Kapitulation: Der achte Mai. Der Tag der Befreiung ist heute. Wir erinnern uns. Schon gestern kam es (wieder einmal) im Tageblatt: Ein böses Relikt aus finsterer Nazizeit, ein kriegsverherrlichendes Denkmal ist immer noch da – und eine Initiative hat sich festgebissen, etwas dagegen zu tun. Das Ding steht wie überall, an einer wenig beachteten Stelle, hinter dem Bahnhof oder hinter dem Rathaus oder hinter dem Friedhof. Gefallenen des Ersten Weltkrieges wird gedacht, aber auf die falsche Art, sagt die Initiative. So wie das da stünde, sei es Propaganda für den Krieg. Wenn die Stadt es nicht entferne; wenigstens ein Gegendenkmal müsse her.

Es gibt schon einen Beschluss. Geld müsse fließen, Bildhauer sollen gesucht werden, und der im Wettbewerb Einfallsreichste legt dann los und gibt den Hrdlicka. Die Provinz will auch mal. Natürlich geht das nicht recht in Gang. Kaum jemand interessiert sich dafür, und so schafft es die anklagende Gruppe in die Dorfzeitung. Ein bisschen Anne Frank wollen sie sein, wenigstens das. Corona macht ihnen den letzten Strich durch die Rechnung, in dieser Sache voran zu kommen. Es gibt gerade Wichtigeres, als dafür Geld auszugeben?

Braucht die Kunst eine Initiative, muss eine Vereinigung von besonders guten Menschen einen Auftrag dafür geben? Gunter Demnig hat mit seinen Stolpersteinen gezeigt, dass es eine moderne Kunst gibt, die nicht malt, die wirkt und unsere böse Vergangenheit berührend für jedermann thematisiert. Das Thema der Kunst heute, was kann das sein?

Es soll wirken, wenn ein weltbekannter Gegenwartskünstler Schwimmwesten per Straßenkran an das Brandenburger Tor hängen lässt, von einigen Arbeitern, die ansonsten damit Beton vergießen oder sowas. Es sind Schwimmwesten von Menschen, die über das Mittelmeer aus Afrika geflüchtet sind.

In der Zeitung war ein Foto von einem ertrunkenen Kind am Strand. Das wirkt. Im Januar 2016 stellte der chinesische Künstler Ai Weiwei das Bild von Alan nach, indem er bäuchlings an einem Strand liegend posierte. Wir lernen: Das nennen Menschen Kunst. Nicht alle gehen bei allen Themen mit: Auf der Veddel wurde vergoldet, und das ist umstritten.

Ich war seit dem Fall der Mauer nur wenige Male in Berlin: die Hauptstadt. Es war ja immer Bonn gewesen, ich bin alt. Das Stelenfeld in Berlin ist ein gutes Beispiel dafür, dass ein Foto davon oder ein Bericht, den man darüber liest, nicht dieselbe Wirkung erzielt, wie das Begehen der Klötze selbst.

Ein schöner Tag und laue Luft machen das Kennenlernen der Metropole angenehm. Später Nachmittag, die Sonne steht schon tief. Eine milchige, gelbe Soße ist dieser Himmel über Berlin. Das ist kein Film: Engel sind da oben nicht zu sehen. Unser Bummel durch die neue Hauptstadt neigt sich dem Ende zu. Schon einige Jahre her. Mein Sohn war noch klein, und ich erinnere mich gar nicht genau, wie lange es zurück liegt, dass wir dort waren. Das tut hier nichts zur Sache. Wir laufen so rum, groß ist die Stadt – schau mal, das Kunstwerk, da ist es ja. Graue Betonklötze, und wir dödeln einfach rein. Schnell verliert man sich, biegt links ab oder rechts (anders geht es ja nicht, nur manche Kinder klettern), und die Dinger ragen auch mal auf, dass du nicht recht weißt –

– wo die Familie abgeblieben ist.

Man trifft auf andere, manchmal. Schweigende Begegnungen. Kinder, allein und dann zwei, drei Stück von Fremden, huschen durch. Zwischen den Stelen ist es einsam kühl, und ich bin noch in der touristischen Stimmung eines Bummlers. Das Reden der anderen im Irrgarten, das Lachen der Fange- und Verstecken spielenden Kinder hallt ein wenig nach, undeutliches Gemurmel. Wo meine Frau ist, mein Sohn – ich mache mir wenig Gedanken. Es ist ein schöner Tag, ein Ausflug, wir sind in Berlin!

Wir haben schon Eis gegessen.

Ich gehe so herum, die grauen Betonklötze bilden enge Gassen. Eine Zeitlang kann ich nicht über den Rand der Wände schauen. Kurze Spalten, ganze Wege: Mal biege ich rechts ab, dann wieder links, und eine Zeitlang treffe ich niemand. Ich bin ganz allein, in diesem kalten Beton. Ich höre auch keine Stimmen mehr. Ich denke auch gar nichts mehr. Ich trotte vorwärts.

Wohin?

Dann werden die Kanten zum Himmel wieder niedrig. Ich bin offenbar in westlicher Richtung unterwegs. Es wird hell, als ich schneller gehe, es reicht mir. Ich sehe den schmierigen Himmel des Spätnachmittages, mit seinen warmen Farben und der wässrigen Sonne darin, während die Stelen links und rechts absinken. Aus den monströsen Betonkanten sind niedrige Spielsteine für Kinder, gerade noch führende Wege in einer weiten Fläche geworden, und in einiger Entfernung quert schon eine alltägliche, hauptstädtische Groß-Straße die Szene.

Ich sehe eine Bushaltestelle, Spaziergänger, Touristen und gewöhnliche Stadtbäume im Gegenlicht. Ein warmer Abendhauch berührt jetzt mein Gesicht. Das ist wirklich malerisch schön: Menschen sitzen hier und da, auf einem der nun allmählich abgeflachten, bequemen Elemente der unglaublichen Anlage. So normal. Sie essen einen Snack, Kinder sind wieder reichlich vorhanden. Die kalte Stille der letzten Minuten, was war das? Es ist vorbei. Auch die Geräusche leben wieder auf, Großstadtgeräusche –

– aus einiger Entfernung.

Mir schießen Tränen in die Augen wie ein Wasserfall.

Und ich weiß nicht, woran ich denke. Aber bis heute kann ich mich genau an jeden Moment im Beton exakt erinnern. Ich probiere: Mir fällt nicht ein, warum wir in Berlin waren, wann das war. Und was wir an diesem Tag sonst noch angesehen haben – Sehenswürdigkeiten, wo wir was gegessen haben, unser komplettes Hauptstadtmenue, in welchem Hotel wir waren –

– davon weiß ich nichts mehr.

: