Wir kannten nur Ampeln, keinen Kreisverkehr, die Dänen hatten das; wir nicht. Inzwischen gibt es auch in Deutschland viele Kreisel. Man kann immer fahren, kaum, dass man stoppen muss. Schon bist du drin! Es nervt, an der Ampel zu stehen. An einigen „Lichtzeichenanlagen“ ist zusätzlich noch ein Schild angebracht: Bitte bis an die Haltelinie fahren, Kontaktanlage. Das heißt wohl, halte ich zu weit ab vom Strich, kann ich warten, bis ich schwarz werde. Oder besser, es bleibt rot für immer. Man muss vorsichtig sein. Wer die falsche Farbe im Munde führt, gilt den anderen als Rassist.

Heutzutage möchten wir alles korrekt haben. Laschet darf nicht lachen, wenn Steinmeier die Opfer der Flutkatastrophe würdigt, bäh. Auch nicht hinten im Bild. Einer hat es gesehen. Dann wissen es alle. Wer schreibt, bleibt. Wer filmt, der blimpt? Ein neues Wort wird benötigt, wenn die Plagiatsjäger auf der rechten Spur überholt werden, von denen, die Deepfakes „in echt“ können. Jeder pupst mal. Politik, Kunst, alles Öffentliche ist massentauglich, die Themen entsprechen dem Konsens. Wer das nicht begreift, bleibt allein. Das ist auch gut so. Ich möchte nicht gestört werden durch Hassmails.

# Gendersternchen* nachträglich

Auch: Wir würdigen Frauen! Gestern kam eine Astro-Doku. Die Mädels spielen neuerdings eine Rolle in der Geschichte, die es möglich macht, alles noch einmal neu zu erzählen. Das Fernrohr, das Galileo nahm, wurde ihm von seiner Cousine geschenkt. Die Galaxien, die Hubble entdeckte, konnte er nur sehen, weil seine Geliebte ihm … usw. – bald wird es eine neue Vergangenheit geben.

Es ist vorgekommen, ich erinnere mich an eine Meldung vor längerer Zeit, da musste die Polizei einen Autofahrer stoppen und behutsam aus dem Kreisverkehr lotsen. Eine Überwachungskamera oder zufällige Beobachter hatten bemerkt, dass ein Fahrzeug im Kreisel verbleibend kreiste, immer wieder und unzählige Male. Von zweihundert Ringen, die derjenige bereits gedreht haben soll, bis die Beamten einschritten, ist die Rede gewesen. Der moderne Satellit der Landstraße in seiner Umlaufbahn hält die Stellung. Ich habe das nicht so genau in Erinnerung. Wahrscheinlich hat man den Fahrer psychiatrisch untersucht. Es kann eigentlich nicht verboten sein, sollte man meinen, zumindest ein paar Mal rundherum zu fahren?

Wenn im Verkehrsfunk von Staus die Rede ist, sagen die Moderatoren dieser Sendung gern, wie viel Zeit die Verkehrsteilnehmer extra benötigen. Dann heißt es gelegentlich: Zeitverlust hier eine Dreiviertelstunde. Ich merke immer auf: Was ist Zeitverlust? (Der Planet hält an). Dann kommt mir der Beknackte in den Sinn, der, warum auch immer, nicht aufhörte, in einem Kreisel zu kreisen. Ich muss an unsere Küchenuhr denken. Die ist so in der Art einer Bahnhofsuhr eine große, runde Platte, schneeweiß mit einem Rand wie eine Pizza, und rundherum sind die Zahlen, eben fast wie man das am Gleis kennt, so sieht sie aus. Ein kleiner, schwarzer Zeiger für die Stunden, ein langer zur Anzeige der Minuten. Er ist ebenfalls schwarz. Und, ganz wie bei der Bahn, hat unsere große Wanduhr in der Küche auch einen dünnen, schnellen Sekundenzeiger in Signalrot.

Diese vorangestellten Beschreibungen münden in die Idee: Zeit wird sichtbar in der Bewegung. In einem Weltall sausend, dürfte es schwierig werden, sie zu bemerken. Insofern ist Zeit relativ, auch für jeden Normalen, nicht nur den schlauen Albert Einstein. Es kommt schon sehr darauf an, wer, und wo wir sind, gerade tun. Reißt mir andauernd der Geduldsfaden, während andere locker traben? Was bin ich auf der Weltuhr: ein Sekunden-, Minuten- oder Stundenanzeiger? Dasselbe Tempo für alle auf dem Planeten, Zeit, mit der wir um die Sonne sausen und mein eigenes Boot im blauen Meer.

