Wer seine Wünsche nicht kennt, stellt irgendwann fest, hat sein Leben verpennt. Natürlich ist es dann zu spät, für einiges jedenfalls. Es heißt bekanntlich, man könne sich immer noch ändern und mit der Umsetzung lang gehegter Träume beginnen. Den eigenen Bedürfnissen nachspüren, dafür ist immer Zeit bis zum Schluss. Aber zur Umsetzung vieler Sachen gibt es eine Zeit im Leben, wann diese geschehen müssen. Einige Menschen scheinen besser organisiert, sind geübt darin, für sich selbst zu sorgen. Man könnte die Gesundheit am Grad der Bewusstheit innerer Bedürfnisse messen, und jeder sollte einen speziellen Zollstock dafür haben. Narren fühlen nicht, meint ein hebräisches Sprichwort. Wie bekommen sie das hin? Das Selbstverständliche misslingt ihnen.

Viele Beispiele des modernen Alltags verstören. Man kann leicht erkennen, dass die Welt nicht ist, wie sie sein sollte. Unser Leben ist nicht nur zwischen der Ukraine und Russland in seiner Stabilität bedroht. Das Coronavirus oder die Klimakatastrophe gefährden unseren Wohlstand oder die Inflation. Wir sollten unser Augenmerk darauf richten, was zwischen uns und den Nachbarn geschieht, damit wir zu denken vermeiden, die Gefahren wären irgendwo, am Rand der Gesellschaft eben. Schuldzuweisungen prägen das Bild wie die Unfähigkeit, die Probleme effektiv anzugehen.

Wir gefallen uns darin, eine Art intellektuelle Brille zu tragen, die unsere Zivilisation als geordnetes Schema darstellt. Das Gegenteil dürfte der Wirklichkeit näher sein. Wir bilden uns nur ein, Dinge zu verstehen, wenn wir zupackende Begriffe nutzen, um eigentlich Unfassbares wegzuerklären. Ein Zerrbild mag uns glauben machen, die sexuellen Abgründe beispielsweise täten sich im Darknet auf und das befände sich woanders. Wiederholt wird berichtet, der Flut von Kinderpornografie im Netz sei nicht beizukommen. Extra Software ist bereits im Einsatz. Diese durchforstet die Daten zunächst, um mit einer Vorauswahl dem zur Auswertung unentbehrlichen Menschen nur relevantes Bildmaterial zuzumuten. Die Jugendlichen selbst seien immer häufiger auch Täter, stellt die Polizei fest. Wen wundert das? Wir belügen uns selbst mit dieser Vorstellung vom Bösen am Rand der Gesellschaft. Da ist kein Rand. Wir sind mittendrin, wenn wir das Unaussprechliche sichtbar machen. Alles andere wäre nur ein Trugbild.

Sich an verbale Konstruktionen zu klammern, kennzeichnet den Menschen, seitdem er sprechen kann, spätestens, seitdem er schreibt. Wir möchten die Welt in Gut und Böse aufteilen. Ich glaube nicht, dass es durch die Gene bestimmt ist, wer zum schlechten Menschen würde. Insofern hat man die Möglichkeit, sein Handeln daraufhin abzuklopfen, wohin die Reise geht. Zusätzlich sollte es gesellschaftlicher Konsens sein und dem einzelnen Mitglied unseres Systems verständlich gemacht werden, dass nicht allen die Reflexion ihrer Aktivitäten gelingt. Einigen Menschen scheint ihre perspektivische Entwicklung weniger wichtig zu sein als anderen. Fairerweise dürften wir verstehen, dass innere Wünsche, ja Bedürfnisse zu bemerken und das Begreifen, ob diese umsetzbar sind, für manche ein Problem sein kann.

Wir rüsten verbal auf. Die Überheblichkeit, wir wären Weltpolizisten in Deutschland, macht vor dem Einzelnen nicht halt, sich auch über die Nächsten nebenan zu erheben. Wir schaffen die verkehrt Dastehenden, die Homophoben, Nichtgenderer, Sexisten oder die, die es versäumten, rechtzeitig die ukrainische Flagge zu hissen, durch die Vorstellung, das Gutsein begriffen zu haben.

# Wir erschaffen die Bösen und welche, die nicht wissen, was sie tun, selbst

Leistung, Bildung und Einbildung prägen unser Menschsein. Wir unterrichten vieles, aber fühlen zu können, ist unser natürliches Erbe. Das überträgt sich für gewöhnlich mit der Muttermilch so nebenbei. Wir üben es nicht im Kurs mit anderen, konzentrieren uns auf Wichtigeres. Die Jugend hat Mathematik, Deutsch und Physik auf dem Stundenplan. Das Wunder der Evolution wird gelehrt, aber unsere Emotion sollte sich von selbst darstellen. Wenn dabei auch manches schiefgeht, sind doch nicht wenige eingebildet auf ihre Bildung und den eigenen Lebenserfolg, als wüssten sie auch, warum ihnen das Leben gelungen ist. Es ist meistens nicht der Fall. Eine zufällig gute Ausgangslage begünstigt das Gefühl von Stärke. Auf anderen Schultern stehend, sich über vermeintliche Versager zu erheben, diese als faul oder krank beiseite zu wischen, verstärkt die Illusion von Größe. Man meint zu wissen, was Erfolg kennzeichnet. Eigentlich sollte niemand ausgegrenzt bleiben vom Wohlstand und Glück. Es werden viele Ratgeber geschrieben, und manche lesen, was drin steht. Das Motto: Einfach nach vorn schauen, dann klappt das mit dem Leben! Das Bild stören noch Manager, die bis gestern als Leistungsträger gefeiert wurden, sich durch positives Denken hervorgetan haben und dann im Burnout weg vom Fenster sind. Macht nichts? Ja, sie kommen zurück. Menschen mit Lebenserfahrung stehen nach einem Fehlschlag wieder auf. Auch Jugendliche, die – in der Schule auffällig – Probleme machen, können in eine gute Spur gebracht werden. Man lehrt sie, was die anderen von Natur aus hinbekommen. Wir sind besser geworden, natürliche Abläufe zu analysieren und haben spezielles Training entwickelt, anderen zu helfen.

