Vier Jahre, vier Bilder. „Kalte Küche“ und „Eingänge“, dann „Gurken und Rosen“, schließlich ist „Das grünere Gras“ gerade fertig geworden. Von 2019 bis nun im Frühsommer 2021, schaffte ich pro Jahr nur jeweils ein einziges großes Bild fertigzustellen. In 2018 wurden „Malen hilft“, „Vorsicht Startbahn“ und „Mal kurz für immer“ fertig, und das hat viel Ärger gegeben. Ich habe die Webseite gelöscht und neu angefangen, Schenefeld (und die Welt) zu erklären. Dann gelang mir tatsächlich noch „Kalte Küche“. Meine neue Kunst.

Das sind absurde Gemälde, realistisch umgesetzte Szenen, die es so nicht gibt. Um mir selbst meine Ideen anschaulich vor Augen zu führen, besser als eine hingeworfene Skizze (die mir zu ungefähr wäre), ein Modell von dem Bild zu haben, das mir vorschwebt, greife ich auf die zahlreichen Abbildungen zurück, die ich im Internet finde. Mein Anspruch ist, eine ganz eigene Welt zu schaffen, und so findet sich auch keine Vorlage im Ganzen dafür. Das Haus in „Eingänge“ und „Kalte Küche“ gibt es so nicht, wohl aber den schönen Aufgang in das Restaurant, das wirklich nicht Kombüse heißt. Weitere Gebäude sind aus anderen Abbildungen dazu gekommen, sollen einer Bühne die Kulisse sein für das Bild. Das gleiche Prinzip wende ich bei den Figuren an. Einzelne Gliedmaßen, eine passende Hand oder die Füße, muss ich mir für die exakte Umsetzung zusammensuchen. Nachdem anstelle einer Skizze ein digitaler Entwurf vorliegt, übertrage ich die Idee mittels Pauspapier auf die Leinwand. Ich erzähle hier (bislang) viermal die Geschichte vom Erwachsenwerden, und auf jedem Bild ist eine junge Frau. Hier geht es um Beziehungen, Erwartungen und Manipulation.

Das neue Bild, Europa ist von den Socken oder „Das grünere Gras“, wie soll mein Gemälde heißen? Europa reitet den Zeus. Es gibt Vorbilder: Tizian. Das ist nicht neu. Beziehungen, Bindungen, und die anderen schauen zu. Die Drohne ist neu.

# Ukraine, Paar kettete sich für 123 Tage aneinander – und trennt sich sofort nach der Befreiung. Ein Leben in Ketten – Paar will mit Handschellen Beziehung retten.

(…). Mit den Handschellen wollen Vika und Alexander ihre Beziehung retten. „Ich beschloss, dass es eine interessante Erfahrung für mich sein wird, dass es neue Emotionen in mein Leben bringen wird, die ich vorher nicht erlebt habe. Ich liebe ihn, also kam ich zu der Entscheidung, es zu tun.“ „Was den körperlichen Komfort betrifft, so gewöhnen wir uns mit jedem Tag mehr daran. Es wird leichter. Aber es sind einige Spannungen aufgetreten. Das merke ich besonders an Vikas Verhalten. Sie ist wütend geworden. Meiner Meinung nach gibt es mehr unbegründete Unzufriedenheiten. (…) Früher haben wir uns gegenseitig viele Anweisungen gegeben. Jetzt machen wir Routine-Dinge ohne ein Wort, alles ist für uns beide klar.“ Drei Monate wollen Alexander und Vika das durchziehen.

(…). Es war ein Experiment, das ihre Liebe retten sollte: Ein ukrainisches Paar ließ sich an den Handgelenken aneinander ketten und verbrachte 123 Tage zusammen. Doch direkt nach ihrer Befreiung war die Beziehung vorbei. „Ich bin endlich frei“ – laut „DailyMail“ waren dies die ersten Worte der 29-jährigen Viktoria Pustovitova, genannt Vika, nachdem die Kette, die sie und ihren Freund Alexander Kudlay seit Valentinstag dieses Jahres aneinandergebunden hatte, durchtrennt wurde. Insgesamt 123 Tage hatte das Paar an den Handgelenken aneinander gekettet in nächster Nähe und ohne Privatsphäre miteinander verbracht. Kaum waren sie von ihrer Fessel befreit, konnten die beiden es jedoch kaum erwarten, endlich getrennte Wege zu gehen. Ihre Beziehung, die durch dieses Experiment gerettet werden sollte, ist endgültig vorbei. (Stern, Panorama/Weltgeschehen, 18.Juni 2021).

Kein Mensch lebt isoliert. Die große Liebe muss da irgendwo sein. Insofern bedeutet erwachsen werden, dass Träume und realistische Möglichkeiten im Blick liegen und die Freiheit von den Eltern in neue Abhängigkeiten führen wird. Dabei erinnere ich meine eigenen Versuche, schaue aber weniger auf den jungen Mann, der ich selbst war, sondern mehr auf meine Träume damals und suche nach ihrer Reflexion heute. Man kann das nicht sinnvoll schreiben oder erklären; und deswegen sind hier vier Bilder entstanden, bei denen es jeweils um Facetten von Beziehungen geht. Ich bin also mit im Bild, wenngleich nicht sichtbar zu erkennen. Ich kann der Stier sein, auf dem die Europa reitet, der Obelix mit der Gurke, das „Problemwildschwein“ Kalle, dem ich so unähnlich nicht bin. Es sind quasi erweiterte Selbstbildnisse, denn es ist ja meine Fantasie, mein Traum, der hier zu Bildern wird. So kann die einzelne Figur der beiden zunächst gemalten Bilder mit „Eingänge“ im ersten Bild und dieselbe Figur in „Kalte Küche“ als das letzte Bild einer Serie verstanden werden. Die zwei neuen Bilder, die ich anschließend malte, gehören dazwischen. Ich denke dabei an eine Art Labyrinth, das von meiner Protagonistin betreten wird. Wie unsinnige Traumsequenzen könnten weitere Motive eine Geschichte erzählen, die dann mit dem zuerst gemalten Bild „Eingänge“ und dem letzten, das „Kalte Küche“ heißt, ihren Rahmen und ein Ende findet.

