Aus der Zeit als mein Sohn noch kleiner war, aber schon so groß, mit mir ein Steak unter Männern zu essen, erinnere ich einen Abend am Tresen in Othmarschen. Das Block House ist am Bahnhof. Es war recht voll. Unser Besuch dort ist lang vor dem nun alles bestimmenden Virus gewesen. Wir bekamen einen Platz ganz rechts am gebogenen Rand einer Theke, wo man auf Barhockern nebeneinander Platz nimmt. Links von mir, ich erinnere es noch, waren ein oder zwei Plätze belegt, rechts saß mein Großer, und dann blieb wohl eines der extra höheren Stühlchen leer. Der Fußboden ist stufig angehoben, je weiter man in diese Ecke kommt. Das erweckt mit kleinen Fenstern nach draußen den Eindruck, im Séparée zu dinieren – obschon einige Gäste unterkommen. Eine größere Kapitänskajüte, der Bereich für Unangemeldete oder Stammgäste, wo immer mindestens ein Platz frei ist. Die gute alte Zeit vor der Pandemie: Es gab noch keine Aerosole. Dicht an dicht lebten wir Fleischfresser früher. In der Ecke hatte eine alte Dame scheinbar ihren Stammplatz. Eingenistet, aber nicht eingemottet: Ein frisches Inventar, aufgetakelt wie ein besonderes Gewächs, gab sie eine gealterte Diva. Die lebhafte Seniorin unterhielt den gesamten Bereich mit fröhlicher Selbstdarstellung. Rundherum war alles dicht besetzt; Tische gedrängt in Nischen, und Menschen drängten sich in den Ecken des gemütlichen Restaurants.

Beschreibung: An der Wand hängen Jacken, Mäntel, eine kleine Garderobe steht auch noch dazwischen. Es ist Schmuddelwetter draußen. Kleine Lampen verbreiten warmes Kneipenlicht, aber gehoben ist das Ambiente; schön dekoriert. Gäste gehen, andere kommen und Biergläser glänzen, goldig gefüllt. Werbung, Speisekarte, alles folgt dem Konzept moderner Verkaufsstrategie. An jedem Platz liegt ein bunt bedruckter Papierbogen, auf dem das Essen platziert wird. Die Steaks haben grobkörnigen Pfeffer drauf, der bekannte Salat; wer diese Restaurants mag, kommt hier voll auf seine Kosten. Dem Gast wird serviert, was der typische Kunde denkt, genau hier zu erleben. Maßgeschneiderte, auf die Zielgruppe konzentrierte Abspeisung – in flottem Tempo versteht sich. In einem Block House habe ich noch nie schlecht gegessen, wurde immer und ausnahmslos freundlich und humorvoll bedient. Das ist nicht als verdeckte Werbung hingeschrieben. Mir gefällt als Sohn eines Einzelhändlers die gelungene Präsentation in zahlreichen Dependancen. Das dürfte nicht ganz einfach sein.

So war das, wie gesagt vor Corona, und ich gehe schon lang nicht mehr ins Restaurant, bin weder zwei, noch drei, sondern nur „Gar-kein-G“. Noch hat mich das Virus nicht erwischt. Oder doch? Dann war ich krank, ja vielleicht bin ich es gerade und weiß es nicht. Jeden Tag, wenn ich am Testzentrum vorbeigehe, stehen Menschen an. Manchmal ist die Schlange auf der Hühnerleiter vorm Staddi so lang, dass Leute in Schulklassenstärke draußen auf der Treppe auf den Test warten. Sie wollen wissen, ob sie krank sind? Das muss ja eine schlimme Seuche sein, die uns von der Arbeit befreit, und dass noch auf Anweisung von oben. Man merkt nix, aber das Gerät beweist, wie nötig alles ist, was wir tun.

Mein Spott ist unsolidarisch, natürlich. Ich bin zudem noch penetrant, rede, bis andere genug davon haben. Ich weiß das. Dazu kommt, ich schneide einige Mitschenefelder komplett, sage hier nun wieder gar nichts, nicht einmal guten Tag und wechsle die Straßenseite, um ihre blöden Fressen nicht anschauen zu müssen. Hassbeziehung: Ich ätze, bin Spinner und gehe einigen auf die Nerven, verärgere nicht wenige – und rege wieder andere an, sich weidlich darüber zu amüsieren, mich verarschen zu können. Das ist mein Spiel. Das habe ich mir ausgedacht.

Die alte Dame im Block House hat mitgeholfen, diese Strukturen zu kreieren, in denen ich mich heute auskenne. Der Mensch konstruiert sich seine Umgebung, die zunächst ein Chaos darstellt. Er suchte Höhlen, die ihm Schutz gegen das Wetter geben konnten und verfeinerte diese bis hin zum modernen Restaurant mit Service. So ist es auch mit unserer Erwartung von dem, was uns draußen erwartet. Wir informieren uns über die Wetterlage, und wir versuchen herauszubekommen, was andere über uns denken. Das hilft, sich zurecht zu finden. Letztlich weiß keiner, warum unser Hiersein auf dem blauen Planeten nötig ist oder doch?

