„Sticks and stones may break my bones“, immer neue Stolperfallen überraschen. Das Leben ändert täglich sein Gesicht. Die alten Vorbilder taugen nicht für jede Situation, niemand kann immer alles richtig machen. Versuchen wir „künstliche“ Intelligenz zu entwickeln, weil die Natur zu klug ist, tückisch geradezu, für ein Programm, das immer gilt?

Ich denke ans Zeichnen, das Malen und natürlich: das Segeln. Die Regatten, was ich liebe und verstehe, mein individuelles Bild der Welt. Jeder hat seine Erfahrungen. Schnell segeln … wahrscheinlich kann man ein Boot, zum Beispiel unsere „Elb-H-Jolle“, auf drei oder vier verschiedene Arten „schnell“ trimmen.

Man muss die Gaffel nicht unbedingt ganz fest an den Masttopp klemmen, aber das ist eine Methode, gut zu kreuzen. Das Unterliek flach zu strecken, hilft ebenfalls an der Kreuz. Es hat sich aber gezeigt, dass man „Am Wind“ auch mit beuteligem Unterliek und ein wenig abgefierter Gaffel schnell sein kann. Da sind einige Unterschiede, wie mit dem Traveller umzugehen ist. Eine macht es so, und andere machen es anders. Das ist nicht verkehrt. Viele Wege führen nach Rom. Mehrere Wege führen schnell zum Ziel.

Es kommt auch auf das Segel an, wie das Wetter ist und wie schwer und versiert die Mannschaft. Der Kurs den wir steuern, ob Welle ist und einiges mehr entscheiden. Tatsächlich gibt es individuelle Unterschiede, nicht nur die eine, alleinige Methode mit der das Boot wirklich „fährt“ und gut getrimmt ist. Sagen wir, es gibt zehn Varianten, die etwas taugen. Und das ist eine Einheitsklasse, kein Boot, in dem es Freiheiten der Konstruktion gibt. Vieles ist festgelegt.

Aber es gibt wahrscheinlich eine Million Methoden, das Boot langsam zu machen. Vielleicht noch ein paar Millionen mehr.

Kinder lernen laufen, aber Erwachsene müssen weiter lernen. Neue Wege erfordern neue Methoden. Nicht einmal diejenigen, die scheinbar wie im Kreis laufen, gehen wirklich einen. Es ist immer eine Spirale. Wie gut wir planen: Unbekannte Stöcke ragen in die ungewisse, zukünftige Bahn unseres Lebens hinein. Es liegen dort überraschend viele Steine, die uns zum Stolpern bringen. Ich erinnere mich an die Ratgeber früher, manchmal hilft das. Aber nicht immer. Was wurde uns alles gesagt, und stimmt es noch, hat es je gestimmt?

Damals.

Als ich klein war, hatten wir schließlich einen Fernseher. Andere Familien waren durchaus schneller, moderner. Einige besaßen vergleichsweise früh schon großartige Farbfernseher. Es war nach dem Krieg, und die Jungen orientierten sich an Älteren, und gleichzeitig wurden alle von der aufregenden Zeit des Wirtschaftswunders mitgenommen. Die Zeiten haben sich geändert, dass manches heute kaum vorstellbar ist.

Mein Vater und seine Freunde hatten für die Jollen einen gemeinsamen Bootswagen. Etwa, wie mehrere Bauern zusammen nur einen Mähdrescher kaufen und ihn dann wechselnd verwenden und sich helfen. Früher machte man solche Sachen. Das Wort „Trailer“ verwendete man noch gar nicht, aber keiner der Segler konnte ein Auto fahren oder besaß gar eines. Sie rollerten den Hänger mit der Hand durch die Straßen von Wedel, halfen sich gegenseitig, ihre Schiffe ins Winterlager zu bringen.

Ich weiß noch:

# Die Männer schieben unsere Jolle den Schloßkamp rauf. Er ist ziemlich steil. Eine schmale Straße, alle lachen und sind fröhlich, es ist noch warm, und ich sitze drinnen im Boot. Der glänzende Lack; Mahagoni leuchtet wunderbar …

Ich war noch ganz klein und erinnere mich doch genau.

Die Clique zerbrach, als „Reinhard“ (ich musste die Geschichte oft anhören) als Handwerker der erste mit einem kleinen Lieferwagen war. Einige nahmen seine Unterstützung gern an, einen Trailer dran anzukuppeln. Mein Vater nannte seinen bis zu diesem Punkt engsten Freund nur noch „Ignaz“, das war ein Schimpfwort. Als Kind verstand ich’s nicht. Uns wurde empfohlen „Zwölf Uhr Mittags“ anzuschauen, mit Gary Cooper, wenn es im Fernsehen kam, und mein Vater hörte auch gern (ergriffen) eine Kenneth-Spencer-Platte, auf Deutsch gesungen: „Wenn dich die Freunde verlassen.“

Ich vermute, dass es eigentlich um Frauen ging und weniger um den Bootswagen. Aber dass die Entwicklung nicht überall gleich schnell in die neuen Zeiten führte, zeigte sich in vielen Anekdoten. Mein Vater erzählte gelegentlich eine Erinnerung, die sich bei ihm eingebrannt hatte. Wir Kinder sollten lernen, wie sich alles verändert hatte: „Hermann Lauenstein“ begegnet „Kuddel Dutt“ am Steuer vom neuen Auto am Hafen. (Das sind verdiente Alte gewesen, noch einmal deutlich ältere Segelkameraden, und man sagte natürlich „Herr Rehder“ und nicht etwa Kuddel Dutt, wenn man jung war). Sagt Lauenstein zu Rehder, der den Motor abgestellt hat, und die Seitenscheibe ist wohl gerade herunter gedreht (er lässt locker einen Arm heraushängen, raucht eventuell eine Zigarre wie Winston Churchill, der noch imponierte), es ist eine Sensation: „Du hast ein Auto!“ Und Rehder antwortet:

„Ja. Und ich kann es auch fahren.“

# Als ich bei Werner H. Praktikum machte …

… kam oft Rudi Carrell in das Studio und drehte Werbung. Ein ganzer Supermarkt wurde aufgebaut, und tatsächlich, ich durfte eine Requisite entwerfen, einen Apfelbaum: „Da kommt unser Künstler“, sagte der bekannte Showmaster, wenn ich in das Studio spazierte, um ihm dabei zuzusehen, wie ein Spot aufgezeichnet wurde.

