Ich glaube, dass viele Menschen unbewusst ein Korrektiv der Welt suchen. Sie schöpfen Kraft daraus, manches, das sie nicht bereit sind zu verstehen, auszublenden und verdrängen es lieber. Mit ihrem Intellekt beschreiben sie ein zur Wirklichkeit alternatives Gebäude, in dem sie aber auch gefangen sind. Sie möchten besser sein? Es fällt ihnen leicht, schlechte Dinge zu brandmarken, als wären diese nun außerhalb vom Kosmos.

Nicht wenige verwechseln ihr kleines, gefühltes Universum mit dem großen. In der Verblendung, unsere Gesellschaft insgesamt zu korrigieren, wenn andere beschuldigt werden, verdrängt es das wahre Bild der Umgebung. Das Beschimpfen etwa von Internetpornografie, das Verwerfliche der Prostitution anzuprangern, mag einige darin bestärken, gute Menschen zu sein. Unter Gleichgesinnten ausgesprochen, wirkt Einbildung noch besser. Das wird kaum ändern, dass viele, an einen bestimmten Platz ins Leben gestellt, eklige Dinge tun. Penetrant nehmen nicht wenige an, die anderen könnten leichthin leben wie sie selbst – und alles wäre gut. Entschieden mit dem Fuß aufstampfen, wo kaum jemand es bemerkt? Mit einem Plakat beispielsweise Gewaltverzicht einzufordern, ändert den Menschen grundsätzlich nicht.

# Follower der ‚guten‘ Partei

Möglicherweise wird ein neues Gesetz irgendwo Grenzen ziehen und das Problem verlagern? Aggression an sich kann nicht abgeschafft werden. Als Kreative sind wir verpflichtet, Unverständliches und absurde menschliche Empfindungen in uns auszuloten, anstelle die Solidargemeinschaft und das Regelwerk der Gesetze zu beschreien.

Ich komme aus Wedel, war dort auf der Realschule. Um studieren zu können, ist es nötig gewesen, eine Art Abitur zu haben. Für mich bedeutete das am Steinhauerdamm in Hamburg zwei Jahre dranzuhängen. Fachhochschulreife hieß das damals. Die Lehrer an dieser Schule standen mehrheitlich politisch der SPD nahe und ließen keinen Zweifel daran. Sie waren grundsätzlich kritisch gegenüber dem Staat eingestellt. Der Deutschlehrer (den wir beim Vornamen ‚Willi‘ nennen durften) forderte uns beispielsweise auf, die anstehende Volkszählung zu verweigern. Man könne sagen, man sei krank und etwa behaupten, nicht fähig zu sein den Fragebogen auszufüllen. Auf unsere Frage, welche Krankheit wir vorschieben sollten, wenn wir doch gesund wären meinte der Lehrer, da könne man eine erfinden: „Nabelsausen“, das würde er selbst machen. Da haben einige gelacht.

Das damals neue, grüne Umweltverständnis schlug sich auch im Unterricht nieder. Auf einer Klassenreise stoppten wir an einem Bauernhof. Ich würde sagen, dass es diejenige war, die uns in das Hinterland der Oste führte. Wir waren mit dem Fahrrad in Schulau an Bord der Lühefähre gegangen. Dann sind wir an einem schönen Tag bis halb nach Bremen geradelt. Dort bezogen wir einen renovierten Resthof, der extra auf solche wie uns gewartet hatte. Etwa eine Woche verbrachten wir dort? Vielleicht ist es nur ein langes Wochenende gewesen. Ich erinnere mich nicht mehr so gut daran. (Ich spielte schlecht Tischtennis mit Sandra und war ziemlich verliebt. Das nütze mir nichts. Da waren anderswo sportlichere Männer unterwegs, und ich habe mir nur einiges eingebildet). Ich glaube, dass das mit dem Biowindrad auf der Rückreise war. Wir machten einen Umweg zu einem besonderen Hof, den der Lehrer kannte.

