Es gibt Gegendemonstranten. Nein, nicht die aktuellen meine ich. Grundsätzlich, Gegendemonstranten sind immer da. Sie warten nur darauf, dass demonstriert wird. Es kann doch nicht sein, dass die Polizei alleingelassen wird bei ihrer schweren Arbeit. Der Gegendemonstrant ist so etwas wie das Korrektiv der Aufbegehrenden. Er benötigt die Demo, damit er aktiv werden kann, und theoretisch kann man gegen jede Couleur zu Felde ziehen. Man darf gegen Rechts sein. Man wird zu Ansehen kommen, wenn man verschworenen Querdenkern etwas entgegensetzt. Jetzt bietet sich wieder eine gute Gelegenheit. Es gibt Demos, die Russland insgesamt und die militärische Spezialoperation in der Ukraine verteidigen. Obwohl doch bekannt ist, dass man so nicht denken darf. Dagegen kann man doch gut sein, denkt sich der Gegendemonstrant, vielleicht komme ich sogar ins Fernsehen. So wechselt der Geradeausdenker zum Russenabstrafer.

Schwierig dürfte die Sache mit der Atomkraft werden. Wenn die deutsche Politik sich der französischen anschließen sollte und die Kraftwerke länger laufen lassen möchte oder neue bauen will, gibt es Demonstrationen der Anti-Atomkraft-Szene. Die gibt es immer. Diese Leute wissen, was sie nicht wollen. Die Nazis wissen, was sie wollen. Die Russen wissen, dass Putin weiß, was gut ist. Die Querdenker wissen mehr als Bill Gates. Sie wissen das von Q-Anon. Und der weiß Bescheid.

Gegendemonstranten sind anders. Sie müssen keine eigene Überzeugung haben. Sie sind gewohnt, schneller mit dem Strom zu schwimmen als der Mainstream. Dessen Richtung ist so ungewöhnlich nicht. Es ist leicht, zu drei oder vier Themen gleichermaßen zu stehen und dem Guten eine Flagge zu halten. Früh liefen erste Hollywoodstars mit einem blaugelben Wimpel auf die Bühne. Da begreift der Follower, wo es hingeht.

Ganz einfach: Die Bösen sind Nazis, Querdenker, Kinderschänder und Russen. Wen die prorussischen Demonstranten noch überrascht haben, dürfte sich über zukünftige prohomophobe Aufmärsche nicht wundern. Das wären Gegendemos der anderen Art und könnten bald zum festen Bestandteil unserer Meinungsvielfalt gehören. „Für“ einen hinterhältig vom Zaun gebrochenen Krieg zu laufen, schockiert eine einfache Mehrheit, die auf bekannte Themen trainiert ist. Das darf man nicht. Bislang strömte die Masse breit, das könnte sich ändern. Gezeitenwechsel dürfte einige überfordern: Da wird sich mancher in Deutschland überwinden müssen, gegen die zu sein, die gegen die Atomkraft sind. Das braucht dann ein wenig Zeit.

🙂