Die große Gruppe psychisch kranker Menschen, die nicht eigenverantwortlich und integriert leben können, allenfalls betreut klar kommen, bleibt ein Problem für unsere Zivilisation. Diese Unglücklichen hatten zunächst einen unauffälligen Start. Das sind weder diejenigen, die schon als Kinder schwierig waren, noch Deprimierte in Midlifecrisis oder Frauen, welche eine Depression nach der Schwangerschaft ausleben. Es sind keine, die mit ihrer Haschpsychose kämpfen. Auch Patienten mit Delir, die eine ganze Intensivstation beschäftigen, nach einer gewöhnlichen Operation, finden leicht zurück in ihr altes Leben, wie etwa der Professor, der (noch einmal jung) im Liebeswahn durchknallt. Auch dieser regeneriert sich womöglich bald. Wir sollten demütig vor unserer eigenen Natur bleiben, die das Leben prägt, dankbar für Gesundheit als Geschenk. Jedes Gehirn ist unter bestimmten Umständen anfällig für einen Ausnahmezustand.

Langfristig Kranke jedoch sind anders. Sie finden scheinbar keinen Ausgang aus ihrer kleinen Welt voller Probleme. Diese Bemitleidenswerten wiederholen sich ihr ganzes Dasein lang. Schubweise eskalierend, geraten sie in Not oder sind latent psychisch krank. Sie scheinen ihr Gehirn dauerhaft kaputtgespielt zu haben? Eine nicht kleine Gruppe in unserer Gesellschaft entwickelt ihre psychische Krankheit zu Beginn des Lebens, aber anschließend der Ausbildung. Das Bedenkliche ist wohl darin zu sehen, dass diese Menschen zwar den Anforderungen der Schule genügten, aber nie selbstständig geworden sind. Sie werden nicht rechtzeitig als labil bemerkt, dass ihre Fehler möglicherweise korrigiert würden. Es sind keine Menschen, die in ihr altes Leben zurückfinden. Dort ist nichts. Sie haben quasi nie gelebt. Jedenfalls nicht eigenverantwortlich. Als Kind handelt man nicht selbstbestimmt, lebt bei Eltern, in Obhut. Anders läuft es, wenn Sternekoch Tim Mälzer seinen Burnout bekommt. Er ist anschließend bald wieder am Herd und lässt nichts mehr anbrennen.

# Man schreibt ein Buch, nimmt’s leicht

Überhebliche sollten bedenken, dass ein Narr zu sein, kein Merkmal vorbestimmter Gene ist, dieses Schicksal zu erleiden. Erziehung schließt mit ein, falsches Handeln weiterzugeben oder den Weg dafür zu bahnen, Fluchten zu öffnen, die später das Abseits bedeuten. Fehler im Entwicklungsprozess sind nicht auf denjenigen beschränkt, der diese begeht. Ein junger Mensch lernt von seiner Umgebung und bringt sich zunehmend selbst das gewünschte Verhalten bei. Das Ziel, wie sich’s gehöre und unser Empfinden, was uns gut tut, sollte Kinder im gesunden Verhältnis wachsen lassen.

Wir sind als Gesellschaft dafür anfällig, Menschen mit Geld, reichlich Besitz und entsprechendem Erfolg hohe Wertschätzung entgegenzubringen. Konsum, Perfektion und Leistung stehen auf dem Wunschzettel. Wir laufen deswegen Gefahr (und zusätzlich, weil wir alles tun, moralische Ansprüche zu erheben), immer mehr Mitgliedern des Systems individuelle Bedürfnisse auszureden. Diese Wünsche, Träume und ganz persönliche Ansprüche ans Glück können nur mit Geschick, aber nicht mit Gewalt und schon gar nicht unerkannt befriedigt werden. Wir müssen merken, was wir möchten. Ist zu sein wie die anderen unser Ziel? Manche trauen sich nicht, diese Frage zu stellen. Deswegen erschafft eine perfekt erscheinende Zivilisation wie nebenbei Menschen, denen der Zugang zum natürlichen Selbst verstellt ist. Hier geht es weniger um zutreffende Schuldzuweisungen, die helfen würden, das Problem lösen zu können, sondern die Einsicht und Lernfähigkeit der Protagonisten in einem vertrackten Theater zu beleben. Emotionale Intelligenz sollte an der Schule unterrichtet werden.

Es dürfte auch welche treffen, psychisch krank zu werden, die sich sicher waren, das Leben begriffen zu haben? Oder das Übel kommt von hintenrum ins Haus. So kann es mit dem eigenen Kind passieren, dass dieses nicht drogensüchtig würde, wofür man als Eltern bekanntlich wenig belangt wird, sondern psychotisch. Und dann bist du dran, als Papa oder Mama. Die Eltern mit einem behinderten Kind werden bedauert. Hat man aber eines, das im Kopf krank ist, schlägt der Tratsch darüber, woran es liegt, voll auf die Eltern durch.

# Nicht ohne Grund?

Normalerweise lernen junge Menschen, sich zurechtzufinden. Mit Hilfe der Eltern, begreifen Kinder Gefahren und angenehme Momente einzuordnen. Die Straße ist gefährlich, der Herd ist heiß, im Winter muss man warme Sachen anziehen, das ist unbequem. Ein kratzender Pullover, muss das sein? Eis essen macht Spaß, schaukeln im Garten ist toll. Fein ist es, zu kuscheln! Das Kind schmiegt sich gern an die Brust. Sie duftet nach Mama und ist so weich. Gut möglich, dass es erbliche Störungen gibt und manche Kinder nur bedingt aufnahmefähig sind, aber die Mehrheit entwickelt sich normal. Das Problem des Erwachsenen ist weniger ein Mangel an Normalität, sondern die Bandbreite möglichen Funktionierens in einer Umgebung, der es genügt, wenn man nicht stört. Erziehung ähnelt anfangs der Dressur, wo Tiere in Abhängigkeit gehalten werden, weil Kinder notwendigerweise Zeit benötigen, bis sie allein klarkommen. Manche halten sich einen Hund, aber ein Kind entwickelt sich. Der Hund wird immer Haustier bleiben, während wir unseren Sprössling beim Erwachsenwerden begleiten und selbst immer mehr zurücktreten.