Das ist der Plan.

In der Schule lernte ich, dass die romantischen Naturdarstellungen von Caspar David Friedrich in Wirklichkeit politische Kritik seien. Meine Bilder sind davon inspiriert. Ein Rebus ist ein Bilderrätsel, so ungefähr. Nur mit Humor und Ironie können wir lernen, nicht zu hassen, sondern kreativ zu schaffen. Was das alles soll?

# Alliteration: Kalauer am Kochtopf – und die Kunst, was wegzulassen …

Isoldeweg und Volkerweg sind kleine Straßen in Rissen hinter der Bahn. Da fahre ich gelegentlich mit dem Fahrrad. Ich hatte kurz die Hoffnung, nicht nur Isolde wäre weg, auch Christiane mache den Abflug (wie offenbar Volker die Bühne verlassen hat), aber die SPD ist gerade aktuell in Schenefeld gescheitert, Straßen zukünftig nach Frauen zu benennen. Kalte Küche! Auch der Hof derselben ist irgendwann nur noch ein Hinterhof; diese Hoffnung bleibt mir.

Man muss Geduld lernen.

Ich fühle mich frei, die Personen mit unterschiedlichen Schauspielern zu besetzen, bin nicht darauf versessen, bestimmte Figuren abzubilden. Mir gefällt daran, dass es eine individuelle Herausforderung ist. Wenn ich nicht wüsste, auf diese Weise kreativ zu denken und meine Fantasie zu lenken, könnte ich es nicht machen. Das scheint nun auf der Basis malerischer Erfahrung und Selbsterlebtem möglich zu sein. Das ist gut! Ein eigener Topf, ein privates Füllhorn mit Einfällen steht mir zur Verfügung. Dazu kommt die vielfältige Problematik immer neuer Situationen, etwa ein Meer hinzubekommen oder einen Schotterpfad im Gebirge, nicht zuletzt die Anatomie der Figuren plastisch werden zu lassen. Das Projekt kann jederzeit abgebrochen werden. Mit jetzt vier Bildern und dem von Beginn an gesetzten Rahmen, dazu die kleinen Digitalskizzen aus dem Kalender, ist das „Kunstprojekt“ immer fertig und längst abgeschlossen. Fällt mir etwas ein, das hineinpasst, bleibt nur der Erfolgsdruck, das jeweils neue Bild zu vollenden. Ich habe diesen Druck, sonst könnte ich nicht arbeiten.

Die Anerkennung durch die anderen bleibt (wie gewünscht) aus, schon deswegen, weil ich nicht mehr ausstelle. Damit ist es mir gelungen, ein Problem meiner Persönlichkeitsstruktur befriedigend zu erforschen. Ich konnte den inneren Zwang, für meine Kunst geliebt werden zu wollen, klar spürbar machen und meine Lust am Gestalten vom Wunsch nach Anerkennung trennen. Ich habe keine existentiellen Nöte und hoffe, dass so zu leben händelbar bleibt. Ich bin nun beinahe alt. Da wird es nicht mehr allzu lang dauern, bis ich gehen kann.

Während ich das Meer malte, habe ich oft an Ahab denken müssen. „Hier hast du mein letztes Eisen!“, schreit der Alte und stößt die verbogene Harpune voller Hass in den großen, weißen Wal. Verstrickt in die Fangleinen, ist der verbitterte Kapitän an Moby Dick gefesselt, und während der Wütende die Harpune tiefer in das Fleisch des Walfischs bohrt, das Blut spritzt, taucht der Riese gelassen weg, nimmt den kleinen Quälgeist auf seinem Rücken mit in die Tiefe. Bis zum nächsten Atemzug, den der Wal machen wird, kann es eine Weile dauern? Als das Tier erneut auftaucht und wieder die Oberfläche erreicht, vollendet der Pottwal sein Drama und versenkt den Dreimaster Pequod, gegen den er vierkant mit voller Wucht anrennt, seinen Schädel hinein rammt, dass die Planken bersten. Ahab ist tot und der Wal zieht einfach weiter.

Mit einem Fluch gehen oder wie?

Mir liegt wenig am Leben, nachdem wesentliche Dinge befriedigend klar wurden, und ich beschäftige mich. Wenn die Zeiten härter werden, was man nicht voraussehen kann, wird Kunst oder irgendwelche Hoffnung auf die Verwirklichung eines Traumes nicht im Weg stehen. Dann bleibt der stumpfe Kampf, gegen die Mühsal von Krankheit und Alter anzugehen. Ich erwarte nichts, langweile mich kaum. Wie lange noch: Eine möglicherweise tödliche Krankheit käme mir nicht ungelegen.

🙂