„Ganz dahinten, wo der Leuchtturm steht“, singt Hans Albers in einem vergessenen Melodram, und: „Wär’ ich doch ein Junge noch!“, resümiert der blonde Hans (ergriffen von sich selbst) zurückschauend. Seine Stimme schnarrt ein wenig. Das Ende kommt in Häppchen: „Dort blieb ein … Stück . von . meinem … Glück . zu . rück“, wer hier keine Träne verdrückt …

Ein Licht dahinten, ganz weit weg, ist es dort besser? Ich lese: „Ein Licht war in der Finsternis, und die Dunkelheit hat es nicht auslöschen können.“ Ein kleines Blatt mit einer Buntstiftzeichnung, Kerze und Gedöns wie man’s kennt, Kinderschrift darauf. Es hängt im Schaukasten der Dorfkirche. Ich gehe oft vorbei und denke darüber nach. Wenn ich im Fernsehen vor acht eine Doku: „Dunkle Materie“ sehe und auch sonst mal.

Physiker haben ein Problem, man kann es googeln.

# Dunkle Materie ist eine postulierte Form von Materie, die nicht direkt sichtbar ist, aber über die Gravitation wechselwirkt. Ihre Existenz wird postuliert, weil im Standardmodell der Kosmologie nur so die Bewegung der sichtbaren Materie erklärt werden kann, insbesondere die Geschwindigkeit, mit der sichtbare Sterne das Zentrum ihrer Galaxie umkreisen. In den Außenbereichen ist diese Geschwindigkeit deutlich höher, als man es allein auf Grund der Gravitation der Sterne, Gas- und Staubwolken erwarten würde. (Wikipedia).

In der Doku sagt ein Wissenschaftler: „Es schmerzt schon, dass wir’s nicht erklären können. Es muss da etwas sein, überall, auch hier gerade um uns herum …“, er macht eine hilflose Rührbewegung mit seinen Armen, es zu greifen, „dass Einfluss nimmt, auf die Gravitation, das Funktionieren unserer Welt.“

Der Bundespräsident zündet eine Kerze an, wir gedenken den Toten der Pandemie, im Schloss Bellevue funzelt es im Fenster. Es gibt Hoffnung und verdeutlicht die beschränkten Möglichkeiten des ersten Mannes im Staate, selbst politisch einzugreifen. Zwölf Jahre sind vergangen, Frank-Walter Steinmeier fand sich kräftig genug, wollte ein Bundeskanzler werden. Die Deutschen entschieden anders. Licht, das uns führt, scheint dahinten im Fenster. Kraft, die alle bindet, gibt uns persönliches Gewicht. Was können wir Menschen erreichen, wo steht unser Leuchtturm? Auch die Kanzlerin erinnert an Grenzen, entwickelt Perspektiven angesichts des Unfassbaren, setzt den Rahmen. Merkel erklärt ihre Politik der Einschränkungen weltumspannend: „Die Schwerkraft können wir nicht abschalten …“, beginnt sie einleitend einer langen Rede zu mahnen. Was auch nicht wünschenswert wäre, finde ich. Die Macht des Staates ist begrenzt. Wir alle können hier nicht weg.

Das halten einige kaum aus.

# Justizopfer Gustl Mollath will weg aus Deutschland. „Ich würde am liebsten das Land verlassen“, sagte der 64-Jährige der Deutschen Presse-Agentur in München zum Erscheinen eines neuen Buches mit dem Titel „Staatsverbrechen – Der Fall Mollath“.

„Auf dieses Land ist überhaupt kein Verlass.“

Das Buch wurde von dem Juristen Wilhelm Schlötterer verfasst. Derzeit lebt Mollath in Norddeutschland, wo er nach eigenen Angaben versucht, Fuß zu fassen. Langfristig wäre er aber „froh, wenn ich irgendein Plätzle auf der Welt finden würde. Ich möchte in Deutschland, vor allem in Bayern, nicht bleiben müssen.“ Mit Blick auf die Bundestagswahl im September sagte er: „Ich werde dieses Mal erstmals wieder wählen können dürfen und muss damit rechnen, dass (Bayerns CSU-Ministerpräsident Markus) Söder der nächste Kanzler ist. Das beschleunigt meinen Wunsch, das Land zu verlassen.“

Mehr als sieben Jahre lang war Gustl Mollath wegen angeblicher Gewalt gegen seine Ehefrau in einer Psychiatrie eingesperrt, bevor er als Opfer der bayerischen Justiz rehabilitiert wurde. (Gekürzt übernommen von t-online, 22.02.2021, Verwendete Quellen: Nachrichtenagentur dpa).

Kein Verlass auf ein (noch) dunkles Deutschland? Das Gute hat so scheint es noch nicht ganz gewonnen. Auch in den „Star-Wars-Filmen“ ist die „dunkle Seite der Macht“ Gegenspieler der Protagonisten. Eine zentrale Angst machende Frage des Menschseins; das Dunkle, das Böse. Bibel und Kunst greifen das Thema auf, die Physik gibt zu, dass da offene Fragen sind. „Die im Dunklen sieht man nicht“, weiß schon Brecht, (Mackie Messer).

Auch Maler fasziniert das Licht und die dramatische Dunkelheit. Der Meister des Helldunkel sei Rembrandt gewesen, meinte mein Vater gern und holte zum Beweis unser schmales „Knaurs Lexikon“ aus dem Regal. Das hatten alle zuhause stehen, bevor die zwanzigbändigigen üblich wurden, bis sie unbändig digital besiegt wurden. „Mann mit Goldhelm“, jeder kenne dieses Bild sagte er.

