Die „keiner liebt dich“ Theorie, kurz zusammengefasst, ist so blöd gar nicht. Eine totale Enttäuschung bleibt am Ende, und so schlecht ist auch das nicht. Diese alte Schallplatte der Allotria Jazzband mit Vohwinkel kommt mir in den Sinn. Die habe ich mal auf einem Flohmarkt gekauft. Der Trompeter hatte Hamburg verlassen, mit Papa Bue in Dänemark gespielt und schließlich viele Jahre mit der Münchner Band Musik gemacht. Aus dieser Zeit stammte die Platte, und als ich sie Anfang der Neunziger vom Grabbeltisch erwarb, waren die Aufnahmen schon über zehn Jahre alt. Das 1979 eingespielte „Jazz aus dem Radio“ entsprach dem Empfinden der Generation meiner Eltern. Gerd ist im selben Jahr wie mein Vater geboren.

Diese Zeit nach dem Krieg zu beschreiben, die meine Eltern prägte und von mir aus dem Fenster meiner Jugend betrachtet werden kann, wird als das „Wirtschaftswunder“ bezeichnet. Meine Oma kochte für uns noch leidenschaftlich gern Steckrübeneintopf. Ich mochte das, ein fetter Kram; mit Speck und Senf zu essen. Es war in den späten Sechzigern und beginnenden Siebziger Jahren aber verpönt. Man schaute abfällig auf diese Speisen aus der schlechten Zeit, die daran erinnerten, wie es war, als es nichts anderes gab.

Nicht nur das Essen wurde vielfältig, bald konnten wir sogar Fernsehen empfangen. In den Achtzigern hörte ich Radio, und das Bemerkenswerteste ist wohl, dass es schließlich neue Anbieter gab. Mit dem neuen, privaten Sender aus Schleswig-Holstein startet für mich so deutlich wie nie die heutige Zeit, die in allen Bereichen das breite Angebot von Leistungen kennt. Es ist unnötig, vollständig aufzuzählen, was sich noch änderte. Die Post trat vom Telefondienst zurück oder den Stromanbieter wechseln zu können, wurde möglich. Statt einer Tube „Elmex“ fanden wir zwei derselben Marke im Regal. „Aronal“ kam dazu; sollten wir morgens und abends verschiedene Zahnpasta verwenden? Das sei besser, warb der Hersteller. Während die Musik im Radio die Bandbreite des gesellschaftlichen Geschmacks abzudecken versuchte, erkannten die Sender bald, sich thematisch zu spezialisieren. Eine nicht aufzuhaltende Entwicklung, warum auch?

Es lohnt eine kritische Einschätzung, Betrachtung der modernen Vielfalt. Im Radio liefen zunächst Musik und Wortbeiträge gemischt. Es gab Nachrichten zur vollen Stunde. Die Moderatoren brachten eigene Schallplatten mit, die Musik war entsprechend vielseitig. Die Zusammenstellung der Titel entsprach viel weniger einer exakt austarierten Strategie am Markt auf den zum Sender passenden Hörer. Nicht dass früher alles besser gewesen wäre, ist hier das Thema, sondern die Überlegung, was es mit uns macht, Teil einer Gruppe zu sein, mit auf unsere Bedürfnisse zugeschnittenem Angebot. Ich kann mich gut an den Hamburger Jazzsender erinnern, den ich eine Zeit lang probierte, ohne dass es wirklich Sinn gemacht hat. Der ironische Dixieland von Gerd erinnert an die auslaufende Zeit dieser Musikrichtung, die immer seltener werdenden Momente einer Gelegenheit, Jazz im Radio zu hören. Mit dem Aufkommen der privaten Sender gab es die ersten Versuche, speziell auf bestimmten Geschmack ausgerichtete Stile zu etablieren.

