Heute habe ich mit einem neuen Bild begonnen. Das heißt, ich übertrage meine Idee auf die Leinwand. Mit dem Bild selbst zu beginnen, bedeutet, dass die Idee weitgehend fertig entwickelt ist. Ich male nicht in der Natur. Ich zeichne draußen, aquarelliere; meine großen Bilder male ich im Atelier, nach einer genauen Idee – nicht spontan.

„Das grünere Gras“ war schon ein interessantes Motiv, das mich parallel zum Projekt „Gurken und Rosen“ beschäftigt hat. Erwachsenwerden, Männer und Frauen. Es gibt keine treffenden Worte für ein Gemälde. Es muss gemalt werden. So war es nicht schwer, das zu entwickeln. Ich mache kaum noch Skizzen für ein großes Bild mit dem Bleistift. Anfangs habe ich so gearbeitet, weil ich es gut kann. Direkt mit Fotos zu arbeiten, gefällt mir heute besser.

Es hilft, zeichnen zu können. Aber man muss nicht ungefähr sein, wenn Material aus einer Suchmaschine zur Verfügung steht. Ich weiß nicht, wie man „richtig“ malt. Mir gefällt besonders, dass ich frei bin, es so zu machen, wie es gerade mir gefällt.

Das neue Bild wird ähnlich den Gemälden „Eingänge“ und „Kalte Küche“, die ich wie einen Rahmen um eine größere Idee zuerst gemalt habe. Dazwischen wird die Geschichte vom Erwachsenwerden erzählt. Die Basis: Einiges an persönlicher Erkenntnis der letzten Jahre. Ich habe mir ein Modell der Vergangenheit geschaffen, wollte endlich verstehen. Ich habe ein paar Leute näher, besser kennen gelernt. Das hat ganz gut hingehauen, mit dieser Idee, zurück zu gehen. Ich male das jetzt auf, schreibe. Nun hätte ich ja eigentlich bereits Ende der Achtziger erwachsen werden müssen, und auf meine Art bin ich das ja auch: „Leider erlebt man die Jugend in einem Alter, in dem man nichts davon hat“, habe ich neulich gelesen.

Daran denke ich, wenn ich diese Themen forme.

Für den Nicht-Maler ist unbegreiflich, wie ein Thema gestaltet wird. Weil er, so sehr er auch darüber liest und sich in den Lebenslauf des Künstlers einfühlt, außen vor bleibt. Neue Themen: Heute kommt es mir vor, als hätte ich ein Füllhorn davon gefunden. Ich bin nicht darauf angewiesen, mein eigenes Leben zu malen und kann trotzdem thematisieren, was ich erlebt habe. Eine neue Tür in die Fantasie.

Weiter lernen, heißt Dinge zu verstehen, die man bloß erlebt hat und nun erst gezielt in Erfahrung umwandeln kann. Ein Bild zu malen, ist wie auf eine Reise gehen. Da ist ein Ziel – aber wenn das alles wäre, müsste man nicht auf die Reise gehen. Es würde genügen, ein Buch darüber zu lesen. Eine Beschreibung des Ziels, ist nicht den Weg dahin zu gehen. Das ist das Eigentliche: Die Reise zu bestehen. Ankommen beendet das Projekt. Das Ziel besteht im Gesamten: das fertige Bild plus der Zeit, die es braucht, das zu malen. Am Ende steht ein fehlerfreies Werk. Ein Fremder könnte das Bild kritisieren, einen Fehler finden? Der Künstler ist am Ziel, wenn er das Bild nicht mehr weiter verbessern kann, mag oder will. Der persönliche Leistungsstand an dieser Stelle seines Lebens ist erreicht. Mehr geht nicht. Damit unterscheidet sich das Gemälde, als abgeschlossenes Projekt und fertiges Produkt, wohltuend vom Alltag. Ein Bild kann ich kompromisslos beenden. Ich höre erst dann auf, daran zu arbeiten, wenn es mir gefällt. Ich habe die schließlich befriedigende Zeit der Produktion (weil ich es schaffte fertig zu werden) erlebt – und das Bild habe ich auch noch. Das Leben ansonsten, als ein Prozess voller Fehler, macht Kompromisse unumgänglich. Da sind immer Störungen.

Manche verdrängen, Künstler suchen!

