Heute habe ich etwas ganz Wunderbares erlebt. Ich verlasse gerade unser Einkaufszentrum. Eine Tüte mit Lebensmitteln schaukelt lustig in meiner Hand. Ich sehe wohl recht vergnüglich aus? Eine junge Frau trinkt „Red Bull“ oder ähnliches aus einer Dose in der Hand, hält inne und schaut mich lächelnd an. Ich probiere herauszufinden, ob sie was von mir will und ändere leicht meine Gehrichtung auf sie zu. Ich bin schon fast vorbei, während wir uns wie Honigkuchenpferde angrinsen. Statt mich nach dem Weg zu fragen, kommt sie ebenfalls näher (ich denke, vielleicht ist die bescheuert). Ein wenig entrückt ist dieser Blick. Ich begreife, wie schön die Unbekannte ist.

Sie sagt einfach: „Behalt’ dein Lächeln!“

Sie hat einen reichlich großen Mund, finde ich und überlege, was nicht mit ihr stimmt, antworte aber automatisch und plötzlich voller Begeisterung: „Ja!“ Ich wundere mich über mich selbst, strahle sie jetzt voll an. Ich registriere ihre Prinz-Eisenherz-Frisur, denke still für mich an Amélie (aus dem Film) und irgendwie auch an Imke. Wir haben zusammen studiert, nur der Mund ist größer. „Ein schönes Wochenende dir!“, meint sie, „in diesen dunklen Zeiten …“, und schon sind wir auseinander. Ich schaue ihr nach und sage: „Genau so!“ Und noch einmal bekräftige ich laut: „Ja!“

Magisch.

Ich erinnere mich, das ist ein Pakt! Er muss aufgefrischt werden, wenn diese Treffen stattfinden. Wir Beknackten sind die Glücklichen, denke ich. 

# Nudge

Es geht mir durch den Kopf: Waren die Zeiten nicht immer finster? Wir leben heute und erreichen morgen die Welt von morgen. Es gibt kein Zurück. Die Hoffnung auf einen Sommer ohne allzu viel Corona …

Das habe ich gesehen: Ein Containerschiff verlässt Hamburg. Während wir unser Boot im Yachthafen aufklaren, macht jemand ein Foto. Die „Ever Gifted“ ist groß wie eine Wand. Zuhause montiere ich den „weißen Schwan“ in den Vordergrund, als würde der Riese unser schönes Museumsschiff „Cap San Diego“ überholen. Die neue Begegnungsbox vor Schulau ist fertig ausgebaggert. Vielleicht könnte das tatsächlich so geschehen: Moderne trifft Vergangenheit.

Ever gifted, für immer beschenkt.

Die Elbvertiefung ist kein lohnendes Streitthema mehr. Die Elbe ist tief. Das ist ein Fakt. Der Streit der Umweltverbände ist Geschichte. Ich blicke zurück, und mein Gegenüber ist die Erinnerung? Ein Geschenk ist, unbelastet zu sein und emotional frei. Verpasste Chancen belasten uns. Und banale Bilder sind die Kulisse; einige reparieren alte Autos, probieren etwas von früher festzuhalten, sammeln Fotos. Manche halten es nicht aus zurückzuschauen! Das ist auch meine Vergangenheit: Die bekannten Schiffe der Hamburg-Süd kamen regelmäßig die Elbe rauf, als ich klein war. Es gab einige davon. Die waren immer ganz sauber und schön. Der schneeweiße Rumpf leuchtete schon von weitem, und der rote Streifen quer über der Brücke ist das Markenzeichen der eleganten Frachter gewesen. Tatsächlich ein vertrauter Anblick und alltäglich für uns Segler damals.

Das war auch gerade: Nicht lang her, der Russische Präsident schrieb in der ZEIT.

# 80 Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion: Wladimir Putin schreibt über seine Sicht auf Europas Geschichte und Vorstellung einer gemeinsamen Zukunft. (…).

Putin legt darin auch seine Sicht der jüngsten europäischen Geschichte dar. Die Ereignisse 2014 in der Ukraine bezeichnet er als von Europa unterstützten „Staatstreich“, schreibt vom „Austritt“ der Krim. Die Bundesregierung und die EU dagegen sprechen (wie auch alle Kommentatorinnen und Kommentatoren der ZEIT) von „Völkerrechtsbruch“ und einer „Annexion“ der Krim durch Russland. (Gastbeitrag von Wladimir Putin in der ZEIT, 22. Juni 2021).

Ich erinnere mich: Putin interpretiere die Geschichte um, meinte dazu das Schenefelder Tageblatt vor kurzem in einer kostenlosen Wochenendbeilage. Aber: Der Präsident schrieb Geschichte; interpretieren kann jeder.

