Wieder kommt mir Hornblower in den Sinn. Schon einmal habe ich diesen Bezug zur Gegenwart gesehen, und zwar als Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt wurde. Schnell kam die Frage auf, was mit dem los sei? So etwas „hatten wir noch nicht“ und „der Mann spinnt“, waren bekanntlich die ersten Reaktionen. Bald kamen Psychiater zusammen, den Amerikaner – ohne ihn zu treffen versteht sich – allein aus der Beobachtung der Medien, analytisch zu bewerten. Verschiedene Geisteskrankheiten und Verhaltensauffälligkeiten attestierte man dem Populisten. Exponiert ist Trump allemal, und auffallen muss man als Präsident. Andernfalls wird man keiner.

So absurd sich dieser Mann an der Spitze der USA auch gegeben hat, klar ist, dass diese extrovertierte Persönlichkeit genügend Verstand besitzt, weiter mitzumischen, auch wenn er die Wiederwahl vermasselte, was drüben selten ist. Eine der faszinierendsten Regeln der amerikanischen Demokratie lautet, dass man nur zwei Mal Präsident sein darf. So etwas wie den langjährigen Kanzler Helmut Kohl bei uns oder das ihm nachfolgende, von den Deutschen so geliebte „Mädchen Angela“ mit ihren überlangen Kanzlerschaften, kann es in den Vereinigten Staaten nicht geben, weil nach zwei gewonnenen und durchregierten Perioden ein anderer aufgestellt werden muss. Wladimir Putin könnte sich dort nicht wie ein Zar einnisten und bleiben. Dass es in Russland möglich geworden ist, besorgt manche nicht erst seit der Eskalation in der Ukraine. Wir haben uns gern täuschen lassen, wenn wir den starken Politiker in den Medien gesehen haben. Immerhin sei der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder mit ihm befreundet, heißt es.

Wladimir Putin äußerte sich angeblich über Trump, der sei „in echt“ ganz anders als im Fernsehen. Zwei, die sich mögen? Der französische Obelix ist ja auch so einer, der gern den Russen besucht hat, und mit Schröder finden wir noch einen extrovertierten Freund im Bund. Passt doch, mögen einige gedacht haben. Ich jedenfalls gehöre zu denen, die Gefallen dran finden, wenn laute, kraftvolle und authentische Menschen sich gegenseitig Respekt erweisen. Das schien mir hier der Fall zu sein. Ich blieb gern blind auf einem Auge, wenn die Demokratie in Russland missachtet wurde, sogar die Annexion der Krim hat mich kalt gelassen. Das „war immer unser“, meinte eine liebe Bekannte zu mir. Natascha ist aus der Gegend von Omsk oder so (kaltes Sibirien jedenfalls), und sie ist wirklich klug. Eine starke Frau. Viele Russen vertrauen ihrem Präsidenten mit dieser ihnen eigenen Blindheit, über manches hinwegzusehen, das bei uns undenkbar funktionierte. Jetzt hat sich daran etwas geändert. Während ich nach wie vor an den Verstand von Donald Trump glaube, der ganz offensichtlich den menschenverachtenden Sturm auf das Kapitol anschob, teile ich die Befürchtungen einiger, die bemerkt haben wollen, dass mit Putin etwas nicht stimme.

# Das macht Angst

Ich denke an Adolf Hitler, seinen sogenannten Nero-Befehl, verbrannte Erde zurückzulassen. Das beschreibt diesen Wahn, wenn der erhoffte und anvisierte Endsieg nicht hinzubekommen sei, hinterlasse man dem Feind nur Schutt und Asche. War der deutsche Diktator, schlimmer als Napoleon oder Mussolini, krankhaft bösartig? Das deuten Fachleute an. Neulich kam etwas im Fernsehen. Eine Doku ging der Überlegung nach, inwieweit Hitler eine vorbelastete Persönlichkeit gewesen ist. Man führte Inzucht in der Familie an, und es ließen sich Belege dafür finden. Der Vater war jähzornig und trank, so dass man annehmen könne, Sohn Adolf hätte eine traumatische Vorgeschichte gehabt, hieß es. Dann gab es als ein weiteres Detail, was sich gut in eine verstörende Biografie einreihen ließ, die wenigen Belege dafür, dass der junge Hitler sexuell gedemütigt worden wäre. Und zwar von seinen Kameraden zur Zeit des Ersten Weltkrieges, den der spätere Führer als einfacher Soldat erlebte. Die Doku probierte aufzuzeigen, der Führer habe ein operativ nicht verschließbares Leck „untenrum“ gehabt, sei inkontinent gewesen. Das, und die frustrierende Zurückweisung an einer Kunstschule, auf die der junge Mann gern gegangen wäre, zusammen mit der Familiengeschichte, mochte dem Historiker eine These geben, Hitler hätte gute Gründe gehabt, die Welt als nicht normal anzusehen und berechtigten Hass pflegen können. Die Unabänderlichkeit der erfahrenen Kränkungen nagten am Führer und nährten narzisstische Ideen.