# Noch einmal Merkur 

Heute ist wetterbedingt und wegen seiner Bewegung um die Sonne die beinahe letzte Möglichkeit, den Planeten Merkur zu sehen, bis eine neue Gelegenheit kommt. Während ich einen Rest vom Mond durch schmierige Schichtwolken erkennen kann, schafft es der kleine Planet heute Morgen nicht mehr, mein Auge zu erfreuen. Den täglich näher an den Merkur rückenden, abnehmenden Mond als aktuelle Findehilfe zu nutzen, empfehlen mehrere Webseiten. Ich sehe den Mond. Das bestätigt mir meine Beobachtung der letzten Woche! Aber das Wetter selbst kann ich leider nicht wählen und muss auf den funkelnden Lichtpunkt darunter verzichten. Hätte ich meinen Text in einem Forum für Sternenfreunde gepostet, gäbe es vermutlich Kommentare und Beschreibungen anderer. Ich finde bereits Fotos vom Planeten dieser Tage. Die sind natürlich qualitativ besser als meine und erleben entsprechende Beachtung. Ich interessiere mich dafür nur am Rande.

Das führt zu weiteren Überlegungen. Der Jazz, die Kunst oder das Segeln sind Themenbereiche. Mit ein wenig Engagement wäre es leicht, sich in entsprechenden Gruppen den Austausch mit Gleichgesinnten zu ermöglichen. Ich gehe tatsächlich bewusst einen anderen Weg. Meine Arbeit, so wie ich diese definiere, besteht seit Jahren darin herauszufinden, was allgemein kränkt oder zumindest enttäuscht. Ich möchte eine grundsätzliche Antwort auf diese Frage. Es ist wie bei einer Impfung. Durch Konfrontation mit einem Problem, das zunächst maskiert auftritt, soll deutlich werden, worin exakt die persönliche Not besteht.

Sich eine passende Umgebung auszusuchen, die eigene Bedürfnisse stützt, ist ein Prinzip, angenehme Dinge durch diese Wahl einer individuell platzierten Aufnahmeposition erst möglich zu machen. Das verbirgt den riskanten Denkfehler intellektueller Inzucht. Zunächst eine feine Sache: Für alle meine Interessen kann ich heute den entsprechenden Gegenpol finden. Selbst ohne Reflexion der Gleichgesinnten, bietet mir (unangemeldet) bereits das gewöhnliche YouTube beinahe alles an Material, was einer sich nur denken kann. Eine Suchmaschine wie Google ersetzt das Lexikon, wie wir es kannten. Dazu kämpfen noch verschiedene dafür, dass andere Anbieter außerhalb des Mainstream Chancen haben, toll. Diese Vielfalt überfordert einige, und das sind wohl diejenigen, die dem Ganzen unterschwellig mit Misstrauen begegnen.

# Täuschung und Selbsttäuschung?

Ein gutes Beispiel für ein verzerrtes Wirklichkeitsbild liefert die Betrachtung der Corona-Pandemie durch die Medien. Es kommt darauf an, wo man sich informiert, um objektiv Bescheid zu wissen. Objektivität als solche darf bestritten werden, besser wäre zuzugeben, wir wären mehr oder weniger subjektiv darin, etwas korrekt einzuschätzen. Die 7-Tage-Inzidenz für Indien heute wird mit 6,0 angegeben (Website: Corona-in-Zahlen-Global am 2.11.2021). Nachdem sich die Werte in den Vereinigten Staaten anschließend des Sommers verschlechterten, bessert sich die Situation seit September dort deutlich. Genauso, wie über die guten Zahlen Indiens in den Nachrichten zur besten Sendezeit nicht berichtet wird, seit einer dramatischen Notlage im Mai, erfahren wir primär, wo es gerade bedrohlich zugeht, in Russland etwa würde Putin Urlaub für alle verordnen. Die besseren Werte der USA thematisiert das Fernsehen kaum. Die Menschen in Indien können nicht von sich sagen, die Pandemie durch eine gute Impfquote zu beherrschen. Nicht einmal ein Viertel der Bevölkerung dort ist vollständig geimpft.

Amerika; Präsident Joe Biden mag in den heimischen Nachrichten behaupten, seine Politik habe die Lage im Herbst gebessert. Dem deutschen Fernsehen ist dies nicht einmal einen Beitrag wert. Um die Situation so stark wie möglich in die gewünschte Richtung zu lenken, verzichtet man darauf, jede Störung, die unsere Impfbereitschaft in der Bevölkerung schmälern könnte, zuzulassen.