Bis 1986 galt es als „echter“ Rembrandt.

# Seit dem Erwerb und der öffentlichen Ausstellung in Berlin war das Bild äußerst populär. Kunstdrucke und mehr oder weniger geschmackvolle Umsetzungen in andere Medien (z.B. als Stickerei) waren weit verbreitet und schmückten viele Wohnungen. Seit es nicht mehr als Werk Rembrandts gilt, hat die Bekanntheit des Bildes nachgelassen, obwohl es sich dabei durchaus um ein qualitätvolles Werk handelt, wie Martin Warnke feststellte. (Wikipedia).

Kunst ist Fake.

Durchaus Qualität habe das Bild, sagt man, immerhin. Und bis 1986 war es ein Meisterwerk, das deswegen bewundert und immer wieder kopiert wurde? Es zeigt, dass die Bilder selbst nur flüchtig angesehen werden, aber gelesen wird, was über den Maler gesagt wird. Dunkeldoof finde ich das.

„Am Anfang war das Wort“, heißt es. Da beginnen unsere Probleme, fängt es an mit den Behauptungen. Schweigen sei Gold, wer wüsste diesen und andere Ratschläge nicht wiederzugeben. Wer schreibt oder malt, der bleibt. Das verdunkelte Hirn des Menschen ist in Kunst und Kunstkritik nicht unbekannt, Van Gogh, aber auch Edvard Munch und andere werden gern ausgeleuchtet.

# „Kann nur von einem Verrückten gemalt worden sein“, besagt eine kaum lesbare Notiz auf Edvard Munchs „Der Schrei“. War es ein Akt des Vandalismus – oder eine Nachricht des Künstlers? Norwegische Wissenschaftler haben Edvard Munchs Gemälde mit einem Infrarotscanner untersucht und sind nun sicher: Die mysteriöse Inschrift in der linken oberen Ecke des Gemäldes stammt vom Künstler selbst. (…). Lange war angenommen worden, ein verärgerter Museumsbesucher könnte das Werk von 1893 beschädigt haben. (…) nachdem Fachleute vom Nationalmuseum in Oslo ihren Infrarotscan von der Inschrift mit handschriftlichen Aufzeichnungen Munchs verglichen haben, scheint die Sache klar. „Die Handschrift auf dem Gemälde gehört zweifellos Munch“, so die Museumskuratorin Mai Britt Guleng zur BBC. Die Inschrift selbst, aber auch die Ereignisse von 1895, als Munch das Gemälde erstmals öffentlich zeigte, deuten alle in diese Richtung.

„Der Schrei“ kam in Norwegen nicht gut an. Munch musste sich harsche Kritik anhören, seine seelische Gesundheit wurde zum öffentlichen Thema. Aus seinem Tagebuch geht hervor, dass Munch tief von den Reaktionen auf seine Kunst getroffen war. Tatsächlich litt der 1863 geborene Künstler anscheinend an Depressionen und Angstzuständen, wie auch sein Vater und seine Schwester. Die nachträgliche Inschrift auf dem Gemälde war demnach wohl Edvard Munchs Beitrag zur Debatte seiner Kritiker. (Verwendete Quellen: BBC, Edvard Munch wrote „madman“ graffiti on Scream painting, scans show. Mysteriöse Inschrift, Forscher lösen Rätsel um Edvard Munchs „Der Schrei“ 22.02.2021, t-online).

pastedGraphic.pngDiese Geschichten, die wir (ich bin auch so einer) machen, verrückt! Ich habe eine Freundin (wäre es bei uns üblich, hätte ich gern einen Harem), und dass, obwohl Nachbar Irakli meint: „Zu dir setzt sich keine Frau mehr an den Tisch.“ Er kennt mich? Der Künstler, das bin ich. Bekannt im Dorf, nicht nur wegen der „unmöglichen“ Bilder. Einmal mehr habe ich „Scheiße gebaut“, und wir reden. „John!“, sagt Melli, reißt die Augen auf, beschwörend packt sie meinen Arm: „Das macht man im Dunklen, wenn einen keiner sieht“, meine allerliebste kleine Mellimaus ist entsetzt. Aber ich denke anders als Gustl, mir gefällt es, im Rechtsstaat zu leben. Ich habe einen besseren Eindruck davon. Natürlich, auch ich möchte nur zu oft „ganz weit weg“ – weiter als Edinburgh (wie die Zweitliebste). Ich weiß aber, dass es nicht geht. Da kommt schließlich (ewiglich und untrennbar) die Haupt- und beste Ehefrau, unverzichtbar vor allen anderen dran, und wir bleiben natürlich hier. Nicht nur die Schwerkraft gibt Halt, bindet. Ein anderes Mal, Melli geht es gerade beschissen, als nun ich ihr mit einem kleinen Hüpfer an der Bushaltestelle zeige: „Du kannst hier nicht weg.“ Lieb hab’ ich sie. Alle.

Heute ein „Greta-Gedanke“, es gäbe keinen Planet „B“ für uns, und man kann es größer interpretieren: „Da sei nur eine Welt oder keine“, erkennt Trompeter Dizzy bereits 1990 in Prag, die Leute klatschen minutenlang. Wenn das stimmt, nur eine Welt existiert, können wir sie nicht verlassen, nicht einmal im Tod.