Die Pubertät ist nicht einfach. Dabei spielt das unbewusste Hinterfragen der eigenen Perspektive eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die integrierten Erwachsenen leben aktuell die Möglichkeiten vor und entwerfen unser Bild, was kommen wird, fordern den Nachwuchs. Jugendliche mit psychischen Auffälligkeiten beobachtet man jetzt häufiger. Man probiert, ihnen frühzeitig zu helfen. Je schneller das gelingt, desto besser! Sonderlinge werden auch ausgegrenzt. Das bedeutet, wer psychisch krank ist, hat es doppelt schwer. Hilfe bei normalen Krankheiten ist selbstverständlich wie die Anteilnahme. Das soziale Stigma trifft diejenigen, die wir zwar bedauern, aber gleichwohl nicht begreifen. Sie verstören uns, wir fürchten selbst die Kontrolle zu verlieren, im Umfeld von Menschen, die sich und ihr Leben nicht im Griff haben. Wir erleben als Gesellschaft psychische Erkrankungen in allen Altersstufen.

Bitter erwischt werden Heranwachsende, die zunächst gut vorankommen und erst während einer Ausbildung oder kurz darauf krank werden. Gute Schulnoten und soziale Bindungen meinte man zu erkennen. Was sollte schiefgehen? Die Familie, Lehrer in der Schule und die Freunde haben nicht damit gerechnet. Es ist gar nicht selten, dass ein hoffnungsfroh gestartetes Leben scheinbar überraschend und jäh aus der Bahn gerät. Die Einweisung in eine Klinik erfolgt zwingend. Die Ärzte versuchen sich in Diagnosen, übernehmen die Kontrolle, während die Eltern hilflos mit ansehen, dass ihr Kind es allein nicht schafft. Gut möglich, dass sie selbst es waren, die eine Scheinwelt aufgebaut haben. Das ändert nicht, dass solche Eltern nicht verstehen, sich zu ändern, noch rückgängig machen könnten, wie es war, als Kind mit ihnen aufzuwachsen. Das System der Familie scheint insgesamt zu scheitern. Ihr kranker, aus seiner Lebensbahn entgleister Sohn oder die Tochter ist nicht isoliert betroffen. Nachbarn bekommen was mit. Die jungen Patienten begreifen kaum, was nun alles geschieht. Da scheint es für die Gestrauchelten schwierig, noch eine normale Karriere im Beruf oder emotional stärkende Partnerschaften hinzubekommen. Das zu ermöglichen, ist eine Herausforderung für Helfende. Nicht selten ist der aufgesuchte Arzt mit dieser Aufgabe überfordert. Nur die Symptome können gebessert werden, und man hofft, die Sache wachse sich noch zurecht mit dem Erwachsenwerden. Die anderen warten aber nicht darauf, bis Nachzügler integriert sind.

Die Menschen nehmen andere, wie sie jetzt sind und nicht so, wie sie sein könnten, wenn man ihnen eine Chance böte, Defizite aufzuholen. Die Gesamtheit der anderen stellt den Einzelnen vor ein Problem, solange er darin einen Block oder die geschlossene Mauer begreift. Das ist ein gegenseitiges Problem. Wenn jemand um Einlass bittet, wo die Türen bereits weit geöffnet stehen, werden Fremde misstrauisch und schließen die Pforte. Normale sind smart. Die Lebensgewandten rennen weder gegen die Wand, wenn anderswo das Tor zur Burg geöffnet ist, die Zugbrücke Händlern, Reisenden den Weg ebnet, sie gleiten mit hinein, noch schlagen kluge Menschen unnötigerweise den Wachmann tot, nur weil dieser grimmig ausschaut. Ein in der Selbstwahrnehmung gestörter Mensch ist nicht in der Lage, andere als Individuen zu erkennen. Ein Wald besteht aus Bäumen, eine Mauer aus lösbaren Steinen, sie könnte alternativ umgangen, überklettert werden. Da müsste eine Brücke sein, die Gesellschaft hat eine Tür, andere aufzunehmen? Dafür muss der Einzelne aber etwas merken und bemerken können, und Narren fühlen ja nicht.

# Alle, die scheinbar nicht wie die Mehrheit sind, bekommen das zu spüren

Als die Leute mehrheitlich gegen Corona geimpft waren, beispielsweise, kippte die Stimmung im Land. Von diesem Zeitpunkt an wurde gesellschaftlicher Druck auf Ungeimpfte spürbar. Nicht erwünscht sind Menschen, deren Verhalten unerwartet Probleme macht. Die breite Masse hält sich für gleich und verlangt, dass andere nicht nur die Gesetze, sondern auch ungeschriebene Regeln einhalten. Möglicherweise Andersartige stempelt der Mainstream ab. Die moderne Gesellschaft gibt sich gern weltoffen. Aber unter dem Deckmantel unseres stabilen Systems brodelt es. Wir wissen, dass Ausländer unter Anfeindungen zu leiden haben. Wir haben mitbekommen, dass homophobe Reaktionen für einige problematisch sind. Religionszugehörigkeit ist ebenso ein Thema, das polarisiert. Wer bereits eine Gefängnisstrafe im Lebenslauf hat, wird manches schwierig finden, und die Reintegration solcher Menschen bedeutet auch für die Gesellschaft eine Aufgabe und nicht zuletzt ein Problem. Kinder sollten durch ihr Aufwachsen in Familie, Schule und Ausbildung übergangslos integriert sein. Nicht immer klappt es. Oft bleiben Menschen hinter ihren Möglichkeiten zurück.

Besondere Schwierigkeiten entstehen, wenn psychisch Kranke integriert werden müssen. Unsere Bemühungen in dieser Sache sind daran ausgerichtet, wer betroffen, wie die Diagnose und damit die Entwicklung einzuschätzen ist. Dazu kommt die Eigeninitiative von Erkrankten als ein schwer kalkulierbarer Faktor, sowie die unterschiedliche Qualität der Betreuer, sich um Auffällige zu kümmern. Unser Netz sollte problematische Menschen auffangen, tut es oft nicht, sondern fängt diese nur ein, schafft weitere Probleme und verewigt das Leid.

