Mit achtzehn Jahren wohnte ich noch bei meinen Eltern. Kurz nach meinem Geburtstag hatten wir eine Playboy-Ausgabe im Briefkasten. Ein Werbegeschenk auf meinen Namen persönlich zugestellt. Ich sei nun erwachsen, und hier stünde alles, was Männern Spaß macht, so ungefähr. Tatsächlich erfolgreich beworben, kaufte ich von da an gelegentlich das Heft. Als wir den Haushalt meiner verstorbenen Eltern auflösten, fand ich einen Stapel alter Ausgaben. Nicht nur diese Magazine haben wir weggeworfen. Vieles mehr, das einen vertrauten Platz im Keller hatte, ist weg. Manches ist so fest mit Erinnerungen verbunden. Es fühlt sich an und kommt mir vor, wie noch immer dorthin zu gehen, wenn ich nur dran denke.

Es war die Ausgabe vom Juli 1994 mit einem Interview von Bill Gates, die mich motivierte, meinem Leben eine bessere Richtung zu geben, ohne dass ich’s gleich begriff. Gates war für mich zu der Zeit nur irgendein ein Typ. Microsoft spielte keine Rolle für Grafiker, fand ich. Das waren die Computer der anderen, der Masse. Es hat mich nicht interessiert. Ein graues Porträt, und lang war der Text. Ich habe es überblättert, die Hochglanzbilder sind mir wichtiger gewesen. Während die kleinen Buchstaben meine innere Festplatte nie erreichten, hat sich eine Überschrift eingebrannt. Ich meine mich zu erinnern, was da stand.

„Bill Gates: Angst ist der Schlüssel.“

# Fear should guide you, but it should be latent. I have some latent fear. I consider failure on a regular basis. (Bill Gates im Playboy Interview 1994, gefunden im Original auf englisch im „Internet Archive’s Wayback Machine“).

Jeder sei seines Glückes Schmied, heißt es. Dafür muss man das Richtige tun, aber was? Wer sich unwohl fühlt, das jedoch nicht konkret spürt, an etwas festmachen kann, bleibt auf die Gunst des Schicksals angewiesen. Eine nur dir bewusste Angst sollte dich leiten, nicht ein ungebändigtes, nach außen zur Schau gestelltes Drängen. Er rechne stets mit dem Misserfolg, meint Gates. Ausblenden und Verdrängung sind keine Lösung. Den Weg zum Guten können wir nur einschlagen, wenn wir wissen, wie es uns geht. Wäre das selbstverständlich, fügte sich niemand den Schaden zu, in die gegenteilige Richtung zu laufen.

Wir erinnern uns, handeln in der Gegenwart, und unser Leben kann als ein Baum dargestellt werden, der in vielen Ästen vorankommt. Welchem Zweig wir gerade neuen Saft verleihen, hängt davon ab, was uns in den Sinn kommt, woran wir zurückdenken und wie es zur realen Gegenwart passt. Eine bessere Zukunft können wir nur erreichen, wenn uns klar ist, wer wir sind und wo wir herkommen. Entwurzelte Bäume haben es schwer, wieder irgendwo Fuß zu fassen, und sich erinnern können bedeutet gelegentlich Mut. Furcht als leitender Antrieb und dem gegenüber Mut und Erfolg, schließlich ausruhen können, dazwischen die ganze Bandbreite der Emotionen.

Gäbe es nur zwei Gefühle, schlecht bzw. gut, könnten wir uns leicht auf einer Skala platzieren, bezogen auf die Nähe zum jeweiligen Pol. Die Navigationsleiste für eine praktische Umsetzung, Krisen zu überwinden. Sie könnte offene Türen sichtbarer machen, die Fähigkeit ausbilden, selbst welche zu öffnen. Was wie die pauschale Vereinfachung eines komplexen Inhaltes scheint, meint das Gegenteil, die individuelle Basis für ein Problem, genaue Fokussierung auf einer eindeutigen Linie. Statt mit mehr Bällen zu jonglieren als möglich, die persönliche Bestleistung zu steigern, indem die eigene Sicht auf Schwierigkeiten der Maßstab ist. Herauszufinden, was man wirklich will und was dran hindert, macht es möglich zu malen, singen und jede Menge nutzlosen Kram zu tun.

# Angst kann als die Basis unseres Tuns begriffen werden

Keine Szene, deren Helldunkel nicht maßgeblich für die Komposition ist bei aller Farbe. Das Salz in der Suppe, die Grammatik der Sprache, die Perspektive einer Zeichnung, wir benötigen einen roten Faden, um eine komplexe Thematik mit wenigen Elementen zu strukturieren. Wie viel Angst ein Mensch momentan hat, das ist ein guter Gradmesser seines Wohlbefindens.