Eine Kunst, effektvoll zu malen wie Rembrandt. Wir können mit dem Helldunkel umgehen oder werden zwischen den Fronten zu Staub zerrieben. Die Existenz kennt das Ende Tod, kann aber nicht sagen, was genau nicht existent zu sein für diejenigen bedeutet, deren Leben beendet ist. Staub denkt nicht, ist sichtbarer Dreck, immerhin. Die letzte Möglichkeit, noch Putzfrau*in zu ärgern. „Dunkle Materie“ ist unsichtbar und möglicherweise mehr. Der Mensch muss lernen, mit etwas zu navigieren, das niemand fassen kann. Die Wirklichkeit von gestern ist die Karte, mit der wir ins Morgen schippern. Weil wir so beschränkt informiert darüber sind, wie etwas war, wenn es vergangen ist. Wir haben hinten keine Augen, und kriegen vieles nie mit. Das ist nur eine der Gemeinheiten dieser auch bösen Welt. Deswegen hat sich der Rechtsstaat entwickelt. Das ist unser Fortschritt, seitdem „Herr Jesus“ angenagelt wurde, weil er einige zu sehr nervte. In dieser Tradition stehen, vom heiligen Stephanus, nach dem unsere kleine Kirche hier im Schenefelder Dorf benannt ist, über viele andere, bis zum „Nawalny“ einige, die so unbequem sind, dass eine Macht ihnen das Maul verbieten will.

# „Wir“ machen Fehler

Natürlich ist Mollath nicht nur Opfer. Einzelne brechen das Gesetz, aber auch Menschen im Staat tun das, und dann greift dieses System, das uns alle bindet. Je nach Land eine gnadenlose Maschinerie bei den einen, bürokratisches Unwesen bei anderen. Zu Unrecht eingesperrt vom Staat: Wie es Gustl Mollath ergangen ist in der Bundesrepublik Deutschland, hat manche entsetzt, andere kaum interessiert. Er ist ja wieder „draußen“, werden sie meinen. Viele kommen nie mit dem Gesetz in Konflikt. Sie finden es leicht, gut zu sein und selbstverständlich. Immer sind sie die Äpfel, die anderen Birnen, halten sich für gute Menschen, begreifen nicht, dass ihnen nur was gut gelingt. Scheuklappen ersetzen die Bewusstheit genauso wenig, wie ein Medikament den Psychopathen normalisiert. Auch Normale können überraschend „geisteskrank“ werden – ein doofes Wort, „depressiv“ (immer traurig), elegant trendy ist auch: „Burnout“ – müssen sich neu definieren.

# Großartig!

„Sie hielte es mit Anne Frank“, meinte unsere Bürgermeisterin über ihr Wirken an verantwortlicher Position, als wir uns noch lange Mails schrieben und mochten. Das sollte wohl heißen, sie als Vertreter des Staates lebe nach den Gesetzen des Widerstands von damals, ließe sich leiten von idealen Werten, könne deswegen nicht fehlgehen durch den inneren Kompass. Heute „sind wir der Staat die Guten“ und einen Antidemokraten Trump halten wir aus, bis er wieder gehen muss prophezeite sie. Sie hatte recht, was Trump betrifft. Toll, Christiane: Ich ertrage dich, bis du gehst. Schweigen ist erst möglich, nachdem man alles andere probierte. Zum Letzten bleibt das einseitige, unregelmäßige offene Tagebuch, ein fiktives Meinungsbild und nur eine alternative Wahrheit. Ein Blog ist nicht sein Mittagessen zu posten und andere Banalitäten, die dann sehnsüchtig kommentiert zu sehen. Das ist Quatsch.

Ich wollte wissen, warum mein Freund und Segelkamerad tot ist. Ich wollte wissen, ob es mir selbst passieren kann, so massiv in emotionale Not zu geraten, warum? Warum, das habe ich mich gefragt, immer wieder. Keiner konnte es erklären. Ausflüchte und mehr davon. Lang ist’s her, und heute weiß ich es besser. Schön zu leben, aber wie lange noch, ist nicht mehr wichtig. Was soll mir die Zukunft, wenn ich heute glücklich bin? Das Alter wird nicht leicht sein, so viel ist gewiss. Ich erinnere mich, und das hilft mir zu denken.

Wie etwa zu planen, was ich gleich nach der Luvtonne machen will, beim Segeln, wenn ich zuvor gut kreuzte und vorn vor dem Feld liege. Die nahe Zukunft kann durch die gegenwärtige Entscheidung ganz gut vorbereitet werden, nur Automaten handeln nach Programm unter Zwang. Die eigene Entscheidung zu treffen, bedeutet wählen zu können, wohin es gehen soll. Einen Luvkampf mit Piet beginnen oder besser tief fahren, wie läuft der Strom? Freiheit, Fairness und Fehler machen; das Modell geschickt zu leben, ist im Sport zu finden.

Und überall dort, wo wir sonst aufmerken, beginnen plötzlich nachzudenken.

„Fruchtwasseruntersuchung? Wenn Sie die machen, müssen Sie abtreiben, wenn das Ergebnis eine grundsätzliche Missbildung wie etwa das Down-Syndrom zeigt. Wenn Sie nicht abtreiben wollen, brauchen Sie diese Untersuchung nicht zu machen.“ Erst denken, dann tun was alle machen oder eben nicht. Manches müssen wir ganz allein herausfinden: Ein ekliges, verlogenes Pack scheint die Gesellschaft zu sein? Man muss ja nur die Zeitung aufschlagen. Ganz weit weg, wohin denn?

