Öffentlichkeit ist ein Teil der Kunst, das andere ist die Beschäftigung mit den Mitteln, sich auszudrücken. Nicht nur Künstler, viele Menschen leben öffentlich sichtbar. Das ist eine Erfahrung, die diejenigen, die kaum jemand kennt, eher nicht nachfühlen können. Für die Masse bleibt das auf der Plattform stehen nur eine vage Idee. Aber beinahe jeder teilt seine Ansichten in einer Gruppe. Heute haben wir im Alltag Möglichkeiten, uns selbst darzustellen, die Menschen in den Siebzigern als ich selbst Jugendlicher war nicht kannten. Warum gibt es das? Vermutlich ist die Selbstdarstellung und der Wunsch nach Reflexion menschlich.

# Hass ist die Antwort?

Jeder ist heute Künstler, allen stehen grafische Mittel zur Verfügung. Seit der Erfindung der Kamera, sieht sich der Maler vom Laien in der Einzigartigkeit seiner Fähigkeit bedroht. Nicht nur zu fotografieren, auch zu filmen und eine breite Form von ästhetischen Gestaltungsmöglichkeiten der Profis stehen allen zur Verfügung. Seitdem Menschen sich kleiden, ist zum rein zweckmäßigem Schutz gegen die Witterung vielerlei dazugekommen, womit jemand ausdrückt, wer er ist und wie das wirken soll. Das schafft Beziehungen zu Gleichgesinnten. Es bedeutet genauso, dass unabdingbar Gegner eine Angriffsfläche bekommen, die die Welt anders interpretieren. Schon immer mussten sich Künstler einer kritischen Öffentlichkeit stellen. Wenn alle die Umgebung abbilden, sich als Model oder zumindest Typ präsentieren, trifft das auf jeden zu.

Aus einer feindseligen, aber natürlichen Umwelt ist eine kritische geworden, die heute künstlich ist, weil Menschen sie durchgängig gestalten. Der moderne Mensch wirkt konstruiert wie etwa seine Architektur und der ganze Tand drumherum. Unter und hinter den Masken ist er noch nackt und natürlich, versteht sich oft nicht. Immer bunter, vielseitiger und einfallsreicher sind die Influencer, denen viele folgen, die einfachen Mitläufer sagten wir früher, die Masse. Die graue Maus ist ein Auslaufmodell, sie gibt sich bunt, kopiert den Style. Neid wird maskiert, Schwäche und Angst überspielt, und es gibt effektive Mittel, das zu tun. Diejenigen, die etwas an den anderen finden, dass sie dafür nutzen, sich selbst aufzuwerten sind raffinierter geworden. Die „asozialen“ Medien werden die Netze genannt, wenn eine böse Community unterwegs ist.

Ich finde es realitätsnäher, genau wie beim Mobbing überhaupt, nicht nur die Opfer zu beklagen, sondern die Gesellschaft insofern richtig einzuschätzen, dass jede Besonderheit zu Neugierde führt, eingeordnet wird und zur Reflexion anregt. Damit ist das Opfer von Anfeindungen auch ein Objekt, welches durch seine exponierte Stellung aufgefallen ist und das möglicherweise selbst gar nicht nachvollziehen kann. Nur Kurzsichtige empören sich: „Ach, nun ist ,sie’ noch selbst schuld dran!?“, um ihrerseits die willkommene Angriffsfläche zu haben, sich zum Retter zu erheben, ohne anschließend effektiv zu helfen.

Das Wort „Schuld“ ist nur ein Erklärungsprinzip. Und damit eine Reduktion der größeren Wirklichkeit zum Instrument derjenigen, dessen Handwerksgerät es ist. Diese Definitionen müssen sich, seitdem Menschen sprechen, immer neuen Realitäten anpassen. Wir wollen mehr. Es genügt uns nicht das mittelalterliche Treiben. Mit dem Atlas von Kopernikus kann heute niemand den Mond erreichen; soll heißen, je besser wir menschliches Verhalten verstehen, desto effektiver können Hilfen gegeben werden. Nicht zuletzt wird Selbsthilfe eher möglich, wenn Ausgegrenzte lernen, ihre Individualität stärker auszuleben statt aufzugeben und davonzulaufen. Dann werden immer wieder neue Böse ihnen schaden. Mit der Akzeptanz einer nicht zu ändernden Umgebung kann Angefeindeten eher geholfen werden, Wege besserer Abgrenzung bei weiterhin individueller Präsentation zu finden, als sich mahnend und anklagend zu geben. Die Mode, unbequeme Beziehungen sofort aufzukündigen, stärkt nur diejenigen, die von außerhalb jeglicher Verbindlichkeiten anonym schießen.

