Jetzt ist es wieder passiert, ein Amoklauf erschüttert uns. Kongsberg, Norwegen – vor ein paar Tagen hat ein Mann mehrere Menschen getötet. Mit Pfeil und Bogen bewaffnet war der Verstörte unterwegs, auch Messer kamen zum Einsatz, als er zufällige Opfer für seine Attacke fand. Es dauerte, bis die Polizei zugriff und den Täter festgenommen hat. Schnell verordneten Fachleute die Bluttat als islamistisch motivierten Terrorakt. Dann korrigierten sich die Behörden. Der in Norwegen lebende Däne wäre seit Jahren in psychologischer Behandlung, und man ginge nun von einer Krankheit aus, die zur Tat führte.

Wie immer in so einem Fall, stehen die offiziellen Sicherheitsdienste anschließend in der Kritik. Wenn ein polizeibekannter Mensch zuschlägt, kommt die Frage auf, ob das nicht verhindert werden konnte, voraussehbar gewesen ist? Dem liegt die Problematik zugrunde, dass die breite Masse einer Gesellschaft diese Täter wegsortieren möchte, am Besten rechtzeitig. Sie sind anders, gefährden: Gestörte raus! Nun können wir die Menschen nicht dahingehend belehren, dass ein psychisch Kranker zunächst einer der ihren ist. Der Normale nimmt diese Sicht nicht an. Ihm ist egal, wie und warum es kommen konnte, dass ein Mensch die anderen nach einem zufälligen Muster auswählt und scheinbar wahllos abschlachtet. Der einfache Passant in seiner Heimat unterwegs, möchte nicht angegriffen werden. Schließlich gibt es die Polizei. Wir leben in der Zivilisation. Ein Stadtbewohner denkt nicht über seine Sicherheit nach, überquert eine Straße, wenn das grüne Männchen leuchtet und checkt mobile, was sonst noch wichtig ist. So einer ist damit beschäftigt einzukaufen. Ein Verbraucher nimmt nicht an, mit Pfeil und Bogen angegriffen zu werden, während er eine Unterhose auf Passgenauigkeit prüft. Allenfalls Taschendiebe sind Teil seiner Bedrohungskulisse, und dafür gibt es den Kaufhausdetektiv.

Die Masse ist dumm und weiß es nicht; weil ihr Leben funktioniert? Mit dieser These macht man sich keine Freunde, enthält die Ansicht ja einen pauschalen Vorwurf, die Gesellschaft habe insgesamt eine Macke, von der sie nicht wüsste. Trotzdem scheint es mir sinnvoll, einige Belege für die Dummheit der Normalen anzuführen. Wir können freundlicherweise den Begriff mit Unwissenheit tauschen. Unwissenheit ist gut an dieser Stelle zu verwenden. Jeder kennt den Ausspruch, sie schütze nicht vor Strafe. Die Logik, nach der ein Amok funktioniert, wird regelmäßig als nicht nachvollziehbar gebrandmarkt: Warum kann der Normale nicht einsehen, dass sein integriertes Verhalten für manche unerreichbar scheint und solche Menschen gute Gründe darin sehen, pauschal Rache zu nehmen? Wäre dies ein Ansatz mit breitem Konsens in einer Gesellschaft, wüssten wir, dass allein unsere Normalität und unser zivilisiertes Verhalten ausreichen, manche so zu reizen, uns dafür zu bestrafen. Wenn wir ausblenden, dass in einer Stadt um uns herum welche unterwegs sind, die ganz anders empfinden, greift dieser Satz „Unwissenheit schütze nicht vor einer Bestrafung“ so herum interpretiert, dass diese uns strafen, weil wir sie nicht respektierten. Empörung wird daran nichts ändern.

