Im Sommer 1981 habe ich meinen Realschulabschluss gemacht. Und zwar in Wedel an der EBS. Das ist eine Abkürzung: Ernst-Barlach-Schule. Der berühmte Künstler ist in Wedel geboren. Sein Geburtshaus ist heute ein Museum. Das ist oben am Roland, wo Wedel sein ursprüngliches Zentrum hat. Wedel entstand aus dem Zusammenschluss von drei Dörfern. Schulau an der Elbe hat seinen Namen von dem geschützten Naturhafen in der Aumündung. Die Wedeler Au (an der Wassermühle ein Teich) erreicht durch flaches Marschland die Elbe. Dort hatte seinerzeit der unter hohen Bäumen geschützte Liegeplatz für die Lastensegler dazu angeregt, einen befestigten Hafen zu bauen. Der Wind schulte um die Bäume, das nahm ihm die Kraft, bot den Ewern Schutz. Auf halbem Wege von Schulau, hoch auf die Geest nach Wedel, lag das kleine Spitzerdorf.

Zunächst ging ich vier Jahre lang jeden Morgen von der Bahnhofstraße, wo unser Haus stand, rauf in die Altstadt (die ein wenig höher liegt) in die Grundschule. Der Rektor hieß damals Bauer. Es ist heute noch immer eine Schule für kleine Kinder. Ich wurde zu früh eingeschult. Schon den Verhältnissen im Kindergarten (in der Hafenstraße) war ich nicht gewachsen. Jahre ständiger Überforderung. Erst in der EBS wurde es besser. Der Kindergarten, ich habe nur negative Erinnerungen daran. Die Grundschule in der Altstadt war nicht angenehm. Der Einschulungstest enthielt die Aufgabe, eine Zeichnung anzufertigen. Das war eigentlich das, was ich konnte. Ich zeichnete unter den prüfenden Augen von Herrn Bauer und meiner Mutter einen Mann. Eine stehende Figur. „Fehlt da nicht noch etwas?“, wollte der Rektor wissen, als ich das Ergebnis präsentierte.

Ich dachte nach. Mir fiel auf, dass ich noch eine Reihe Knöpfe auf den Pullover malen konnte. Ich zeichnete behutsam drei oder vier schwarze Punkte senkrecht übereinander auf den Leib, als wäre das eine Strickjacke: „Knöpfe“, sagte ich, „jetzt ist es aber fertig.“ Sie waren nicht zufrieden. Meine Mutter, der Rektor Herr Bauer: Sie schauten so, dass ich etwas merken sollte, das begriff ich. Es war unangenehm. Sie hofften, dass ich von selbst darauf kommen würde. Da war etwas falsch an meiner Zeichnung, aber sie sagten nicht was? Sie fingen an zu drängen, und dann sagte meine Mutter oder der Rektor, dass ich die Arme vergessen hätte: Es stimmte! Ich erinnere mich genau, wie es sich angefühlt hat, als ich das begriff. Ich hatte es nicht bemerkt.

Ich fügte die gewünschten Arme noch an, und bald begann die erste Klasse in der Altstadt. Ich war gerade sechs Jahre alt geworden und das jüngste Kind. Die Einschulung war im Sommer, und ich habe Ende August Geburtstag. Wechselnde Lehrer, Schulstress, keinen wirklichen Freund habe ich in vier harten Jahren in dieser Klasse gefunden. Kapitalversagen in „Rechnen“ (so hieß das damals noch) – war das Resultat dieser Grundschule. Dass ich später mal zwei Jahre lang anschließend der Realschule auf dem Weg zum Fachabitur immer eine „eins“ in Mathe haben würde hätte niemand erwartet. Im Segelschein-Kurs bei Fiete in Blankenese gab ich den Mädels Nachhilfe in Navigation. Aber mit dem Wechselgeld beim Bäcker und überhaupt beim Kopfrechnen, habe ich bis heute Mühe. Schwimmunterricht war der Horror selbst. Das fiel auch in diese Zeit. Ich schluckte Wasser ohne Ende. Ich fror, weil ich so dünn war, ständig. Wenn ich konnte, versteckte ich mich Ewigkeiten auf der Toilette. Der Mathelehrer schikanierte mich, bis nichts mehr ging. Meine Mutter übte das Einmaleins mit mir, wenn wir am Wochenende segeln waren, bis überhaupt gar nichts mehr ging. Mein Vater nötigte mich, ich müsse einen Freund in der Schule finden, man hätte einen – sonst wäre etwas falsch. Ich zwang mich dazu, Roland hieß der glaube ich, deswegen zu fragen. Aber es wurde nicht recht was draus. Dann setzte meine Mutter gegen die Empfehlung durch, dass ich am Gymnasium bei Donnhauser eingeschult wurde. Nach nur einem Jahr ging ich mit drei fünfen ab und begann schräg versetzt und sitzen geblieben erneut eine fünfte Klasse an der EBS.