# Segeln

Ich weiß noch gut, wie es „nach Bermuda“ war. Fünf Tage über See, und dann tauchte die Insel an der Kimm auf. Natürlich haben wir uns an Bord bewegt. Und ja, auch der Wind traf unsere Wangen, wir spürten die Zeit. Es wurde abends dunkel. Und die See rollte an. Mittags knallte die Sonne, nachts war es kühl, und die fliegenden Fische krachten gegen die Kajütaufaubauten und klatschten ohnmächtig an Deck. Wir hatten zu tun mit den Segeln, gingen zum Essen in die Kajüte und spuckten anfangs, weil wir zunächst noch seekrank waren. Dann wurde es besser, und auch das bedeutete, dass sich etwas geändert hatte. Gestern übel, heute besser; das ist Zeit. Aber das Wetter blieb scheinbar gleich. Der Himmel war immer blau. Jeder Tag war warm und ähnelte dem vorangegangenen. Und nur in der Karte konnten wir anhand der ermittelten Position begreifen, dass wir Virgin Gorda und zuletzt Anegada hinter uns gelassen hatten, das Ziel, Bermuda näher kam. Ohne die Karte wäre es nicht nachprüfbar gewesen. Das rauschende Kielwasser, die besonders unter Deck im Vorschiff (wo ich meine Koje hatte) knallende Bugwelle, machte einem klar, wir drängten nordwärts.

# Dasselbe Bild wie zeitlos gleich an jedem Tag

Die Segel standen in derselben Position fest. Ich meine, es war raumschots. Unter Vollzeug waren unsere weißen Schwingen jedenfalls gleichbleibend und immer gutgefüllt von einem konstanten Wind gerundet. Man spürte: „Capella“ ist unterwegs. Fünf Mal tagaus, tagein rollte die See aus derselben Richtung heran. Gleiche Windstärke, gleiche Wellenhöhe kamen die Buckel dichter, sie hoben uns an, unterliefen die Yacht und wir ritten unspektakulär darüber hinweg. Rundherum gleich war das Meer, der täglich identische, blaue Kreis bis zum Horizont. Es änderte sich scheinbar gar nichts.

Und dann tauchte das Land auf, morgens, noch vor dem Frühstück!

Bermuda, Hamilton. Die Einfahrt später: Wie im nordischen Schärengarten lagen, beschaulich verteilt, einige Inselbrocken seitlich des gewundenen Fahrwassers. Inzwischen tuckerte der Motor, die Segel waren nach Tagen zum ersten Mal wieder hübsch aufgetucht. Wir waren einigermaßen unsicher, wo wir die Yacht jetzt festmachen sollten. Hans-Jürgen, unser Kapitän, studierte die Karte. Lars und ich probierten Landmarken auszumachen, den passenden Liegeplatz zu finden. Dann ließen wir uns von Ansässigen helfen und fanden einen feinen, kleinen Hafen, der privat zu einem Hotel gehörte, steuerbords des Wasserweges zwischen den Ufern. Eigentlich war nach der anderen Seite hin eine Marina zu erwarten, und auch ein riesiger, blauer Kreuzfahrer mit dickem Schornstein hatte dort mächtig aufragend seinen Liegeplatz gefunden. Unserem Kapitän passte aber einiges nicht, oder dem Hafenmeister gefiel es nicht, die Yacht dort hinzuweisen. Das weiß ich nicht mehr. Ich erinnere einige Tage im Hotel; und dort war dieser perfekt gekleidete Manager des Restaurants (mit blauem Sakko und rotem Schlips), der uns servierte, wenn wir an Land gegessen haben. Wer die Sahne zunächst in die Tasse nahm, dann den Kaffee von ihm eingeschenkt mochte, dem sagte er: „You don’t need to stir it up.“ Der trug kurze Hosen und Kniestrümpfe und war dabei eine Respektsperson. Die Aufmerksamkeit selbst. Das sah nicht einmal lustig aus, so selbstbewusst war dieser Mann mit der typischen Klamottenkombi dort. Jetzt war Zeit wieder wie immer.

