Über Schule wurde schon viel geschrieben. Dass wir für das Leben lernen, nicht für die Schule. Heute wird mehr über Pisa verwandte Themen diskutiert, also wie Schule besser werden kann. Es werden Länder verglichen und argumentiert, was die anderen hinbekommen und wir nicht. Darum haben wir den Föderalismus. Auch die Bundesländer probieren sich aus.

Manchmal sehe ich Plakate, mit denen um Spenden für Afrika geworben wird. Ein Mädchen möchte lernen, suggeriert das Motiv. Wenn ich mutmaßlich reicher Europäer für Afrika spende, könnte in einer strukturschwachen Gegend eine Schule gebaut werden. Arme Afrikaner. Dass Menschen etwas lernen möchten, also gern in eine Schule gehen würden, wenn es eine gäbe? Wir sind reich. Eine Fragestellung soll unsere Denkgewohnheit aufbrechen. Die doofe Schule! Mein Vater hatte wenig übrig für seine kurze Zeit in der „Volksschule“ – es war Krieg gewesen, es gab immer Prügel.

Lehrer seien nicht nur faule Säcke, wie der geschasste Altkanzler Schröder so politisch unkorrekt und pauschal geflappst hat, Lehrer sind anstrengend, oha, das ist verboten kommuniziert. So ein böser Kanzler. Damals hatten wir weltweit keinen Trump. Heute bietet der amerikanische Präsident die beste Angriffsfläche für Kritik. Der ist noch größer, noch dicker, als der inzwischen verstorbene, noch ältere Altkanzler Kohl. Den hat es auch immer getroffen: Worte, Eier, Farbbeutel. Zu Angela Merkel sind wir freundlicher. Sie ist smart. Trump als Amerikaner ist gut geeignet, angeschimpft zu werden. Besonders, weil er so weit weg ist. Er hört es nicht und wird kaum einmal bei uns vor der Tür stehen und uns verhauen.

Und Schröder genießt sein Leben mit einer neuen Frau.

Diese mächtigen Menschen haben für das Leben gelernt, und wir für die Schule, so scheint es. Wir sind privater Polizist (aber ohne Macht) und petzen einander: „Das sagt man nicht!“ Manche merken nicht, dass sie erwachsen sind und die Lehrerin keine Autorität mehr ist, die zuhört, hilft und Dinge regelt. Mehr denn je werden Vorfälle angezeigt, die früher selbstständig gemeistert wurden. Ein Autobahnpolizist geht nach Jahren in den Ruhestand, es hat sich einiges geändert. Nicht nur die Aggression, auch die Reaktion: Es seien typischerweise Akten anzulegen, ungefähr nur – ein blaues Fahrzeug, eventuell Mazda, und er hat mich bedrängt, geschnitten, das Kennzeichen – unvollständig. Wie soll man damit zielführend ermitteln? Und die Schule ist im Spiegel unsrer heutigen Welt anders zu begreifen. Heute, das ist nicht mehr die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Spezielle Fächer und Leistung werden wie immer gelehrt. Aber wir bauen gerade kein zerstörtes Deutschland demokratisch neu auf. In der bereits gut ausgestatteten Welt, soll es noch deutlich besser werden. Wir haben Autos, schicke Häuser und wollen schöne Menschen haben, die viel und gerne etwas leisten.

Mein Vater hat uns den Begriff der Leistung in der Formel erklärt. Eine Arbeit ist nur, dass etwas getan wird. Du schraubst was zusammen oder räumst dein Zimmer auf. Eine Leistung ist es, wenn es schnell gemacht wird. Die Zeit, die du benötigst in Relation zur Arbeit, das ist die Leistung. So kommt es zum Vergleich. Wie viel Sand wird weggebaggert, das ist die Arbeit. Wie lange schaufelt Meyer mit der Hand, bis es getan ist, wie lange benötigt er, wenn er den Bagger nimmt?

Klar, der Bagger, damit kostet es mehr: Anschaffung, Unterhalt der Maschine. Erich hatte eine kaufmännische Ausbildung und war zunächst angestellt als Maschinenschlosser, bevor wir den Fischladen hatten. Erst Handwerker mit einem Chef, dann selbstständig. Er kannte sich aus, mit der Arbeit und der Leistung. Für meinen Vater war diesen Zusammenhang zu begreifen das Lebensprinzip. Das Wirtschaftswunder fing an, und Bassi war jung …

Wir gingen gern schwimmen. Wenn wir in der Kabine die Badehose anzogen oder hinterher beim Abtrocknen und Anziehen redeten, nur durch eine dünne Wand in der Umkleide getrennt, schauten wir, wer es zuerst zum Föhn schaffen würde.

Genau genommen ist jede Arbeit eine Leistung. Alles braucht Zeit. Das Wort Qualität kann für etwas Gutes verwendet werden oder einfach als Unterscheidung der Sorten. Die grüne Qualität oder die rote, welche Paprika möchtest du? Wenn du nach drei Jahren aufgeräumt hast, weil du allein bist, und es ist nicht gerade dein Kinderzimmer gewesen, sondern ein ganzes Leben oder doch eine große Fabrikhalle, dann ist es eine gute Leistung.

