Tiere, ohne die Regeln der Zivilisation und Verhütung, wäre die natürliche Fruchtbarkeit das Maß für Sex oder nicht. Dann endete die Kindheit mit spätestens zwölf Jahren. Hätten wir weniger Anstand vor der Verletzlichkeit unserer Kinder, könnten Männer mit fünfzehn nach Belieben loslegen. Würden wir uns nicht darum scheren, dass Beziehungen mit einem großen Altersunterschied erhöhten Belastungen ausgesetzt sind, soziale Konflikte provozieren, könnten auf diese Weise Verliebte es mit sich allein ausmachen. So ist unsere Welt aber nicht.

Wir vermuten, und die Beobachtung stützt es, dass Erwachsene Einfluss auf Kinder nehmen, aufgrund ihrer Lebenserfahrung bevorteilt sind, unterschwellig Druck auszuüben. Das begünstigt Missbrauch. Ältere werden, in welcher Gesellschaft wir auch immer leben, Einfluss haben, Macht missbrauchen, manipulieren. Es muss erlaubt sein nachzudenken, wieso Lust sich nicht an die Konvention hält, ältere Männer müssten sich gleichaltrig verlieben. In seiner Zelle noch vor Prozessbeginn erhängt aufgefunden: Als pädokriminell wird der Millionär Jeffrey Epstein dargestellt, wohl um deutlich zu machen, dass der Mann nicht krank war. Ein guter Anfang, einzusehen, dass Therapien ins Lehre gehen, wenn sie auf der Erfindung von Diagnosen ihre theoretische Grundlage haben. Dem Bösen hätte man nicht helfen können im Sinne des leider Sexsüchtigen. Asoziale Onkel im Wohnwagen behandeln wir, weil es Psychologinnen gibt. Am Milliardär mit stabilen Netzwerk für Missbrauch prallt Gelaber ab. Er weiß zu gehen, muss sich vor Gott verantworten. Die Gesellschaft möchte Kinder schützen und wird begreifen, dass Kindheit eine Definition ist. Der Rechtsstaat entwickelt immer neue juristische Sektionen, die dazu führen, die Motivationen in der Gesellschaft zu kanalisieren. Das kann nicht bedeuten, Straf- und Heilanstalten größer zu bauen. Fußfesseln und Medikamente sind ein hilfloser Versuch der Integration, wenn es nicht gelingt, Übergriffe zu verhindern. Das Klügste wäre einzusehen, dass es kein normales Verhalten gibt. Uns also weniger Krankheit gegenübersteht, bei Missbrauch, wir insgesamt einsehen müssen, neu zu bewerten, was ein Mensch ist, nicht wie es sich gehört, einer zu sein. Die Mauern, die wir aufstellen, müssen intelligente sein. Sonst erschaffen wir einen gesamtgesellschaftlichen Irrgarten (wenn wir es nicht bereits getan haben).

Die moderne Aufklärung ist den Eltern entglitten, weil es das Internet gibt. Insofern bewegen wir uns sexuell in die Steinzeit zurück. Wenn wir noch meinen, das eigene Kind zu Hause schützen zu können, kann es schon beim Freund zu Besuch einen Einblick in die Auswüchse der Gewaltpornografie bekommen, der Erwachsene verstört und Kinderfantasien einer heilen Welt zerstört. Es hilft nicht, den Kindern etwas vorzumachen, das nicht existiert. So wie wir erleben, dass die Jugend die Klimagefahren begreift, wird sie uns, was Sexualität betrifft, bildlich gesprochen rechts auf dem Standstreifen überholen, und die von uns gewünschte Rettungsgasse blockieren Gaffer. Wenn wir Erwachsenen uns dieser Realität aufrichtig stellen, wird es besser laufen, als dumpf Rache üben zu wollen an Unsresgleichen.