# Maria 2.0

Und doch ist Licht in der Finsternis und verlöscht nicht. So steht es geschrieben, was heißt das? Ein veraltetes Buch, das immer wieder umformuliert wird, in aktuelle Sprache. Meine Prophezeiung: Bald wird es durchgendert werden. Warum gibt es keinen zweiten Band? Die Bibel zwei, und jetzt auch verfilmt von Disney.

Ich werde nicht müde, mir alltäglich neue Geschichten irgendwo abzuschauen und stutzig zu werden, neu zu interpretieren. Noch eine Facette desselben: Da wird eine junge Frau im Tageblatt porträtiert, zwanzig Jahre alt etwa, im Bikini. Strahlt glücklich in die Kamera, lange blonde Haare und schön zum gleich Vernaschen für den Mann.

Unten sichtbar ist ein beuteliges Pflaster und eine Narbe quer über den Bauch.

Sie ist hübsch, und ein Arzt hat ihr einen künstlichen Darmausgang in den Unterleib operiert, das müsste sein. Weil sie eine Soundso-Krankheit habe mit Durchfall, Verstopfung, was weiß ich was dazu und Problemen noch und nöcher, und das sei auch gefährlich, mache man jetzt nichts. Tatsächlich? Das würde ich nicht glauben, wenn ein Arzt das sagt. Verstopft, verkackt und geschickt verpfuscht ist dieses Leben. Böse bin ich und asozial verstockt. Voller Zorn! Kein Vertrauen in andere: „Trau, schau wem“, die Verantwortung liegt bei dir selbst zu entscheiden, was gemacht wird. Wer will denn leben? Wir atmen, das Herz schlägt, es geschieht.

Mit der Diagnose „Krebs“ konfrontiert, muss ein Mensch die gewöhnliche Haltung: „Ich krieg’s nicht“ (nur die anderen) aufgeben. Wer meint, grad jung zu sein und deswegen interessiere das Siechen alter Menschen im Pflegeheim nicht, denkt wohl, man selbst sei ja erst später betroffen. Dann könne man sich damit beschäftigen, alt und krank zu sein. Ich musste schon Hilfe annehmen. Ich habe um vieles bitten müssen. Ich fürchte die mir aufgezwungene Hilfe, der ich mich verbal nicht entziehen kann, wenn ich schwach bin, in die Enge getrieben. Den Tod fürchte ich nicht.

# Episoden des Alltags formen das Bild, unser Helldunkel

Vor dem Bäcker klären ein Bekannter und ich: „Sie stehen hier auch an?“ Mit der Maske vorbereitend in der Hand warten wir gemeinsam darauf, dass Kunden das Geschäft verlassen. Zwei Personen sind aktuell erlaubt, ein Schild weist darauf hin. Wir reden. „Manche fragen gar nicht, sie übersehen dich, wenn du hier stehst und gehen direkt rein, ganz egal wie viele wo sind. Sie tun so, als hätten sie nichts bemerkt.“ Wir scherzen. Er ist schon alt, knapp auf die Achtzig zu, vermute ich. Auf meine Frage zu Corona-Risiko und Gesundheit eröffnet der Mann mir, er habe seit kurzer Zeit „hier so einen Beutel“, zeigt auf den Unterleib, ihm wäre „die Blase entfernt worden.“ Mit der Diagnose „Krebs“ ist das bekannte Leben der Verdrängung möglicher Gefahren unmöglich. Muss man tun, was geraten wird? Der Arzt wird sich geben, als mache er nur Vorschläge, wenn er Operationen empfiehlt oder eine Chemotherapie.

„Der Krebs ist wiedergekommen“, wie oft ich das schon gehört habe. Immer reden die Leute so, als wäre „der Krebs“ ein Fremder. Wie die Jacke, die man trägt, ein Auto, dass alle kaufen könnten, der Stuhl vom Nachbarn, jedenfalls ein Ding, das bekämpft werden kann, aber nicht ein Teil von ihnen selbst ist. Der Feind, und dann kämpfen diese Leute dagegen. Der Krebs wird betrachtet, als wäre mit dem Begriff der operable Tumor, ein Objekt gemeint, das autark existiert, wächst, sich aus mir dem Kranken nährt. Und rausoperiert entspricht „der Krebs“ dem von jedem anderen. Nach demselben Verständnis werden Organe gespendet und woanders eingepflanzt. Was ist so toll daran, das Leben durch eine derartige Operation oder Therapie länger zu machen? Die guten Jahre, was die Vitalität betrifft, sind bei vielen die Jugend gewesen. Im fortgeschrittenen Alter kann eine Verlängerung des Lebens kaum zu einer Steigerung des Wohlfühlens führen, da weitere Einbußen der Möglichkeiten unausweichlich sind. Es sei denn, erst die schockierende Diagnose lässt denjenigen erkennen, wie kostbar geschenkte Zeit wäre, etwas noch tun zu können. Manche spüren zum ersten Mal das Glück, am Leben zu sein. Höchste Zeit! Unterschiede wahrnehmen, fluchen, weinen, treten und hier „nur noch weg“ zu wollen, ist ganz bestimmt der erste Schritt, klug zu werden statt durchzuhalten wie angesagt.