Unvergessen ist sein holländischer Akzent.

Der alte Profi H. simulierte Enttäuschung, nachdem auch er einen parallelen Entwurf für den Baum machte, den ich als ein wenig zu routiniert, kalt empfunden habe; tatsächlich, das wagte ich zu sagen. Und er meinte, nachdem er beim „Chef“ gewesen wäre, das behauptete er jedenfalls, todernst: „Sie haben deinen genommen.“ Ich habe wirklich geglaubt, es besser gemacht zu haben. So kam es, dass der Berentzen-Apfel, den Rudi Carrell zu pflücken hatte, an meine lebensgroß umgesetzte Kulisse gehängt wurde.

Ein verschrobenes Maling mit Filzstiften vom Praktikanten. Ich besitze noch das Original davon. Die Mappe sei „das Wichtigste für den Grafiker“, wenn er sich bewirbt. „Niemand interessiert sich für dein Zeugnis“, sagte der Grafik-Designer. Dass es stimmte, hatte ich bewiesen. Ich war schon in der neunten Klasse der Realschule mit einer ansprechenden Sammlung kreativer Arbeiten unterwegs und hatte diese „Mappe“ zum Vorstellungs-Gespräch ganz selbstverständlich dabei gehabt. Das hat Eindruck gemacht.

Werbung ist kleines Kino. Eine Show der Produkte und Darsteller, die sie präsentieren. Wir bekamen einmal eine wirkliche, lebende Kuh zu sehen, die trabte am Strick des Landwirts in diesen Studio-Supermarkt herein, was für ein Theater!

Eine echte „Milka-Kuh“ sollte es werden …

Die haben wir mittels einer Schablone lila gefärbt. Eine flexibles Material, extra für diesen Zweck, wurde in der Grafik von H. mit dem darauf gepausten Logo vorgezeichnet, und einer von uns hatte mit dem Cutter sauber drumherum zu schneiden. Dann musste jemand die charakteristischen Flecken auf die Kuh sprühen, und in weiß blieb „Milka“ stehen. Wir kopierten den Original-Schriftzug, nachdem jemand ermittelt hatte, wie groß das Tier würde, das wir bekommen konnten. Es gab nur einen Bauern in der Nähe mit ungefleckten, weißen Kühen. Der kam gern, und war auch die ganze Zeit für sein Rind zuständig. Es hatte einen Kälberstrick ums Maul, etwa einen guten Meter lang, und der Bauer sah aus, wie solche eben aussehen. Mit einem olivbraunen, beuligen Cord-Hut auf dem Kopf und gleichfarbener Weste bekleidet, trug er derbe Hosen und stapfte in Gummistiefeln rum.

Der durfte nicht mit ins Bild!

Ein muffelndes Duo. Seine Aufgabe: Er musste die träge Mu-uh im Laden exakt platzieren. Dann war es soweit: Der Showmaster im schicken weißen Edeka-Kittel trat an das Tier und hatte etwas verkaufsförderndes zum Thema der beliebten Schokolade im Skript. Das probierte er zu sagen, brauchte aber einige Anläufe, bis alles „im Kasten war“. Es lag nicht am professionellen Carrell. Der war ganz entspannt auf dem Punkt und amüsiert. Die anderen schnauften, die Kuh schnaufte mehr, und alle schwitzten ziemlich. Die Scheinwerfer knallten ein schneeweißes Licht herunter. Das brutzelte.

Die Kuh war zeitweilig störrisch.

Klappe! Sie stieß ein mühsam drappiertes Regal um. Sie drehte ihren Achtersteven in die Kamera oder sie präsentierte uns ihre leere, falsche weiße Seite, auf der wir sie nicht bemalt hatten. Klappe! Der Bauer schimpfte, zog am Strick. Die Muh-Kuh bockte, stemmte die Vorderbeine und blieb verkehrt herumwie angenagelt stehen. Zeit verging, und das kostet. Klappe!! Die Regie stöhnte, der Showmaster blieb souverän dezent im Hintergrund, wartete. Dann schiss das Tier in den Laden.

Aus, aus, aus!

Es dauerte und war mehr als ein wenig Loriot.

Mein Mentor H. erklärte einiges, konnte nicht nur hervorragend zeichnen, er verstand auch die Menschen. Er war im Krieg geflogen, und seine Geschichten entsprachen denen von Hartmann. Das war mein alter Skilehrer, und an den erinnere ich mich sehr gern. Diese Alten sind von anderer Qualität. Gelegentlich treffe ich „von“ M. beim Italiener. Das sind Erinnerungen an eine Zeit, die es nicht mehr gibt. Er war ebenfalls in der Luft unterwegs, ist etwa 1926 geboren. Er fliegt heute nicht mehr.

Er fährt seinen roten Rollstuhl elektrisch.

H. ging mit mir in der Mensa essen und erklärte sich gleich zu Beginn, „ich solle mich nicht wundern, er bekäme zu den Mahlzeiten immer diesen roten Kopf und beginne unterm Ohr zu schwitzen.“ Tatsächlich lief ihm während er kaute ein dünnes Rinnsal die Wange und am Hals hinab. Eine Schussverletzung im Krieg. Man hatte es operiert, und ein Nerv war beschädigt worden. Beim Essen, wenn er den Kiefer auf diese Weise bewegen musste, schwitzte er, ohne das kontrollieren zu können auf einer Seite. Um jede Peinlichkeit zu vermeiden, sprach er das Übel also gleich an. Ich war es gewohnt, genau hinzuschauen wie er selbst; Künstlerkollegen sind wir, entsprechend verwandt mit allen Zeichnern dieser Erde. Und wir mussten ja noch zehn Tage lang zusammen essen, für die Dauer meines Praktikums. Das war so ungefähr im Jahr 1980 am Rand der Großstadt Hamburg: „Markenfilm“.