Dem Rechtsstaat geziemt, ein hohes Maß an Rechten für alle im Land zu gewähren. Dabei darf der einzelne nicht glauben, dass die so erreichte Gerechtigkeit auch gleich für alle empfunden wird. Man muss ganz klar begreifen, dass die moderne Justiz den Gesetzesbrecher bevorteilt und eine immer bessere Verteidigung ermöglicht. Wir, die Zeitgenossen der jeweiligen Gesellschaft, konnten in der Steinzeit Rache üben, durften Jesus kreuzigen für sein aufrührendes Gelaber, haben im Mittelalter Hexen verbrannt und im Wilden Westen Selbstjustiz geübt. Wir haben Sophie Scholl den Kopf abgeschlagen, weil sie kein Nazi – wie die Deutschen mehrheitlich – sein wollte. Während Homosexuelle einfach hingerichtet werden konnten, dürfen diese heute beinahe richtig heiraten, um es böse und überspitzt zu sagen. Das gilt für vieles und ist auch gut so. Nur der einfache Nachbar ist noch nicht gut genug dafür. Er möchte eine Bürgerwehr im Verborgenen, um weiter Hexen und deren männliche Gegenüber zu verbrennen.

# 3. Beispiel, dasselbe wie eben mit Schiffen

Weiter mit Widersprüchlichem: In Deutschland ist der Standard verpflichtend, was alles auf einem Frachtschiff sein muss, Kapitän mit Patent, einige Offiziere und der Bootsmann mit seinen Matrosen, diverse Feuerlöscher und ein Rettungsboot nach DIN-Norm in orange, was weiß ich. In Liberia ist es anders, weil das ja in Afrika liegt. Darum fahren etliche Schiffe diverser Reedereien, die man zunächst historisch verpflichtet und dem Namen nach bei uns verorten würde, unter fremder Flagge rum. Ist einfach günstiger.

# 4. Beispiel, der neurotische Hund bin ich

Oder: Ich sehe in einem Fernsehbeitrag eine junge Frau. Die ist Hundeflüstererin. Das ist eine, die kann auch mit bösen Kötern. Die Hunde werden von früheren Besitzern verrückt gemacht, beißen – und kommen in das Heim. Dann erscheint diese Frau und flüstert denen was. Nach einiger Zeit sind die Beißer ganz manierliche Tiere. Die etwa knapp dreißigjährige Trainerin hat schon viel Erfahrung. Sie zeigt uns ihren Arm voller Narben. Das wäre ein ganz lieber Hund gewesen, meint die Hübsche mit dem zusammengeflickten Arm, leider passiert; bei diesem Tier durfte man nur eine einzige Sache nicht tun: dem Hund von oben, so dass er es nicht gleich sehen konnte, von rückwärts kommend etwa, mit der Hand auf den Kopf fassen.

Gemetzel total!

Niemand hatte ihr das vorher gesagt.

Bei mir ist es nicht der Kopf. Das Auto, und wenn man lieb zu mir ist, bin ich freundlich. Mein neurotisches Problem beinhaltet, dass die anderen anfangen müssen. Man streichelt mir nicht den Hinterkopf, wenn ich fahre. Manche möchten schneller als ich fahren? Weil sie gewohnt sind, Menschen zu scheuchen und sich sicher fühlen im Blech wie ein Ritter in der Rüstung; die Bürgermeisterin „immun im Turm“ (ihres Panzers) sind sie. Ich komme drauf, weil:

Mich darf man mit dem Wagen nicht anhupen, es müsse gerade mal schneller gehen.

Dann: Gemetzel total von mir, mindestens.

Ich kann das nicht leiden und dränge andere Autofahrer selbst nie.

Ich denke übergreifend, was heißt übergriffig, und wo beginnt eine Belästigung? Erwachsene sollten den Bogen nicht überspannen. Wer ist allein schuld, wenn uns die Kontrolle schwindet, bessere Menschen auf den Plan treten, bestimmen möchten? Wehret den Anfängen. Wäre höfliche Distanz gewünscht gewesen, sagtest du: „Wir bleiben bitte beim ‚Sie‘, und natürlich – in Ihre Ausstellung, Herr Bassiner – komme ich gern einmal.“ In die Kunsthalle, aber nicht nachts in den Club, wir hätten früh merken können, dass wir zu weit gingen, vielleicht. Meine Fehler – aber irgend etwas stimmt nicht bei allem. Ein ganzes Dorf spannt hinter der digitalen Gardine und wartet nur auf den krachenden Schlussakkord? Bereit, nach Kräften die Sache anzufeuern und schließlich den Esel mit seinem Pinsel gemeinsam durch die Straßen zu jagen. Ha ha. So muss es gewesen sein.