# Bloßes Abfischen der Störer …

… bedeutet noch nicht die Integration von verstörten Menschen. Das wäre nötig, eine kritische Masse von vornherein klein zu halten und diese Menschen zu respektieren, als welche, die von den Gesunden so nebenbei verstört wurden. Es wäre die Pflicht der Starken, andere nicht kaputtzumachen, sondern im Boot mitzunehmen. Viele Gruppen bilden einen kämpferischen Verband. Das irritiert diejenigen, die das nicht können. Sie sind Menschen, die nicht lernten, selbst zu denken. Sie sind nicht schwul. Sie wollen kein Recht auf Abtreibung. Es sind nicht rassistisch angefeindete Ausländer, keine, die sich leicht mal solidarisch aneinanderbinden. Da ist keine Religion, der sie vernünftigerweise anhängen, allenfalls einem Hassprediger folgen diese Menschen. Der moderne Staatsfeind ist kein Kommunist. Das ist kein rechter Nazi, dazu ist der aktuelle Querulant zu diffus verordnet. Dieser Typus ist gegen alles, scheinbar faul und ziemlich orientierungslos. Dieses sozialschwache Unkraut, wie es dem Nützlichen erscheint, läuft heute mit den einen, morgen mit anderen – und ist genaugenommen psychisch krank. Die diffuse Gruppe Auffälliger wie auch still Leidender mit ihren verschiedenen Störungen zusammengenommen, bedeuten einen anwachsenden Block innerhalb der Gesamtheit der Leistungsträger, die wir mitnehmen müssen. Das sind Menschen, denen der normale Lebensentwurf einerseits zu Recht suspekt ist und dem sie auf der anderen Seite neidvoll hinterherlaufen.

Menschen, die einen funktionalen Gegenentwurf leben und deswegen den Mainstream ablehnen, sind selten. Ich bin tatsächlich einer von ihnen. Ich zähle mich zu denen, die scheiterten und es schließlich noch schafften, aus dem Schaden zu lernen, mit vorhandenem Material ein neues Lebensgebäude zu zimmern. Aber, ich muss mich nicht neu erfinden. Sprüche sind etwas für Idioten, die nur so tun als ob. Es bedeutet mir keinen modischen Einfall, endlich zu Pinsel und Farbe zu greifen, nachdem ich Verschiedenes probierte. Ich bin kein Spätberufener. Mein Lebenswerk kann sich sehen lassen, ich jedenfalls bin stolz auf ein umfangreiches Œuvre. Es entspricht keinesfalls der typischen Sehgewohnheit und ist, was ich so hinbekomme. Ich bilde mir wenig darauf ein, einen Platz in der großen Kunst zu verdienen, weiß jedoch genau, wie viel ich mich selbst änderte, seitdem ich kreativ bin. Mein Stolz begründet sich scheinbar, und ich weiß nicht, ob das anerkannt wird, in nicht zu bestreitender Individualität. So, wie ich heute arbeite, konnte ich anfangs nicht einmal denken, dies in vergleichbarer Weise zu tun. Meine Kunst ist brotlos! Gut möglich, dass ich erhebliches Potential verschenke und weitaus besser sein könnte? Man müsste die anderen offensiv damit konfrontieren, um das herauszufinden und würde sich im Austausch mit Rezipienten unzweifelhaft steigern. Ich entferne mich von ihnen, verschenke Tage, werfe mein Leben bewusst fort, den möglichen Erfolg, um eine künstlerische Zukunft inklusive Anerkennung vom Ansatz her zu zerstören. Ich möchte meinen Zorn behalten. Das ist die Motivation.

Die Bilder, meine Texte, damit verdiene ich weder Geld, noch bekomme ich Anerkennung. Ich kann das einfach nicht. Frustration treibt mich ins Abseits. Ich stelle mich schon durch meine Motivwahl gegen die Erwartungen, kümmere mich nicht um etwaiges Vorankommen. Ich nehme mir keine Zeit für Kollegen, die bewundernswert arbeiten oder echte Sammler, Galeristen mit kreativen Verstand, obgleich ich überzeugt bin, dass sie existieren. Es gibt so aufregende und faszinierende Kunst, das bemerke ich zufällig, wenn ich auf etwas stoße, das ganz aktuell ist und mich tief berührt. Ich gehe dann sofort davon weg und probiere, mich mit anderem zu beschäftigen. Ich schaue es mir nicht an.

Ich denke an meine „Kunstfreundin“, wie sie mitgegangen ist bei den Dummen und empfinde in so einem Moment, dass ich nie wieder aktiv Teil meiner Träume sein will. Ich möchte mir einen Schatz der Erinnerung bewahren. Da gibt es keine Zukunft, die sein könnte, was ich verpasste, weil ich nichts merkte. Sie war die mögliche Vergangenheit, ein Modell davon, um zu verstehen, was hätte sein können. Eine Vision zu kennen und die Vernunft zu besitzen, auf diesen Traum verzichten zu können, ist wohl mehr, als ein verstörter Mann erwarten kann, noch zu begreifen. Dafür gibt es keine Pille. Nur ich selbst weiß, dass ich weit ging, um dieses Geschenk annehmen zu können. Ich fühle Frust, und das ist ein Schatz wie für andere das Geld, die Liebe, was weiß ich? Ein klebriger Brei konnte alles überfluten, zutünchen und mit Schmutz bedecken, woran ich glaubte.

# Da kommt der Cotton-Knüppel!

So meinen Zehnjährige etwa, wenn sie mich sehen? Das hörte ich. Ich habe es auf mich bezogen. „Mögen Sie Schwänze?“ fragen sie mich am Schulgelände, wenn ich mit Einkäufen dort lang gehe. Das sind Kinder. Ich gehe nicht mehr zum Jazz. Der Cotton-Club ist ein Musikkeller in Hamburg und der Ort vieler Erinnerungen für mich. Gut möglich, dass es als Begegnungsstätte für einige taugte, mit mir ganz persönlich ein Theater zu inszenieren, das meine Bekanntheit über Schenefeld hinaus auf unliebsame Weise vergrößert hat. Corona macht es leicht, auf Kellerromantik zu verzichten. Es gibt Musikkonserven, ohne dass man eine Platte kaufen müsste. Keine Livemusik mehr, keine Party, nie in eine Ausstellung, das ist die Bedingung und der Preis, den ich zahle für meine Abgrenzung. Menschen wirken nur zu oft uniform auf mich oder pseudo-individuell. Darauf darf man sich nicht einlassen. Ich sehe den Wald, aber keine Bäume.