Eine grüne Kanzlerkandidatin Baerbock wird per E-Mail diffus angefeindet wie viele andere Politiker, fragt sich womöglich, wie das sein kann, weil sie das Beste und Grünste für uns will? Sie ist sich in eigener Sache andererseits sicher, ihren Tübinger Oberbürgermeister Palmer aus der Partei ausschließen zu wollen, weil dessen Provokationen den Rahmen der gutgrünen Partei wiederholt gesprengt haben. Insgesamt bedeutet andere abzumahnen, Druck in deren Richtung hin auszuüben. Wie stilsicher, fair und gesellschaftskonform wir dabei sind oder eben nicht; was nun richtig ist, Meinung oder Persönlichkeitsverletzung, entscheidet nicht selten ein Gericht. Und auch dieses kommt erst zur abschließenden Bewertung, weil unsere Gesellschaft eine Kette von Instanzen festlegte, die im Streitfall bis zu einem Ende durchlaufen wird. Das wird aber nie verhindern können, dass Menschen diesen Rahmen umgehen. Auch Kinder widersetzen sich, wenn die Umgebung (für sie) nicht nachvollziehbare Grenzen setzt. „Systemsprenger“ ist der Titel eines Films, den man kaum gesehen haben muss, um nicht schon bei dieser Überschrift und den wenigen Bildern der Vorschau einen guten Eindruck davon zu bekommen, worum es geht.

Wir stehen dem anonymen und überbordenden Hass besonders im Internet einigermaßen hilflos gegenüber. Meiner Auffassung nach stellt sich weniger die Frage danach, warum es Hass im Internet gibt, sondern zunächst sollte darüber nachgedacht werden, was der Antrieb ist, sich zum Speaker auf einen Stuhl zu erheben, statt einfach zu arbeiten oder sein Bier zu trinken und die eigenen Ansichten nur nebenbei und diskret zu vertreten. Im Einsehen, dass nur reflektiert und daraufhin weiter reagiert wird, und schließlich die Form, in der das geschieht, explodiert, liegt eine Chance. Ich kann mich fragen: Wer braucht die Themen, die jemand öffentlich herausstellt, wer braucht z.B. Kunst, und wem bedeutet meine politische und gesellschaftsrelevante Äußerung etwas; das bin wohl zunächst ich selbst, der sich Gehör verschafft und deswegen als Verursacher einer Reaktion zu gelten habe.

Ich habe in einem TV-Beitrag Betroffene von Hass-Mails gesehen. Ein „Vorreiter der Transgender-Szene“, der ein kleines Geschäft betreibt, konnte besonders gut und sensibel ausdrücken, worin sein Problem besteht. Er hatte sich zunächst gefreut, vor einigen Jahren endlich den Mut zum Comingout gehabt zu haben und viel Zuspruch bekommen. Klar, die vielen anderen, denen es ähnlich geht, teilen seine Emotionen. Aus einem völlig unbekannten Ladenbetreiber, der für seine Kunden bislang einfach ein Typ hinter der Kasse war, der Verkäufer, wurde mehr. Ein mutiger Mensch, und man stärkt sich gegenseitig.

Dann kommt, anonym zunächst und bald auch ganz real, bedrohlich nah der Hass auf. Der Star einer kleinen Twittergemeinde sieht sich echten Menschen gegenüber, die feindlich auftreten. Da steht jemand vor seiner Wohnung oder ein Kunde im Laden verbalisiert ihm, was er für „einer“ sei. Allein mit der Situation: Die angerufene Polizei hat Wichtigeres zu tun.

Das ist ein weich und empfindsam auftretender Typ mit einer komischen Brille und blassem Teint, schmale Schultern. Er artikuliert zart, im Tonfall irgendwie „dazwischen“; ein stimmiges Bild gibt er ab, kann klug reflektieren, bietet aber zugleich denen die gewünschte Angriffsfläche, die darin erkennen, er sei eben kein „Mann“ wie es richtig gehöre. Im Buchladen nicht verkehrt, dürfte er kaum Freude daran haben, wenn er probierte, eine Ausbildung im Handwerk beispielsweise auf dem Bau zu machen. Der mag intellektuelle Themen oder meinetwegen kreativen Bastelkram, feine Klamotten verkaufen, aber auf einem Gerüst mit Hammer oder Kelle die Mische für den Zement hantierend, kann man sich den kaum vorstellen. Bei seiner Artikulation wäre ein „verpiss dich, du alberne Schwuchtel“ zu erwarten. Schon deswegen, weil „echte Männer“ eben auch Vorbilder haben, sich zu geben, und das nicht änderbar ist. Wir sollten nicht vergessen, dass es unmöglich ist, eine ganze Gesellschaft dahin zu erziehen, sich smooth und genderlieb zu jedem Zeitpunkt auszudrücken.

