Die ersten eigenen Bücher? Karl May. Meine Mutter hat mir abends vorgelesen, nach einem guten Dutzend Seiten einfach mitten drin aufgehört – Winnetou.

Ich wollte wissen …?

„Lies selbst.“

Die Macht der Worte. Ich glaubte alles. Ich glaubte an Henry und den Stutzen, und dass dieses Greenhorn aus Deutschland stark genug war, den verdutzten Büchsenmacher am Kleiderhaken aufzuhängen: „Habt Ihr eine solche Körperkraft!“ Neue Geschichten, ich war süchtig danach. Ein zufälliger Fund in der Bücherei: Mo vom anderen Stern. Die erste Liebe? Ich wollte alles von Astrid Lindgren lesen. Ich liebte das, lebte mich ein: Kalle kombiniert unter dem Birnbaum. Nebenan wohnt Eva-Lotte, singt: „Josefin’, die hat ’ne Nähmaschin’. Wo ist Kleinköping? Ich habe es im Atlas gesucht …

Nach Kalle Blomquist kam Hornblower. Ich fing mit dem „Kapitän“ an, folgte der Reihenfolge, wie Forester seine Bücher schrieb. Die napoleonischen Kriege. Ich segelte weiter, kämpfte mit, stieg die Karriereleiter auf, in die Würde der Admiralität, liebte die pferdegesichtige Barbara, mehr noch Marie und war beim Grafen in Frankreich versteckt. Eine letzte Begegnung mit dem Erzfeind Napoleon. Es interessierte mich: „African Queen“ und andere habe ich ebenfalls gelesen. Im Urlaub in Kärnten entdeckte meine Mutter für mich die „Hotspur“, das schloss eine Lücke in der Chronologie. In „Meine Bücher und ich“ erfuhren wir, dass die ungelenken und linkischen Aktionen des späteren Seehelden am Anfang seiner maritimen Laufbahn, als Fähnrich an Bord der Indefatigable unter Kapitän Pellew, später geschrieben wurden.

Ich verstand, wie Hornblower Maria geheiratet hat, aber nicht warum.

Nelson ließ die Victory schwarz/gelb anmalen. Das waren seine Farben. Nicht alle britischen Schiffe waren gleich? Es scheint, als hätte es noch Freiheit gegeben. Clausewitz hat mit der Romantik aufgeräumt. Der Krieg wurde effizient. Heute sind die Schiffe grau wie das Meer.

Nelson wurde erschossen. „Ankern, Hardy, ankern“, jeder kennt die letzten Worte des Admirals, Trafalgar. Scharfschützen saßen auf dem längsseits treibenden Franzosen. In der Marssaling des Besanmastes hockten sie, mit ihren langen Flinten auf Beute lauernd, geschützt durch das massive Holz und das dichte Gestrüpp der Wanten und hatten gute Sicht auf das Getümmel unten auf dem Deck: „Der mit dem ganzen Gold, das ist der Wichtigste“, werden sie gesagt haben. Horatio Nelson hatte Ratschläge, sich doch unauffällig zu kleiden, als es in die entscheidende Schlacht ging, unwirsch in den Wind geschlagen. Erweiterter Suizid.

Ich habe mich gefragt, warum die französischen Schiffe den englischen glichen? Klar, ein geübtes Seemannsauge konnte schon aus der Distanz Unterschiede bemerken: „Starker Mastfall – das wird ein Froschfresser sein, Sir.“ Aber heute, unsere Fregatten: Es ist wieder ähnlich – die Schiffe der anderen sind nicht Dreimaster geblieben. Wir kämpfen mit denselben Waffen gegeneinander. Die Zeit geht auf der ganzen Welt voran. Alle wichtigen Staaten haben denselben Scheiß.

Darum ist da auch kein verrückter Trump oder gefährlicher Putin, der Chinese, der Erdogan – und bei uns die gute Angela? Das ist zunächst ein Krieg der Worte. Wir füttern uns mit dem, was wir lesen wollen. „Gelenkte Demokratie“ ist unser Schimpfwort. Wir werten uns auf. Bei uns sind die guten, die besseren Demokraten, die richtigen. Vielleicht stimmt es. Sind wir frei? Natürlich, investigativer Journalismus zeigt uns, was fies gelenkt heißt. Ich lebe sehr gern in Deutschland, das gebe ich unumwunden zu. Wir sollten nicht naiv sein: Wir müssen mit unseren Wortfregatten gegen die der anderen mithalten, dürfen nicht langsamer segeln oder weniger Kanonen an Deck stellen.