Dieser Chef vom Restaurant ist im mittleren Alter gewesen und servierte am Abend auch in der Hotelbar. Um nach Hamilton zu kommen, nutzen wir ein Boot, glaube ich. Eines Abends waren wir tatsächlich zusammen in einer Diskothek tanzen. Der sportliche und lebensgewandte Restaurant-Manager begleitete Lars und mich. Er hatte seinen freien Tag, zog scheinbar gern mit den Youngsters aus Germany los, während unser alter Hans-Jürgen auf seiner „Capella“ blieb. Mir wurde schnell klar, dass ich mich in der Disco nicht wohl fühlte, und ich nutzte die kleine Fähre, den Abend vorzeitig zu beenden. Ich weiß noch genau, wie ich damals, das ist nicht lang nach meinem Studium gewesen, Anfang der Neunziger, immer gekniffen habe, wenn es nachts was zu unternehmen gab. Mein Mitsegler und dieser Fremde hotteten die ganze Nacht ab und machten später (als ich längst auf der Yacht schlief) noch ein Mädchen klar?

Party, was mit Leuten unternehmen? Ich stand nur daneben, das war immer so. Dieser Mâitre d’ Hotel zeichnete sich, wenn er im Dienst des Hauses beschäftigt war, durch eine exzellente Zuvorkommenheit aus. Saßen wir mit Hans-Jürgen am Tisch, und in der Nähe waren vielleicht einige weitere Gäste mit dem Frühstück beschäftigt, stand der Ober gern einige Meter entfernt. Gut möglich, er räumte etwas im Betrieb auf. Der bermudabritisch korrekt gekleidete Head-Waiter sprach mit einem Gast, richtete Geschirr auf einem Tisch an? Dann genügte eine unter Umständen nur zufällige Bewegung mit dem Gesicht in seine Richtung, dass er seine Tätigkeit aber auch sofort unterbrach. Er schaute dich im selben Moment an; man konnte ihn nicht beobachten, ohne dass er blitzschnell reagierte, eventuell fragte, ob man etwas wünschte. Dabei war dieser Profi nicht unnötigerweise überaufmerksam. Er checkte nur ab: Muss ich zum Gast? Es ist das einzige Mal in meinem Leben gewesen, dass ich jemanden wüsste, der das beruflich auf diese extreme Weise so exakt und kontrolliert hinbekam. Es gelang ihm scheinbar ganz leicht. Sein einstudiertes Training war in Fleisch und Blut übergegangen. Der war sympathisch und immer bereit.

Es ist normalerweise ein Zeichen des unsicheren Menschen, der sich auf neurotische Weise beobachtet fühlt. Die schauen dich ständig an, wenn du in ihre Richtung siehst. Das war hier anders: Dieser Chef vom Dienst war extrem souverän und selbstbewusst. Er war beruflich dienend perfekt und nicht ansatzweise unterwürfig, ganz im Gegenteil. Was bedeutet es, wie fremdgesteuert auf das Drumherum fixiert zu sein? Menschen achten ständig auf mögliche Dislikes oder bleiben in sich ruhend gelassen. Ein Problem unserer Zeit, wo alles dargestellt wird, gepostet. Das gab es damals noch nicht, wohl aber im Alltag selbstbewusst auftretende Menschen, und die unsicheren gab es auch schon immer. Ich bin sehr unsicher gewesen, unreif und habe es überspielt, nicht gewusst, dass ich’s tat.

# Selfexecuties

Ich komme mit dem Bild voran. Ich habe es nicht eilig. Ich übertrage nach meiner Vorlage. Zunächst zeichne ich das ab. Dann verfestige ich diese Kontur mit einem kleinen Pinsel und dünner Farbe. Anschließend beginne ich, grob zu malen, schließlich werde ich genauer. Ich habe einen Plan. Ich werde die drei Mädchen relativ exakt, eine nach der anderen, auf die Leinwand übertragen. Wenn die Figuren isoliert stehen, verbinde ich die Flächen im Hintergrund, male die Räder der Wagen, Schienen und Details. Auf diese Weise wird Chaos auf der Fläche vermieden. Es ginge auch anders. Es ist meine Entscheidung für genau dieses Bild, es so umzusetzen. Viele Wege führen nach Rom heißt es, und so ist auch ein Bild zu malen eine Reise. Du kannst zu Fuß pilgern, oder im Reisebus den touristischen Konzepten einer Gruppe folgen. Es gibt kleine, entspannte Ausflüge und haarsträubendes Survival, Scheitern in der Kunst, beim Versuch, eine Leinwand in eine gelungene Darstellung zu verwandeln. Mal arbeite ich so, dann wieder ein wenig anders. Es gibt Gründe. Bei dem Bild mit dem Floß musste ich es anders machen, weil mir das Wasser als Vorlage fehlte. Ich hatte keine Lust gehabt und auch keinen Sinn darin gesehen, das Meer auf die Welle genau schon vorher am Computer zu entwerfen. Bei diesem Bild arbeite ich konkret, entsprechend der digitalen Komposition. Ich denke, die eigentlichen Absonderlichkeiten, die es jedes Mal gibt, wenn sich die ursprüngliche Idee wandeln muss, habe ich bereits in der Skizze erlebt.