Viel Wald an schmaler Fahrbahn, es wirkt ein wenig abgelegen. Ich weiß noch: H. hat seinerzeit die Aufgabe bekommen, ein neues Schild zu gestalten, das von der Hauptstraße den Weg weisen sollte. Es entsprach gar nicht seinen normalen Tätigkeiten. Er skizzierte Storybords für Reklame-Filme, machte schließlich die Eckzeichnungen für den Trickfilm, und eine outgesourced-e Fremdfirma füllte die Abläufe. (Es gab das Wort noch nicht). Er war der letzte verbliebene Grafiker. Zusammen mit einer Kollegin, die ihn teilweise unterstützte, hatten die beiden ihre Büros unten im hintersten Flur des umfangreichen Gebäudekomplexes. Da waren einmal zwanzig Trickfilmzeichner angestellt gewesen, als H. sich gleich nach dem Krieg bewarb.

„Wenn du zeichnen kannst, ist es leicht.“

H. probierte im Entwurf, die sechs oder sieben Firmen des Gewerbegebietes, die ebenfalls Schilder an der Abzweigung hatten, zusammen mit dem neuen Logo in ein einziges zu integrieren. Er stellte sich vor, das unübersichtliche Sammelsurium an der Ecke im genialen Wurf zu beseitigen und das neue Signet zum Anlass zu nehmen, ästhetische Vorlieben, wie Hinweise elegant aussehen könnten, umzusetzen. Das klappte (natürlich) nicht. Er war enttäuscht: „Sieh nur, sie wollten es nicht.“ Das neue Schild kam wieder zwischen die verbogenen, schietigen und vielformigen anderen.

Inzwischen hat sich einiges geändert. Gibt es an dieser Stelle überhaupt noch eine Filmfirma? Ich habe lang nicht mehr drauf geachtet, aber einmal … mir ist dieser Richtungsweiser aufgefallen:

„Woodland-Studios“.

Das klingt soo wichtig (ge)waldig, toll. Richtiges Englisch macht gleich was her. „Hinterwäldler-Film“ passt ja wohl nicht. Die alten Zeiten sind eben vorbei. (Karl Dall ist auch gestorben. Wenn es mir weiter zu blöd wird, gehe ich auch gern).

„Ich könne doch eine Zeichnung vom Carrell machen?“, meinte H. und fand gleich eine Vorlage. Er holte schnell eine Postkarte mit dem Konterfei des Entertainers aus einer Schublade. Die möge ich nicht wie die anderen Leute nehmen, sondern für das Autogramm eine Karikatur zeichnen! Carrell sei nett, hieß es. Ich solle nur seinem Partner E. aus dem Wege gehen. Der bliebe lieber für sich und den Kollegen, arbeite: Fernsehen ist ein Beruf. Ich kannte ihn vom „Laufenden Band“, das war eine der beliebtesten Sendungen. Sie konkurrierte mit der „Peter Alexander Show“ oder „Dalli Dalli“. Rudi Carrell war auf Augenhöhe mit den Kollegen Rosenthal, Thoelke. Und „Wetten, dass ..?“ war noch gar nicht erfunden. Frank Elstner musste jahrelang „Montagsmalen“, bis ihm schließlich der Durchbruch gelang, der Schmied von Attendorn abhämmerte und die Fernsehlandschaft grundsätzlich umdengelte, dass es nur so glühte.

Von einem „Gottschalk“ hatten wir zu dieser Zeit noch nichts gehört.

H. war stolz darauf, mich als Praktikanten zu haben. Ich war der erste und vermutlich auch in den folgenden Jahren einzige, der diese „Stelle“ aufgrund seiner zeichnerischen Fähigkeiten ergattert hatte. Ein Praktikum bei „Markenfilm“ war eine gute Sache. Die anderen seien alle auf Empfehlung des Chefs oder anderer Vitamin-B-Arrangements gekommen, meinten H. und Frau F. (nebenan) übereinstimmend. Sie waren stolz und froh, dass es ihnen gelungen war, für mich ein maßgebliches Wort einzulegen.

# Mein Vater Erich und ich

Wir sind zunächst bei der selbstbewussten Dame am Tresen des Empfangs gewesen. Eine Persönlichkeit, ihre Telefonstimme war unvergleichlich. Ich habe später oft die Nummer angerufen: „Mm … arr-cckken-film; guten Tag!“ Ich mochte sie. Schließlich durften wir zum Grafiker, jemand würde uns hinführen. Ein Gespräch. Das war ein erster Erfolg.

Ich hatte begriffen, dies ist nur der Eingang. Es schien mir die erste Ebene einer großen Anlage zu sein, die es zu schaffen galt, um einen netten Spielplatz zu bekommen. Eine Bühne für meinen Auftritt? Ein Trainer mit Pinguin kommt. Eigentlich ist er der Bewerber und wirft einen Fisch in die Luft. Ich hüpfe herum, schnappe zu, zeige ein Kunststück. So kommt man bis zum Zirkusdirektor und wird engagiert. Neben meinem Vater aufgebaut, probierte ich naseweis damit zu glänzen, ich könne nämlich zeichnen. Da mussten wir doch einfach zum Fachmann weiter, denn Sie hätten tatsächlich einen …

Der Grafiker von „Markenfilm“.

Mein Vater hat ein erregtes Gespräch mit H. geführt. Er wurde belehrt, das sei ein Beruf wie jeder andere. Grafiker würden normal arbeiten wie alle und seien mitnichten brotlose Künstler. Wir waren mit dem Fisch-Transporter auf den großen Parkplatz gefahren, nachdem mein Klassenlehrer mir diesen Tipp gab, mich zu bewerben und ich einen Termin bekam. Dahin fuhr ich nicht etwa allein mit dem Fahrrad oder bat meinen Vater Erich, draußen vor der Tür zu warten. Das hätte ich mich nie getraut.