Das gilt auch für andere der Öffentlichkeit zugängliche Äußerungen. Entweder suche ich mir eine Gruppe, die zu mir passt und töne mit den anderen weitgehend intern mit, dann bleibt mir der Hass erspart oder ich profiliere mich; jetzt muss es Widerstand geben. Das ist wohl der eigentliche Grund: Man ist auf der Suche nach einer Grenze, vermutet eine Mauer, gegen die zu laufen eine Entdeckung der Realität bedeuten kann. Wo ist das Ende der Welt? Die Kante, die gerade mich mit meinen Ansichten zum Absturz bringen wird – der wahre Grund des Problems ist die individuelle Sinnsuche. Dass es Abgründe und Mauern gibt, können wir nicht ändern. Wir können Türen hinein oder Brücken drüber bauen, und sie werden nicht immer offen stehen, und nicht allen genügen.

Bezeichnend fand ich sein Statement zum Schluss. Im Rahmen einiger andere, die Anfeindungen erleben, kamen die Auswirkungen auf die Psyche zur Sprache. Es macht was mit einem. Leider würden sich viele schließlich zurückziehen, fanden die Unterstützer, die eigene Organisationen vertreten, die grundsätzlich helfen wollen, nicht nur einer Ansicht den Weg in die Öffentlichkeit ebnen, sondern den Menschen dahinter wertschätzen. Genauso der Transgender. Er habe überlegt, seinen Twitter-Account abzuschalten … aber „das wär’s irgendwie auch nicht“, meinte er und verzog sein Gesicht so unnachahmlich, als hätte er etwas süßsaures im Mund und wüsste nicht, es runterzuschlucken oder lieber doch nicht.

Einfach eine Webseite ohne Kommentarfunktion für sein Bloggen zu nutzen hätte ihm nicht genügt? Es zeigt: Die Reflexion ist denen wichtig, die nur reden, weil ihnen das Material der Sprache als Spielzeug nicht hinreichend Freude bereitet wie die Farbe auf der Leinwand dem Maler. Er bleibt eine arme Sau, wenn allein die Reaktion auf seine Ansicht das Ziel seiner Wünsche ist. Er will die Welt ändern. Alle sollen ihn toll finden, und das wird nie sein. Er hat sich die Wand zum Gegenanrennen gesucht, gefunden und möchte, dass sie einstürzt. Eine Trompete kaufen, eine Posaune und mit den Freunden um Jericho marschieren, das will er? Es gibt Menschen, die entdecken, was alles im Instrument, der Posaune oder dem Buntstift, Pinsel (was weiß ich: Kunst) steckt, und diese überwinden die Mauern im eigenen Kopf schließlich, scheren sich nicht mehr um die der anderen draußen. Es ist Platz genug, wenn wir nicht gerade Sophie Scholl sind oder Anne Frank damals, und das wird gern vergessen.

# Neunzehnhundertfünundvierzig

Der 8. Mai gestern ist der Tag „der Befreiung“, der Kapitulation, des Kriegsendes, und einige feiern deswegen. Es kam in den Nachrichten. Ach ja, da war doch was. Anderen ist es wichtig gewesen, gerade gestern eine „Girlande der Schande“ aufzuhängen. Müllsammler waren in verschiedenen Städten unterwegs und haben die gefundenen Abfälle öffentlichkeitswirksam an Wäscheleinen in Augenhöhe aufgehängt. So was kann man gut in einer Gruppe zelebrieren. Je nachdem: Eine Abordnung einer Stadt kann sich schick anziehen und mit demütigem Gesicht einen Kranz ablegen, einen Kniefall zum Gedenken von Sophie Scholl machen und wieder andere machen eben das mit dem Müll. Sie ziehen sich eine witzige Superheldendeko drüber und erklären sich zu Müllrettern. Jedem das seine, aber bitte gemeinsam. Unerträglich dumm ist wohl, sich gleichzusetzen mit Verfolgten der NS-Zeit. „Sie fühle sich wie Sophie Scholl“, in ihrer Freiheit durch die Coronaregeln beschnitten, meinte eine junge Frau (aus Kassel) mit um Aufmerksamkeit heischender, überschnappender Stimme auf einer Querdenker-Demo vor kurzem? Da muss sich doch ein Loch im Boden auftun, diese Person zu verschlucken und einen dümmsten Plappermund schließen. (Sogar Gott scheint machtlos).

# Der 8. Mai 1945 war ein Tag der Befreiung. Er bedeutete das Ende der NS-Diktatur und des Zivilisationsbruchs der Shoah. Es bleibt unsere immerwährende Verantwortung, die Erinnerung an die Millionen von Menschen wachzuhalten, die in den Jahren nationalsozialistischer Gewaltherrschaft ihr Leben verloren.“ (Bundeskanzlerin Angela Merkel).