Ein Leben ohne Liebe, Romantik und tiefe Gefühle, das muss doch möglich sein! Es kann wohl nicht sein, dass wir Tag für Tag einer Vision nachjagen. Das Geschenk und dazu die passende, stoische Einstellung, von einer tödlichen Krankheit innerlich zerfressen zu werden, nun gelassen abzuwarten, bis kein Arzt der Welt einen noch therapieren kann, wird den wenigsten zuteil. Die See soll uns aufnehmen, das Hochhaus möge einen Sprung ermöglichen und die Bahn tötet zuverlässig mit tonnenschwerem Gerät und hochgespanntem Strom, oder wir saufen. Auf Probe leben, bis zu leben gelingt? Oder: Mutprobe ohne Hose. Das geht mir durch den Kopf, wenn ich dieses Motiv fassen will! Was hilft es, zu lieben, wenn nur Gleichgültigkeit und Verarsche unser Gegenüber ist auf diesem Planeten? Da ist kein anderer Stern in Sicht, nur Finsternis.

# Mutig in die Extreme

Ich probiere etwas Unmögliches, glaube ich. Das Thema ist aus einer bildhaften Erinnerung in Gang gekommen, die sich dann zu einer Idee formte, schließlich konnte ich nicht geradlinig zu Ende komponieren und habe akzeptiert, was jetzt entstanden ist. Farben, Formen und eine geradezu unmögliche Kombination von Inhalten. Mich beschäftigt, wo Dinge sind, Bildelemente sind Teil formaler Richtungen für das Auge; ich male kein vorhandenes Foto ab, das es gibt und muss alles erfinden. Ich male nach montierten Fotos in einem neuen Zusammenhang. Es geht also, grob beschrieben, um drei junge Frauen. Sie sind einigermaßen nackt, und wir können annehmen, das sie sich dabei fotografieren. Handys werden später herumwirbeln, Schuhe. Die Szene ist eine Art Bühne. Ich möchte einen künstlich eingefrorenen Moment schaffen.

# Tödliches Blitzlicht

Der Raum und Boden der Darstellerinnen in einem absurden Spiel bildet sich aus den Plattformen am Wagenende zweier Güterwagen. Im Hintergrund ist dunstige Wiesenlandschaft am Abend. Man sieht einen Oberleitungsmast und ein zweites Gleis. Links und rechts wird das Arrangement durch die Stirnwände der Container gerahmt. Ich möchte eine Inszenierung, kein reales Unglück abmalen, sondern ein künstliches Konstrukt schaffen. Die Elemente gestalten eine emotionale Bindung aus Farbformen und Gegenständen, können bestenfalls das Auge des Betrachters fantasievoll führen. Eine Achterbahn mit Horrorstationen, eine Jahrmarktpsychose, die recht hübsch gemalt sein soll, das schwebt mir vor. Im Entwurf ist bereits ein Symbol auf einer Seite des Güterwagens integriert: „Lebensgefahr auf dem Waggon durch Hochspannung“. Aus kompositorischen Gründen lasse ich den überspringenden Lichtbogen in den vergleichsweise niedrigeren Teil knallen, wo sich die Frauen befinden. Ich möchte diese fiktive Bühne haben. Das ginge nicht, würden sie oben auf den Güterwagen klettern, wo es ja tatsächlich vorkommt, das Jugendliche getötet oder schwerstverbrannt vom überspringenden Strom erwischt werden. Ich habe mir gesagt, das feuchte Wetter macht eventuell möglich, glaubhaft werden zu lassen, was ich zeigen möchte. Obwohl sie unten sind. Es ist auch ganz gut, dass alles wie ein absurdes Theater dargestellt ist. So können wir als Betrachter denken, dass es nicht wirklich passiert. Es ist dann ähnlich dem Pictogramm, nur ein Bild und nicht ganz wahr.