Persönlicher Einschub: „C.“ wirft mir vor „A.“ bedrängt zu haben? Im Auto jedenfalls dränge ich niemanden. Das hilft mir zu verstehen? Nein. Ich kann jahrelang Zweisamkeiten mit meiner Kunstfreundin belegen. Ohne, dass das Wort Liebe nur einmal fiel. „Lieber John“, schrieb sie: „Hey, wann wollen wir denn los? Ich habe schon mal in den Fahrplan geschaut“, so in der Art. Dann ist es eskaliert, warum? Abbruch jeglichen Kontakts befohlen: „Ja, ich wurde beraten.“ Alle lassen mich wohlmeinend auflaufen. Sie necken mich gönnerhaft, tröstend; die weisen Alten sind so freundlich: „Die ist doch viel zu jung für dich.“ Ich dann, Arschloch, male sie nackt auf Leinwand. Das Ziel ist Provokation. Niemand malt drei Wochen unter den Augen der Lieben Schweinkram, wenn das nicht dem nötigen Ziel geschuldet ist. Wie im Märchen, die alte Hexe fragt: „Wer ist die Schönste?“ Ich will der Kaiserin neue Kleider machen, Transparenz erzwingen, Panik erzeugen, wütend machen, und die Konfrontation mit dem Frechsten. Das hätte ich alles ganz allein verkackt, meint „C.“ dazu. Schönen Tag auch! Heute hasse ich Frauen, wenn sie alt und eingebildet sind, ihre Schönheit verblasst. Mit einer Blöden, in ihrer Blechdose Auto steckend, kann man nicht diskutieren, und mit einer, die sich hinter Pappe verschanzt, genauso wenig. Ab einem gewissen Moment der Versuche, etwas zu begreifen, ist kein Dialog mehr möglich und die Einsicht, bereits vorab von anderen – mit stillschweigendem Einverständnis untereinander – verarscht worden zu sein, unausweichlich.

Warum ich das hier zwischentexte: Ich bin früher normal Auto gefahren. Ich hatte den gesunden Menschenverstand dafür. Heute halte ich mich exakt an die Vorschriften, auch an die Geschwindigkeit – und bremse alles aus deswegen. Ich dränge nie, und die anderen kleben mir am Heck, schon weil ich mich an das Tempo halte. Das hat sich so nach und nach entwickelt, bin ich krank?

# 4. Beispiel (a.), Frauen sind (auch) scheiße

Das passende zum Thema: Ich muss stoppen, weil vor mir am rechten Fahrbahnrand der Paketdienst seinen Transporter parkt. Er hat den Warnblinker eingeschaltet. Eine lange, gerade Strecke, aber nicht sehr breit, rechts Felder und Baumschulgelände, links stehen Häuser. Wir befinden uns innerhalb geschlossener Ortschaft. Ein Pkw nähert sich entgegenkommend. Es ist für mich unumgänglich anzuhalten. Der Paketbote hat die Türen geöffnet und lädt sich mehrere Kartons auf, um nach dem Auto die Straße zu überqueren. In dem Moment, wo für mich frei wäre, um loszufahren, checkt der junge Mann mit einem kurzen Blick, ob er noch rüber könnte, ich warte? Natürlich gebe ich ein Handzeichen. Der Mann dankt und sprintet los. Da hupt mich die Frau im Fahrzeug hinten an! Ich lasse das Gemetzel ausnahmsweise, aber: Ist es zu fassen? Das war nun eine „Dame“ hinter mir. „Dämlich“ ist als Schmähung wohl nicht genügend, sie damit abzuwerten. Kein Gegner unter Männern im Kampf, so ein muskelbepacktes Arschloch. Ich bin ja nur ein schwächlicher Zeichner aus dem Atelier, das weiß ich schon. Nein, dieses zarte, entsprechend zu schützende Geschöpf, ist scheiße wie was.