Das hat mit dem Wunsch nach Perfektion zu tun. Was wir auch anfangen, es wird einen Fehler enthalten. Immer ist Unruhe. Die Welt rast. Andere stören, und meine eigenen Fehler auch noch: Keine Bewegung ist perfekt. Ich stelle eine Tüte mit Einkäufen kurz an einer Wand ab, weil ich meinen Haustürschlüssel suche? Gut möglich, dass die Tüte entgegen meiner Annahme, sie stünde sicher im Winkel der stützenden Wand, nach vorn umfällt. Und statt dass ich meinen Schlüssel hervor krame, muss ich davon rollende Tomaten aufsammeln.

Das ist immer.

Es gibt keine ideale Handlung. Mit dabei wird immer ein Widerstand oder ein Fehler sein, ganz egal, was ich gerade mache. Konzentration, Bewusstheit, selbst wenn wir fit sind, wir sind niemals perfekt. Das stört doch. Es bringt Ärger hervor, und wer möchte sich ärgern? Malen hilft.

Das Leben ist Scheiße: Mal mehr, mal weniger. Nur dumme oder unreife Menschen bestreiten das. Jammern auf hohem Niveau, klar, belehrt mich gern – aber wer wo ist, möchte noch woanders hin. Die Welt: Wenn der Erdboden uns nicht Halt gäbe, wenn wir kein Gewicht hätten und es keine Schwerkraft gäbe, wir nicht essen müssten oder schlafen, also vollkommen frei wären – könnten wir annehmen, den freien Willen zu haben. Realität: Wir können aber allenfalls dorthin, wo es weniger Gegenwind gibt (wenn wir es denn voraus sehen).

Darum malen wir: Weil wir irgendwann fertig sind. Wir erkennen einen Fehler im Projekt: Zunächst besteht der Fehler darin, dass die Leinwand weiß ist, und unsere Idee ist nicht sichtbar. Dann beginnen wir. An einem Tag werden wir nicht fertig. Das bedeutet, am nächsten Tag die Fehler an der unfertigen Idee zu sehen. So reicht es nicht, es muss noch besser werden. Am wieder nächsten Tag sind wir nicht fertig, das wäre gar nicht zu schaffen. (Einen Mount Everest besteigen wir nicht in zwei Stunden). Also bemerken wir, was am Bild noch falsch ist – und müssen rekapitulieren, das wir gestern den Fehler machten, das Bild nicht perfekt beendet zu haben. So geht es fort, bis die Fehler insgesamt kleiner werden.

Jeden Fehler, den wir bemerken, korrigieren wir mit einem neuen Fehler, den wir ja unweigerlich machen: da jeder Pinselstrich für den wir uns entscheiden, nicht so ganz gelingt. Wir malen über. Wir haben den Farbton falsch gemischt. Wir malen die Hand, den Fuß, das Tischbein nicht richtig, zu groß, zu braun, zu schief.

Und selbst wenn wir gut malten, heute, beinahe perfekt, so machen wir den Fehler, dass wir nicht fertig wurden, heute. Wir müssen schlafen. Irgendwann kommt der Tag, da erklären wir das Projekt für erfolgreich beendet, signieren, hängen das Ding an die Wand.

Wir schlafen eine Nacht.

Morgens gehen wir zum Bild – und bemerken einen Fehler darin. Wir nehmen das Bild wieder ab. Wir malen ein wenig, hängen es wieder auf. Vielleicht eine Woche kann das so gehen. Aber dann: Es kommt der Tag, da reicht es einfach. „Es ist so gut, wie ich es eben machen kann“, das denken wir. Das ist die Perfektion vom Tag!

Das perfekte Glück.

Wir Maler sind Menschen, essen Farbe wie Reiche Geld und Hungrige das Brot? Kunst ist Luxus. Niemand braucht ein Bild. Kein Geld der Welt befriedigt uns – aber das fertige Bild bereitet nur eine kurze Freude … wenn wir nicht wüssten, dass wir wochenlang drüber fluchten … wir würden das Glück nicht spüren.

Definitiv.

Einmal hat es hingehauen: Fehler folgt auf Fehler, aber dann ist es toll fertig geworden. Kurze Entspannung, schlafen. Nach einigen Tagen kommt dann wieder die Unruhe. Alle täglichen Fehler, das mit den Tomaten aus der Einkaufstasche und so etwas passieren ja weiter. Wenn wir nicht saufen, Psycho-Pillen einwerfen oder täglich Sex bis zum Umfallen haben können? Wir müssen wieder malen …

Wir suchen das grünere Gras, wir sind auf der Suche und haben Hunger.

(Da kommt noch ein Rind in das Bild).

🙂