# Ich war vollkommen unreif

Eine wunderbare Zeit. Ich erinnere Carrell rauchend mit Tochter abseits, und es stimmt, er respektierte mich, obwohl ich ein fremdes Kind ohne irgendwelche Gönner war. Man konnte sich gut mit ihm unterhalten. Es schon sehr lange her, aber es kam einige Male vor, dass er in Wedel drehte, und wir haben dann immer ein paar Sätze gewechselt. Ich war stolz darauf und kann mich auch sonst an viele Details erinnern. Einmal bin ich im Studio herumgelaufen, und sie hatten eine komplette Küche aufgebaut mit einem Fenster nach draußen. Dort wäre aber gar kein „Draußen“ gewesen, erzählte ich dem Grafiker. Licht sei durch dieses Fenster auf die Spüle und einigen Kram gefallen, dafür hatte man spezielle Scheinwerfer montiert: „Das sah aus wie echtes Sonnenlicht“, meinte ich verblüfft. „Dann sag das mal.“ H. nannte den Namen; ein „Beleuchter“ mit dem er befreundet war, den jeder kannte. „Man hört es doch so gern, wenn etwas gelungen ist. Normalerweise bemerkt niemand, was man leistet“, fand er.

Ich probierte, Carrell zu zeichnen, und es war schwierig. Als es einige Male nicht recht ähnlich wurde, begann ich allmählich zu verzweifeln. Der erfahrene Zeichner riet: „Wenn du die Augen schaffst, ist der Rest einfach. Die Augen sind das Wichtigste. Der Rest entwickelt sich dann schon.“ Als es weiter nicht klappte, gab er mir dünnes Letraset-Papier. Das schien ein wenig durch, war ansonsten schneeweiß. Ich solle einfach mal eine Zeichnung so ungefähr machen, das Blatt vorn aus dem Block trennen und unter das oberste Blatt wieder einschieben. Auf dieser durchschimmernden Vorlage könne ich dann eine weitere Zeichnung machen, Fehler korrigieren als wäre es Bleistift, den ich gewohnt war zu radieren. Das dürfe man auch zwei- oder dreimal wiederholen, bis das Ergebnis perfekt wäre. Er regte nun an, die nicht gelungene Zeichnung ein wenig tiefer in den Block zu legen. Unter mehreren Bögen Papier sei die Vorgabe noch blasser. Ich wäre freier für eine mutige, lebhafte Linie. Ich probierte es aus und fand Gefallen daran, schließlich klappte es, und dann bekam ich tatsächlich mein Autogramm. Wie so vieles ist auch dieses Frühwerk von mir verschollen, und heute nicht mehr zum Renommieren geeignet. Nur die Erinnerungen sind geblieben.

Ich zeigte H. auch selbstgemachte Comics. Dort imitierte ich Szenen, wie ich sie aus „Flash Gordon“ oder ähnlicher Heldenliteratur kannte. Werner H. zeigte auf einen der (in dramatischer Situation: Raumschiff stürzt ab oder so) dargestellten Männer: „Sieht dieser wie dein Vater aus?“, wollte er wissen. Mich erstaunte die Frage. „Nein“, meinte ich. Er probierte eine andere Figur, stellte die Frage erneut: „Der etwa?“ Ich begriff das nicht. Wir ließen es auf sich beruhen.

H. inspirierte mit Einfällen. Er meinte: „Setz die Schatten kräftig, nicht so ein Gelapper.“ Er zeigte mir und wies mich an, die Linien immer ein wenig länger zu zeichnen, als notwendig, dass am Ende jeder Verbindung eine winzige Kreuzung mit minimal überstehenden Stummeln der Linien entstand. Das wäre besser, als berührten sich die Linien nicht. Mit zögerlichen Strichen, die nicht „ankämen“ und für manche Karikaturisten typischen Unterbrechungen an verbindenden Eckpunkten, falle alles auseinander. Das sei das Merkmal unsicherer Zeichner, die es nicht richtig gelernt hätten.

Ich war händeringend auf der Suche nach Vorbildern, und H. bemerkte es. Deswegen die Frage, ob meine Zeichnungen etwas dazu taten, den Vater zu heroisieren. Da es offensichtlich nicht der Fall war, erprobte der hintersinnige Alte interessehalber nebenbei die individuelle Psychologie.

Mir fällt noch einiges ein. Einmal saßen wir privat im Auto, aus irgendeinem Anlass, und H. hatte seine Tochter auf dem Beifahrersitz, die wir mitgenommen hatten. Ich musste hinten sitzen, natürlich – es ging auch gerade nicht um mich; ich war etwa sechzehn Jahre alt. Keine Ahnung, wohin wir unterwegs waren, aber auch nach dem Praktikum wurde ich zur Aushilfe in der Grafik beschäftigt. Vielleicht war es einige Jahre später? Ich beobachtete alles fasziniert. Schummriges Licht, vielleicht der beginnende Abend, eine Veranstaltung folgte? Bilder der Erinnerung sind wie Träume, ein klein wenig unsicher und auch unscharf.

Was jahrelang konserviert wird, geschieht nicht ohne Grund? Auch wenn wir es damals noch nicht verstanden haben. Es wird erst später wichtig und neues Leben geben, wenn wir begreifen. Sie sprachen, und ich konnte nicht glauben, wie Menschen so ganz anders sind. Meine Familie schien mir zu vermittelten, das „Leben“ insgesamt verstanden zu haben. Stimmte das eigentlich? In diesem Auto da vorn, direkt zum Greifen nah, aber wie mit einer Scheibe zum Chauffeur abgetrennt (das kannte ich: im Film) saß eine andere Welt. Wir hatten nur den Transporter. Ein grauer Pritschenwagen mit breiter Ladefläche. Nebeneinander fanden meine Mutter, die keinen Führerschein hatte, und ich Platz. Gurte gab es nicht. Um den Gang einzulegen, gab es einen dünnen, langen Stengel mit Knauf. Ich war erstaunt, wie kurz der Ganghebel bei anderen ist. So tief und nah der Straße fuhren sie und waren es gewohnt.