# Kunst muss nicht real sein wollen

Ich frage mich, warum wir immer eilen? Das gehört dazu, zu beschreiben, wenn ich in Worten sagen möchte, wie diese Idee sich verselbstständigte. Es wäre möglich gewesen, eine Erinnerung an einen bestimmten Moment, den verstörenden Blick – hier breche ich ab. So angesehen zu werden, dass ich es nie mehr vergesse, als exaktes Bild, so, wie und wo das einmal war, zu malen? Das schaffe ich gerade nicht. Deswegen ist diese überladene Kunstsituation zu meiner Szene geworden. Ich kombinierte also weitere Gedanken hinein, die mir in der Arbeit an der Skizze in den Weg ragten wie Stolperdrähte. Ich möchte deswegen eine synthetische Szenerie entwickeln. Das Drängen, Protzen und Angeben mit dem, was einer mit jemandem machen kann – der schließlich nicht aus der Situation kommt, ohne zu reagieren. Das ist so ein Stolperstein. Ein Gedanke musste beachtet werden. Das hat mich zum modernen Tand gebracht, als ein Element, die gewünschte und leider nötige Synthese zu entwickeln.

# Selfie

Du wirst nicht umhinkommen, etwas zu tun, wenn man es dir aufzwingt. Das Tempo deines Lebens wird fremdbestimmt sein. Auf manches müssen wir eine Antwort finden. Und sei es, den anderen zu ignorieren. Man erlebt es beim Autofahren. Das kann jeder beobachten, beispielsweise als unbeteiligter Fußgänger von außerhalb der Fahrbahn. Da fahren oft zwei Autos zusammen. Das vordere Fahrzeug hat ausreichend Abstand zum Verkehr, mehrere Längen oder hundert Meter, je nachdem wo das geschieht, in der Stadt oder außerhalb. Dem Wagen klebt ein zweiter hintendran, der nicht genügend auf den Abstand achtet. Das ist entweder unbewusst, dann düngern diese einander Fremden imaginär verbunden vorwärts, und der zweite überholt nicht – obschon das naheliegend wäre. Oder der hintere Wagen drängt noch heftiger, und das geschieht bewusst nach der Methode: „Platz da, Idiot!“ So einer wird eventuell überholen. Aber es gibt auch blöde Opas, die drängen dich und überholen nie. Sie möchten nur, dass du tust, was sie wollen. Sie probieren gar nicht, schnell zu fahren. Sie ärgern andere prinzipiell, benötigen ihren Zorn, damit sie nicht merken, dass sie demnächst ohnehin altersbedingt sterben werden. Dumme Rentnerärsche, wohlstandskrank im Benz unterwegs sind typisch. 

# Der Rollator wartet schon …

Das haben wir im Supermarkt an der Kasse. Erst durch die Pandemie wurde der Abstand erzwungen, der die Situation entspannt. Aber nicht immer. Bei Warteschlangen vor dem Bäcker, der coronabedingt nur zwei Kunden innen erlaubt oder vor der Bankfiliale gibt es gelegentlich Streit. Manche können nicht warten. Es wurde ein Wort erfunden: „Entschleunigung“. Wir wissen nicht, wie man es anwendet? Was ist der Grund, dass wir eilen um des eilens willen? Nur zu oft ist es Gewohnheit, ja Zwang. Das heißt, wir könnten die Dinge langsamer machen, die Gründe warum’s pressiert sind nur vorgeschoben. Es ist ein Machtkampf, andere zu bedrängen. Wenn es uns gelingt, andere zu scheuchen, löst das Befriedigung aus, ich gewinne Zeit und Stärke – das ist der Grund?