Es geht auf und ab. Gute und schlechte Tage, jeder kennt es. Ich war neurotisch, jahrelang. Es war nötig zu bemerken, dass andere mich vorführen, ausspionieren und verarschen wollten. Ich machte ja auch Fehler im Leben und biete Angriffsflächen. Sie hatten ihren Spaß. Falsche Freunde, und meine Familie war scharf auf das Erbe, nachdem meine Eltern gestorben sind. Das Geld macht Menschen widerlich. Alles kam zusammen, man muss nicht paranoid sein, wenn es echte Gegner gibt. Heute ist es besser. Ich bin nicht unbekannt im Dorf, aber vielfach akzeptiert, und die Reaktionen gefallen mir nicht selten. Das sollte man schon schreiben. Es ist nicht alles schlecht. Heute winken mir unbekannte Menschen fröhlich zu, wenn ich mit meinem Fisch nach Haus spaziere. Du kannst nicht zurück im Leben, aber Frieden schließen mit früher. Fröhlichkeit lässt sich teilen. Bin ich der Narr von Schenefeld? Weiß ich ja nicht.

Ich habe Freunde, das genügt; keine Follower. Und ich laufe bestimmt nicht quer. Ich halte Kurs. Kein Wunder, dass es immer wieder Ärger gibt, mit manchen, die sich für besser halten. Ich wundere mich nicht darüber, bin in solchen Momenten frustriert und schöpfe Kraft aus meiner Unfähigkeit, elegante Integration hinzubekommen. So habe ich mein Thema gefunden. Echte und damit individuelle Vielfalt gefällt mir. Ich möchte meinen eigenen Ideen folgen, mag nicht verschworen, quer demonstrieren (oder modisch queer in einer Parade mitlaufen). Warum solidarische Klumpen formen, Lichterketten halten, irgendwo mit dabei sein, nur weil’s scheinbar gut wirkt? Ich fühle nicht mit und käme mir unehrlich vor. „Not me!“ statt MeToo, so geht es mir regelmäßig.

# Achtung, Satire!

Es war nötig, Donald Trump bescheuert zu finden, hauptsächlich, um dabei zu sein, mitzureden. Keiner fragt heute noch, was der macht. Und Trump selbst interessiert nicht, was man in Deutschland von ihm hält. Jahre zuvor hieß der Böse unserer Medien noch Berlusconi, ständig regte man sich auf. Der neue Blödmann ist Gerhard Schröder. Wichtiger ist die Pandemie. Ein Thema für alle, aber Corona macht allmählich schlapp, das ist eine gute Nachricht. Wir werden es vergessen wie Aids. Die Menschen schimpften auf Kampfhunde, dann gegen rassistische Polizeigewalt: „Can’t breathe!“ Man positionierte sich für oder gegen Greta. Das hat an Bedeutung verloren. Obwohl diese Themen noch aktuell sind. Ist die Wirtschaft von Griechenland und Italien tatsächlich gerettet? Ich habe es nicht mitbekommen. Eine Zeitlang wurde nur davon geredet. Hakenkreuze auf Fahnen sind inzwischen verboten? In den wenigen Farbfilmen von damals sieht man, das war mehr als eine Mode. Ein Meer aus roten Fahnen, und die Masse grölt, streckt den Arm gerade hoch, fordert den totalen Krieg. Was haben die Leute Adolf Hitler bejubelt, unglaublich. Schwule Schwänze oder Frieden für alle, was sagt uns noch gleich Regenbogenfahne? Vergessen. Wie schnell diese blau-gelben Wimpel überall hingehängt wurden!

Es wird eine Zeit kommen, in der wir nicht mehr wissen, wie die Farben der Ukraine sind.

# Ich möchte nicht dazugehören

Unsere Politik gibt sich gern menschlich. Putin sei böse, wir stehen zusammen und so was wird gesagt. Im Inneren brodelt es durchaus. Nur ein bisschen? Wir haben keine Lügenpresse, aber ein Problem mit vielen, die das postulieren und davon überzeugt sind. Natürlich, Belarus ist fies, viel schlimmer ist diese Regierung dort als unsere. Das waren keine gefakten Bilder nach der angeblichen Wiederwahl von Präsident Lukaschenko, das glaube ich. China und Russland bilden menschenverachtende Systeme. Selbstverständlich unterdrückt Präsident Putin die Meinungsfreiheit. Aber, das tun unsere Politiker auch. Sie kommen nur nicht so weit. Das sind hilflose Zuckungen, Probierbewegungen, im Vergleich zu dem, was der russische Präsident oder der in China hinbekommen. Es gibt nirgendwo auf der Welt gute oder faire Politik. Dies wird nur behauptet von denen, die unsere Gesellschaft zu steuern versuchen. Darum haben wir eine Opposition. Die Polizei, wie sie auf die Demonstranten einknüppelt, irgendwo in einem totalitären System, das dazugerufene Militär, wie wir das im Fernsehen sehen, das sind Menschen, die gegen ihresgleichen vorgehen. Und bei uns leben genauso Menschen; das soll heißen, unsere Polizei und unsere Soldaten wären nicht besser unter entsprechenden Bedingungen. Uns trennt nur die Funktionalität des gesamten Landes von den Zuständen im Unrechtsstaat. Die Menschen sind überall gleich. Politiker pauschal abzustrafen, durch verbalisierte Blockade des Staates, hilft wenig. Es ist eben nicht einfach, ein gutes System zu pflegen. Unser Rechtsstaat ist einer der besten. Wenn Menschen wie ich zum Beispiel nicht mehr zur Wahl gehen, schaden sie sich letztlich selbst, durch ihre scheinbar sinnlose Bockigkeit. Ich weiß das. Es sind die direkten, menschlichen Abgründe, aus denen ich kletterte, und deswegen bin ich frustriert. Das ist der Grund, warum ich staatsfeindlich empfinde. Da bin ich nicht der Einzige.