Ein nebliger Tag. Wir standen nahe einer Scheune oder anderen landwirtschaftlichen Schuppen und wurden angewiesen, dieses Ding zu bestaunen. Es war sehr groß. Der Bauer hatte es selbst aus Blech zusammengenagelt. Man stand davor, und der Himmel war grau. Es nieselte ein wenig. Das Windrad ragte vor uns auf wie ein tumber Riese, der gerade Pause macht. Da drehte nix. Ein graues, silbernes Alublechgeschleuder, das nicht schleuderte. Norbert erklärte, wie großartig es wäre. (Unser Englischlehrer war auch Klassenlehrer). Seine Augen leuchteten grün, als er behauptete:

„Das ist die Zukunft.“

# Auch Politik war eine wichtige Sache für uns

Die grüne Politik war noch neu, und die heutige Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock etwa drei Jahre alt. Die Demonstrationen gegen Atomkraft waren kraftvoll und unübersehbar, die Sonne des Logos reckt kampflustig eine Faust nach oben! Wirkliche Furcht vor dem Klimakollaps kannten wir nicht. Das würde irgendwann später sein. Niemand hätte sein Kind Greta genannt: Meine Mutter hieß Greta. Politik hatte einen hohen Stellenwert im Unterricht. Wir schauten den ganzen Tag fernsehen in dieser Schule an dem Tag, wo Schmidt im Misstrauensvotum gestürzt und Helmut Kohl zum Kanzler wurde. Dieser Lehrer war wirklich engagiert: Mein Politiklehrer K. hatte in Wedel eine Freundin und kaufte gelegentlich Fisch bei uns. Ich traf ihn bis vor kurzem in der Stadt. Zum Schluss schien er mir dement zu sein. Er erzählte, er hätte eine Zeitlang in Schenefeld gewohnt, am Parkgrund. Ich sagte: „Da ist ein kleiner See.“ Und er meinte: „Ja.“ Dann kam anderes, worüber wir sprachen, aber nach einiger Zeit fragte er (wie anfangs), wo ich heute lebe? Und ich sagte ein weiteres Mal: „Schenefeld.“ Da hätte er auch mal gewohnt, erinnerte er sich (wieder).

„Am Parkgrund.“

„Gibt es da nicht einen See?“, wollte ich wissen. „Ja“, bekundete er. Bald darauf ging ich; frustriert – und fuhr später mit dem Bus, traf ihn noch einmal.

Vom Café lief ich zum Bahnhof, um einzusteigen, aber man hätte auch in die andere Richtung gehen können, und tatsächlich: Wo „Salamander“ gewesen war, stieg K. ein. Er erkannte mich nicht? Ich saß gleich vorn auf dem einzelnen Platz links. Mein alter Lehrer ging im Gang an mir vorbei, sah mich direkt an und schaute wie durch mich hindurch. Ich verzog keine Miene, weil das irgendwie besser gewesen ist. Am Galgenberg stieg der Verwirrte aus, als wenn alles ganz normal wäre. Das ist das letzte Mal gewesen, dass ich ihn sah.

Es war noch vor Corona, aber sehr lang ist es nicht her.

K. hat schon damals gern erzählt. Er wäre in der Armee gewesen, im Rheinland. „Da hatten wir weibliche Offiziere.“ Aus Großbritannien: „Tolle Frauen!“, so erinnerte er sich noch im Café; damit hätte man den gar nicht in Verbindung gebracht. Ein kleiner Mann mit Schnauzbart. Der trug ein abgewetztes Sakko und wirkte immer wie ein verplanter Junggeselle, das Haar schon mal zu lang und ungewaschen fettig. Es stieß am Kragen auf. Anders als die Kollegen, lief er immer im Anzug herum – der aber schlecht saß. Die Ellenbogen erinnere ich glänzend, blank gescheuert. Irgendwie schief hing dem Mann eine Schulter. Der lief vom Gangbild tatsächlich wie ein schlampiger Soldat, aber mit einer Hand in der Hosentasche. Solche gab es in den Achtzigern noch einige. Das ist quasi lässige Zackigkeit; das kann man einem jungen Menschen von heute kaum begreiflich machen. K. wurde von uns gesiezt. Versuche, ihn duzen zu dürfen, wie das die „große“ Dagmar probierte (wir hatten zwei), weil es bei Angelika (der Klassenlehrerin) schließlich klappte, scheiterten. Ingeborg (Mathe) schlug das „Du“ von sich aus vor, ein Dammbruch. Beim Bockelmann, der Bo-okelmann genannt werden wollte, musste ein „Sie“ unbedingt sein. Da kam man ja gar nicht auf die Idee, ihn deswegen anzusprechen.