Warum leben wir in Beziehung; es ist nicht der Sex allein, wir möchten Familie und einiges mehr. Um diesen Zustand zu formen, müssen wir eine Partnerin finden, sogar rechtzeitig, im Sinne der gesellschaftlichen Erwartungen, die uns eventuell unter Druck setzen. Und Frauen wünschen sich den ganz bestimmten Mann, möglichen Vater, ihrer bislang nur erträumten Kinder. Wer kann das sein? Die Eroberung der Angebeteten, wird gelegentlich genannt, was nun passiert. Die Frau suche in Wahrheit den Mann aus, halten welche dagegen. Gekränkte Eitelkeit nagt oder explodiert im Zurückgewiesenen, wenn die Versuche, jemanden für sich zu gewinnen, scheitern.

Und hier kommt tatsächlich ein Zeitfaktor ins Spiel. Wir sehen diesen Zusammenhang zunächst kaum bewusst. Aber dass unser Leben endlich ist, spielt eine Rolle dabei, möglichst viel in bestimmter Zeit zu erreichen. Ein „neues Leben“ möchten einige beginnen. Es sei nie zu spät für einen Neuanfang, meinen welche; das ist Unfug. Es klingt wohl absurd zu sagen, die Angst vor dem nahenden Lebensende lässt den Menschen hasten, rasen, eilen und drängen? Ein junger Mensch glaubt, das Leben vor sich zu haben. Wir rechnen unsere Zukunft aus und beurteilen die Erwartung, was noch kommen wird mit zwanzig entsprechend. Dazu passt das ganze Gebaren, was Menschen so tun, um zu wirken; Selfies sind ein Teil dieses Prozedere. Und eine gefährliche Umgebung zu nutzen, etwa ein Bild von sich in einem kleinen, natürlichen Pool in den Bergen zu fotografieren, dessen Wasser sich hunderte Meter in die Tiefe stürzt und einen mitreißt bei einem winzigen Fehler, ist anerkannt bei vielen.

# Das will ich auch: Dabeisein 

Jetzt gebe ich zu, dass ich gern nackte Frauen ansehe. Ich mag auch erotische Gewaltdarstellungen. Das Internet macht es einfach. Google genügt, um zu begreifen: Ich bin nicht der einzige. Da sind auch Frauen dran beteiligt. Sie sind ja die Hauptpersoninnen dieser Fotos, und insofern verwundert die Klage, Männer seien auf eine fiese Weise sexistisch. Wir dürfen annehmen, dass nur ein Teil der Pornobilder unfreiwillig aufgenommen wird. Das weiß ich ja nicht beim Schauen, wie’s zuging, ob das ein Theater ist oder die böse Realität im Rape.

Vorsicht! Die Kombination bestimmter Themen verbietet sich von selbst.

Kunst muss Falsches zu Wahrheit machen, wenn mir meine Gefühle zeigen, dass pauschale Konventionen lügen. So kombiniert, entsteht die alternative Wahrheit, bis das Motiv kreativ überzeugt und andere es akzeptieren. Wenn peinlich ist, was jemand tut, dem wir für gewöhnlich gern folgen, werden wir uns fremdschämen und die öffentliche Beziehung beenden. Innerlich verstörend wird das Band aber fortbestehen und der bekannte Verdrängungsprozess beginnt. Für den Kreativen bedeutet diese Erfahrung, abgestoßen zu werden vom Ganzen, umzukehren und der Gesellschaft nachzulaufen oder die eigene Insel der Glückseligkeit nun allein weiter zu suchen. Ein Gemälde soll den Betrachter auf die Reise durch emotionale Handlungsstränge mitnehmen. Sie gehören scheinbar nicht zusammen, bekommen ihren Sinn durch die gemeinsame Betrachtung in zeitlicher und räumlicher Nähe, die eine Leinwand schafft. Die Pfade, denen wir mit dem Auge folgen, ging der Maler im Geiste bei seiner Arbeit. Einige dieser Wege lassen sich parallel zum Malprozess auch schriftlich fixieren.

# Das offene Atelier

Das gehört dazu: Mir war nicht wirklich klar, was den Widerstand im Dritten Reich kennzeichnet, obwohl es unterrichtet wurde und jeder sich umfangreich informieren kann. Das gebe ich zu. Natürlich habe ich von Anne Frank gehört. Im Regal bei uns steht ein schmaler Band, „Tagebuch Anne Frank“. Das hat meine Frau mit in die Ehe gebracht. Vielleicht hat sie das gelesen?