Nach nicht allzu langer Zeit kam Steffen auch in die „e“ zu uns, der war schon mit mir in der Klasse am Rist gewesen. Mit Steffen, Lenzus, Holger (der schon gestorben ist) und Jens gelangen dann gute Realschuljahre. Wir sehen uns heute nie. Wir passen nicht mehr zusammen, wie damals in der Schule, und Jens hat unsere Gruppe dominiert. Ich habe aber wunderbare Zeit auf dem Bauernhof der Eltern verbracht und vor nicht so langer Zeit habe ich meinen alten Schulfreund getroffen. Wir waren ausgiebig griechisch essen, und das war wirklich fein. Jens ist Bauer und Banker, und irgendwie war sich zu treffen besser als früher. Er hat sich nicht verändert, ist stark und selbstbewusst. Ein wenig frech, ein handfester Kumpel – wie damals – aber ich, ich bin heute anders. Ich habe Sven getroffen, bei Bäckerei-Junge. Man kann direkt am Strom der vorbei gehenden Menschen sitzen. „Ich habe meinen Weg gemacht“, sagte er – das glaube ich ihm aufs Wort. In der Schule sah es nicht danach aus. Ich bin Maren begegnet, das ist schon länger her, und sie hat den Kopf weggedreht, als wüsste sie nicht. Ich habe Stefan auf dem Fahrrad gesehen, oft, man kennt sich in Wedel. Der kennt mich auch nicht? (Ich bin nie zu Klassentreffen gegangen).

Trotzdem, die Realschule war gar nicht mal so schlecht: Ich hatte Freunde. Natürlich waren diese Zeiten nicht unproblematisch. Den typischen körperlichen und psychischen Entwicklungen vom Kind über die Jugend zum Erwachsenen folgte ich bei weitem nicht so gut strukturiert, wie es hätte sein können. Niemand hat das bemerkt. Ich schreibe wegen Gerd Kröger. Das muss ich einfach tun. Es ist so lange her, und ich muss daran erinnern, dass dieser Lehrer gut war.

Wir hatten (Name geändert), Schwarze und Kröger. Mit (Name geändert) war es Mist, ein Lehrer der dem Amt des Klassenlehrers nicht gewachsen war. Meine Mutter erlaubte ihm, mich im Falle von Ungehorsam zu ohrfeigen, und er hat das tatsächlich einmal getan. Im Sportunterricht, ich erinnere mich genau, weil es so peinlich war. Ich fand das sogar gut, weil ich meiner Mutter in allem Recht gegeben habe. Die Eltern der anderen Kinder begriffen schnell was zu tun sei, diesen unfähigen Mann loszuwerden und mobbten den Klassenlehrer nach Kräften. Meine Mutter versagte auf allen Positionen, in der Rolle der vermittelnden Elternsprecherin und als Mutter sowieso. Das ist leider nicht zu ändern. Meine Mutter korrigierte die Vergangenheit ständig. Die Szene mit der Einschulung und den vergessenen Armen in der Testzeichnung erinnere ich so plastisch; aber meine Mutter hat später immer versucht, mich davon zu überzeugen, es stimme nicht, was ich erzähle und die Arme hätte ich nicht vergessen. Und dass die anderen Kinder älter und kräftiger waren? Ich selbst hätte es gewollt, mit dem Nachbarkind Mark zur gleichen Zeit eingeschult zu werden, und es gäbe ja auch das Gesetz, wann ein Kind zur Schule müsse. Ich habe nur diese eine Mutter und liebte sie natürlich; wie ich sie gleichwohl beschuldigte für ihre Fehler. Sie ist tot und möge den Frieden finden, den ich weiter suche.