Die (echte) Freundin von K. war auch groß gewachsen, überragte ihn deutlich. Die beiden liefen Händchen haltend durch Wedel, und es sah ein wenig drollig aus.

Ein überzeugter SPD-Wähler.

„Die anderen kann man ja nicht wählen.“

Im Studium ging das weiter. Einmal saßen meine Professoren in einer Bar mit uns Kommilitonen rum, und Tom Knoth fing an, über das „Hamburger Abendblatt“ zu spotten. „Die haben ein „Wochenend-Journal!“, meinte er und half nach: „Wisst ihr, was ,Journal‘ heißt?“ Aber er fragte nicht in Richtung der Studenten. Und sein Freund, mein Professor Otto Ruths, nickte nur. „Erscheint täglich, wird täglich geführt. Ein Journal ist dem Wort nach eine tägliche Aufzeichnung“, meinte der Alte. „Ja“, sagte Otto, und sie witzelten weiter über die Springer-Presse und Kohl.

Was der alles falsch mache.

Otto ist inzwischen auch tot, wie so viele. Und manchmal fehlt er ein wenig. Ich habe mich so gefreut, als Gerd Schröder Kanzler wurde! Da war Alsterpokal, und wir saßen nach der Preisverteilung beim HSC rum. Es gab Großbildviewing in Ledersesseln. Auch das Ende, die später sogenannte „Elefantenrunde“ im Fernsehen sah ich live. Das war nach dem hauchdünn verlorenen Votum und Abwahl mit dem Desolaten, der meinte, weiter Kanzler bleiben zu können und Angela Merkel müsste unter ihm mitregieren. Ich war fasziniert. Julien (vom Dorfcafé) fand, Schröder wäre betrunken gewesen und nahm den Gestrauchelten in Schutz. Schröder hatte Angela Merkel nicht ernst genommen?

Zu dieser Zeit wohnte ich schon nicht mehr in Bahrenfeld, kann mich aber gut an junge „Scholzplakate“ erinnern. Der sah so sympathisch aus. Nach dem Auge entschied ich auch, Christiane zu wählen, unsere Bürgermeisterin. Die Konkurrentin von der CDU war vergleichsweise wenig attraktiv. Und so etwas zuzugeben, als Schenefelder, mag dumm sein. Ich habe schon öfter zu viel geredet? Gerd Manthei, unser rotes Urgestein hier, erinnert mich gelegentlich daran: „Man müsse nicht alles sagen!“ Eine rückwärtsgemeinte Mahnung? Das fand Kalle auch einmal (das ist der Obelix hier, das Wildschwein vom Dorf, aber der konspiriert mit den Römern), und den mochte ich früher. Ein Fehler! Das war bestimmt die viel größere Dummheit, Menschen zu vertrauen, die dem Staat (und Nachrichtendienst) nahe sind, familiär und beruflich verbunden, als zu sagen, was gesagt werden muss. Mir wird wohlmeinend angedeutet, ich sprach aus, was „man“ nicht sagt? Einige machten mich schon darauf aufmerksam. Sie sagen aber nicht, was genau es war, das ich so naiv ausplapperte.

Auf Nachfrage biegen sie diese Gespräche immer weg.

