Frau Lot schaute zurück und wurde zur Salzsäule. „Ein Tod wie gewünscht“, beginnt Max Frisch ein Buch. Wer will denn leben? Mein Dasein ist zu einer Abrechnung mit früher verkommen. Eine Existenz ohne Zukunft. Mich interessiert nicht, etwas daraus zu machen. Ich schlachte (lustlos) die Vergangenheit aus. Ich beschäftige mich. Das kann man nicht gerade als Antrieb bezeichnen. Der Motor läuft, aber im Stand, und ich rolle zum Ende einer Startbahn. Dort geht es nicht in den Himmel. Kein Abgrund droht, in den ich stürzen werde.

Irgendwann bleibt meine Kiste einfach stehen.

Eine Karton mit Spielzeug, das ist meine Erinnerung. Die Zukunft werfe ich täglich weg. Es gibt keine Liebe, hat niemals eine gegeben und es wird auch keine geben: Weil ich nicht weiß, was das sein soll und keine Möglichkeit habe, es noch herauszufinden. Das ist vom großen Versuchsleiter der du bist im Himmel ausgeschlossen worden. Jedenfalls was mich betrifft. Ihr anderen, da mag es funktionieren, aber das ist mir inzwischen egal. Mein Professor im Studium und schließlich Freund (Jahrgang 1923), passionierter Pfeifenraucher, hatte im Alter seinen Geruchssinn verloren. Ich habe die Empathie verloren. Nur noch Spott befriedigt mich. Ein kurzes Glück, wenn man glaubt, den Doofen überlegen zu sein.

Viele hier nehmen teil am offenen Geheimnis, einige auch im Süden, nicht wenige am Meer. So kommt es mir vor. Das Netz reicht weiter als die Nachbarschaft. Aber es ist Ruhe eingekehrt, es gibt bessere Themen, und schon bald gerate ich in vollkommene Vergessenheit. Verbittert habe ich mich abgewandt: von der Politik, der Demokratie, Gesellschaft. Ich veralbere die Mitmenschen, und niemand bemerkt es noch. Mein Theater findet in einem Saal statt, der nicht öffentlich ist und dessen digitale Präsentation keinen Spaß macht, weil die Grundregel, dass der Clown nicht im Bilde ist einer zu sein, gebrochen wurde. Ein bisschen Spaß muss sein, aber wir sind alle zu weit gegangen.

Unser Dorf, wie im Groschenroman von G.F. Unger. Der Cowboy, ein Peter Kraus der nicht aufhören möchte, er kann mir nicht in die Augen schauen. Unnötige Eskalation: Ein Pfosten wurde unangespitzt eingeschlagen. Staub hat sich gelegt, die Frontlinie ist ruhig. Einige grüßen vorsichtshalber, andere offensiv. Wir bleiben im Sattel, tippen uns den Colt an die Krempe, Respekt. Das sind mir die Liebsten. Sie spielen unser neues, fröhliches Spiel, winken oder zeigen ihr „Victory“.

# Indianerspiele, Pädophile und Gendarm

Der alte Rote macht es als „Peace“ (mit geschlossenen Fingern). Er streckt seine Hand wie eine Friedenspfeife aus. „Tu’ mir nix!“, heißt es wohl, während er anderen (falls welche auftauchen) skandiert: „Das ist unser Künstler!“ So sichert man sich in jede erdenkliche Richtung ab. Ein gewiefter Fouché, der als einfacher Maurer angefangen hat. Er passiert gemächlich, aber ohne wie früher für einen Schwatz anzuhalten. Besser ist das, mag er denken. Als Grüßonkel der Arbeiterklasse reitet er den einfachen Esel, ein drahtiger Kamerad für einen gewichtigen Kicker. Immer unterwegs ist der dicke Mann. Er gleitet früh in den Wald, macht Rast im Schnaakenmoor oder dreht die kleine Runde im Dorf, beginnend von seinen Weiden über die alte Landstraße, am Horst der Krähen und den Tauben vom von Appen vorbei wie gewohnt. Der an dieser Stelle sonst unbändig belfernde Hund macht ausnahmsweise keinen Lärm.

Manchmal ist zu schweigen einfach klüger.