Der Lockdown als größte Bedrohung steht wieder im Raum, und nur die Impfung stärkt die Gesellschaft. Alle, die in irgendeiner Weise fachlich qualifiziert sind, äußern sich Druck ausübend in Richtung der Ungeimpften. Die Impfquote kann ihnen gar nicht hoch genug sein. Fraglich bleibt, wie eine Herdenimmunität zu erreichen ist? Das Schlimme am nicht geimpft sein, wäre die Gefahr böse zu erkranken, denn hauptsächlich diese Ungeschützten lägen nun im Krankenhaus, wiederholen die Politiker und Ärztepräsidenten. Das ist nur logisch, kann aber nicht verbergen, dass insgesamt das Risiko, intensiv an Covid zu leiden, geringer geworden ist.

Wir wissen, dass es dieses Virus gibt. Der einzelne kann Abstand halten, eine Maske tragen und sich impfen lassen. Es gibt bessere Möglichkeiten in allen Lebensbereichen, volle Innenräume zu meiden oder sich dort entsprechend zu schützen. Trotzdem wird die Lage, was nun zu tun sei, je nach Person ganz unterschiedlich bewertet.

Ein Bild der Wirklichkeit entsteht durch die Information, die wir nutzen. Die Vielfalt der Informationsquellen, die uns zur Verfügung stehen und das tatsächliche Erleben auf der Straße im Gespräch mit anderen, zeigen Wahlmöglichkeiten auf, uns der überzeugendsten Auffassung zuzuwenden. Bei näherer Betrachtung wird, wie überall, wenn andere uns umwerben, deutlich, dass sie ihren Motiven folgen und den Anschein erwecken, diese seien mit unseren gleich. Der Gesundheitsminister „liebt“ den einzelnen nicht, möchte ihn nicht schützen, sondern er beschreit zunächst eine Gefahr, schneidert sie breit bedrohlich zu, um dann die Welt retten zu dürfen. Da kommt es nicht auf die Person im Amt an, das täte jeder von uns dem Minister gleich, so zu handeln.

Es wird über eine geringere Kapazität von Intensivbetten berichtet. Das liegt nicht daran, dass im Vergleich zum Vorjahr einige dieser technischen Wunderwerke kaputt gegangen sind. Tatsächlich haben nicht wenige Pflegende dem Beruf inzwischen den Rücken zugekehrt. Wir verfügen über noch weniger qualifiziertes Personal als ohnehin schon. Ganz offensichtlich sind die Gehaltsvorstellungen der in Frage kommenden Personengruppe in Relation zu den Anforderungen nicht konform zu alternativen Angeboten anderswo. Daran ändert sich wenig, und das lässt nur einen Schluss zu: Wir sind in Deutschland nicht in Not, was die Lungenkrankheit betrifft. Unser Wirtschaftssystem steht an erster Stelle und diese Zahlen, nämlich wer wo wie viel Geld bekommen kann. Die Furcht schwer krank zu werden, tritt hinter kommerzielle Überlegungen, ob unser System funktional bleiben wird, zurück.

# Man geht zur Impfung, um Freiheiten zu genießen

Auf der Basis einer visionären Show überwiegt die Funktionalität des Systems gemäß der alten Idee „Brot und Spiele“ im modernen Gewand. Bereitwillig suchen wir uns die Befriedigung unserer Motive selbst aus. Speziell unterwegs oder breit gefächert ist für jeden etwas dabei: Die allgemeinen Medien haben einige Buhmänner. „Der Krieg in Eurasien“ war ein vergleichbares Thema im bekannten Roman von Orwell. Das genügt als Feinbild für einfach gestrickte Zeitgenossen. Man trifft diese Bösen nie beim Einkaufen oder am Gartenzaun persönlich. Trump hat ausgedient? Der beliebteste Unmensch ist derzeit der Brasilianer Bolsonaro. Nicht nur in der Pandemie ist er ein böser Falschmacher. Gerade gab es Indigene zu sehen, die ihren Präsidenten anklagten, Schuld an einer Umweltkatastrophe zu sein. Brasilien zerstöre die grüne Lunge der Erde, und die Menschheit stirbt bald seinetwegen. Gut möglich. Schlimm ist auch, Putin und der Chinese haben „Glasgow“ geschwänzt, stimmt. Was nützt es mir? Mein Einfluss auf Brasilien ist einigermaßen gering.