In einer Erzählung, in einem dicken, langen Roman gefällt es dem Schriftsteller, verschiedene Handlungsstränge zu verfolgen, die dann schließlich in einem fulminanten Höhepunkt der Story zusammenkommen. Oft nimmt der Autor die übergeordnete Rolle eines unabhängigen Erzählers ein. Der Schreibende führt uns an verschiedene Schauplätze. Er beleuchtet erst die Wege und Motive einer Person, dann die Linie der anderen Protagonisten. So geschieht es im Film, im Theaterstück, und so kann man auch zu einem einzelnen Bild gelangen, mit verschiedenen Emotionen, deren Synthese ein absurdes, formal interessantes Farbgeflecht bildet. Die Logik, nach der wir die Fläche mit den Augen abtasten, folgt unserem Instinkt. Provozierte Blickführung in der Kunst spielt mit typischen Sehgewohnheiten und natürlichem Verhalten. Ob ein Betrachter auf Helldunkel, dynamische Richtungen und Farbgegensätze, Grenzen reagiert, wird zur Basis von Harmonie und Spannung. Das zweite Gleis unserer Motivation, warum wir Dinge anschauen, ist unsere emotionale Bewertung, eben nicht nur der Farbstimmung; Themen und intellektuelle Inhalte der abgebildeten Objekte spielen eine Rolle, ob wir uns für etwas interessieren. In der Malerei haben wir nun die Möglichkeit, realistische Abbildung auf eine abstrakte Weise im absurden Zusammenhang zu kombinieren und eine individuelle Realität zu schaffen.

# In diesem Jahr war ein Sophie-Scholl-Erinnerungsdatum …

Die Widerstandskämpferin wäre jetzt einhundert Jahre alt geworden? Gestern kam eine N3-Reportage, eine 101-jährige alte Dame badete an der Holzbrücke in der Förde bei Kiel. Dabei hätte Sophie sein können, wenn sie nicht unter dem Fallbeil der Nazis getötet worden wäre. Man konnte nicht daran vorbei lesen – in diesem Frühjahr. (Markus Söder machte einen Kniefall). Der Bruder Hans wurde auch erwähnt, er starb zur selben Stunde. Und wie ich eben auf Wikipedia gelesen habe, waren sie zu dritt, die für uns gestorben sind. Die weiße Rose.

Warum habe ich auch in diesem Jahr keine Notiz vom Bruder Hans Scholl genommen? Und vom Christoph Probst hatte ich noch nie etwas gehört.

# „Der Volksgerichtshof verurteilte am 22. Februar 1943 im Schwurgerichtssaal des Justizpalastes in München den 24 Jahre alten Hans Scholl, die 21 Jahre alte Sophia Scholl, beide aus München, und den 23 Jahre alten Christoph Probst aus Aldrans bei Innsbruck wegen Vorbereitung zum Hochverrat und wegen Feindbegünstigung zum Tode. Das Urteil wurde am gleichen Tag vollzogen.“ (Wikipedia).

Es sind die Bilder von der jungen Frau, die niemand vergisst, und die bekannten, tapferen Sätze. Das kann keiner aushalten, und das macht gerade sie zur Ikone.

Es trifft ins Herz.

Wie primitiv muss der Maler denken, das hier zu vermischen?

Denkt, was ihr wollt: seid Follower, Mitläufer irgendwo.

Einige Fotos von Sophie sind leicht abrufbar, und manches kam im Boulevard. Ich gebe es zu, ich lese die BILD am Sonntag. Ich besitze keine nennenswerte Geschichtsliteratur. Ich mag das gar nicht schreiben: Ich habe das Gesicht ständig vor Augen, wie diese Studentin uns ansieht. Da ist einmal ein undramatisches Gruppenbild, jeder kennt es. Am Schlimmsten berührt mich das vermutlich erkennungsdienstlich gemachte, dreifache Porträt, das man findet, wenn man googelt. Ich sehe, was der Gefangenen bevorsteht, wenn ich glaube zu sehen, was sie denkt. Jemand hat diese Kamera betätigt. Jemand hat das Fallbeil niedersausen lassen. Könnte ich das tun, wer wird Henker von Beruf?

Und ich kenne diesen Blick, die Angst, sah es genau so selbst schon bei einer lieben Freundin – in banaler Situation scheinbar. Das verstört, und das Begreifen kommt spät, zu spät um die Dramatik zu erkennen, einzugreifen.