Von (Name geändert) hieß es, er wäre später mit einem Auto suizidal in die Elbe gefahren, keine Ahnung, ob das stimmt. Thomas Schwarze war ein feiner Lehrer, der wurde auf der Welle euphorischer Eltern nach vorn an die Stelle des Klassenlehrers bugsiert, und es gab Gartenpartys bei den Eltern der hübschen Inga zum Beispiel. Die hatten einen orangen Hüpfball zum drauf sitzen für Kinder mit einem Teufelsgesicht und Hörnern zum festhalten. Jemand hatte „Herr (Name geändert)“ mit Edding auf den dicken Leib geschrieben. Wir hüpften durch das Gras, während die Eltern grillten. Meine Mutter gehörte nicht dazu. Sie saß zwischen allen Stühlen der Netzwerker und verstand es nicht.

Mit Schwarze begann ich die Klassenzeitung, wir hatten einen Umdrucker im Keller der EBS. Dieser sympathische Lehrer verließ die Schule und Wedel. Weit, bis ganz nach Konstanz, ist er fortgezogen. Keine Ahnung, warum das nötig war. Ich habe dem noch geschrieben und er auch zurück. Es tat gut, endlich respektiert zu werden. Er unterrichtete Deutsch. Ich schrieb gute Aufsätze. Ich kreierte die Klassenzeitung, das war eine Verbesserung. Dann wurde Gerhard Kröger unser Klassenlehrer, und dabei blieb es bis zum Ende. Das war nicht nur ein guter Deutschlehrer, er kam mit der Klasse zurecht. Es war dieser Kunstlehrer, dem ich eigentlich alles verdanke, was ich schließlich noch aus meinem Leben machen konnte, als die Sache nach dem Abschluss des Studiums ziemlich in die Binsen ging.

Kröger und ich sahen uns, nachdem ich die Realschule geschafft hatte, noch regelmäßig. Mein ehemaliger Lehrer wohnte im Zentrum von Wedel. Er war mit vielen künstlerisch- und kulturell Interessierten befreundet. Ich sagte später „Du“ zu ihm und war stolz darauf. Dieser Kunstlehrer konnte selbst sehr gut zeichnen und aquarellierte gekonnt. Ich genoss es, von ihm gemocht zu werden. Ich malte im Kunstunterricht im Stehen und wurde für mein Einschleimen beim Lehrer angefeindet. Ich stand aber, weil man aus der Distanz das Bild besser beurteilen kann. Wir machten auch Tages-Ausflüge mit der Schulklasse: Am Ufer der Este, im Gras sitzend, zeichneten mein Lehrer und ich Seite an Seite die gegenüber idyllisch gelegene, verschrobene Werft in unsere kleinen Skizzenblöcke und verglichen anschließend, wer es besser hinbekommen hatte.

Einmal fuhren wir mit dem Fahrrad alle nach Hetlingen und lagen eine Stunde am Strand herum. Wir zogen uns einigermaßen sommerlich und elbstrandgemäß um. Kröger präsentierte sich in einer überraschend knalligen und extra glänzenden, orangen Badehose. Ein Klassenlehrer so privat, die Mädchen machten sich lustig, er habe keine Muskeln und tuschelten Sachen, die ich gar nicht verstanden habe. Wir waren in der Pubertät, aber bei mir fand die gar nicht statt. Ich vermute, dass mein Lehrer Männer liebte, und das war zu der Zeit noch viel weniger normal. Später wurde immer sonst was angedeutet, und ich habe alles von mir abgehalten. Ich verdanke diesem Mann so unendlich viel. Persönliche Anerkennung als kreativer und aufgeweckter Schüler, das hatte es vorher nicht gegeben. Kröger unterstützte meine Versuche, ein Praktikum bei Markenfilm zu machen. Das gelang und wurde mein Weg in die grafische Ausbildung.