Manche Dinge bleiben im Gedächtnis, scheinen Jahre später ein bedeutsames Puzzleteil für eine grundsätzliche Frage zu sein. Bill Gates gibt ein Interview im Playboy, das noch heute für profilierte Artikel herangezogen wird. Es zeige den Visionär, der schon in den Neunzigern das Streaming und die sozialen Netze vorausgesehen hat, finden Kenner. Ich aber merke mir diesen banalen Satz, ohne überhaupt ein Wort vom Text gelesen zu haben? Bis heute mache ich einen Bogen um alles Soziale, pflege wenige alte Freundschaften analog. Meine Erinnerung gilt nicht dem lange Zeit reichsten Mann der Welt. Ein elementarer Satz, immer wieder kolportiert, sonst wem zugeschrieben und neu in den Mund gelegt, der den Menschen seit aller Zeit leitet, blieb hängen. Hätte ich gleich verstanden worum es geht und als Binsenweisheit abgehakt, wüsste ich heute nichts mehr vom alten Magazin.

Die Frage ist nicht, dass Angst uns leitet, der Schlüssel zum Leben zu sein scheint. Die Frage ist, was Angst mit uns macht. Das ist eine persönliche, individuelle Fragestellung. Dafür müssten wir nicht schreiben können wie die anderen Tiere, würden trotzdem forschen, wenn uns das Leben lieb ist. Zu reden und schreiben, etwas zu lesen, was jemand schrieb, ist umwegig und kann zu der Verwechslung von Kommunikation mit eigenem Denken führen, wenn wir nur plappern. Ein gelesenes Wort muss in unser Denken einhaken. Es darf nicht mitgetragen werden, wie die Ballaststoffe in der Nahrung dem Darm helfen. Wir müssen den fremden Gedanken selbst verdauen, damit eine Idee zu unserer eigenen werden kann. Natürlich erkennt der Mensch, dass ihm manches besser schmeckt als anderes und so bleiben einige intellektuelle Brocken auf dem Silbertablett liegen. Dass hier eine Delikatesse serviert wird, erkennen wir durchaus, weil die anderen so ein Geschieß drum machen.

# Angst kann blind davor machen, sie bei sich zu bemerken

Eine zweideutige Sache wurde abgespeichert, weil uns nur eine Seite der Medaille klar war. Obschon nicht offensichtlich, muss etwas dahinter stehen. Als junger Mensch ahnten wir, Wichtiges weglegen zu müssen, das verborgene Problem erst später lösen zu können. Die individuelle Frage was genau hemmt, verbirgt sich oft, wie etwas, das am Rücken klebt. Wäre es nicht so, kämen wir umweglos voran. Das Leben besteht aus dem Bemerken der Probleme und ihrer Lösung. Weiß man, ob’s einem gut geht? Man muss sich nur an einer belebten Kreuzung mit vorbei eilenden Fahrzeugen, Radfahrern und Fußgängern gestresste Menschen ansehen, um zu begreifen, dass diese Frage nicht so unsinnig ist wie’s scheint.

Eine Geschichte fällt mir ein, noch eine. Nachdem ich achtzehn Jahre alt wurde, kam gleich der Staat, mich für den Wehrdienst zu mustern. Für fünfzehn Monate war ich in Seeth. Ich begann wie alle als Schütze, wurde befördert: Gefreiter, Obergefreiter und regulär entlassen. Nur ein dicker Sack mit persönlicher Ausrüstung stand einige auf den Wehrdienst folgende Jahre bereit im Keller und erinnerte an die fortbestehende Pflicht. Mit einem geheimen Kennwort gerufen sollten wir ggf. antreten. Das passierte tatsächlich. Einige Male verlangte man mich als Reservist. Es war üblich, für eine Zeit wieder Soldat „zu spielen“, schließlich mussten andere ran.

Meine jungen Jahre: In emotionaler Hinsicht bin ich vollkommen unreif gewesen. Der fachliche Ausdruck „leptosomer Spätentwickler“ trifft zu. Ich war nicht nur dünn und unsportlich, in mancherlei einfach doof. Nicht wenige junge Menschen sind so, und einige kultivieren ihre Beschränktheit bis ins Alter. „So bin ich eben“, meinen sie.

Am Wochenende fuhren wir Soldaten typischerweise mit der Bahn nach Hause. Über Glückstadt führte die Bahnlinie. Wir füllten die Silberlinge und stiegen in Hamburg in die S-Bahn um. Viele von uns sind aus dem Ruhrpott gekommen, hatten es weit. Einmal nahm R. (aus Pinneberg, glaube ich) welche von uns im eigenen Wagen mit. Zu viert und anfangs sogar fünft zusammengequetscht im Fahrzeug fuhren wir gern zusammen in Richtung Heimat. Ich erinnere mich: Der Kamerad und Obergefreite R. fuhr wie der leibhaftige Teufel, uns alle in den Tod mitzunehmen. Wir bretterten über die Dörfer. Unser Fahrer gab Gas, dass der Motor brüllte, fuhr immer zu schnell. Ein fröhlicher Rennpilot, der dabei noch erzählte und scherzte, während er genüsslich bewies, was er drauf hatte. Sein Auto knallte über die kleinen, oft unbeschrankten Bahnübergänge Schleswig-Holsteins. Mit quietschenden Reifen schleuderten wir durch die Kurven schmaler Landstraßen. Er überholte, wo immer es möglich war. Wir fanden das großartig, so schien es, denn alle unterstützen sein Fahren verbal. Wir lachten, grölten derbe Sprüche und feuerten ihn noch an, wollten Männer sein.

Wir Helden!

Mit einer Ausnahme. Einen Feigling hatten wir. Der saß hinten und stöhnte schweißgebadet bei jeder haarsträubenden Aktion auf. Nach seinem Bekunden war er kurz davor, sich zu übergeben. Das ignorierten wir anderen geflissentlich. Er saß mittig, sein Oberschenkel berührte meinen, und mit dem schlanken Oberkörper schwankte er vor und zurück wie in Trance. Oft schloss er die Augen. Während mir einige Namen und dazugehörige Geschichten noch heute präsent sind, erinnere ich nur, dass dieser Soldat auch sonst als zartbesaitet galt. Nach Kräften probierte ich, wie ein Mann zu wirken. Das hat wenig Eindruck gemacht, ein unnötiger Selbstbetrug. Heute finde ich, das war dummes Hinterherlaufen und sich wer weiß was vorzumachen.

Im Auto hatte ich eine Hand im Türgriff verankert. Ich klemmte zwischen den Kameraden in die Seite gekeilt, während wir gestoßen wurden wie im Scooter. Wir machten uns über ihn lustig. Wir piesackten ihn unablässig damit, was für ein Schisser er wäre. Der Arme! Ha-ha. Er wurde beinahe ohnmächtig vor Angst. Und das zeigte er auch noch: „Kannst du bitte ein wenig langsamer fahren“, meinte er immer wieder mit zaghafter Stimme. Wir begriffen nicht: Das war bestimmt der mutigste von uns. Er sagte was, traute sich. Das spornte den Fahrer nur noch an. Wir anderen lärmten, lachten, schnauften! Ich glaube, er fand einen Ort abzukürzen. Er bat um Halt, stieg allein aus, nahm früher als beabsichtigt für den Rest seiner Heimfahrt den Zug. Ein unscharfes Bild schwimmt in meinem Kopf. Es dämmert und ein leichter Nieselregen trübt die Sicht, ein Bahnhof wartet im Hintergrund auf den Fahnenflüchtigen. Mir ist, als erinnere ich ihn von hinten gesehen in Uniform, gebeugte Schultern, die Sporttasche mit schmutziger Wochenendwäsche in der Hand. Das rote Barett schief über’s Ohr gezogen, trottet der schlappe Kamerad davon. Wir alberten aus dem offenen Seitenfenster, spotteten ihm blöde hinterher, donnerten weiter. Gut möglich, dass wir dazu unablässig Bier (aus Dosen) konsumierten. „Wochenende! Weg mit den Rotärschen, den Bremsern, ööääh!“ Heute denke ich anders über diese Fahrt.

# Nur einer hat was gemerkt, und wir lachten ihn aus

Der Trainer beschreit es, der Arzt ermahnt: „Das ist eine Kopfsache!“, aber es nützt oft nichts. Wie reißt man sich zusammen? Mental sei das Problem, die wenigsten wollen es wahrhaben, dass Körper und Geist nur zwei Worte sind, ein intellektueller Trick zu trennen, was immer zusammen unterwegs ist. Angst ist keine Kopfsache. Sie betrifft den ganzen Menschen, wie die Steigerung Wut deutlich macht. Ob ich in lähmender Katatonie verharre, weglaufe oder zuschlage, dass ist alles dieselbe Basis. Wenn die Angst dazu führt, unser Auto schneller zu fahren als gut ist, dann benötigen wir Muskulatur, das Gaspedal durchzutreten. Dass Angst sich auch anders manifestiert, wie Mut daherkommt? Größere „Geister“ als ich haben bereits Bücher zu diesem Thema verfasst. „Das Körperschema der Angst“ ist eine Kapitelüberschrift bei Moshe Feldenkrais (Body and Mature Behavior, 1949) und „Langeweile sei die ausgedünnteste Form der Angst“, schreibt Paul Watzlawick an einer Stelle. (Vom Unsinn des Sinns oder vom Sinn des Unsinns, Piper 1995). Das erste zeigt auf, wie untrennbar vom Denken der Mensch ein inneres System nutzt, auf komplexe Situationen zu reagieren, sich das in der Muskulatur zeigt, und das zweite (im Kapitel „Sinn oder Un-Sinn unserer Wirklichkeitsvorstellung“ des genannten Buches gefundene) Zitat macht deutlich, dass die Langeweile nur ein Wort ist, welches neu interpretiert das immer gleiche Problem des Menschen beim Namen nennt.

Als Kreativer ist es unabdingbar, seine Gliedmaßen, die Atmung und den Willen auf das Ziel hin zu bündeln wie das ein guter Sportler macht. Mit „Mama, mir ist langweilig“ kann ich kein Bild fertig bekommen.

🙁