Politik und Freundschaft: Jemanden zu wählen, eine Bürgermeisterin etwa, birgt das Risiko, enttäuscht zu werden. Aber deswegen ist es der Wähler selbst, der die Entscheidung getroffen hat, sein Vertrauen auszusprechen, einen Vorschuss davon zu gewähren. Ich muss die Verantwortung für den Missbrauch meines Vertrauens zunächst selbst übernehmen. Ob ich sie vom Gegenüber einfordern kann, zeigt sich im Prozess des Lebens und gelegentlich vor Gericht.

Der Rechtsstaat begrenzt die Macht eines jeden, auch die im Staat beschäftigten MeisterInnen (und Pfuscher). Und das ist auch gut so. Wenn im Herbst gewählt wird, wird man mir (und Gustl) die Unterlagen zuschicken, wie allen, die bei Verstand sind und erwachsen. Seitdem ich achtzehn Jahre alt bin, habe ich begeistert von unserer Demokratie (und wie man es mir in der Schule beigebracht hat) gewählt. Ich habe nie auch nur einen Moment gezögert, meine politische Einflussnahme einzubringen. Ich wollte immer die Gesellschaft mitgestalten und habe es getan. Ich gehe nicht weg aus Schenefeld, warum auch? Sogar hier kann ich mich wohl fühlen, obwohl es das Deutschland ist, das Gustl Mollath hinter sich lassen möchte. Aber ich gehe nicht zur Wahl im Herbst. Wählt ohne mich. Ich gehe nicht weg und nicht hin.

Einige zweifeln und verschwören sich. Das bringt die, die für uns alle arbeiten an den Rand ihres Verständnisses, wem sie da eigentlich die Dienstleistung erbringen. Ärzte, Polizisten, Krankenwagenfahrer, Feuerwehrleute werden beleidigt. Zugpersonal, Briefträger, sie werden angegriffen. Wir sehen, wie der Polizist zuschlägt, und es geht viral. Wie der verdeckte Kommissar lügt, um sein Ziel zu erreichen, sehen wir nicht. Wir nehmen es an? Ein einzelner Ermittler baut nur Scheiße, bis die Kollegen ihn zurechtstutzen, weil sie selbst Ärger bekämen. Wir müssen keine Angst haben, uns wehren, wenn wir am System zweifeln. Verschworen zu posten, ist Unsinn.

Das habe ich gefunden: Hier lässt ein Rechtsmediziner Dampf ab, Gegendampf.

# „Solch eine Obduktion macht man nicht allein im stillen Kämmerlein. Nach Strafprozessordnung sind immer zwei Obduzenten vorgeschrieben, es ist ein Sektionsassistent dabei, in diesem Fall war auch noch eine Vertreterin des Berliner Landeskriminalamtes bei der Obduktion im Obduktionssaal anwesend und auch diverse Mitarbeiter der Berliner Rechtsmedizin.“ (Obduktion abgeschlossen, zuständiger Arzt spricht über Tod von Kasia Lenhardt, 24.02.2021, t-online).

Es gibt schlimmere Länder, und Gustl sollte sich das mit der Auswanderung noch einmal überlegen. Wir haben viele Freiheiten. Mit Geduld und Einsicht in unsere Fehler geht hier mehr als je zuvor in Deutschland. Wir müssen nicht Reichsbürger, Querdenker oder sonstwie blöd sein.

Alle Europäischen Staaten haben eine national-konservative Partei. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass es auch bei uns Wähler für ausschließlich diese Denkweise gibt. Die demokratische Mitte wird nicht müde, die vermeintliche „Alternative“ als finstere Schmuddelpartei anzuprangern, wenn Mitglieder unsere Werte besudeln. Die AfD in Hamburg wird abgestraft für ihre Haltung, im Hanau-Attentat einen psychisch kranken Einzeltäter zu erkennen. So steht es im Schenefelder Tageblatt. „Damit erkläre er (AfD-Fraktionschef Alexander Wolf) den Familien der Opfer, dass ihre Angehörigen quasi zufällig ums Leben gekommen sind“, wird Innensenator Andy Grote (SPD) zitiert.

# Beim Anschlag in Hanau am 19. Februar 2020 erschoss der 43-jährige Hanauer Tobias Rathjen (…) in und vor einer Shisha-Bar, einem Kiosk und einer Bar neun Hanauer Bürger mit Migrationshintergrund. Danach erschoss er in der elterlichen Wohnung seine Mutter und sich selbst. Die Tat wird vom Bundeskriminalamt als rechtsextremer Terrorakt mit rassistischen Motiven eingestuft. (…) arbeitslos und den Behörden seit Jahren mit paranoiden Wahnvorstellungen aufgefallen. Es ist ungeklärt, warum es dem Täter möglich war, trotz seiner psychischen Auffälligkeiten, ab 2002 legal Waffen zu besitzen. (Wikipedia).

Balla-Balla, das muss ein Nazi sein. Nach dem Motto: „Adolf war gesund, und Millionen Deutsche irrten nicht?“ Die sind ja so normal, diese Attentäter. Wer sich umbringt, ist nicht bei Verstand, von Sinnen, kann nicht mehr. Ein Detail, ob rechts- oder linksextrem verstört, religiös oder von allein radikalisiert. Dass Gesellschaft verrückt macht, einen Teil der Verantwortung übernehmen müsste, könne, dürfe nicht sein?