Wir erwarten, alle könnten sich leicht an die Regeln halten, denen wir gern bereit sind zu folgen? Wenn wir uns (naiv) auf die Sicherheitsbehörden verlassen, können wir das Opfer derjenigen werden, die ihr eigenes Gesetz über das der Allgemeinheit stellen. Im (blinden) Vertrauen auf das Gewaltmonopol des Staates und seine alleinige Berechtigung zu richten, wird uns die nicht haltbare Illusionen einer vollständig geregelten und sicheren Umgebung ein ums andere Mal als solche kalt erwischen. Dass einer anschließend lebenslang einsitzt, ist weniger Strafe, sondern die hilflose Reaktion, das Zucken einer Justiz und die Blendung der Masse, die es nicht wahrhaben will, übertölpelt zu sein. Und dumm ist diese Gesellschaft und eingebildet. Zivilisation ist oft nur der intellektuelle Rahmen. Er kann bedrohlich unzuverlässig sein, wenn der Strom ausfällt oder sonst wie die Natur zurückkehrt. Natürlich sind wir angreifbar, was ist so schwer daran einzusehen? Die hasserfüllten Äußerungen im anonymen Netz zeigen doch nichts anderes als die Wahrheit unseres Menschseins, sind mitnichten vermeidbar und können durch bessere Systeme höchstens eingedämmt werden und rückverfolgt. Den Hass schaffen wir nicht ab. Das geht nicht.

Kinder werden bestraft, um zu lernen. Irgendwann sind diese erwachsen, und den Eltern fällt nichts ein, als zu sagen: „Wenn es dir nicht passt, zieh aus.“ Erwachsene durch Gericht und Urteil mit Gefängnis zu bestrafen, nimmt diesen die Selbstverantwortung. Die Gesellschaft vertraut auf die abschreckende Wirkung und nimmt an, dass die Haft Verurteilte erziehen kann? Manchmal geschieht es. Immerhin, das Gefängnis schützt die normale Allgemeinheit vor den weggesperrten Tätern.

# Stellen wir uns ein überspitztes Bild vor

Ein Mensch läuft in einer Blechrüstung herum. Das ist aber kein sportlicher Ritter mit der Lanze in der Hand, der gerade sein Pferd im vollen Galopp dem Gegner präsentiert, bereit ihn aus dem Sattel zu stoßen. Nein, unser Typ in seiner Dose fühlt sich sicher, und das ist eine Täuschung. Zur Navigation gibt es höchstens ein kleines Guckloch. Damit schaut dieser moderne Rittersmann auf sein Handy, hält den Kopf dauerhaft geneigt und es nicht für nötig, diesen frei bewegen zu können. Wenn jetzt ein nackter Irrer von schräg hinten angerannt kommt, muss der Dosenmann den aufgezwungenen Kampf verlieren. In diese Richtung sondiert keiner, der fest auf die Sicherheit seiner Schutzkleidung baut und die Navigation seiner Wege dem Internet aufgibt.

Wenn das unsere Realität wäre, und ich bin fest davon überzeugt, dass wir mehrheitlich ausblenden, wie gefährlich zu leben noch immer ist, so mag diese Skizze helfen gegenzusteuern. Was könnten wir tun? Nur der einzelne ist in der Lage zu handeln, zum einen für sich selbst, indem vermeintliche Sicherheit aufgegeben wird, wir lernten unser Gegenüber zu bemerken und darüber hinaus wäre es möglich, die Ansätze unserer Fachleute, die mit der Ordnung, Stabilität und der geistigen Gesundheit der Bürger beauftragt sind, auf eine realistische Grundlage zu stellen. Das hieße an erster Stelle dafür zu sorgen, dass psychisch Kranke gesund werden durch die ihnen angebotene Behandlung. Das wird bislang kaum versucht, obwohl dieses Thema einen hohen Stellenwert hat. Es genügt uns, Kranke aus gesamtgesellschaftlicher Sicht zu betrachten. Wer sich und andere gefährdet, wird behandelt, beobachtet und gezwungenermaßen betreut. Medikamente möchten den Kranken betäuben, und ihm wird gesagt, das helfe. Das hilft dem Arzt. Regelmäßig kommt es dazu, dass die entsprechenden Spezialisten eine Situation verantworten müssen, die ihnen in dieser Konstellation hinzuschauen, einzuschätzen und denjenigen zu therapieren entglitten ist. Würde ein psychisch Kranker in überschaubarer Zeit gesund gemacht, also repariert wie ein Auto und könnte anschließend sicher im Verkehr, beziehungsweise im Umgang mit den anderen allein unterwegs sein, gäbe es keine Probleme. Die Bemühungen diese Menschen vollständig frei von Arzt und Medikament in eine normale, integrierte Lebensweise zu führen sind jedoch viel zu unspezifisch und konkret ist auch nicht nachweisbar, wodurch die Gesundung gekommen ist, wenn es gelingt, dass jemand seine Schwierigkeiten los wird.

