Weihnachten, eine Standortbestimmung. Ich bin Maler, ich war Grafiker: Ein langjähriger beruflicher Partner ist in Rente gegangen. Eine Mitarbeiterin im dazugehörigen Büro fand, ich müsse doch ein Gruppenbild malen, zur Verabschiedung. Ich erklärte ihr meine Bedenken. Menschen mit denen ich zwanzig und mehr Jahre herzlich verbunden bin, mit einigen nur per Telefon! Wenn ich male, möchte ich die Ähnlichkeit der Porträtierten erreichen. Tatsächlich helfen mir Fotos dabei nur, wenn ich die Leute kenne.

Eine kleine Geschichte: Ich habe einmal ein Doppelbild für ein Paar zur Hochzeit gemalt, und das Bild gefällt mir auch. Es wurde freudig angenommen und gelobt. Freunde des Paares haben das vereinbarte Honorar gern gezahlt. Ich hatte an die zwanzig Fotos, die beiden waren anlässlich der bevorstehenden Hochzeit am Hafen fotografiert worden, und die Freunde, die mich mit dem Bild beauftragten, konnten an diese Bilder gelangen, haben sie mir heimlich gemailt. Damit schien ich perfekte Vorlagen zu haben. Das junge Paar sah ich erst, als das Bild, auf das ich sehr stolz bin, bereits an ihre Freunde übergeben war. Dann konnte ich die Verlobten das erste Mal betrachten, und das geschah, ohne dass man mich bemerkte.

Ich begriff: „Ach – das sind sie“, ich kannte ja die Fotos.

Dann habe ich mich über mich selbst geärgert.

„So!“ … sieht er aus, dachte ich. Der junge Mann hatte den schmalen Kopf eines Jugendlichen. Seine ganzen Bewegungen deuteten darauf hin, dass er beweglich, fast schlaksig war. Auf eine jungenhafte Weise unbedarft. Auf meinem Bild war das ein Mann. Ein Sean Connery, der durch alle Gezeiten seine Braut schippert, und das war doch nicht schlecht für das Motiv?

Ich habe mich trotzdem geärgert. Eine Frage des malerischen Handwerks. Der Hochzeitsfotograf hatte die beiden am Hafen zu einer Einheit gepaart, die er schließlich aus einiger Entfernung mit dem Teleobjektiv fotografierte. Das machte, dass ihre Gesichter breit wurden, man die Tiefe des Kopfes nicht sehen konnte. Als das junge Glück nun (unbemerkt von meinen neugierigen Blicken) auf der Bühne einer Aula Musikinstrumente platzierte, Notenständer auspackte, hatte ich reichlich Gelegenheit, sie wie nebenbei zu sehen und auch wie ihre Köpfe im dreidimensionalen Raum ganz anders wirkten. Anschließend sah ich mir zuhause die Fotos noch einmal an. Nun war es einfach zu begreifen, dass ich übersehen habe, was in der Realität ohne Schwierigkeiten dem Auge eines Betrachters übermittelt wird.

Ein Film ohne Ton, ein Foto in schwarz-weiß, eine Musikaufnahme anstelle des wirklichen Besuchs im Konzert; das sind Vergleiche, die beschreiben sollen, wie ein Mensch glaubt, etwas begriffen zu haben, wenn man ihm nur einen Teil der Wahrheit präsentiert. Jedes Wort, das wir nehmen, um zu beschreiben hat auch diesen Mangel. Scheinbar ein anderes Thema? Ich wollte eine Flaggenhalterung auf meinem Boot haben. „Leicht geneigt“, hatte ich als Hinweis in die von mir gezeichnete Skizze notiert. „Was heißt ,leicht‘ geneigt?“, raunzte Mambo mich böse an, „zwei Grad oder fünfzehn? Nachher bist du sauer und sagst, es sei dir zu schief oder warum der Flaggenstock so gerade ist!“

Deswegen kein Gemälde.

Die Verabschiedung von H. in die Rente; ich habe also ein Modell der Bürogemeinschaft gebastelt und zwar aus Fimo. Das ist ganz nett geworden und gerade an meinen Freund und zukünftigen Rentner erfolgreich übergeben worden. Meine Lektorin schreibt, sie habe „mit mir angegeben“, damit auch alle wüssten, wer das tolle Ding fabriziert hätte. Ich habe ihr geantwortet, die kleine Installation trage doch am Rande meinen Namen. Das Modell sei signiert, schrieb ich, an der Seite befände sich ein kreativer Hinweis auf den Schaffenden, mit Datum. Das ist für mich ein Teil jedes Kunstwerks und gehört gestaltet dazu.