Wir denken: Nazis, das war früher? Geschichte, und heute sind wir klüger, meint man. Aber der Tod ist damals nicht gestorben. Und die Angst auch nicht.

# Ich habe jeden Boden des Anstandes verlassen?

Angst und Sexualität malen? Mein Thema, das ist Porno, und die Frauen sind unfreiwillig, aber absehbar tot, entstellt mindestens. Das Bild zeigt unabsichtlichen, gemeinschaftlich provozierten Suizid. Der „tragische Unfalltod“, das kann wohl nur sein, wenn ein Bahnarbeiter im Job vom Strom erwischt wird. Die scheinbar alles erklärende, verbalisierende Welt macht es sich gern leicht. Was haben Jugendliche auf den Wagen verloren? Und die Flut von Nacktbildern heute verstört Ältere. Das Schimpfen, Ermahnen und nach mehr Sicherheit rufen erklärt nicht die Motive der untereinander Verstrickten im Netz. Ein gemaltes Bild kann, wie eine Sequenz im Traum, eine andere, umfassendere Sicht bieten. Denkschubladen machen es einfach, aber sie sind nur eine Erklärung der Realität, nicht die Wahrheit an sich. Wie und warum ein absurdes Bild seinen Sinn bekommt, kann ein Text nur bruchstückhaft wiedergeben. Sich noch daran aufgeilen, wie krank ist das denn; wie ist es möglich, ein Bild zu kreieren, aus diesem ekligen Konglomerat von Emotionen? Darum habe ich das begonnen. Weil ich sogar glaube, dass unsere Realität auf diese Weise stimmt – und was allgemein gesagt wird, ist unehrlich. Üblich ist, unangenehme Gefühle und atypische Kombinationen, übergreifende Querverbindungen des Denkens zu maskieren. Bei Empfindungen, die niemand wahrhaben mag, fürchten wir, machte man sie öffentlich, von den anderen abgestraft zu werden. Alle wollen nur positiv wirken.

Und ich denke: des Kaisers neue Kleider, aua.

Ich empfinde das normale Tagesgeschehen als verstörend. Gerade wird wieder eine uralte Frau vor Gericht gestellt in Itzehoe. Die habe Akten im KZ sortiert oder so. Das lese ich nicht mehr. Nach Jugendstrafrecht wird ihr Fall verhandelt. Sie sei, als die „Taten“ begangen wurden, nicht volljährig gewesen. Man muss Jurist sein, so zu denken. Christus stürze vom Kreuz.

# Ich morde auf der Leinwand aus Überzeugung, lebe im normalen Irrenhaus

Ich habe noch dieses Lied im Ohr, der Major Tom im Weltall. Warum driftet seine Kapsel weg? Es scheint, als löse sich der Astronaut mutwillig ab. Er „zerstöre das Projekt“, wie es im Text heißt, und das Ende bleibt offen.

„Mir wird kalt.“

Was wäre, wenn ein Raumflieger vom Kurs abkommt und nichts dafür kann? Er biegt ab, wie die Voyager-Satelliten Schwung holten am Jupiter. Ein Astronaut verlässt das Sonnensystem, weil’s ihm unausweichlich geschieht. Verpatztes Billard. Eine spontane Begegnung, das Schicksal selbst ist schuld. Die Leere ausserhalb der bekannten Bahnen wäre unfassbar. Nur zwischen Galaxien ist es noch um ein Vielfaches einsamer? Die Zeit würde vergehen, es käme dem Flieger endlos vor, nie mehr trifft er auf andere. Sein Bruch mit der Vergangenheit ist unumkehrbar. Der Tod ist ewig. Der Horizont steht fest. Die Aussicht darauf, später dem Mâitre d’ Hotel in Hamilton oder anderswo zu begegnen, sich ein Zimmer im Paradies zu nehmen, geschweige denn eine süße Alien irgendwo da draußen zu finden, gibt es nicht.

Ich habe nachgedacht. Es kommt eine Zeit im Leben, da ist es zu spät für Liebe.

Fernsehen, in die Ferne schauen, Zukunft – was ist das? Gestern die Alte, in der Seebadeanstalt Holtenau, wie sie ins Wasser klatscht, wo sie bereits als Kind gebadet hat. Als ich’s sah, wusste ich wieder genau, warum ich dieses beknackte, absurde, kindisch blöde, verbotene Bild malen will.

Ich bin doch nicht bescheuert.

🙂