(Später leistete sich meine Eltern einen zweihunderter Mercedes. „Der Fischhändler hat uns ausgebeutet“, einige haben es „Bassi“ übel genommen? Der Mercedes war cremeweiß, mit beigen Sitzen, roch so fein nach Leder. „Limousine vorwärts!“, sagten wir. Das war der Name eines selbstgemachten Brettspiels in der Art vom „Mensch ärgere Dich!“ Mein lieber Vater hatte das auf einen Kartonbogen gemalt. Kreative Gene in der Familie).

Wir stoppten in der Nähe vom Bahnhof. Die beiden hatten noch zu reden. Das Mädchen bei uns im Auto: Eine schöne, schlanke Frau. Sie hatte langes, dunkles Haar, rot geschminkte Lippen und war wohl gar nicht einmal so viel älter … ich war ein Kind dagegen. Das spürte ich, kann es bis heute nachempfinden. Und da war noch ein Konzert, auf dass sie am Abend wollte.

Das weiß ich auch noch.

1982 war Elton John in Hamburg? Das kann es gewesen sein. Ich erinnere mich, dass ich nicht wusste, wer das ist. Unglaublich, aber zeitgenössische Musik fand im Haushalt Bassiner nicht statt. Mein Vater Erich war über Kid Ory kaum hinausgekommen, mochte die Beatles mit ihrem Gesinge und „Gitarrenkram“ nicht wirklich, und ich passte mich an. Er schimpfte: „Dischderbummber!“, das liefe im Radio. Ich wohnte weiter zu Hause, obschon ich einen Wohnsitz bei Tante Helga aus Blankenese im Ausweis hatte, ansonsten nicht in Hamburg Abitur machen durfte. Andere fanden sich zu einer WG wie es mir nie in den Sinn kam, zogen früh aus.

„Jump Up Tour“, ich habe eine Fan-Seite gefunden, die alle Konzert-Termine auflistet. Dann wäre es im Mai gewesen und ich bereits auf dem Weg zum Fachabitur. Im August bin ich 18 Jahre alt geworden. Susanne mochte David Bowie, und ich kannte ihn nicht. Sandra hörte „The Police“, ich wusste nicht, was die machen. Ich hörte Sting zuerst mit „Englishman in New York“. Das Saxofon von Marsalis am improvisierten Ende, ein seltener gesangsfreier Moment im Radio auf den ich wartete, blendete der NDR regelmäßig aus. Eine wunderschöne Coda, und immer sabbelt einer rein. Mitten im jazzigen Schluss, wenn der S-tingstar nicht mehr singt, wird abgebrochen, und Tiedemann wäre dieser junge, aufstrebende Moderator, der so beliebt sei. Das sagte man. Heute macht er Senioren-Radio.

Dixieland war bald out, gegenständliche Malerei verpönt. Zu lernen ist, dass eine Kunst nicht schlecht wird, weil sie den Bezug zur Gegenwart verliert. Politiker werden abgewählt, Stile des Ausdrucks veralten. Die Jazzer verlernten zu spielen, und die Maler konnten nicht an das heranreichen, was gewesen war. Kunst muss sich im Reflex der Umgebung verstehen. Deswegen ist die gewonnene Fähigkeit, in bestimmter Weise kreativ vorzugehen, gerade eine Qualität. Eine zeitgenössische Mona Lisa wird nicht schlecht, weil wir heute die Fotografie haben.

# Zeitgeist

Im Café, einige Zeit vor der Pandemie, hörte ich irritiert ein paar Wortfetzen vom Nachbartisch mit. Ein Kind fragt: „Was ist das, Mama?“ Es dauert einen Moment, bis die Mutter begreift: „Ach, du meinst die Musik? Das ist Jazz.“ Till Brönner lief im Hintergrund und gab eine softe Trompetenstimme. „Das ist Musik?“

„Ja.“

Ich war gern mit meinem alten Reklame-Grafiker zusammen. Ein talentiertes Kind gilt manchem als Sonderling. Da tat es gut, ein Vorbild zu treffen, kennenzulernen. Einige Jahre kam es immer wieder zu kleinen Aufträgen für mich, oder ich wurde jemandem weiterempfohlen. Das wird eine gegenseitige Bereicherung gewesen sein, und es ist ein wenig schade, dass alles so lang her ist und allmählich keine Kontakte mehr zustande gekommen sind. Eine Welt von Gestern für mich und eine Quelle der Inspiration. Ein fester Halt nach wie vor.

Wir hielten also irgendwo, und bevor sie schließlich ausstieg – der Vater gab ihr zur Verabschiedung einen Kuss auf den Mund! Das konnte ich nicht begreifen. Tatsächlich, in einem Roman von John Irving (das Buch mit den Cider-Haus-Regeln, meine ich) gibt es diese „Vaterküsse“. Das habe ich dann Jahre später gelesen. Mit der Wiederholung grub sich eine Rune in meine Gehirnrinde, die bleibt. Ein Film in der Bibliothek, den ich immer abrufen kann. Vaterküsse, was sind das? Im Buch als Besonderheit herausgestellt, ein nicht-erotischer Liebesbeweis, dem eigenen Kind zugedacht. Homer ist von Larch adoptiert, vielleicht findet Irving es deswegen besonders, und in anderen Familien ist es ganz normal? Das gab es bei uns nicht. Deswegen erinnere ich mich genau. Ich war fasziniert und irritiert, das machte man doch nicht? Mein Vater küsste uns nie; er schlug auch nicht. Meine Mutter langte hin, verteilte Ohrfeigen. Ist es so richtig, oder macht man es anders? Auch sie küsste nie uns Kinder. Kann es sein, dass mein alter Grafiker eine junge Freundin hatte? Und ich habe den Fake nicht mitbekommen.

Das bringt mich schließlich zu James Stewart, dem berühmten Schauspieler. Jimmy, mein Held. Der Große, der so langsam spricht. „Vertigo“, er war der beste Mann vom alten Hitchcock, der „zu viel wusste“, und in unzähligen Western habe ich ihn gesehen. Normalerweise ein vertrauter schwarzweiß Gesell bei uns zu Hause und nicht in Technicolor. Ich begegnete dem verehrten Idol meiner Kindheit auf unserem kleinen Fernseher, mit seinen drei einsamen Knöpfen die er nur hatte, für die drei Programme, die er nur anbieten konnte. Wie in der Politik. Das waren damals stabile Verhältnisse, und Genscher war immer Außenminister. Erstes, Zweites und Drittes Programm, mehr konnte sich niemand vorstellen.