# Verbale Besserstellung und „eingestuft“ unterwegs

Ein Kommissar ist deswegen, weil er ein Polizist ist, noch kein guter Mensch. Staatsschützer machen Fehler wie alle. Sie erliegen dem grundsätzlichen Denkfehler, durchs Verbergen ihrer Identität mit einer Lüge beginnend, dem Guten, dem Gemeinwohl nützen zu können. Auf der Lauer liegend, Fallen zu stellen, ist aktiv sein. Heißt, der Ersttäter ist unser Staat. Der Schutz unseres Gemeinwohls beginnt vor dem Attentat, meinen wir, aber andere als Gefährder einzustufen, ist die erste Verschubladung. Simples Denken hilft dabei, eine grobe Arbeit zu tun. Da verwundert es nicht, dass nicht wenige nationalkonservative Wähler Angehörige der Polizei, Bundeswehr und des Nachrichtendienstes sind. Es ist doch die Basis, dass ein Staat im Besitz des Gewaltmonopols an dieser Position bildlich gesprochen keine kleinen Dackel verwendet, sondern Kampfhunde, die entsprechend geführt werden müssen. Blöde Köter kann aber niemand brauchen.

Von Beginn an die Bösartigkeit der Extremen zu postulieren, vergisst, dass diese sich radikalisieren, also schlimmer werden. Sie als Menschen wahrzunehmen, bevor das passiert, ist ein Ansatz, der einem dumpfen Legionär nie in den Sinn käme. Der möchte ballern und kann es dort tun, wo der Staat ihm die Möglichkeit dazu gibt. Wollen wir das? Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten manche geschockte Deutsche den Verstand, das neue Grundgesetz zu begrüßen. Ein Rahmen, der uns binden sollte und Krieg unmöglich. Stück für Stück ist unser Land wehrhafter geworden, auch nach innen, weil neue Gefahren neue Perspektiven benötigen. Deswegen muss nichtsdestotrotz Automatismus jeglicher Aufrüstung nach innen und außen kritisch gesehen werden, was auch geschieht. Zu glauben, die Beobachtung Extremer mache Sinn, bedeutet auszublenden und das Risiko einzuschließen, dass diese davon noch neurotischer werden. Die Auffälligen müssen das nicht einmal bemerken. Es genügt, dass ein labiler Mensch die berechtigte Vermutung hegen darf, man würde genau hinschauen und allein deswegen seiner Paranoia folgt, zunehmend aggressiv denkt. Der Staat schafft sich sein Übel an dieser Stelle selbst.

Ein Trugschluss der Mitläufer und naiv ist, blind den Institutionen zu vertrauen. Ein Kirchenmitglied ist kein guter Mensch deswegen, weil er Katholik ist oder anderweitig moralisch geleitet, sondern der Versuchung ausgesetzt wie alle. Das lehrt uns bereits das Vaterunser, das wir täglich beten. Die gerade fleißig aus der Kirche austretenden Gläubigen in Köln wollen weg, wohin denn? Ein Politiker befreit sich durch Amt oder Ehrenamt nicht vom allgemeinen Recht, indem er sich platziert, als könne er sagen, „mich betrifft es nicht, ihr seht ja, ich bin bei den Guten und wir sind sozial für alle unterwegs.“ Das fängt schon damit an, dass jede Agenda Widerspruch provoziert.

Es ist zu jedem Thema schwierig, ein Gesetz zu kreieren, das gut angenommen wird. Wenn die SPD die Partei der Guten wäre, weil sie sozial ist und deswegen alle mitnimmt, gäbe es die anderen Parteien nicht. Wenn die CDU unser aller Wohl am Besten vertreten würde, bräuchten wir diese Politiker ausschließlich, weil sie so richtig wären, wie sie es von sich selbst behaupten. Das gilt für die Herrn Bartsch, Hofreiter, Lindner und den angefassten Genossen Lauterbach, die sich gelegentlich wundern, nicht von allen verstanden zu werden, obschon sie das „Richtige“ tun (wollen). Was wir am wenigsten brauchen, sind eitle Politiker und frustrierte Wähler wie mich, die nicht mehr zur Wahl gehen. Hilflos bleiben wir dem anonymen Hass ausgeliefert, wenn wir eigene Ansichten öffentlich machen. Es zeigt doch nur, wie eingebildet die Menschen vor der Erfindung der digitalen Textkommunikation lebten. Wer Transparenz fordert, wird selbst nackt sein, und was das bedeutet, hat schon der bekannte Kaiser im Märchen nicht begriffen. Doof waren die, die meinen dafür geliebt zu werden, andere zu führen und anzuführen schon immer. Nur die Arbeit selbst befriedigt, nicht ihre Bewertung.

# Direkte Demokratie

Wir Schenefelder (ich war gerade zugezogen aus Hamburg) konnten 2006 unsere Bürgermeisterin direkt wählen, bevorzugten die optisch ansprechendere auf den Plakaten. Es darf vermutet werden, dass schlecht informierte Wähler (wie ich) stets so handeln. Ich jedenfalls hatte Besseres zu tun, als genauer zu prüfen wie’s kommen wird, fand ich. Als Quiddje bin ich bestimmt nicht in der Lage gewesen, zu beurteilen, was genau „es“ (m/w/d) tut und nicht entscheidet, und wie die Qualität der zu Wählenden Einfluss auf mein Leben nimmt. Das Peter-Prinzip, die Frauenquote u.v.m. – heute bin ich informiert, mir war das wichtig.