Die große Abschlussklassenreise, mit Gerd Kröger und weiteren Lehrern nach Ipswich: Wir fuhren mit dem Hamlet über die Nordsee! Ich tanzte bei starkem Seegang unter Deck mit den anderen in der Schiffsdisko. Die hatte zwei Säulen in der Mitte der kleinen Tanzfläche, und wenn das Schiff überholte, hielten wir uns daran fest. Ich trank Whisky-Cola. In Ipswich habe ich den zweiten Star-Wars-Film gesehen. Der war brandneu. Ich habe wenig verstanden, bis heute nicht gut Englisch gelernt. Steffen und ich wohnten außerhalb, mussten gelegentlich auf Little Justin aufpassen, ein kleines Kind. Ich erinnere mich, dass wir mit unseren Gasteltern eine Fabrikhalle besuchten. Darin stand ein riesiger Bagger, möglicherweise zur Reparatur. Das war dort, wo unser Gastpapa arbeitete. Die Klassenfahrt dauerte so zehn Tage und es gab viele Ausflüge, auch nach London.

Wir ruderten mit Mietbooten. Eine Parkanlage im grünen englischen Rasen, und ein Schüler hatte eine Super-8-Kamera dabei. Es gab eine ausufernde Wasserschlacht. Einige wollten filmen, weil es damals ungewöhnlich war. Auch ich bekam die Kamera für einen Moment. Wieder zurück in Wedel, schauten wir mit der ganzen Klasse die Aufnahmen an. Natürlich wurde kommentiert, wer jeweils was gut festgehalten hatte. Meine kurze Sequenz war für die anderen kaum von Interesse, angesichts der lustigen Ruder- und Badestunde. Ein Tag voll mit Aktion: Ein Boot war gekentert! Schüler hatten wie doof andere mit Wasser bespritzt, und einige waren baden gegangen. Ich hatte einen langsamen Schwenk über die gesamte Szenerie beigesteuert. Das war professionell gefilmt. Langsam, gleichmäßig und nicht verwackelt, hatte ich mit ungeübter Hand dennoch einen gekonnten Bogen durch die englische Natur und das muntere Treiben gezogen. Unser Lehrer lobte genau das. Respekt? Das hat mir in diesem Moment nicht genützt, im Gegenteil. Es ist nicht gut, der Lieblingsschüler zu sein. Es hat aber meine Liebe zum Film mitbegründet, und es ist ein Jammer, dass ich heute, was Filme betrifft, so grundsätzlich frustriert bin. Ich ertrage die romantische Liebe im Film nicht! Wenn die Produktionen gut sind, die Charaktere faszinierend, ist es am Schlimmsten.

Vor kurzem lief „Zirkus“ von Chaplin im Fernsehen. Das traf mitten ins Herz: Die wunderbare Sequenz am Ende, wo der Tramp allein im Rund der Manege zurückbleibt die sich noch im verlassenen Grasplatz abzeichnet! Ein milchiges Licht des Spätnachmittages über niedrigen Büschen rahmt die Szene ein. Im Hintergrund ist fern die Silhouette der Stadt erkennbar. Wie der ganze Tross staubend abrauscht, ist so unglaublich gelungen! Stummfilm, in schwarz-weiß gedreht. Und man ist als Zuschauer dabei, als wäre es gerade heute im Hier und Jetzt. Der Zirkus macht sich auf den Weg! Alte schaukelnde Kästen sind diese Wohnwagen, schnaubende Pferde ziehen an. Die vielen Darsteller, mit Krempel und Hausstand des täglichen Lebens als fahrendes Volk, reihen sich in die Spur ein. Große Wagenräder, mit ihren hölzernen Speichen, malen neue Furchen wie Eisenbahnwege, noch tiefer in den Boden. Trüb vom aufgewirbelten Sandnebel ist das Licht, wenn kurz die Sonne in einer Lücke zwischen den altertümlichen Fahrzeugen blendet. Habe ich dies wirklich gesehen oder erinnere mehr dazu? Wie im Buch, wenn der Autor nur andeutet: Ein Artist sitzt in Gedanken versunken ganz hinten auf seinem Gefährt, lässt die Beine baumeln, muss selbst nicht lenken. Er wird im Ruck der anziehenden Gäule, den Blick rückwärts gewandt, durch die Szene befördert – und ein Eimer (zum Pinkeln?) schaukelt lustig herum, unter der Plattform angebunden. Wagen für Wagen rollt der zum neuen Spielort aufgebrochene Zirkus durch das Bild! Die Kamera fängt viele Details ein. Einige kurze Schnitte komprimieren das behäbige Tempo der alten Kutschen und verstärken den Effekt, wir wären selbst mitten drin im Geschehen.

Und dann bleibt Charles allein zurück: The End.