# 5. Beispiel, Mauern zwischen den Nachbarn

In einer Wohnanlage kommt es zum Wasserschaden. Einem Eigentümer ist erheblicher Mangel entstanden, und der Mann führt an, das Wasser wäre über Jahre hinweg laut Gutachten von ganz wo oben geflossen und ausgerechnet bei ihm ginge die Wand in’ Dutt. Der Baumangel am Dach sei schuld und betreffe das Ganze, ob die anderen sich an den Kosten beteiligen? Auf Nachfrage finden sich drei zufällig Angesprochene. „Da haben wir nichts mit zu tun, das betrifft das vordere Haus“, meint einer und „Eigentum verpflichtet“, ein anderer. Der Dritte führt noch ein persönliches Beispiel an und stimmt dem Ersten zu.

Zeit vergeht.

Einer dieser lieben Zeitgenossen hat die „Rohrreinigung Klaus“ im Haus. Spirale in der Spüle, das lange Bohrdings reicht meterlang bis in die angrenzende Kanalisation vorn an der Straße. „Schon zum dritten Mal!“, schimpft der Hausbesitzer, und es ist einer von denen: „Eigentum verpflichtet!“, der nun seinerseits ausführt, die Kosten umlegen zu wollen. Er habe bereits mit der Verwaltung gesprochen. Es stünde fest, der Pfropf, der regelmäßig seine Küche verstopfe, stecke immer vorn an der Straße in der Hauptleitung. Das sei das Rohr für mehrere Kacklieferanten, und „keinesfalls wäre es seine Schuld“, wenn es dort nicht weiterginge. Der Ärger und die Kosten wären allein bei ihm? und: „So ginge es nicht!“, schimpft der Wüterich.

# 6. Beispiel, Freunde sind auch nur Menschen

Ich schreibe einen Blog, diesen hier. Immer wieder stelle ich Bilder vom Segeln ein. Ich frage schon mal, ob ich einen Freund zu verpixeln hätte. Das führt stets zu lustigen Mails: „Bloß nicht!“ schreibt Henning. Piet, Kocki und Niels diskutieren die alten Geschichten im wechselseitigen Austausch mit mir, wie es damals war, mit dem Krebs im Watt, dem Gewitter später oder dem Feuerwerk an der Kugelbake. Karin erfreut ein Foto von ihrem Laden, worauf ich sie per Link verweise. Den Text kommentiert niemand. Das muss man ja nicht lesen. Meine Frau: „Das ‚kann‘ man ja nicht lesen.“ Anfangs habe ich noch zu Ausstellungen geladen und gelegentlich ein Aquarell verkauft. Die Freunde brachten kleine Geschenke mit zur Vernissage. Nach einiger Zeit wurde es nicht einfacher, die immer selben Leute zu erreichen. Ich vermute, sie zögern: „Diese Bilder. Wenn wir wieder hingehen, müssen wir John auch mal eines abkaufen.“

Das sagt man nicht.

Was ich meine ist, wie schafft es der Normalgesunde, diese Mauern im Kopf zu bilden und gleichwohl zu übersehen, je nach Lage?

Ein Arzt kann dich mit was benebeln, das hilft nur in der schlimmsten Not.

Niemand kann Normalität lehren, aber jeder gibt dir diesen Rat.

„Einfach leben.“

Das ist so individuell, wie unsereiner sich abgrenzt, dass man einen, der es nicht (mehr) kann, wohl nur schwer darin unterrichten oder therapieren könnte, es aller Welt gleich zu tun. Vielfalt, jeder Mensch ist seine kleine Ordnung und eine feine Person, bis das Kollektiv, alles gleich, fair und gerecht haben zu wollen, uns den Stempel aufdrückt – und nicht wenige erdrückt. Die Retter retten; und trampeln dabei alles tot, denke ich böse. Einen Allerweltsmenschen bräuchten wir, vollständig geimpft mit diffuser Solidarität für alle? Er würde uns fertig machen wie der Mensch den Neandertaler.

Wie gut, dass der noch nicht erfunden wurde.

🙂