Mir hat das gefallen zu hören: Zeigt es doch, dass Wahnsinn nicht von ungefähr kommt. Ich empfinde meine Mitmenschen nur zu oft als verletzend. Als noch schlimmer nehme ich wahr, dass nicht wenige sich selbstgerecht, geradezu unbeeindruckt stumpf und unbewusst ihrer Gemeinheiten breit machen. Das stützt meine Ansicht, die Umgebung kränkt nicht wenige, begünstigt traumatische Lebensläufe. Andere mögen ähnlich empfinden. Das lässt als Schluss nur zu, dass wir alle nicht selten fies und herzlos über unsere Nächsten hinweggehen. Mit dem Unterschied, dass manche sich selbst weniger verletzen lassen und andere extrem vulnerabel reagieren. Der Ansatz zu helfen muss also sein, Menschen davon abzubringen, dem Rat zur Nächstenliebe auf eine Weise zu folgen, die sie krank macht. Andernfalls wird der Wunsch, sich schließlich einmal zur Wehr zu setzen, auf zerstörende Weise frei. Gedemütigte müssten lernen, ihre Kräfte in motivische Bahnen zu lenken, die ihrem Umfeld nützen wie ihnen selbst.

Man muss kein Facharzt sein, um diese furchtbare Zeit des Zweiten Weltkrieges und das Gebaren des Führers als bösartig und krank zu bewerten. Vor Ort und damals war die Masse jedoch kollektiv davon überzeugt. Viele geschichtliche Dokumente und Filmmaterial zeigen, dass der deutsche Führer die Menschen begeistert hat. Selbst welche, die Hitler als Person infrage stellten, waren überzeugt, dass Deutschland nach dem verlorenen ersten Krieg mit einem zweiten zu verdienter Größe zurückfinden müsse. Auch nachdem dieser zweite Krieg verloren war, blieben nicht wenige dem bösen Denken treu. Sie sahen ihre Zeit keinesfalls aus der Perspektive, die wir gewohnt sind. Heute erstaunt die Einschätzung nicht weniger, die in ihrer zertrümmerten Heimat Berlin von den Amerikanern und Briten gefragt wurden, wie das mit Hitler gewesen wäre? Als es wieder aufwärts ging und der Schuttberg kleiner wurde, es guten Kaffee gab, amerikanische Zigaretten und manche Freiheiten, die den furchtbaren Krieg schon bald ein wenig vergessen ließen, antworteten die Deutschen nicht selten: „Der Nationalsozialismus wäre an sich eine gute Sache gewesen, nur eben schlecht durchgeführt.“ Dieses, wie ich finde schockierende Zitat, habe ich vor kurzem in einem Bericht über die Zeit vor dem Mauerbau in Berlin aufgeschnappt. Wir sollten vorsichtig sein mit unserer abwertenden Bewertung heute, wären wir doch dieselben vielleicht, die so dächten, hätten wir damals gelebt.

Möglicherweise hat der russische Führer noch Erfolg? Friedensverhandlungen sind gerade wieder im Gespräch. Sein „Endsieg“ bestünde drin, die ukrainische Führung mit einigen, wenigen bösen Angriffen nun schnell einzuschüchtern und emotional zu brechen, auf Linie zu bringen: „Vergesst das mit der Nato. Die Amerikaner gängeln euch nur“, mag der gute Wladimir beschwören. Wenn das möglich würde, könnte dieses Land sich wie Belarus und Kasachstan auf die gewünschte Weise anpassen? Es fällt mehr als schwer, daran zu glauben, dass es noch so in etwa geschieht. War die militärische Idee anfangs, ohne den jetzt begonnenen Angriff, allein aufgrund der bedrohlichen Situation des vorherigen Manövers, eine erzwungene Aufgabe der Scharmützel im Osten zu erreichen? Da hätte eine Befriedung des Gebietes unter Anpassung an Russland nicht wenigen imponiert. Es hätte nicht unerhebliche Eigenbewegungen in Richtung freier Demokratie erstickt und in dieser Hinsicht schlecht Informierte (wie zum Beispiel mich) weiter an die russische Version der lupenreinen, gelenkten Demokratie glauben lassen. Man muss sich schämen, es zuzugeben? Ich wäre vielleicht noch einmal darauf hereingefallen, dass mir der starke Mann im Kreml irgendwie gefällt. Das ist vorbei. Es wird mir spät klar, dass man nicht sagen kann, wir greifen nicht an, es tut und sagt: Selenskyj sei ein Nazi. Der wirkt gar nicht wie Adolf. Was für eine Art Faschismus meint der russische Präsident? Der blindeste Kunstmaler aus Schenefeld muss im Komiker Selenskyj den mutigsten aller kreativen Kollegen sehen, und ein Zerrbild wurde aus dem, den ich irgendwie mochte – Putin.