# Schimpfen als Ersatz für Selbstbewusstsein?

Die Medien füttern uns mit dem vermeintlichen Versagen der Menschen dieser Welt. Abstrakt entsteht eine Realität vom Ganzen, die wir vermeiden, vor Ort nachzuprüfen. Das ist eine Droge für welche, die sich selbst nicht wahrnehmen mögen. Wer die Fehler der anderen aufzuzeigen wichtiger nimmt, als eigene Dinge auf die Beine zu stellen, blendet sich schließlich daran. Greta Thunberg ist tatsächlich nach Amerika gesegelt, hat Donald Trump getroffen, ihm die Meinung gesagt! Sie ist so unglaublich anders und mutiger als die Masse. Wer sich selbst nicht mag und traut, hat in dieser Welt verloren, bevor er aufbricht, seinen Platz zu behaupten. Reflexion wird immer nur partiell sein. Ich muss danach suchen oder bereit sein, auf Lob zu verzichten. Mit dem Blick auf Applaus kann niemand befriedigend schaffen. Ankläger und investigative Journalisten stehen im Roman und in der Doku gern im Rampenlicht. TV-Kommissare beherrschen unsere Unterhaltung? Die Aufgaben eines Detektivs zu übernehmen und Ankläger oder Richter zu sein, ist die vermutlich schwierigste – besonders, wenn die Ermittlungen mit einer Strafe abgeschlossen werden. Künstler sind wie Polizisten, aber ohne Gericht und Gefängnis im Hintergrund. Wahrheit versus Behauptung: Wir sollten mehr leisten als pöbeln (wie alle). Als Mensch unter anderen ihnen die Fehler aufzuzeigen, belastet. Das macht sich mancher nicht klar, der leichthin meckert und hofft mit Bewunderung, Freundschaft oder gar Liebe belohnt zu werden. Wer fleißig einer Leidenschaft folgt, scheitert, wenn diese ihm als solche nicht genügt. Die Umgebung liebt uns nicht. Sie wird immer mehr oder weniger feindselig dastehen.

# Bleibt noch, einfach mitzulaufen

Wenn ich einen Blogbeitrag über den Planeten Merkur, den ich zufällig gesehen habe, auf meine Webseite stelle, erfahre ich so gut wie keine Resonanz, etwas Besonderes erreicht zu haben. Kaufte ich mir ein gutes Teleskop, fuchste mich in die Materie, könnte ich mit den modernen Möglichkeiten ein schönes Foto des Planeten selbst machen. Sogar am Tage fotografierte ich seine halbe Sichel, und die Bewunderung einiger Sternenfreunde im entsprechenden Forum wäre mir sicher. Postete ich meine Kritik an der Corona-Politik im dafür geeigneten Kanal, könnte ich Anerkennung der quer denkenden Szene bekommen. Schriebe ich über das „Radio früher“, dürfte ich nostalgische Reflexionen genießen. Aber nur, wenn ich mir gezielt die damaligen Hörer auf einer passenden Plattform suchte.

Fazit kann nur sein, um mich – den „ganzen John“ mit allem Drum und Dran: von Malerei über Segeln, bis zu soziologisch motivierter Kritik – schert sich niemand; außer möglicherweise meine allerliebste Frau. Diese hat aber auch einigen Nutzen davon. Sie ist mit einem ganzen Mann verheiratet und besitzt (mit mir) ein halbes Haus. Ihr vernünftigerweise sie liebender Gatte finanziert die andere Hälfte und repariert mannhaft eventuelle Schäden.

Mir bleibt heute nur wenig vom vertrauten Gefühl, lieben zu können und geliebt zu werden. Allein im Weltenraum ohne Sterne über mir! Ich schaue auf die Kimm, und dort fährt kein Schiff. Auch an Land: Ich müsste selbst los ziehen, Anerkennung zu bekommen – das hieße, sich Wald anpflanzen, hineinzurufen und am wohlmeinenden Echo Freude finden. Liebe ist zum „wie du mir, so ich dir“ verkommen und funktioniert wie der Oma ihr Steckrübeneintopf.

🙂