Der Fisch stinkt vom Kopf. Das bedeutet, die Zentrale trägt die Verantwortung für das Ganze. In einer Demokratie wählen die Menschen ihren Fischkopf selbst. Sind sie dann als Basis schuld, wenn das System in Schieflage gerät? Ein Schwarzer-Peter-Spiel nimmt an Fahrt auf. Da ist auf der einen Seite der Staat und seine Ordnungskräfte, die eine zunehmende Aggression bemerken. Die Wütenden sehen die Schuld umgekehrt in der Gängelung durch unsere Regierung. Ihre beschnittene Freiheit erkennen viele als unnötigen Akt von Staatsgewalt. Sie verweisen mit selbstgedrehten Videos auf die Brutalität von vermummten Polizisten, die mit Schlagstöcken oder motorisiert mit panzerähnlichen Fahrzeugen unterwegs sind und brutalen Wasserwerfern, die gegen Demonstranten vorgehen. Die Staatsschützer und Polizisten zeigen mahnend mit dem Finger auf Extreme, die längst nicht mehr ein schmaler Rand sind und rechts oder links außen der Mitte Ärger machen. Sie fordern die Ausweitung ihrer Befugnisse, die der anderen Seite bereits viel zu umfangreich sind. Wir begreifen, das moderne Bild vom Chaos bedeutet scheinbar die Zersetzung von innen heraus. Das Zentrum ist ein löchriger Käse. Das vertraute Bild vom Hufeisen mit den extremen, gegensätzlichen Spitzen täuscht darüber hinweg, dass der scheinbar starke Bogen unseres Magneten befallen ist und dort, statt auf die Pole beschränkt, seine Metastasen züchtet. Der aktuelle Querkopf hält sich nicht an das klassische Verständnis Antifa gegen rechts. Aggressive gibt es überall, auch bei der Polizei. Im reichen Deutschland zeigt eine trotzige Masse mit dem Stinkefinger auf die selbstgewählte Politik als einen dummen Haufen. Schuldzuweisungen prägen das Bild einer Gesellschaft, der es im weltweiten Vergleich einfach nur zu gut geht. Wer Schuld ist, verliert an Bedeutung, wenn das Land im Ganzen aus der Kontrolle gerät. Mitlaufen zur Mehrheit bekommt den Charakter einer Meute von Passagieren, die wechselseitig geschlossen von Backbord nach Steuerbord stürmt, bis der Kahn kentert.

# Neue Ängste rühren auf

Alles könnte teurer werden, das Klima wird kollabieren, Chaostage dürften die Regel sein, wenn der Staat nicht gegensteuert usw. – das droht der Wohlstandsgesellschaft. Ehrlicherweise könnten wir bemerken, dass wir, als die Reichen, bereits seit Jahren auf ärmeren Ländern herumtreten und es auch innerhalb Deutschlands nicht vermeiden, Schwache fertigzumachen. Zu Recht weist der russische Präsident und sein Außenminister auf die Verlogenheit des Westens hin. Natürlich wird in der Ukraine ein Stellvertreterkrieg geführt. Und ja, unser Altkanzler Schröder tut gut daran, seine Position erstmal zu rechtfertigen. Weiche Eier sind bereits genügend vorhanden. Der Altkanzler ist bereit, Nachteile in Kauf zu nehmen, geht eben später vom sinkenden Schiff – oder gar nicht.

Gutmenschen, die alles besser wissen, sind mir suspekt. Wir geben uns sozial, sind es oft nicht. Die Leistung und die gewohnte Perfektion geben einen hohen Standard vor, den Einzelne erreichen möchten, wenn sie ihn noch nicht ihr Eigen nennen, weil sie jung sind oder der Level gehalten werden muss, wenn eine bestehende Verbindung Probleme bekommt. Jede Gesellschaft übt durch den Konsens mehrheitlicher Werte Druck auf ihre Mitglieder aus. Wenn wir als Europäer beispielsweise in China leben möchten, werden wir manches anders finden, das dort aber als richtig gilt. Eine steinzeitliche Sippe müsste ihre Form in bestimmten Gebräuchen gehabt haben, auch wenn wir darüber kaum informiert sind. Das Mittelalter kannte seinen Kodex, wie es richtig gehöre zu sein, und wir im Westen interpretieren Identität und freiheitliche Werte auf andere Weise als die Russen. Jede Familie bildet bereits eine Gruppe mit ihren typischen Regeln.

Zu lehren wäre, Schwäche zuzugeben. Das stünde auch Wladimir Putin gut zu Gesicht. Er könnte sagen: „Ich habe einen Fehler gemacht. Wir sind zu weit gegangen. Dieser Krieg ist falsch, dumm, und nun beenden wir das Ganze – ohne irgendeinen Erfolg.“ Selenskyj könnte gleichwohl kapitulieren und ebenso Leid beenden. Wir machen es uns leicht, gerade stark zu empfinden als Weltpolizist. Wer in der Ukraine lebt und nicht politisch empfindet, dürfte vollkommene Machtlosigkeit erleben. Wenn alles kaputt ist, werden wir eine wahrhaftigere Welt aufbauen als die jetzige.

# Das einzig Richtige ist vollkommener Blödsinn?

Niemand glaubt ernsthaft, dass Putin sein Ziel, in der Ukraine zu siegen aufgibt. Der russische Präsident definiert das gewünschte Ergebnis um, falls dieser Sieg zu schmal wirken sollte. Die prorussischen Gebiete im Osten zu bekommen, gilt westlichen Beobachtern als Minimalziel, andernfalls erlebte Wladimir Putin den politischen Tod. So bewertet es aktuell ein Nachrichtensender. Das Interessante daran ist wohl die ambivalente Stabilität seiner Führungsposition. Während wir dem demokratisch gewählten Kanzler Olaf Scholz Führungsschwäche vorwerfen, stellen wir Russland gern als unmündig in der Hand seines Präsidenten dar, der allein schuld ist. Nicht nur der Druck aus dem Westen, auch Bestrebungen in Russland selbst, dagegenzuhalten, werden den Angriff provoziert haben und Putin ist mitnichten der einzelne Mensch als isolierter Kriegstreiber, dem es mal so gefällt zu ballern. Das kann so nicht stimmen, denn erhebliche wirtschaftliche und menschliche Schicksale werden berührt, wenn dieses Russland in seinen Krieg zieht.