# Hell scheint die Sonne in der dunklen Zeit

Neue Farben. „Schwarzfahren“ wird bald anders definiert. „Man wolle keine rassistischen Begriffe“, das habe ich wo aufgeschnappt. Mit der Bahn nach Wedel: Vergangenen Sonnabend bin ich mit der letzten Flut nach Teufelsbrück gesegelt. „Laroche“ leider geschlossen! Bei mittags einsetzenden Ebbe kreuzte ich nett zurück nach Schulau und hatte einen feinen Sonnenbrand anschließend. Ich vergaß, mich einzucremen. Es heißt, man bekomme Hautkrebs, wenn man sich nicht schützt.

# Der Krebs kommt sowieso

Nun wurde bekannt, die Creme verursacht selbst auch Krebs, wenn sie vom letzten Jahr ist und ein bestimmter (in jeder Sonnencreme enthaltener) Stoff sich inzwischen verflüchtigte. Ein chemischer Prozess, der das Produkt unbrauchbar macht. Das Übel beginnt mit dem Moment der ersten Öffnung der Verschlusskappe und schreitet unaufhaltsam fort, bis man das reinste Gift verteilt, sollte man die Creme noch nach einem Jahr anwenden.

Das wussten wir ja gar nicht, können nichts rückgängig machen: Als wir Kinder waren, cremte meine Mutter uns mit einfacher Nivea ein. Und das war verkehrt. Oft hatten wir Sonnenbrand. Das ist falsch gewesen? Das hat man uns die letzten zwanzig Jahre stets gesagt, wir hätten nur soundso lang jeweils in die Sonne gedurft und den Faktor x je nach Hauttyp regelmäßig nachcremen müssen. Dann haben wir sparsam immer die Reste vom vorigen Jahr genommen, und wie wir nun seit kurzem, aber rechtzeitig vor diesem Sommer wissen, war das auch verkehrt. Und es kann nicht mehr korrigiert werden. So wie die Geschichte, die bereits geschrieben wurde, von Putin oder der Sonnencremeindustrie.

Der Mensch hat die Klimakatastrophe verursacht, das ist nicht nur Geschichte, das ist unsere Zukunft. Das kann nicht einmal die rechte Partei uminterpretieren. Die Polizei war unser Freund und Helfer. Das ist auch Geschichte.

# In Köln verursacht ein Video Aufregung. Eine Verkehrskontrolle lief mutmaßlich völlig aus dem Ruder – ein Polizist soll einem Autofahrer Gewalt angedroht haben. Dem Beamten drohen Konsequenzen. (…).

„Ich wusste nicht, was der mit mir vorhat. Mit einem Video schützte ich mich.“ (…). Der Polizist habe bei der Verkehrskontrolle gesagt: „Ich würde mir wünschen, dass Sie auf dem Boden liegen und ich mit meinen Füßen auf Ihrem Kopf.“ Und weiter: „Genauso wünsche ich mir, dass alle Salafisten und Rechts- und Linksradikalisten direkt der Blitz treffen würde.“

(…). „So was kann man als Polizist doch nicht sagen.“ Ganz ähnlich sieht das auch die stellvertretende Kölner Polizeipräsidentin, die sich im „Express“ so äußerte: „Für derartige Worte eines Polizeibeamten habe ich wirklich kein Verständnis. Das entspricht nicht dem Bild der Polizei Köln.“ Gegen den Beamten sei ein Disziplinarverfahren eingeleitet worden. (t-online, 10.07.2021).

Vorbei sind die Zeiten, wo man sich über die Bodycam aufregte. Selbst zu filmen ist angesagt! Was wäre ein Fußballspiel, bei der nur eine der Mannschaften aus Stürmern und Verteidigern besteht und die andere lediglich ihren Kasten verbarrikadiert, sich hinlegt als ein Haufen Mensch, in der Hoffnung das genüge.

Wir schauen zurück!

Letzte Woche, schon Geschichte. Ich habe mir eine Fahrkarte gekauft, die Maske aufgesetzt, das ist einfach. Mit meinen Haaren und dem Sonnenbrand bin ich rotgefahren. Ein Plakat weckt mein Interesse. „Komm ins Blaulichtmillieu“, lese ich in Sülldorf, als ich dort mit der S-Bahn unterwegs bin: „Bewirb dich jetzt bei der Polizei.“ Blaue und Rote im Krieg … im Kampfe an der Rotlichtlampe. Und dann kommt noch die Delta-Variante! Echt gefährlich heute, und es gibt kein Zurück.

Eine dunkle Zeit?

🙁