Otto Ruths (mein Professor) schrieb seinen Namen auf die Rückseite. Der malte auf dicke Holzplatten. Damit sie nicht krumm würden, nahm er am Abend nach der täglichen Arbeit am Bild die Farbreste von der frischen Palette und malte auf die Rückseite etwa soviel Farbe, wie er über den Tag ins Bild gebracht hatte hinten drauf. So wie man auch eine Tür von beiden Seiten streichen muss oder die Bodenbretter vom Boot beidseitig lackieren. Wenn sein Ölbild fertig war, nahm Otto ein gleichmäßiges, mittleres Grau und strich die Rückseite einheitlich an, um dann mit breitem Pinsel groß über die ganze Fläche sein typisches „Ruths“ zu schreiben.

Was gehört dazu, ein Künstler zu sein? Manche malen nicht, sie gehen einer anderen Leidenschaft nach. Warum siegt die eine Kunst in einem über die andere, und warum finden manche, sie sollten kreativ sein, beginnen trotzdem nicht mit dem, was ihnen eigentlich liegt?

Weihnachten ist die Zeit, in der sogar im Supermarkt Jazz läuft. Viele Menschen singen Weihnachtslieder, selbst welche, die meinen eigentlich unmusikalisch zu sein. Ein Bild das meinen Namen trägt, ein Lied, dass ich selbst singen kann, das ist für den Erwachsenen die Möglichkeit, sich wieder wie im Kindergarten zu fühlen. Etwas Eigenes gelingt, ein Kunststück, das ich für gewöhnlich kaufen muss. Als Rest vom Fest bleibt uns im Jahr der Pandemie das gemeinsame Singen, jedermanns Kunst. Das Tageblatt empfahl seinen Lesern am Heiligabend „Stille Nacht“ bei geöffneter Balkontür zu singen, um das durch die Pandemie beschränkte Fest ein wenig sozial und gesellschaftlich verbindend zu gestalten, wenn der Kirchgang in der Regel ausfallen würde.

Ich hatte kurz vorher ein längeres Gespräch mit Rinja, das ist meine Pastorin hier, nur wenige Meter entfernt in der Stephanskirche, und kann es nur begrüßen, dass sie sämtlich die Gottesdienste abgesagt hat. Nicht allen gefällt es. Ich finde, dass man Gott überall nah sein kann. Was Scheinheiligkeit ist, führt uns die Spitze im Staat vor, in jedem Staat und jedem Dorf auf dieser Welt. Würdenträger sind „Berufsgute“, und das geht nur zu oft in die Richtung zur Schau gestellter Frömmigkeit. Auch in der Führung einer Kirche und in allen Kirchen der Welt kommt das vor. Nicht zu ändern, aber den Preis zahlen diejenigen selbst, wenn sie ihre Zeit mit dem Beten verschwenden und es ihnen nur eine Pflicht ist. Die einfachen Kirchgänger genauso blöd: Die Schenefelder haben zwei Kirchen, und etliche haben sich in allen Gottesdiensten in beiden Kirchen angemeldet, als noch geplant war, den heiligen Abend mit mehreren Veranstaltungen entzerrt zu feiern. Unglaublich!

Unser Wohnzimmer, nach der Bescherung öffneten wir die Tür zur Terrasse. Wir sangen pünktlich zur Zeit das vorgeschlagene Lied. Ich sang nicht, ich habe meine Trompete in die Hand genommen und die paar Takte auch leidlich hinbekommen. Ich habe in jedem Winter unglaublich trockene, spröde Lippen, und das behindert. Sicher ein guter Grund für mich, stattdessen Bilder zu malen. Ich möchte, dass ich gut bin, ganz egal, ob jemand anderes sich für mich interessiert oder nicht. Ich möchte gut malen. „Gut“ Trompete werde ich nie spielen können, aus vielen Gründen. Mir genügt es, ein wenig zu probieren, weil ich meine eigentliche Kunst „gut“ beherrsche und immer kreativ bleibe. Das ist ganz unabhängig davon, ob ich ausstelle, verkaufe oder die Bilder sonstwie gelobt werden.