Bei der Wiederwahl, als sich kein Gegenkandidat fand, organisierten verschworene Gegner, denen es nicht gelang einen geeigneten Bewerber zu finden, die Möglichkeit, mit „Nein“ zu stimmen, für diejenigen, die Christiane nicht leiden können. Eine nicht unbedeutende Anzahl von Dumpfbacken verpasste der geschockten Galionsfigur unseres Städtchens diesen Denkzettel. Sie hat daraus gelernt. Aus einer empathischen Frau von Nebenan ist eine glatte Politikerin geworden.

Bei der folgenden Wahl stellte sich ein Rechtsanwalt der FDP-Fraktion gegen die amtierende Küchenhof, der nach verlorener Wahl hier im Dorf nicht mehr in Erscheinung tritt. Ich vermute, die interessierten Bürger und Bürgerinnen haben den Mann nicht ernst genommen.

Ich habe drei Landräte im Kreis Pinneberg bewusst mitbekommen: Dr. Wolfgang Grimme, Landrat 2003 – 2010. Oliver Stolz, Landrat 2010 – 2020. Elfi Heesch, gerade gewählt vom Kreistag, nicht direkt von mir nach Inaugenscheinnahme auf einem Plakat. Das polarisierende Gebaren des Landrates Grimme, dem einzigen von uns direkt gewählten, ist mir gut in Erinnerung. Der kritisierte Abgang vom Nachfolger Stolz gleichwohl. Diesmal fanden sich Stimmen gegen die finanzielle Absicherung des scheidenden Politikers, der während seiner Amtszeit im Vergleich zum Vorgänger elegant manövriert hatte und kaum einmal angefeindet wurde.

Die frisch ins Amt gewählte Elfi Heesch ist von Beginn an mehrmals in der Woche im Tageblatt erwähnt und abgebildet worden, zu Fragen der Pandemie. Das lässt vermuten, dass sie gern deutlich machen wird, was sie genau bestimmen, kommentieren darf und umsetzen kann in diesem Amt.

Wenn ich eine neue Leinwand jungfräulich hell auf die Staffelei stelle, weiß ich nach Monaten, wenn das Bild fertig ist, genau was ich geleistet habe. In Deutschland dürfte es einen Teil von Menschen geben, die von den Leistungsträgern nur mitgenommen werden, aus verschiedenen Gründen. Nicht nur Kranke, Alte, Kinder und unglücklicherweise Arbeitslose, auch welche, die sich unberechtigt an das fahrende Schiff anhängen. In jeder Struktur, den Unternehmen und in unseren Behörden, leisten einzelne Menschen verschieden intensiv ihren Teil. Die Firmen des Mittelstands können es sich nicht erlauben, im Wettbewerb zu schwächeln. Unternehmen kontrollieren exakt, wo eingespart werden kann. Während ein kleines Geschäft sich direkt vom Mitarbeiter trennt, wenn der Umsatz einbricht, streiten Gewerkschaften mit den Großen ausgiebig um Arbeitsplätze. Jedes Unternehmen kämpft im Wettbewerb.

In der Corona-Pandemie stehen zum ersten Mal deutlich wie nie unsere Politiker im Wettbewerb wie Unternehmer. Seit einem Jahr greift der Staat massiv in unser Funktionieren ein, steht im weltweiten Vergleich, ob die Politik es gut oder ineffizient tut. Der direkte Bezug zu einer Ware die ich kaufte, und ob sie mir anschließend gefällt, dieses Prinzip stand Modell bei der modernen, demokratischen Wahl unserer Staatsverwaltung. Überspitzt: Wir kaufen eine Bürgermeisterin, und dann bewerten wir den Erwerb. Konsumgesellschaft ist so. Die Frage, was genau ein erworbenes Produkt für uns leistet, müssen wir selbst stellen. Jetzt beginnen wir alle mitzureden, jeder begreift Sinn und Unsinn des Föderalismus. Die Pandemie hat die Welt verändert und wird es weiter tun. Das bislang verbreitete Desinteresse an der amtierenden Politiklandschaft und die daraus resultierenden, profillosen Akteure werden von allen in die Pflicht genommen, wie wir’s nicht kannten. Das wird neues Denken hervorbringen! Wir dürfen gespannt sein.

Ein älterer Mensch kann mit der Erfahrung resümieren, resignieren, sich trotzdem engagieren oder enthalten, bemerken, dass die Welt ohne ihn läuft. Die Freiheit zu wählen: Das hätte ich nie verstanden, wenn ich nur erlebt, aber nicht erfahren hätte zu leben. Scheitern führt idealerweise dazu, nach Gründen dafür zu suchen, Fehler zu bemerken und daraus zu lernen. Meine Erfahrung: Malen hilft dabei, persönlich und individuell zu denken. Dafür bin ich dankbar, bei allem Frust und vergnügt am Bild beschäftigt. Ich weiß nun, was ich kann und was nicht. Dieses Geschenk wird dem Menschen nur zuteil, der sein Leben nicht vermeidet und anstelle dessen auf die Bewertung anderer angewiesen ist, Glück zu spüren.

# Sie wissen nicht, was sie tun

Ein Arzt ist nicht zum Wohle des Patienten tätig, weil er einen hippokratischen Eid auf seinen Beruf geschworen hat. Wir sollten den Berufstand wegen seiner prinzipiellen Macht über Patienten fürchten, könnten darüber hinaus eine allgemeine Liste der Berufe insgesamt anfertigen, deren Tätigkeit die Beschäftigung mit dem Wohl anderer ist. Das würde helfen, den Zorn einiger besser zu verstehen, die heute freier motzen dürfen als je zuvor.