Angenommen, krankes Verhalten ist so selten nicht? Es spricht viel dafür, und die Schuld liegt sicher nicht nur in der Vorbelastung missratener Gene – sondern unsere Umgebung zeigt sich als unfreundliche Sozialität, die das nicht wahrhaben möchte – dann können auch Führungskräfte psychisch krank werden? Möglich ist eine Entwicklung zum Schlechten. Kein Idiot bekommt eine führende Position. Heute wird gern vom Burnout geredet. Aber das ist nur ein neues Wort, das den Zusammenbruch einer Karriere kennzeichnet, die es den Betroffenen ermöglicht, anschließend weiterzumachen. Würde man diese Erkrankung stigmatisierend bewerten, bedeutete sie das Aus für zu viele, die vor dem Kollaps gute Arbeit geleistet haben. Das macht deutlich, das wir auf dem guten Weg sind, psychische Krankheiten als integriert anzunehmen. Da können wir noch besser werden. Schwieriger als der weinende Chef, unvergleichlich gefährlich geradezu, ist ein Amokläufer, und denkbar ist auch eine psychisch kranke Führungskraft, die nicht weint, sondern immer bösartiger wird und schließlich irrational handelt.

Es könnte krankhafte Entwicklungen geben, die erst allmählich zu einem handfesten Problem werden. Der erhängte Epstein mag ein Beispiel dafür sein, wie abartiges und krankes, gegen andere gerichtetes Verhalten den Verbrecher nicht hinderten, rational sein Vermögen zu erwirtschaften. Dieser Mann wäre als Sexualstraftäter schuldig gesprochen worden. Entsprechend auffällige Gymnasiallehrer oder Betreuer in einer Kita, die sich an die ihnen anvertrauten Kinder heranmachen, therapieren wir als krank. Das hängt sicher mit den Millionen zusammen, die man nur mit entsprechendem Verstand zusammenbekommt. Wer „nur“ Pfleger irgendwo ist, muss krank sein, wenn dieser Kinder missbraucht, meint die Gesellschaft. Wladimir Putin könne nicht krank sein, ist schließlich Präsident? Wir sollten es ins Auge fassen als unglaubliche Gefahr.

Der von C. S. Forester erdachte Leutnant Hornblower ist ein literarisches Vorbild, das mir in den Sinn kommt, wenn es darum geht, im Krieg selbstständig zu handeln. Wer die Reise mit dem verrückten Kapitän Sawyer erinnert, kann wie jeder andere Leser des Romans ins Grübeln kommen, wie das damals gewesen sein mag, als der Kommandant in den Niedergang stürzte? Dieser Despot war immerhin der Kapitän eines beachtlichen Zweideckers und bestimmte über das Leben zahlreicher Männer an Bord. Die können ja nicht weg auf See.

Auch die Meuterei auf der Bounty liefert eine wahre Geschichte, die Ähnliches erzählt. Die unglaubliche Fahrt in einem kleinen offenen Boot, die der abgesetzte Bligh erfolgreich meisterte, um sich und einige Offiziere zu retten, nachdem Fletcher Christian die Bounty übernahm, hat der abgesetzte Kapitän in Schriftform festgehalten. Das habe ich gelesen. Bligh war ein hervorragender Nautiker und hat es mit großer Disziplin vermocht, seinen winzigen Kutter weit über See zu navigieren, schlussendlich heil anzukommen. Eine seemännische Meisterleistung. Nichtsdestotrotz meuterte seine Mannschaft auf der legendären Bounty. Das kann nicht nur an den Verlockungen der Südsee gelegen haben? Bligh muss fies gewesen sein und hat in Christian seinen mutigen Widerpart gefunden. War der Kapitän aber krank? So genau weiß man das ja nicht. Der fiktive Kapitän Sawyer (auf der Renown) ist krank. Wir dürfen mutmaßen, dass der genauso ängstliche wie bekanntermaßen mutige, junge Leutnant Hornblower das Problem in seinem Sinne angepackt hat.

🙂