Manche schreiben ihren Namen in das Bild, einige signieren gar nicht. Es ist ein Muss zu signieren, wenn man verkaufen will? Meine Professoren lehrten, darauf zu achten, die Signatur als einen Teil der Ästhetik zu verstehen. Ein Student schrieb seinen Namen recht groß (und von sich selbst begeistert) brachial hingezimmert in jedes Bild unten in eine Ecke. Das führte dazu, dass man die gute Zeichnung gar nicht genüsslich anschauen konnte, sondern das Auge unweigerlich sofort diesen heftig geschluderten „Max Mustermann“ anvisierte. Ich habe es mir gemerkt, den Freund damit aufgezogen und später auch mal eine Kürbismalerin im Einkaufszentrum belehrt. Die stellte dort aus und arbeitete sogar vor Ort. Sie hatte eine Staffelei neben ihren Bildern und rundherum einige Kürbisse drapiert und malte nun ein dekoratives Bild nach dem anderen. Verglichen mit meinen Fähigkeiten, war sie nur eine dieser Frauen, die in der Volkshochschule angefangen haben und dann toll finden Sonnenuntergänge, Bauernhöfe, italienische Pinien oder Brandungsbilder, Hunde bzw. Enkelkinder zu porträtieren.

Dass ich nur ein naseweiser Oberlehrer war, der für einen maritimen Buchverlag illustrierte und längst nicht selbstständiger Künstler, denn diese Begegnung ist viele Jahre her, begriff ich erst anschließend. Ein Schlüsselerlebnis. Die Künstlerin, denn das war ja tatsächlich eine, während ich zu dieser Zeit „nur“ Illustrator gewesen bin, stieg beherzt gleich einen Schritt hoch, auf eine Holzpalette, damit sie mit mir auf Augenhöhe gleichgroß selbstbewusst reden konnte. Hübsch und klug; sie war etwa so alt wie ich, und auf meine Fragen verriet sie mir einiges über ihr Künstlerleben. Man würde ja nicht nur malen, sondern müsse eben auch viel dafür tun, um Ausstellungen zu bekommen und entsprechendes Publikum, das kauft.

Danach habe ich selbst angefangen zu malen …

Ich war doof genug gewesen – eine Malerin zu belehren, die Signatur sei ein Teil des Bildes, und selbst stocherte ich am Rechner unterbezahlt Info-Grafik zusammen? Und durfte mir vom Autoren in rot am Rand angemerkt durchlesen: „Der Mond, wenn er es denn sein soll, ist als solcher nicht zu erkennen.“ Unzählige Erinnerungen. Ich wurde belehrt: „Vor dem Hotel (ein großer Name) fahren keine Busse!“ Ein Küchen- und Möbelgeschäft im Städtchen über meine Zeichnung anschließend einer Korrektur: „Das sind wir doch!“ (Nachdem ich das zuvor der Realität entsprechende Gebäudebild ums dreifache aufgeblasen hatte, damit es wie gewünscht als Werbung neben den Großen der Branche Bestand habe). Ein im Hintergrund integriertes Segelschiff auf einer Zeichnung, das nur illustratives Beiwerk war und dem Inhalt der Info-Grafik ein wenig Leben geben sollte, wurde kommentarlos nebenbei vom Verlag zur modernen Yacht umgezeichnet. Das sah ich im Belegexemplar. Ich begriff nicht, was alle lernen müssen, die Aufträge erledigen. Man ist in etwa Handwerker, kein Künstler und liefert bitte wie gewünscht. Mein Freund Uwe Jarchow, der zahlreiche technische Grafiken für verschiedene Kunden machte, und bei dem ich viel über Illustration gelernt habe, schrieb diesen Satz in jede seiner Rechnungen: „Sie bestellten und erhielten.“ Mit dem erwähnten Abteilungsleiter meines großen Kunden traf ich auf einer Weihnachtsfeier (oder Bootsausstellung) zufällig den Kopf des Familienunternehmens: „Das ist Herr Bassiner“, stellte der verantwortliche Auftraggeber (und heutige Freund H.) mich vor, lobte: „Der gute Zeichner, er hat (…) illustriert“, aber der andere hörte nicht zu. Er sah mich kaum an, meinte: „Ach ja?“, und knüpfte sofort an anderes an. „Wir wollten noch über … (irgendein Projekt) sprechen.“ Er machte mit dem bisherigen Thema weiter, ohne mich zu beachten.

Da stimmte was nicht. So ging ich auf die Suche, ein besseres Leben zu finden. Es gibt Menschen, denen hört man zu. Vielleicht ist das nicht wichtig? Was kann alternativ befriedigen: Ich probierte mich in freier Malerei. Der Kommilitone „Mustermann“ genauso. Während er einen überschaubaren, dennoch aus meiner Sicht zu beneidenden Erfolg hat, bin ich schnell abgedriftet: in die „Schmuddelecke“, so werde ich bewertet.