Ein Polizist oder Staatsanwalt ist für den Staat tätig, muss Gewalt ausüben im Sinne des Systems: Das wird sich immer gegen Einzelne richten. Niemand kann vollkommen das System in seiner Gänze verkörpern. Dein Freund und Helfer wird zum Gegner werden, wenn du ein Verdachtsfall bist. Wenn wir Älteren eine Pflicht haben, dann diese: Das unabhängige Denken und freie Selbst einzufordern, für uns, dazu den anderen „Geisteskranken“ Training und Verstand anzubieten. Und der Jugend dürfen wir nicht vormachen, besser zu sein, dass sie uns deswegen folge. Der Staat wird Kranke und Straftäter wegdrücken und einsperren. Menschen fürchten sich vor ihnen und haben den Apparat gewählt, dass er sie schütze.

Es ist also am Einzelnen, seine Gesundheit zu beweisen. Im Rechtsstaat werden sich genügend Unterstützer finden, wenn wir beschuldigt werden, woanders nicht. Andern zu vertrauen, ist nicht ratsam, sich selbst durchaus, und dass die Sonne aufgeht und morgen wieder Licht ist? Nicht unwahrscheinlich. Sogar das Dasein in der Psychiatrie findet nicht in vollkommener Finsternis statt.

Es ist klar, dass, wenn in einer (katholischen) Kirche Missbrauch vorkommt wie in jedem Sportverein und Kindergarten, auch manche Verantwortliche in psychiatrischen Einrichtungen ihre Macht über die Patienten missbrauchen. Das wird es immer geben, wo entsprechende Verhältnisse gegeben sind. Und natürlich kann ein verschworener Klüngel in einer Institution Einzelne zugrunde richten. Deswegen ist die Welt als Ganzes nicht verschworen böse.

Ich spende meine Hilfe ausschließlich direkt, gebe Unterstützung, wenn es mir persönlich als richtig erscheint, nicht „dem Verein“. Ich bleibe für mich, bin oberflächlich, wenn mir jemand gleichgültig ist und behaupte nicht, was ich nicht halten kann.

Ich muss nicht steinmeiern: Nie zuvor hatten wir einen Bundespräsidenten, der sich so vollumfänglich nicht in die aktive Politik einmischt, obwohl er stets präsent ist und fleißig niemals stört. Er ist nie peinlich, wie etwa manche Christian Wulff nicht mochten, sondern wird vom Bürger und den Kollegen mit Verantwortung einfach überhört, wie das Rauschen des Autoverkehrs vom Anrainer einer Bundesstraße. Das konnten die anderen bisher nicht.

Knartsch provozierte der schließlich beleidigt abgetretene Köhler. Andere Präsidenten mahnten, bis es nicht wenigen reichte, wie etwa der „Ruck-Herzog“. Sogar der nette Kirchenonkel Gauck konnte mit seiner authentischen Persönlichkeit punkten. Der erste „erste Mann“ im Staat „Papa“ Theodor Heuss zeigte Deutschland, wie das Amt zu machen sei, finden welche, und Frau Gesine Marianne S. blieb uns erspart. Das ist ja nur meine Einzelmeinung und nicht etwa anonym.

Und die SPD, die wähle ich nie wieder. Die hier vor Ort, die ich persönlich nah kennen gelernt habe, schon gar nicht. Es hat mich getroffen: eingestuft, anvisiert. Beschossen aus der Höhe vom Turm. Das würde genügen, lebenslang verstockt zu maulen. Diese Partei wähle ich nicht wegen Olaf Scholz, der von Hamburg wegging, nachdem er (mir) nicht überzeugend und verantwortlich zugeben konnte, wie scheiße der Gipfel lief. Ein Schönwetterkapitän, der Bundeskanzler würde, sollte er in einer Koalition von Wahlverlierern aus Rot-Rot-Grün in Frage kommen? Armes Deutschland. Ich habe Schmidt bewundert, Brandt. Ich habe Gerd Schröder gewählt, weil ich Kohl nicht leiden konnte. Aber Kohl war ein Mann – und heute muss man nach Persönlichkeiten suchen. Farblose Figuren ohne Helldunkel.

# Es sind einige frustriert vom Staat?

Sie vergessen, dass wir im besten Deutschland aller Zeiten leben. Ich empfinde das so, mache vom Recht, mich zu enthalten Gebrauch wie von der Meinungsfreiheit. Ich sage was mir passt, male was ich will, trage die Konsequenzen. Wen ich nicht mag, unterstütze und respektiere ich nicht. Ich höre nicht hin, quatsche denjenigen zu oder ignoriere solche Menschen gar nicht. Ein Dorf hat mich gemacht: Kauft „dieser fette Typ“ seine Brötchen neben mir, schau’ ich ihm am Arsch vorbei. Die mit der schwarzen Maske fragt mich gelegentlich wieder: Spieglein an der Wand? Die rote Krabbe frisst das Glas auf. Personen, die ich kannte. Bittet mich zukünftig jemals ein Staat, fordert Unterstützung etwa: „Herr Bassiner, haben Sie was bemerkt, heute nacht nebenan?“ Ich übe diesen Satz täglich: „Tut mir leid. Da habe ich geschlafen, in die andere Richtung geschaut, war nicht da.“

Schönen Tag auch!

🙂