Die allerwunderbarste Szene, die man sich vorstellen kann! Ich habe wieder daran denken müssen, wie sehr ich die Kunst etwas gut und berührend darzustellen, einmal geliebt habe – und immer allein geblieben bin, mit diesen Empfindungen – wer sieht heute noch Chaplin?

Kröger war in Schleswig-Holstein aufgewachsen, im Norden, vielleicht in Husum? Er liebte Nolde und aquarellierte ebenfalls. Wir sollten Schneebilder machen. „Das ist ganz einfach“, sagte der Kunstlehrer: „Ihr braucht kein Deckweiß dafür. Wo Schnee im Bild ist, macht ihr nichts. Das Papier ist ja weiß.“ Wir zeichneten mit Sepia Knicklandschaften hinein. Das ging so: Wir bereiteten eine imaginäre Ackergegend vor, indem wir einige bläuliche Schlieren quer hin aquarellierten, das sollten Schatten sein. Wenn wir dann einen Knick mit Gebüsch und Bäumen wollten, nutzen wir die Feuchtigkeit, die noch im Blatt war oder zogen mit Wasser einen Streifen in das Papierweiß. Dann setzen wir die mit Sepia gut gefüllte Zeichenfeder an und platzierten die Spitze in die feuchte Stelle: Ein ausufernder brauner Fleck wuchs wie ein Busch von selbst im Bild, wenn das dunkle Braun mit dem Wasser in Berührung kam.

Dunkler Himmel macht es „schnee-iger“, meinte Kröger. Ich habe noch eines der Aquarelle aus dieser Zeit und kann hier verraten, dass die schöne Wolke oben im Bild mit sicherer Hand vom Lehrer hineingesetzt wurde. Ich war verzweifelt. Mir gefiel mein Bild, mit dem an einer kompositorisch günstigen Stelle platzierten Baum, gar nicht. Ich traute mich nicht an den Himmel ran. Kröger nahm den Marderhaar-Aquarell-Pinsel, den ich mir gegönnt hatte, in die Hand. Der Pinsel: fett, aber mit feiner Spitze, wie es sein soll. Ich hatte ihn bei Jutta Schwartau gekauft, im Schreibwaren- und Spielzeuggeschäft nebenan, wo mein Taschengeld blieb und ich Stammkunde war. Mein guter Lehrer erkannte die Möglichkeit, mit leichter Hand das Bild zu retten. Er mischte im Seitenfach des Tuschkastens ein farbiges Grau an, fragte (nur mit den Augen), ob er mir ins Bild hineinmalen dürfe? Er hat es einfach gemacht, und dann sah es so toll aus!

Es gab einen Malwettbewerb: „So schön ist Wedel“ oder ähnlich, von der Dresdner-Bank und einigen Wedeler Kunstbeflissenen. Ich malte das Fährhaus (Willkomm-Höft) und reichte das Bild ein. Das hing dann mehrere Wochen im Fenster der Filiale. Alle, die es dort gesehen hatten, sagten zu meinem Vater: „Toll, ihr Sohn hat bestimmt gewonnen.“ Nein, es gab nur einen Trostpreis für mich. Gewonnen hatte ein Mädchen vom Gymnasium. Der Vater war Lehrer. Mein Vater war empört. Warum denn gerade mein Bild so lang im Fenster hing? Das hätten die Bankleute vor Ort entschieden (weil es so plakativ war). Bewertet für den Preis, hatte eine kunstverständige Jury. Nicht die Geldleute aus der Filiale. Lehrer und Hobby-Kreative der kulturellen Szene aus Schulen und Kunstvereinen bewerten, was Kunst ist. Bankmitarbeiter wissen, was wirkt.

Kröger hat es mir gesteckt: „Sie haben gesagt, du hättest einen Bildwerfer genommen, aber ich weiß ja, dass du alles zeichnen kannst. Sie haben mir nicht geglaubt. Sie haben gesagt, du hättest eine Postkarte in einen Bildwerfer eingelegt und abgepaust und dann mit Pelikan ausgemalt. Das wäre keine Kunst, so etwa wie gemogelt.“ Ich habe es seinerzeit nicht zugegeben; wir hatten einen „Paximat“, mit dem mein Vater Plakate für den Laden pauste, ja – ich hatte einen Bildwerfer genommen. Das habe ich meinem lieben Kunstlehrer nie verraten!

🙂