Wir können laienhaft kaum beurteilen, wem letztlich am Wichtigsten ist, hier Krieg zu führen und worin eigentlich begründet seine Ziele liegen. (Das sind die Ansichten eines Künstlers, der bevorzugt Nackte malt). Ich denke, man darf vorsichtig sein und offizielle Verlautbarungen aller Positionen kritisch betrachten. Die Macht des Präsidenten ist sehr wohl mit dem Erfolg der militärischen Spezialoperation untrennbar verbunden. Damit kann man schlussfolgern, dass die Russen nicht einfach schlecht informiert mitlaufen, wie das möglicherweise im breiten Volk tatsächlich geschieht, sondern ein handlungsfähiger Apparat mit Galionsfigur Putin die Ukraine attackiert. Nicht nur ein Führungszirkel wie es gern heißt, sondern umfangreiche Strukturen dürften ihre Interessen gelten machen. Der russische Präsident kann wohl keine Marionette sein und ist doch direkt an seinen nötigen Erfolg gebunden wie jeder andere Staatenlenker oder Manager, der Boss im Clan oder Syndikat. Wir sollten vorsichtig sein, was die alleinige Verantwortlichkeit Putins betrifft und dem System zutrauen, dass auch eine Autokratie nicht als One-Man-Show daherkommt. Deswegen und gerade, weil es absolut undenkbar erscheint, dass die beiden Präsidenten Putin und Selenskyj morgen oder so im Alleingang verkündeten, spontan jegliche kriegerische Handlung zu stoppen, weil nur so ein furchtbar unnötiges Blutvergießen beendet würde, darf man sicher sein, als kompletter Narr dazustehen, verlangte man es (oder glaubte wirklich dran, es geschähe nächste Woche). Das tut schon weh, finde ich.

# Die Menschen behaupten nur, gut zu sein

Wir sind gegen Ausgrenzung, lehren, keine Vorurteile zu hegen. Trotzdem schaffen wir ein Schubladensystem. Eine Kommode mit festen Unterteilungen. Und dann wollen wir doch wieder alles durchmischen und infizieren das Ganze mit Holzwurm. Die Ordentlichkeit, mal gepflegt eine Lade rauszuziehen und hineinzuschauen, lässt sich niemand gefallen, der unfreiwillig hineingesperrt wurde. Der verdeckte Informant hat Hochkonjunktur. Die offene Polizei erlebt verbreitet nie gekannte, verbale Angriffe, allein deswegen, weil die Beamten durch ihre Uniform und Ausstattung kenntlich sind, scheinbar eine Projektionsfläche darstellen. Alle, die davon mitbekommen, wenn jemand austickt, werden den Querulanten, wenn es etwa ein Nachbar ist, der pöbelt, weiter ausgrenzen. Es scheint vergnüglich, unnötigerweise Druck auszuüben und den Anteil der polizeibekannten Spinner auf diese Weise zu erhöhen. Hier arbeiten welche (die sich für klug halten) mit, andere dumm zu machen, ja böse, die bislang noch als verwirrt gelten könnten. Eine neue Qualität von Staatsfeinden ist der Querdenker-Szene erwachsen, sagen die, die es zu regulieren haben, den Kopf hinhalten müssen, wenn es zur Eskalation kommt. Die Polizei beginnt in Teilen, die Nerven zu verlieren. Einige Beamte schlagen zu. Manche heimliche Chatgruppe wird aufgedeckt. Das sind Polizisten, die radikal denken, für den Erhalt der Ordnung auch mal den eigenen Rahmen übertreten. Man beschwichtigt, es mit Einzelfällen zu tun zu haben.

# Der Narr spricht’s aus, die anderen halten den Mund

In einer unübersichtlichen Fake-Welt behalten diejenigen den Durchblick, die von den Auskennern des Systems belächelt werden. Kreative dürfen den Ameisenhaufen von außen darstellen. Die Arbeiter:innen laufen nur ihre bekannten Straßen rauf und runter. Ich würde sagen, ein gefährlicher Prozess innerer Zersetzung nimmt Fahrt auf. Unser Wohlstand ist in Gefahr, ist der eigentliche Grund. Unsere Werte können nicht gehalten werden, wenn welche hinter die Fassade schauen und die sauberen Westen der Gutmenschen Dreck verbergen. Der Staat nennt es Transparenz, sensible Daten habe man im Blick, ermittelt verdeckt das Böse. Der große Lauschangriff als Rohrkrepierer, nackte Kanone. Man kommt nicht offen: „Ich bin der Kommissar und hätt’ da mal ’ne Frage …“, lügt uns die Hucke voll. Blindgänger säumen das Terrain. Das Dorf lauscht mit, will heute Mäuschen sein – der Kanonenschuss lässt einen Spatz auffliegen.

Diese Beobachtungen (ich kenne mich aus) lassen nur den Schluss zu, dass die Gesellschaft insgesamt ein Problem hat. Das können auch nur alle gemeinsam lösen. Nicht wenige organisieren sich, die Vielfalt macht es möglich, dass jedermanns Freiheit neue Aggression schafft. Da verlieren welche, die allein nicht klarkommen und sich in keine Gruppe integrieren. Das ist die nicht unerhebliche Masse der Sozialschwachen. Sie laufen hier mit und da, erbringen sich selbst kaum Gewinn für einen Lebenserfolg, was immer das heißt, nutzen nur welchen, die sie manipulieren können oder Ärzten, bei denen sie regelmäßig landen. Manche füllen Klinik oder Knast. Zahlreiche Menschen fallen der Gesellschaft zur Last. Es werden mehr? Dann machen wir als Gesamtheit etwas falsch. Es nützt wenig, Spinner zu beschuldigen und nicht wahrhaben wollen, diese selbst wie Unkraut zu ziehen, wo wir Nutzkräuter möchten. Unsere Bewertung überfordert nicht wenige. Wir schmeißen sie nur scheinbar aus dem Garten. Sie wuchern nicht draußen oder landen im Müll. Es gibt keinen alternativen Planet für sie.