Helden im Alltag, unsere Vorbilder, was wurde angeboten? Das Buch „Der Fünf-Minuten-Manager“ erschien. Männer in der Politik, im Fernsehen; bei genauerer Betrachtung hätte ich bemerken können, dass es eine Entwicklung gab: Auf den „Kommissar“ mit Erik Ode, der in der Rolle noch Kette rauchen durfte, folgte Tappert mit „Derrick“. Auf Tappert folgte Lowitz. „Der Alte“ lief parallel, bekam Konkurrenz: der „Tatort“ bereicherte die Fernsehlandschaft mit wechselnden Kommissaren. Aus Großbritannien eingekauft lief die „Task-Force-Police“, aus den Vereinigten Staaten „Kojak“, mit Telly Savalas. Hier sahen wir zum ersten Mal jemanden mit Glatze, der noch kein Opa war. Heute ist ein Drittel der Männer ab dreißig oben blank. Zunächst glaubte ich, das sei ein gewolltes Stilmittel. Coole Typen, die eine breite Brust machen (wollen) und ihre nackige Männlichkeit zur Schau stellen? Aber es ist anders. „Nachbar“ Pavlos dazu, beiläufig: „Wenn ich’s nicht abrasiere, sehe ich aus wie mein Opa mit seinem Resthaar. Ein Kranz schimmert hintenrum wie beim alten Mönch oder zottelt lang. Papa hat dicke schwarze Haare und ist sechzig. Ich habe die Glatze unfreiwillig, definitiv. Bei meinem Bruder ist es genauso.“

Es schien nur, als wäre alles immer gleich. Der bekannte Rahmen macht blind. Klar auch, dass es einen Sendeschluss gab. Die S-Bahn hörte nachts zu fahren auf. Es gab keine Sommerzeit, die Franzosen hatten sie, wozu das denn? Alle Geschäfte schlossen zur gleichen Zeit um sechs. Niemand sagte etwa „achtzehn“ Uhr. Banken öffneten nachmittags nur von drei bis vier für eine Stunde, vormittags regulär wie heute. Mittags waren die Läden geschlossen. Einiges hat sich geändert: „Tschüssi“ oder gar „Tschü“ sagte niemand. „Samstag“ oder „Das passt schon, alles gut!“ kannten wir nicht. „Sonnabend“ muss es heißen! Man sagt „sii-eebzehn“, nicht „sibb“-zehn, betont etwa „Spa-aß“ lang, niemand sagte es so: „Spass“. Das klang verkehrt, wenn jemand es machte, und seitdem es einen Fernseher gab, hörten wir häufiger Laute aus fremden Regionen. „Macht’s Spass Dicker?“ wurde Helmut Kohl verarscht, die Spastiker, ohne dass es jemanden störte, gleich mit verhöhnt. „Das hat doch was mit Sex zu tun?“ Dumme, menschenfeindliche Witze waren erlaubt.

Wir lebten nicht hinter dem Mond. Wir sprachen wie Hamburger. Und lasen die Zeitung, die hört man ja nicht. Keiner in diesen Jahren „konnte Kunst“ oder ein „Stück weit“ Kanzler sein, sagte: „Das ist nicht so meins“ und mehr davon. Urlaub in Berwang? Die Österreicher fuhren ihre Schi … mit „S-c-h“ geschrieben (falsch!) typischerweise „para-lell“, dabei sagt man es doch richtig: „paral- l-e-l.“ Und betont das „e“ am Ende. Die beiden „ll“ sind in der Mitte. Die können nicht sprechen. Wer sich ärgerte schimpfte: „Schiet!“ Bis es modern war: „Shit!“ zu rufen. Männer waren glatt rasiert, bis diese Idioten überhand nahmen mit Bart.

Die Erwachsenen amüsierte dies: In der langen Nacht des Karpfenschlachtens vor Heiligabend bekundete ich, „wir könnten gern weitermachen.“ Nach einer Pause wäre ich ausgeruht, könne noch lang mithelfen, obwohl es spät in der Nacht sei, hätte wieder „Lust“. Sie lachten sich kaputt, und ich verstand gar nichts.

Das Wort „geil“ wurde noch nicht inflationär verwendet wie einige Jahre später. Schimanski mit dem andauernden „Scheiße!“ im Fernsehen? Gab es noch nicht. Heute sagt niemand mehr „stark!“ Immer gilt eine neue Mode: „Geht gar nicht!“ – ich kenne einiges. Menschen möchten „dabei“ sein. Der eingebildete Tonfall mit dem sie alles blähen, ich weiß noch wie „explizit“ aufkam, ist bis heute gleich.

Was brauchte die Welt, etwas nun „stringent“ zu tun – wenn es bislang folgerichtig, logisch und schlüssig, einleuchtend und überzeugend, zwingend sowie authentisch … geradezu direkt geradeaus und kurz und knapp, zupackend auf den Punkt genau, spezifisch „exakt verbalisiert“ gesagt werden konnte?

Deswegen hat ein Spaßvogel das Wort „ephibriert“ erfunden? Irgendwo im Satz eingebaut, taugt es platzhaltend verwendet für alles, was ein wirklich Wichtiger braucht.

„In der Bahn siehst du lauter abgefahrene Leute“, meinte mal einer … stimmt. Wasser ist nasse Masse, krasse Sache eigentlich, oder?