# Die Nachbarn des Attentäters werden befragt

In solchen Beschreibungen erkennt man das immer gleiche Muster. Verschlossene, grimmige Menschen oder eben introvertiert, gehemmt, jedenfalls ohne soziale Kontakte, sind das Männer, häufig arbeitslos. Da ließe sich leicht ein Forderungskatalog hinschreiben, was wir ändern müssten.

Vorsicht!

Hat es sich herum gesprochen, dass ein gefährlicher Spinner im Dorf ist, sollten wir unser Verhalten anpassen. Wir könnten Gruppen bilden und chatweise Sicherungen erdenken für mögliche Opfer. Begegneten wir dem Beknackten, raunten wir einander ermahnend zu: „Nicht anschauen!“, aber ganz leise, dass er’s nicht merke. Sonst heizten wir eine „Situation“ nur unnötig an?

# Wir tun am Besten, als wäre alles ganz normal

Normal zu sein ist ganz leicht. Wir brächten es am Besten gleich allen bei, so zu sein, wie wir es (ohne zu üben) können. Wir sollten bemerken, dass wir uns selbst vor Verrückten fürchten und damit aufhören, es zu tun. Wir täten gut daran, diese Spinner nicht extra zu verarschen und sie zu mobben. Kranke fürchten andere und werden gegebenenfalls aggressiv, weil ihnen normale Mittel der Abgrenzung fremd sind. Statt diese kranken Menschen weiter in die Rolle von Sonderlingen zu drücken, müssten sie sich in humorvolle, unterhaltsame Zeitgenossen verwandeln, denen es leicht fällt, Freundschaften zu finden und mit denen wir anderen gern als Kollegen im Arbeitsverhältnis wären.

Als Chef eines Unternehmens fänden wir bald, wenn unsere Bemühungen erfolgreich gewesen sind, leistungsorientierte Angestellte in ihnen. Sie ernährten sich nun gesund, rauchten und tränken nicht, konsumierten keine Drogen und konvertierten nicht in eine bösartige Religion. Sie bemühten sich um ein Ehrenamt, engagierten sich in der freiwilligen Feuerwehr. Sie machten nun gern mit. Freudig ließen sie sich gegen ein Virus impfen und dächten nicht diesen Quatsch wie bisher. Aus verstockten Hatern machten wir bestenfalls tolerante Mitmenschen. Ihnen fällt nun leicht, andersartige Sichtweisen zu respektieren. Abends stellten sie eine Kerze ins Fenster und gedächten der Coronatoten. Sie beteiligten sich an gewaltfreien Gegendemonstrationen. Sie sind schließlich gegen das Dagegensein, und Aggression ist ihnen fremd geworden. Politisch engagiert, unterstützten sie eine kraftvolle grüne Gesellschaftsumwandlung auf stabiler wirtschaftlicher Basis mit sozial gerechter Grundkomponente. Sie genderten divers und pflanzten Blühwiesen für Wildbienen. Der Therapeut solcher Sonderlinge könnte probieren, aus ihnen innovative Unternehmensgründer zu machen, und wir sollten Psychiater ausbilden, denen das zuverlässig gelingt.

# Perspektive?

Diese Menschen, die nicht ins Bild passen. Sie könnten zu beliebten Kreativen im Dorf werden, deren sexistische Kunst nicht länger als irre, sondern als berechtigte Kritik interpretiert, Teil des erweiterten Erlebnishorizontes einer bislang uniformen Allgemeinsicht sind, die gelernt hat, dekorative Banalität von engagierter Ästhetik zu unterscheiden.

Oder, die Einzelgänger sollten dahingehend geändert werden, ein sozial integriertes Hobby mit anderen zu teilen.

Alternativ: Unerwünschte erotische Fantasien trieben wir den Kranken am besten ganz aus. Dafür wird eine Sondereinheit „Sex in der Stadt“ gegründet, die entsprechende Schulungen durchführt. Dann müssten diese Menschen sich gern verlieben können, und ewige Treue ist ihnen ein Muss. Selbst Liebe zu geben, sollte ihnen leicht fallen, und sie werden zufrieden in stabilen Beziehungen leben, bis dass der Tod sie schließlich einmal trenne.

Ganz einfach.

🙂