Ich habe mich auf vielerlei Weise unmöglich gemacht und bin dankbar für dieses Schicksal.

Mein Vater, der als angestellter Maschinenschlosser unzufrieden war und durch Selbstständigkeit mit dem Fischladen und dem Bau eines großen Geschäftshauses doch nicht frei wurde, schaffte es nie, seinen Ängsten und Motivationen auf die Spur zu kommen. Er begann die Suche, aber verzettelte sich in den allgemeinen Ratschlägen, ohne eine individuelle Antwort zu finden. Er begann gesund, endete depressiv. Ich dagegen wurde gleich zu Beginn meines Lebens krank in meiner Unzufriedenheit, verstand nichts, fing an zu suchen und begreife mich auf einer Art Treppe, der gute Weg ins Bessere mit seinen Rückschlägen. Es geht nur aufwärts. Ich zahle den Preis, die Vergangenheit mit ihren verpassten Chancen exakt wahrzunehmen, trotzdem wurde mein Leben befriedigender. Die Lösung besteht für mich nicht darin, den Ort des „alles ist gut“ zu erreichen, sondern bewusst den Tag zu gestalten. Meine Freiheit funktioniert genauso im Knast oder Krankenhaus, wenn man um alles bitten muss. Macht über andere zu haben ist kaum zufriedenstellend oder gar die Freiheit an sich, wie etwa ein großes Anwesen zu besitzen oder viele Bewunderer, finde ich.

Der Heilige Gral oder die Blaue Blume befinden sich nicht in Edinburgh.

Der Ort des Glücks ist dort, wo wir hingehen, wenn wir Kummer haben und es besser wird. Den Weg dorthin zu kennen, heißt weniger von einem Platz zum anderen zu wechseln, sondern innezuhalten und sich selbst verwandeln können. Die Freiheit von der eigenen personalisierten Angst zu erlangen bedeutet, die Momente wahrzunehmen, in denen wir die Wahl für eine Entscheidung haben, und sie rückblickend von den Augenblicken zu unterscheiden, in denen wir unmöglich anders handeln konnten. Das bemerkt man anschließend: Sonst würden wir ja den eigenen, besseren Weg wählen. Spontanität und Zwang in ihrer Unterschiedlichkeit zu begreifen, ist individuelle Freiheit. Sich die verkackten Situationen nicht übel nehmen, Professor Otto Ruths (eingangs erwähnt) dazu:

„Wer seine Vergangenheit nicht kennt, hat nur eine relativ dürre Zukunft.“

Wenn ich sowas erzähle, betonen die anderen immer, wie toll meine Frau alles mitgehe, und ich sage: „Ja.“ Ich denke aber, sich eine Umgebung zu schaffen, wo es gut ist, bedeutet grundsätzlich auf dem richtigen Weg zu sein. (Wenn man sie gut pflegt, hält die Ehefrau ein Leben lang). Insofern gehe ich auch dieses Mal von mir aus, das ist falsch?

Greta Thunberg, sie ist bestimmt egoistisch, und viel dreht sich um sie, und vermutlich ist es nicht leicht, mit ihr zusammenzuleben, man sagt sie habe eine „Soundso-Krankheit“. Aber sie konnte schaffen, dass ihre Umgebung sich an sie angepasst hat. Statt dass ihre Eltern sie in eine Zukunft drücken konnten und sorgenvoll schauen, warum das Kind nicht isst … geht der Vater mit ihr über den Atlantik segeln, stürzt sich in die reale Gefahr zu ertrinken. Das war kein Spaziergang. Aber wir können annehmen, dass er seine Tochter liebt. Es ist kein Machtverhältnis, was sie bindet, es ist ihre ganz eigene Gesundheit als Familie und Einzelwesen. Dafür gibt es kein Modell: Sollen wir nun alle „Bio essen und segeln gehen“ – das kann es nicht sein.

Jedem seine Lösung. Am Schlimmsten sind die dran, die sich nicht merken und nicht suchen, wer sie sind.

Kunst? Ich stelle nicht mehr aus. Ich illustriere nicht mehr. Ich bin jeden Tag kreativ. An der linken unteren Ecke von dem Bild mit dem Mädchen auf dem Floß male ich seit einigen Wochen das Wasser, allmählich sieht es dort ganz gut aus.

Frohe Weihnachten!

🙂