Ich verbrachte viel Zeit mit Christiane, Umarmung und Kaffeetrinken, lange E-mails schrieben wir uns. Politik war immer wichtig. Meine Fehler kenne ich nur zu gut und lerne kreative Sachen auf neue Weise zu tun, aber in der Politik muss man Versagen anders behandeln, als es für uns Künstler notwendig ist. Das ist das Gegensätzliche zur Kunst. Es ist genau andersherum. Ein Künstler entwickelt sich menschlich weiter, lernt. Ein Politiker definiert seine Vergangenheit neu. Während wir Kreativen an uns selbst arbeiten, ist die Tätigkeit des Parteimitgliedes sinngemäße Neudeutung zum Wohle der Genossen. Maler stellen die Umgebung wie Theater dar. Politiker sind Berufsschauspieler und rücken ihre Maske besser zurecht. Wir lernen, Fassaden wegzunehmen, Führungskräfte mauern sich ein, reden volksnah vom Podest.

Der große Kollege in Hamburg macht es vor. Ziele stecken und sie zu erreichen, funktioniert je nach Berufung verschieden. Ich male meine Ideen anders. Der feige Abgang nach Berlin, die Unfähigkeit Schwachpunkte menschlich zu kommentieren, die Erkenntnis, dass der tatkräftige (und heute selbstbewusste) Genosse Tschentscher schon in Hamburg aktiv war, bevor er selbst Bürgermeister wurde; Olaf Scholz wähle ich nie wieder. Nach dem verkackten Gipfel war und ist es aus mit meiner Sympathie.

# Dauerhaft.

Übermorgen ist Wahltag. Das wird das erste Mal in meinem Leben sein, dass ich Nichtwähler des Deutschen Bundestages bin.

Eine Entfremdung von der SPD hat schon längst stattgefunden. Ich erkannte in Merkel eine fähige Kanzlerin und wählte sie nach der Flüchtlingskrise aus Überzeugung. Mir gefiel gerade, dass diese Frau in der Lage gewesen ist, ihre Richtung der Politik zu ändern. Das Ende mit Kabul und ihr ständiges Fortbleiben ist erbärmlich. (Ich habe in Schleswig-Holstein Daniel Günther gewählt, weil ich es unmöglich fand, den meiner Auffassung nach abgehobenen und eingebildeten Albig zu unterstützen. Diese Wahl bereue ich nicht). Sechzehn Jahre Merkel, ich war dabei. Ich fand, Steinmeier und -brück, Martin Schulz könne man nicht unterstützen. Keine Führungskräfte.

Politik?

Das Ende in Afghanistan ist beschämend. Die in der Organisation des Rückzuges eingebundenen Minister Kramp-Karrenbauer und Heiko Maas bleiben?

Es macht nur fassungslos.

Was die Leute über Olaf Teflon sagen, erfahre ich durch Christiane am eigenen Leib: Kunst und Politik sind gegensätzlicher, wie sie nicht sein können. Ich wähle nie wieder eine Politik, egal welche Partei und schon gar nicht die SPD. Die ganz bestimmt nicht. Als Maler lernte ich zu malen. Eine Bürgermeisterin versteht zu verwalten und ihre Politik als Handwerk, alles im für sie nutzbringenden Sinn darzustellen. Einfluss nehmen, wo der Glanz des Amtes suggestiv wirkt, das kann sie. Ein empathisches Lächeln auf Knopfdruck reproduziert, das manche Merker parieren lässt? Sie hat es drauf: „Herzlichen Glückwunsch! und noch einen schönen Tag“ (ein tolles Leben).

# Glatt ist die Kuh vom Eis

Damit will ich nie wieder etwas zu tun haben. Man darf sich einer Wahl enthalten. Das Wenigste ist, nicht auch noch dem Ruf zu folgen, diejenige und ihre Partei zu unterstützen, die dich später schlägt wie Mama (die du dir nicht ausgesucht hast). Ich war naiv wie ein Kind. Den Falschen habe ich verhauen, das weiß ich wohl, kann heute sagen, was ein Netzwerk ist; eine Erfahrung! Wer Deutschland regiert, das ist mir doch ganz egal, denke ich. Wenige glauben daran, dass Armin Laschet noch Kanzler wird. Aber nach Scholz kommt dann was ganz weit rechts.

Das ist meine Prognose.

🙁