# Girlande der Schande: Zusammen mit den „Stinknormalen Superhelden“ aus Rathenow und vielen befreundeten Müllsammelgruppen spannen wir am 8. Mai die „Girlande der Schande“ quer durch die Republik, um auf die Müllflut aufmerksam zu machen. Dabei basteln wir eine Girlande aus dem gesammelten Müll und hängen diese für alle sichtbar auf. In Köln werden wir die Girlande rund um den Ebertplatz spannen. Es gelten die gleichen Corona-Regeln wie immer! (Auf dem Ebertplatz gilt grundsätzlich Maskenpflicht und Abstände sind natürlich jederzeit einzuhalten / Krake Köln).

Wir können ein gesellschaftsrelevantes Thema für eigene Aktivitäten entdecken. Zum eigenen Nutzen, und wenn wir das gut publizieren, zum Nutzen aller. Den Widerstand gegen die Nationalsozialisten auf billige Weise zu instrumentalisieren, macht nur fassungslos.

# Am 22. Februar 1943 wurden die Geschwister Hans und Sophie Scholl aus Ulm von den Nationalsozialisten in München hingerichtet.

„So ein herrlicher Tag, und ich soll gehen –

– aber was liegt an unserem Leben, wenn wir es damit schaffen, Tausende von Menschen aufzurütteln und wachzurütteln“, sagte Sophie Scholl vor ihrem Tod durch das Fallbeil. (Ulm News, 22. Februar 2020, R. Grimminger).

Ich schreibe, und es ist der neunte Mai 2021, Muttertag, Europatag … es ist seit Wochen zum ersten Mal warm und schön. Ein wunderschöner Tag beginnt. Wolkenloser Himmel, die BamS liegt auf dem Frühstückstisch. Auch dort ist Sophie, die Studentin ein Thema. Alle Jahre wieder, möchte man meinen. Ich weine, wenn ich das lese und ändere nichts mehr.

„Vor 100 Jahren wurde die bekannteste Widerstandskämpferin gegen das Nazi-Regime geboren, sie wurde mit nur 21 Jahren hingerichtet“, (Bild am Sonntag, 9. Mai 2021).

Die Frage nach dem Nutzen einer Aktion: für wen den? Kriegsende, Erinnerung an den NS-Widerstand, die Girlande der Schande, Müll auf Augenhöhe, eine witzige Aktion, die unser aller Versagen anschaulich macht. Das stärkt die Gesellschaft genauso, wie die Erinnerung an den Krieg und die Opfer früher. Kann der Einzelne sich selbst stärken, wenn er Teil der Weltretter wird, sich in einer Gruppe zum Müllsammeln findet, mit den anderen zusammen ein Graffito gegen die Beschmierung öffentlicher Wände anbringt oder gegen Hass im Netz antritt?

Es bleibt die Frage nach der inneren Erfüllung, der Suche nach einer Wand, gegen die ich laufen möchte und ob mich eine Gruppe dahin führen kann? Um Sauberkeit zu erzeugen, wäre ein Job bei der Stadtreinigung vernünftig. Um gegen Hass im Netz vorzugehen, könnte man probieren darüber nachzudenken, wie das eigene Leben ohne negative Emotionen wäre: Ich finde alles schön, liebe jede …

Wer Kunst mag, kann sich in eine Ausstellung begeben oder in der Umgebung ein Bild machen. Da bekommt man wohl einen ersten Eindruck, was Ästhetik in der Öffentlichkeit wem einbringt. In Schenefeld gibt es eine Plastik vor dem Rathaus. „Jörg Plickat, Dialog, iranischer Travertin, 1997“ steht auf einer Tafel. Am Markttag nutzt der Gemüsehöker den Sockel zur Müllablage. Wenn kein Markt ist, steht das sinnlose Stelenpaar nur so da. Da gibt es keinen Dialog. (Jeder Grabstein ist kunstvoller. Der ist noch graviert „hier ruht Else Soundso“, und das bedeutet handwerkliches Geschick).

# Kollektivkunst, Dialog oder Monolog?

Unser Fernwärmehäuschen, von Schülern besprüht, das fällt auf, ist aber aus grafischer Sicht grottig hässlich. Im schlichten Weiß, ohne gewurschtelte und kaum authentische Graffiti, gefiele es mir allemal besser. Und wäre es beschmiert von den bösen Gesellschaftsfeinden, könnte das Auge des Malers, meines jedenfalls, darin die echte Wut sehen und den Wunsch, sich eine Mauer zum Dagegenrennen zu suchen, die mich gleichwohl antreibt. Also?

Selbst ist der Mann!

🙂