Heute Morgen stand ein heller Lichtpunkt über dem Dach im Südosten, als ich früh zur Zeit bereits beginnender Dämmerung ins Atelier kam. So hell habe ich die Venus noch nie gesehen. Es war leicht zu googeln. Tatsächlich, morgen, am zwölften Februar, erreicht dieser Planet seine größte Helligkeit in dieser aktuellen Phase. Ich hatte mich nicht getäuscht, das ist die Venus, die ich sah. Oder nicht? Ich verlasse mich auf die Suchmaschine, die Webseite der Sternwarte Bochum, die zufälligerweise oben in der Liste der Ergebnisse informiert, was im Februar am Himmel passiert. Es wird wohl stimmen. Ich habe diesen schönen Morgenstern schon oft beobachtet. Ich weiß ihn auch am Abend zu erkennen. Mehr Licht geht nicht. Die anderen können nicht mithalten, wenn die Venus erstrahlt. Dabei ist dieser Planet nur als Sichel unterwegs, weil der aufregende Wandelstern innen zur Sonne seine Bahnen nimmt. Hell wie ein Flieger im Landeanflug auf Fuhlsbüttel, mehr sogar. Wenn man nicht informiert ist, bleibt diese Angst, es könnte auch etwas anderes sein, das droben aufleuchtet, und vielleicht droht Gefahr? Ein schnell näher kommender Meteor, der in wenigen Stunden alles Leben auslöschen könnte, das müsste ähnlich aussehen. Habe ich gedacht, heute Morgen. Google beruhigt irgendwie. Du stellst eine Frage und weißt gleich mehr.

Manche sind so klug und halten immer die Klappe. Sie machen alles mit sich selbst aus. Andere schweigen dickfellig, lassen dich hängen wie Kalle, wenn die größte Not zum Fragen zwingt. Und ich schweige erst heute, weil ich das scheinbar später gelernt habe als andere, die Schotten dicht zu machen. Mit Christiane rede ich kein Wort mehr, und sie tut es mir gleich. Ihr letzter Versuch (verzagt und probeweise) „… hallo John“ zu sagen – das liegt Jahre zurück. Ich bin einfach wortlos abgebogen, durch die offene Kirchentür, und habe sie auflaufen lassen. Was für ein Genuss, zu registrieren, wie sich diese Ziege auf die Lippen beißt. Mit Kalle und Guddi habe ich es auch so gemacht; und Irakli brachte uns den Wein und ihnen den ihren am Nachbartisch. Funkstille. Den Kunstkreis blamiere ich, wo ich kann, aber die Tanten sind zu doof, es zu verstehen. Sie werden denken, John sei krank. Das finden manche, und ich denke es von ihnen.

Das ist schon ein Gefühl von Verlust.

Mir hat gefallen, viele zu kennen und freundliche Beziehungen zu pflegen. Gesünder ist es heute. „Zwei Falsche weg“, heißt es im Fifty-fifty bei Jauch, und ich entwickelte meine Methode, Menschen aus der inneren Adresskartei zu kicken. Ich quatsche drauflos, bis mir klar wird, woran ich mir beim Gegenüber bin. Das klappt viel besser, als schweigend stark wirken zu wollen.

Ich will nicht wirken, das ist mir egal. Als Politikerin musst du wirken wollen. Als Künstler müsse man „können“, heißt es, nicht wollen. Ich mache keinen Wullst. Der Wullstbug ihrer Einbildung ist der Schutz derer, die Politik aushalten müssen. Darum wurde Kohl fett (und Schröder). Angela zitterte schließlich, sie hat nie genug gefressen? Habeck ist auf dem besten Weg, ein guter Grünkohl zu werden. Und vielleicht ist die Schöne aus Schenefeld stolz darauf, schlank zu bleiben? Unbedeutende Menschen können auch leichterdings (ein schönes Wort an dieser Stelle, finde ich) dünner bleiben als zum Beispiel Kanzler und -rinnen.

# Schauen wir mal, was Olaf auf die Waage bringt

Ich habe einen aus der Partei vor Ort getroffen und war überrascht. Der war immer dünn wie ein Windhund gewesen. Kantiges Gesicht, Kinnlade eckig, sarkastische Lachfalten mit Ecken, hart, ohne weiche Halbtöne ins Gesicht gezogen, so kennt man den Mann. Grader Rücken wie ein Brett, scheinbar ohne Hals unterwegs. Da hatte sich erkennbar was geändert, hinten noch Brett, ja, aber vorne: „Fett geworden?“, ich bin frech wie gewohnt. Die Antwort überrascht.

„Ist auch nicht immer alles so ganz einfach …“

Ach so. Einfach ist gar nichts. Gestern hat sich unser Schenefelder Tageblatt wieder einen modernen Fehler geleistet. Aus möglicherweise kluger Überlegung wurde auf das Gendern verzichtet. Ein Niederländer wird zitiert, und da hat das Blatt eine überladene Formulierung vermieden. Der Mann sagte: „Rotterdam wurde von Rotterdamern aus den Trümmern gebaut … usw.“ Nicht nur, dass ich stutzte, weil ich begriff, man schreibt es mit nur einem „m“, nein, schon ganz automatisch hörte ich mich innerlich (in guter, neuer Nachrichtensprache) voraustexten „Rotterdam wurde von Rotterdamern und Rotterdamerinnen gebaut. Oder umgekehrt? Frauen und Kinder zuerst!

Mit doppeltem „m“ donnerte es noch besser durch.

Die alte Dame im Block House hatte Geburtstag an diesem Tag. Das Personal wusste davon und überraschte die Neunzigjährige mit einem Extramenü, das sie gratis bekam. Vielleicht war sie auch (erst) zehn Jahre jünger an diesem Tag (?) – egal, das muss ich nicht belegen. Ihren Namen habe ich vergessen, obwohl wir sie gefragt haben. Die war nämlich putzmunter und geradezu ein Star an diesem Tresen.

Sie schien oft zu kommen.

„Wer nicht redet, erfährt auch nichts“, meinte sie (direkt und fröhlich, unverblümt wie hingezwinkert) zu mir.

Dafür bin ich ihr bis heute dankbar!

🙂