Traurig. Das Problemwildschwein ist plattgemacht, und wieder andere schämen sich scheinbar. A. rennt weg und kommt besser gar nicht erst. Ich gebe zu, es tut weh. Das kann niemand weniger ändern oder rückgängig machen als ich. Es hilft nicht, eigene Fehler einzusehen, unmöglich nachzugeben, wohin denn und wem? Das ist paradox und stabil wie die Zwickmühle, die zum Ende des Spiels und neuem Beginn in eine neue Mühle auf einem frischem Brett zwingt. Nicht einen Millimeter kann ich in die alte Richtung gehen. „Haben wir es nicht gewusst!“, geiferten die Schergen, falls ich es probierte und fänden eitle Freude dran, über mich herzufallen, ihre Steine auf mich zu schmettern. Das Dreckspack. Stephans steh’ mir bei. Ein Füllhorn der Kunst ist das Geschenk der Götter zu meinem Trost.

Danke.

Müßig, eine alte Hexe ganz oben im Rat dafür zu beschuldigen, ein Mädchen zur Marionette zu gängeln, die Unbedarfte was weiß ich glauben zu machen, ihr Gehirn zu waschen, über die armseligste Ziege von allen droben im Turm noch zu schreiben? Home-Office ist ein willkommener Panzerwagen für eine Trumpete der Moral, die, von Haus aus feige, nur zu gern eine maskierte Schildbürgerin ist und mit vorgehaltener Pappe strahlt. Sie ist ihr eigenes Deepfake, renommiert wie gedruckt, ist online noch besser als live. Sie wird kaum ernst genommen, ist nur eine Frau und vergleichsweise naiv emporgekommen. Chaplin ist ihr zu hoch, Burt Lancaster zu breit (das ist ja auch ein Mann), aber sie bekommt es besser hin als ein Haloween-Kürbis. Smile. Die Sicherheit und die Pflicht zu leiten und lächeln gebietet es.

Unser gallisches Dorf. Der letzte, der noch mitspielt, ist O. (ein alter Römer). Wahrscheinlich ist er zu dumm, zu begreifen, dass unser Theater ein Fake ist. Ein Mahner, er gibt den ernsthaften Großonkel, erinnert an den Wert des Lebens, der Familie, erklärt mir die Ehe; so belehrt er mich ein jedes Mal. Seine Tochter möchte ich nicht sein. Die kann nicht weg, und zwar lebenslang. Diagnose: Golfplatz Elternhaus. Was nimmt sich dieser Typ raus. Ich bin nicht frech. Ich habe fertig mit der Scheinheiligkeit selbst ernannter Prediger: „das Buch gelesen“, mein Gott – hilf.

Ich spiele nun offen ohne Handicap. Nachdem ich genug probierte, weiß ich Besseres zu tun, selbst wenn die Normalität der anderen unerreichbar bleibt. Die ist auch nicht anzustreben, das denke ich. Bleibt nur zu malen. Eine Arbeit für die Tonne. Covid ist meine letzte Freude und eine Hoffnung gleichermaßen. Eine Freude, weil sie die Pathologie der Masse wieder als eine Theorie, die ernsthaft zu diskutieren ist, in den Fokus rückt. „Was einmal gedacht wurde, kann nicht zurückgenommen werden“, wusste schon Dürrenmatt. Corona: Außerdem kann man tatsächlich daran sterben, und das wäre immerhin eine Abkürzung eines ansonsten öden Lebensabschnitts.

„The whole man must move at once.“

Gesundes System oder infizierte Idioten? Es ist jetzt an der freien offenen Gesellschaft, ihre Werte zu verteidigen und Leistungsfähigkeit im besten Sinne unter Beweis zu stellen. Die letzte Chance für das Ganze, zu zeigen, dass eine gemeinsame Bedrohung zu einer geschlossenen Reaktion führt und das System bindet, ohne die Einzelnen zu erdrücken. Die Diktatur haben wir abgewählt. Dorthin kommen wir nicht zurück: wo die sind, die nicht begriffen, was unsere Eltern lernten. Wenn doch, dann über den Umweg Chaos. Unsere Zukunft ist besser oder ein infizierter Scherbenhaufen. Anführer und Follower – wenige stehen rum und sehen bloß zu. Sie traben für ihren Traum, sie rennen für den Chef, kämpfen um ihre kleine Welt. Seitdem mir die eigene Existenz doch recht egal ist, denke ich emotionslos.

„Schaun’ wir mal.“

Als stünde ich ungeschützt auf dem atomaren (oder viralen) Versuchsgelände.

Und es ist mir egal.

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