Mich hat’s peripher tangiert, um nicht zu sagen voll efibriert …

Ich habe mich jahrelang gefragt, was eigentlich mein Problem sei, und damit meine ich grundsätzliche Schwierigkeiten. Schön ist eine Formel, etwa die von Einstein, mit der ein ganzer Komplex von Problemen dargestellt werden kann. Danach habe ich gesucht. Ohne die hinzuschreiben, kann ich sagen, was mich auf die Spur gebracht hat zu suchen. Ich bewunderte Stewart oder Gregory Peck, Hornblower – natürlich. Aber warum? Ich verehrte Pops, das hat nie aufgehört. Aber erst heute weiß ich, was es ist, mich fasziniert. Satchmo ist ganz anders als Jimmy, da meine ich gar nicht, dass sie einen Film zusammen gedreht haben oder der dargestellte Posaunist Glenn Miller weiß ist, Louis schwarz. Aber alle diese Menschen, Männer, Helden im Film; sie haben etwas gemeinsam, das mein Vater nicht hatte. Das ist ganz offensichtlich, und etwa so schwer zu beschreiben, wie die Quadratur des Kreises oder was weiß ich dergleichen.

Fragmente einer langen Suche. Max Frisch benötigt einen Roman, es aufzuschreiben, kommt trotzdem nicht an: „… ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, was ist die Geschichte dazu?“ (Die Geschichte wird nie erzählt).

Irving war es nicht, aber ein Buch beginnt damit, und er zitiert: „Alle unglücklichen Familien sind auf eine eigene, ganz individuelle Weise unglücklich. Aber alle glücklichen Familien sind auf dieselbe Weise glücklich.“ Das schrieb Leo Tolstoi in „Anna Karenina“. Die neue Zeit ist so schlecht nicht: Du kannst es googeln, wenn du es nur ungefähr weißt.

Junge Menschen verlassen die Familie, werden selbst erwachsen. Das Rüstzeug klar zu kommen, müsste ihnen nebenbei in der Kindheit angeschneidert werden. Nicht immer gelingt es. Eine Lösung für Jugendliche kann darin bestehen, es „wie die anderen“ zu machen. Viele junge Erwachsene gehen zunächst einen rauhen Weg, werden bald immer geschmeidiger darin, sich zu integrieren, passen sich an. Wir haben schnell zu segeln gelernt, weil wir schauten, wie es gemacht wird und lernten. Wer anstelle „Zeitgeist“ kreative Sachen liebt, kommt unweigerlich in den Konflikt, zwischen anderen ein Fremdkörper und spürbares Individuum zu sein. Die Kunst ist nicht ohne Grund als „brotlos“ bezeichnet worden. Wem es leichthin genügt, die Brote zu backen oder einfach Brötchen zu verkaufen, die es schon gibt, hat vom Beginn der Lehre an Geld in der Tasche und findet sozialen Halt bei anderen: „So wird es bei uns gemacht.“

Ein spürbarer Fremdling zu sein, bedeutet nicht automatisch, es selbst wahrzunehmen. Wer aneckt, sollte merken, dass er’s tut. Wer extrovertiert daherstapft, wird schnell drauf kommen, was es ihm bringt und schließlich bewusst provozieren. Das ist eine gute Methode, etwa „Kunst“ zu machen. Ein Nerd jedoch eckt dadurch an, dass er den schicken Stil der anderen nicht bemerkt und sich selbst nicht spürt. Ein junger Mensch, dem es nicht gelingt, seine liebgewonnenen Künste zu verteidigen und offensiv nach vorn zu tragen, scheitert, weil er den Dünnsinn der Masse nicht nachplappert und gleichzeitig seine möglicherweise altmodischen Vorlieben nicht integrieren kann.

Das ist kein „Männerproblem“, das ist die Schwierigkeit, individuell erwachsen zu werden. In einer freien Welt hat der Mensch die Wahl, sich Helden, denen er nacheifert zu suchen. Darin liegt sowohl die Möglichkeit allerbester individueller Entwicklung wie die Gefahr, an die Falschen zu geraten. Wenn ich mir die Wege, wohin ich wachsen möchte nicht länger suchen kann, weil sie mir aufgezwungen sind, fahre ich sicher wie die Bahn auf einer Schiene, aber gebunden an die Weichenstellung meiner Lenker. Uniforme Wesen werden es leichter finden, sich anzupassen, und insofern ist der fortwährende Drang der Integrierten, die nachrückenden jungen Menschen zu manipulieren bedenklich. Wir sehen, wie erfolgreich China gegen die Corona-Pandemie ist. Der Preis, weniger Freiheit zu haben, sich dem Gesamten unterzuordnen, wird dort scheinbar gern gezahlt. Sicherheit innerhalb der Staatsgrenze, weil die Führung umsichtig gehandelt hat, während die anderen Staaten es nicht in den Griff bekommen, verstehen die Chinesen als die Freiheit eines siegreichen Teams, in dem jeder so handelt, wie es dem Ganzen nützt. Gleichzeitig wird der (abgewählte) amerikanische Präsident nicht müde, ihren systemischen Fehler anzuprangern, es so weit kommen zu lassen.

„Das China-Virus!“

Die schlanke Spitze der kommunistischen Führung in Peking bestimmt ihre Nachfolger selbst, das breite amerikanische Volk wählt den Präsidenten der USA. Trump ist das Vorbild vieler, die für ihn gestimmt haben. Menschen folgen der jeweiligen Wahrheit, die ihnen imponiert. Jugendliche generell, aber auch speziell junge Frauen, werden von Älteren (auch von Frauen) gezielt für ihre Motive, die nur scheinbar hochgelobte, die Welt rettende Projekte sind, geködert und instrumentalisiert. Moderne Frauen, die viel erreicht haben, Karriere machen und den Durchhänger erleben, der bei Männern als „Midlife-Crisis“ bezeichnet wird, ertragen ihre nachlassende Attraktivität nicht. Sie spannen Mädchen vor ihren Karren – unter dem Vorwand eine „Gute Sache“ müsse vorangetrieben werden. Das Gute an der modernen Welt ist nicht der gute Mensch. Es ist das System, das gut ist. Unsere in zwei Weltkriegen leidgeprüften Vorfahren haben uns das hinterlassen. Diese Struktur hat eine gewisse Festigkeit und führt dazu, dass „das Gute“ in der Regel gewinnt.