Auch bei uns wird gelenkt. Niemand möchte Chaos. Wir tragen eine Maske in der Corona, weil der Staat anordnen kann, was sich gut umsetzen lässt. Nützt das? Vielleicht nur ein hilfloser Aktionismus. Die Diskussionen müssen gemäßigt sein. Wir sehen in anderen Ländern den massiven Lockdown. Das Fernsehen zeigt die Katastrophe in ihren Kliniken. Überlastete Ärzte, Pfleger – wir sehen die schlichten Kiefern-Särge, mit den vielen Toten der Pandemie, wie sie in schnell ausgebaggerte Massengräber gestaut werden. Das ist ein Krieg heute und hier. Wir begreifen, dass es bei uns bei weitem nicht so bescheuert zu geht, wie wir dachten. Wir sind weit vorn in der Krise. Der Vergleich zeigt es.

Manche wollen nicht glauben, was das Fernsehen zeigt. Das Internet schürt ihre verschworene, verschrobene Welt, facht eine kollektive Neurose an. Das Misstrauen kommt nicht von ungefähr. Wir fahren nicht nach New York, Moskau oder in den Iran, prüfen selbst nach, wie wahr die Nachrichten sind. Ich habe gern geglaubt, was ich gelesen habe, als Kind. Aber: Karl May war nie Old Shatterhand. Ein paar Dinge müssen wir lernen, ein Wort ist nur ein Wort: Liebe, was soll das sein? Das hat es nie gegeben. Genauso wenig freie Demokratie. Es gibt Freiheit nur in den Grenzen der Beziehung: zum Partner, zum Staat, zur Natur – zu Gott.

Wir sind gemeinsam eine Welt. Das hat Corona gezeigt, es trifft nun zunehmend alle gleichermaßen. Wir halten zusammen dagegen. Greta Thunberg wird noch belächelt? Ein Fehler. Da kommt kein böser Asteroid angeflogen, und die Menschheit schießt dem eine Atomrakete entgegen – das ist ein Film. Was ist denn: „Die Menschheit?“

Zunächst du und ich. Wir sind die Basis einer guten Demokratie. Ein kleines Schlachtfeld. Wenn es die Liebe gäbe, würden sich leicht alle denkbaren Verbindungen ergeben. Wir liebten einander voll und ganz, so wie wir wirklich sind. Wir verstünden uns, liebten wie im Roman, im Traum. Die Erfüllung – am Ende wahr geworden. Es ist aber anders: Was uns fehlt, das lieben wir. Wir erweitern unser Selbst. Wir erleben, sogar nach langen Jahren in einer Beziehung, dass wir einander nicht wirklich kennen. Außerdem fühlen wir uns unverstanden, nicht geliebt dafür, was wir sind. Wir können nie genug Bestätigung bekommen. Wir gehen auf die Suche danach. Wie im Restaurant. Das Leben soll uns bedienen. Wir bestellen ein Luxusmenü: Wenn es schließlich wohlduftend vor uns steht, erinnern wir uns der Speisekarte, wir schauen bereits in diesem Moment, was die anderen gerade bekommen. Ich hätte das Lamm nehmen sollen, nicht die Ente mit Rotkohl. Der Reinfall beim Neuverlieben ist die Projektion unsrer Sehnsucht in das andere Geschlecht. Mann lebt mit Frau, etwa gleiches Alter, ist die Regel. Je mehr die Partner von der Normalität abweichen, desto heftiger der Gegenwind. Im Dorf ist die Provinz, und das ist die Welt im Kleinen: Wenn der Künstler mit einer Studentin los zieht, zerreißt man sich’s Maul. Zu mir hingegen sind sie „meine Freunde“ …

„Das ist so einer.“

Wie verrückt der ist. Apfelfestbomber, Reichsbürger, Gefährder – was können wir aus ihm machen? Das Dorf braucht Schubladen. Worte.

Ein Rumpsteak ist ein Rumpsteak.

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