Ich bin vom Fach. Der Künstler ist ein Polizist ohne Staatsanwalt, Gericht oder Gefängnis, wir decken auf und machen unsere Wahrheit sichtbar. Wir lügen das Blaue nicht vom Himmel. Wir verwenden Farbe, und dann sieht man Wetter. Wo andere bislang nur weiße Leinwand im Laden kauften, nutzen wir diese. Wenn die Masse streamen muss, singen wir noch selbst, schreiben uns frei. Unser Theater ist besser. Wir schauen hin und machen was daraus. Ich bin nicht verrückt, stehe aber anders zum Ganzen. Kunst kann nicht nach dem Motto verschoben werden: „Ist das Kunst oder kann’s weg?“ Nur Dumme erkennen keine Unterschiede. Oder eben die Narren, die bekanntlich nichts fühlen oder merken. Was, wenn es mehr davon gibt in unserer Gesellschaft, als gemeinhin bekannt? Das wäre problematisch für uns. Alle verrückt, wäre ziemlich scheiße. Wie in Schilda etwa, würde Deutschland sich selbst als Gemeinschaft verspielen, Geld verlieren und noch den kollektiven Verstand.

Als Normalerkrankter mit Hexenschuss, Schnupfen oder internistisch definierten Problemen, nur als ein Beispiel, fällt das Stigma, welches psychisch Gestörten anhaftet, weg. Wir haben uns darauf verständigt, psychische Krankheiten diagnostisch zu benennen und verschiedene Einrichtungen konzipiert, die als Anlaufstelle oder Ort der Betreuung gesellschaftliche Notwendigkeit geworden sind, wie viele andere Strukturen unserer modernen Zivilisation. Die Welt gestalten alle mit. Wir werden hineingeboren und müssen die Umgebung zunächst akzeptieren.

# Der eigene Platz zu leben, wie sieht er aus?

Der gewöhnliche Mensch nutzt den Arzt, geht selbst hin, kann im Krankenhaus behandelt werden. Der psychisch Kranke wird versorgt, aber nicht immer haben diese Menschen noch die Fähigkeit, selbst zu kontrollieren, wie das läuft. Dann greifen die bekannten Strukturen. Mehr noch als andere, erfährt der psychisch Kranke, welcher aufgrund seiner Unfähigkeit, für sich allein zu sorgen, zum abhängigen geworden, unselbstständig ist, die Bindung an die helfende Struktur. Das bedeutet für uns alle, ein gesellschaftlich nicht ausreichend begriffenes Problem geschaffen zu haben. Wir können psychisch Kranke nicht gesund machen, wenn wir diese führen, begleiten und medikamentös einstellen, sondern ihre verstörende Aktivität nur kanalisieren. Wie aus einem natürlichen Flusslauf eine künstliche Wasserstraße, formen wir aus den Abnormen eher ein Material. Es bringt dem Ganzen noch geringen Nutzen, beschäftigt Menschen auf Arbeitsplätzen in der Medizin, dem Gefängnis und anderen Sozialeinrichtungen. Unsere Förderung erwirkt kaum die Selbstbestimmung und natürliche Entwicklung gesunden Lebens. Wir lassen die auffällig gewordenen Menschen nicht mehr los. Sie sind als Narren gescheitert, weil sie nicht zu fühlen lernten, und wir lehren sie nicht, es nachzuholen. Im Gegenteil, die Pharmazie ermöglicht den Spezialisten, aus einer an sich hilfreichen Medizin, die lebenslange Bindung zu machen, die mancher Arzt zu schätzen weiß, dem ein Patient anvertraut wurde oder sich selbst offenbarte, allein nicht klarzukommen.

Ist so einer zudem noch polizeibekannt, ist es vorbei mit der respektierten Beziehung zum Freund und Helfer. Der einfache Geist der Ordnungshüter versagt in der Grauzone von Krankheit und Straftat. Der Polizist ist nicht mehr dein Freund in so einem Fall. Der Arzt ist gleichwohl nicht der Kumpel, dem wir uns anvertrauen. Der Arzt steht zwischen der Gesellschaft und dem Kranken, ein Freund steht an deiner Seite, das macht den Unterschied. Es klafft eine Lücke zwischen der Unmöglichkeit von Familie und Freunden, Kranken zu helfen, die überfordert sind, ihre Mitmenschen mitzunehmen und dem Netz der Profis, welches die Sonderlinge abfischt und im eigenen Bassin hält. Ein Helfer ist nicht selten bindend im Anspruch, die Hilfe auf genau seine Art aufzuzwingen. Hilfe zur Selbsthilfe kann für den Narren als solchen nur bedeuten, das Fühlen endlich zu lernen (wie der erwachsene Analphabet gut dran tut, sich nicht durchzumogeln, sondern Lesen und Schreiben zu lernen).

# Narren werden ausgenutzt

Solange der Verrückte nicht gewalttätig ist, macht er Spaß als unterhaltender Clown, nicht wissend, einer zu sein. Das ist unsere Gesellschaft, menschenverachtend. Darum gibt es Suizide, darum gibt es Amok. Jeder piesackt die anderen ein wenig, einige trifft es mehr. Wir sind nicht gut, besser etwa als im Mittelalter, wo noch Hexen verbrannt wurden. Der Einzelne wird böse handeln, wenn sich die Möglichkeit bietet, scheinbar zu gewinnen. Zu lehren, dass materialistisches Vorankommen nicht selten eine existenzielle Seifenblase bedeutet, die unerwünscht zerplatzt, könnten wir besser machen. Wir sind nur so gut, wie wir durch den Rahmen sein können, den das System bildet. Einbildung macht dumm. Einige kommen weit damit, besetzen gute Plätze. Sie nutzen Stärke, ohne anzuerkennen, dass nur die Umstände günstig waren. Emotional könnte das Leben reichhaltiger sein, wenn Menschen ihre Macht weniger missbrauchen würden, sogar für diese selbst. Geteilte Kraft dürfte nicht wenige voran bringen, die eifersüchtig darauf hinwirken, stark zu scheinen. Die Chance für den Einzelnen besteht darin, die geistige Gesundheit als ein Geschenk zu begreifen, weniger als eine Leistung. Das ist sie nur für diejenigen, die diese bewusst erbracht haben.

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