Wer bewertet das, und bist du abhängig von der Bewertung? Ist da ein Lehrer, gibt dir eine Note, du bist weiter für einen Recall? Ist da ein Geldgeber – oder kannst du nach einem Unfall wieder laufen und hast lange dafür gebraucht, aber weniger lang, als alle das angenommen haben?

Das sind Fragen!

Romane sind wahr, auch wenn sie erfundene Geschichten sind, weil sie das Leben wiedergeben. In den Büchern von John Irving kommt immer irgendwann „der“ Unfall. Ein Ereignis das alles ändert. Etwas lernen können, etwas lernen dürfen oder etwas lernen müssen? Ein Beispiel: Monica Lierhaus wird fünfzig Jahre alt, herzlichen Glückwunsch! Wir verstehen, dass jemand lernen muss, der etwas nicht (mehr) kann, was alle normalerweise können. Barbra Streisand singt: „People who need people, are the luckiest people.“ Das habe ich als Jugendlicher gehört und nicht verstanden. Ich ging weiter in die andere Richtung. Je weniger tief die Beziehungen, desto freier meinte ich zu sein.

Ich erlernte nur schwer die Oberflächlichkeit. Nicht verbindlich, aber freundschaftlich mit anderen verbunden sein. Bekanntschaften ohne Tiefe haben und wenig vom Gegenüber erwarten, ohne deswegen enttäuscht zu sein. Die eigene Grenze erhalten und selbst bestimmen, bis mehr Herz in die Beziehung kommt. Gibt es ein gutes Wort dafür, oberflächlich, unverbindlich – so sagt man es eigentlich nicht. Eine Qualität? Keine Schule empfiehlt das so, sozial und menschlich sollen wir handeln. Der Therapeut kennt sich nicht aus, uns das zu vermitteln, wie’s auch hier schwer verständlich hinzuschreiben ist …

Wer sich die Beine bricht, findet einen guten Arzt. Wem „der Kopf bricht“, dass ihm sein Mundwerk unbewusst alles rausplappert, was dort oben gespeichert ist und grenzenlos die Meinungen der anderen ins Gehirn hinein waschen, muss lernen, die Worte zurückzuhalten. Das als gut beschworene dicke Fell, ist bestenfalls eine durchlässige Membran. Jeder muss erst lernen, eine Meinung zu entwickeln. Und die unter Umständen für sich behalten. Dafür benötigt es Zeit, bis man spielerisch mitreden kann. Lebhaft sein ist eine Qualität, plappern nicht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sein Naturell nicht ändern kann, aber formen. Klare Kante können, aber nicht immer gewinnen müssen? Ich sehe ein Licht am Horizont, ein lohnendes Ziel. Das hat mich die Schule nicht gelehrt.

Wir lernen, bleiben aber individuell, unterscheiden uns, werden nie jemand anderes, auch wenn wir es so wünschen. Wir gehen ganz weit weg, aber wir können nur zu uns gehen. Das ist kein Ausland. Wir lernen für uns, auch wenn ein Bein fehlt, nach dem Unfall. Wir können kein Bein nachwachsen lassen. Weglaufen oder ankommen? Echte Not und eingebildetes Leid unterscheiden sich hier: Alles umschnippeln lassen, Titten, Arsch und Lippen, ist ein dekadenter Luxus, mit zweifelhaftem Wert.

Ich habe zu leicht geglaubt, was man mir sagt und mich immer ganz eingebracht. Grenzenlose Offenheit führt in die Auflösung des Selbst. Also habe ich lernen müssen, die anderen wesentlich nicht zu brauchen. Der lange Weg als ein Geschenk?

Damit bin ich tatsächlich so glücklich geworden; denn die Ausgangslage war ja schlecht: Mir musste man helfen. Wer mehr lernen muss, ist reich beschenkt. So viele könnten lernen und bleiben Mitläufer. Sie können wie der Nachbar gehen und arbeiten, schimpfen und wissen Bescheid. Es genügt ihnen, normal zu sein und sie überheben sich gern über die Spinner.

Ich fand’s schwierig zu arbeiten, Geld zu verdienen. Ich fand schwer zu Frau, Kind und Haus. Eine Existenz zum Vorzeigen. Ich blieb abhängig von Eltern, Ärzten und brauchte lange, meine Zimmer aufzuräumen. Meine Kunst ist in erster Linie, unverstümmelt zu bleiben (kein van Gogh zu sein). Ein weiter Weg in ein normales Leben. The luckiest people, deswegen stimmt es: Der Weg zur selbstverständlichen Normalität, allein klar zu kommen, ist länger bei denen, die Hilfe brauchen. Normalität ist also nicht selbstverständlich.

🙂