Der Mensch heute? Ist schwach, böse und schlecht wie immer. Er sehnt sich nach Frieden und kann sich glücklich schätzen, wenn er in einem festen Haus oder stabilen Rechtsstaat, einer gesunden Familie leben darf. Sich das alles selbst zu schaffen, heißt nicht nur, es den Vorbildern abzuschauen, sondern auch zu begreifen und gegebenenfalls hart zu verteidigen, was uns lieb und teuer ist.

# Hollywood, es liefen ständig Western

Nicht nur mit James Stewart. Auch mit John Wayne oder Cooper. Wer ist Clint Eastwood? Heute gibt es neue Filme, und andere Menschen spielen darin, gibt es heute andere Männer? Stewart, ein alter Rancher, das ist so eine Stelle im Film, das erinnere ich: Es ist wohl Thanksgiving oder so. Eine ziemlich große, typisch amerikanische Familie feiert im schon einigermaßen zivilisierten, nur noch wenig wilden Westen.

Eine große Farm. Der Schauspieler Stewart ist hier der Hausherr eines beträchtlichen Anwesens. Auf dem Feld hat er einen amerikanischen Cowboy-Hut auf dem Kopf, aber das ist ein gestandener Mann. Einer der Cow-Boys, ein Junge von achtzehn Jahren, ist in die Tochter des Ranchers verschossen.

Es ist wirklich lang her, und ich habe den Film nicht noch einmal gesehen. Ich fabuliere es dahin: Der Junge; er sei verliebt, bekundet er seinem möglichen Schwiegervater. Um womöglich vorzufühlen, wie die Sache ausgehen könne, wenn er „Betsy“ um „ihre Hand“ fragt? Ich weiß nicht mehr, wie sie hieß.

Der alte James Stewart ist mit was beschäftigt. Ich kenne ihn nur mit dieser gedehnten, langsamen Sprechweise seiner deutschen Synchronstimme. Er schaut zunächst kaum auf. Er törnt was auf an einem Sattel, schmeißt Holzkloben beiseite oder schüttet einen Kübel mit Wasser aus. Daran erinnere ich mich nicht. Er wird nachgedacht haben. Aber statt lamentierte Sätze in den Raum zu stellen, sieht er den Jungen scharf an und sagt hart und betont deutlich: „Liebe! Dummes Zeug.“

Der junge Mann beteuert sein Anliegen wortreich, und natürlich, ich weiß ja nicht, es kann auch der eigene Sohn gewesen sein, und das Mädchen war auf der Farm vom Nachbarn. Und sicher waren es verfeindete Familien, keine Ahnung.

Lang ist es her.

„Ich liebe sie!“, fleht er beinahe, und mit Überzeugung. Jetzt erklärt der Alte: „Als ich Elizabeth, Lizzy – er nennt einen Namen (oder sagt er: deine Mutter?) geheiratet habe“ – er macht eine Pause.

Und der verdutze Junge begreift nicht recht, wie dieser Satz wohl weitergeht. „Heute“, sagt der Alte, nach so vielen Jahren, wüsste er es schließlich … er stößt die Worte nun schroff raus, oder nuschelt er das Folgende nur undeutlich – eventuell mit einer verborgenen Träne, die der andere nicht sehen darf?

Ich erinnere mich nicht.

„Dass ich sie liebe.“

Ich komme drauf, dies hier überhaupt zu schreiben, weil ich gerade auf Youtube: „The funniest Joke I ever heard“ gesehen habe, mit diesem Stewart. In Farbe, 1984 lebte der ja noch. Der Schauspieler erzählt seinen Lieblingswitz.

# Ein altes Ehepaar beim Frühstück

Prächtig aufgefahrene Leckereien, gebratener Schinken, Eier und vieles mehr. Die Alte neigt sich zum lieben Ehemann, schaut forschend, ein wenig boshaft, hat womöglich einen Hintergedanken, fragt: „Was machst du? Es passiert, ich wäre plötzlich tot, sterbe bald – würdest du wiederheiraten?“ Er reagiert ungewöhnlich schroff. „Was soll das jetzt und hier?“ Der Mann ist gereizt: „Ein blödes, finsteres Thema. Es ist ein schöner Morgen, die Sonne bescheint unseren reichlich gedeckten Frühstückstisch, und ich freue mich auf das Ei.“ Margret, so nennt der Schauspieler die Ehefrau im Witz, lässt nicht locker: „John“, sagt sie, „würdest du noch einmal heiraten?“ Der blockt ab, und sie frühstücken. Dieses Thema, an diesem (wunderbaren) Morgen, terrible – furchtbar: „Forget about!“ Darüber will er nicht reden. Abends beginnt sie von neuem. Er geht nicht darauf ein, sie liegen im Bett nebeneinander, und er dreht sich weg: „Nicht. Nicht hier, nicht jetzt und gute Nacht!“ Einige Tage lässt sie nicht locker und fängt wieder damit an: „John, wenn ich vor dir sterbe, heiratest du dann noch einmal eine andere?“ Da, tatsächlich, bekommt sie schließlich eine Antwort, einsilbig: „Ja“, brummt der Ehemann. Sie hat beharrlich noch weitere Fragen. „Und das Haus. Würdest du es verkaufen?“ Er ist erstaunt: „Das Haus? Nein – wieso denn.“

Sie kommt voran, er lässt sich ein …

Sie interessiert sich: „Das Bett. Mein Bett, unser. Das, in dem wir beide schlafen, würdest du es weggeben, verkau-fen?“

„Nein.“

Nein, warum auch – und im Hintergrund lachen bereits einige, weil dieser Jimmy Stewart es so unvergleichlich erzählt.

„Und …?“

Sie will es wissen.

„And my golfclubs, would you let her touch my golfclubs?“

Das ist das Equipment zum Spielen, Tasche mit einem Set, die Schläger, so nennt man es im Sport, nicht etwa die Gebäude, Anlagen, also einige Clubs die sie eventuell besitzt. Unfug – ich habe es gegoogelt (peinlich, ich gebe es zu … mein Englisch ist schlecht).

Translation: „Stick for hitting the ball.“

„Nein“, sagt er, überlegt …

„Nein –

… sie ist linkshändig.“

🙂