Das Ende des Zweiten Weltkrieges ist 75 Jahre her, und wieder wird daran erinnert. Das ist auch gut so! Wir müssen nur Nachrichten schauen, es gibt ihn noch, den Krieg. Wer will das denn? Hier, man muss es sich vorstellen: Einige Male am Tag könnten die Sirenen heulen, und statt eine Corona-Maske anzulegen, befiehlt die Regierung: „Geht in den Keller, wenn es heult!“

Unser Keller ist dafür gar nicht eingerichtet. Meine Oma hat uns regelmäßig von früher erzählt. Der Feuersturm, Hamburg. Heute wäre Lina eine „Zeitzeugin“ und man würde ein ziemliches Geschieß drum machen, was sie sagt. Auch wenn sie wenig klug wäre. Besonders natürlich, weil sie kein Nazi gewesen ist.

Das wäre prima geeignet, für das Fernsehen heute.

Meine Oma Lina war nicht politisch, Glück gehabt. Mein Opa Wilhelm, den ich nicht kennen gelernt habe, weil er gerade vor meiner Geburt starb, der dazu gehörende Ehemann, war im Straflager interniert. Damit könnte ich angeben. Willy hatte lautstark: „Dat gift Kriech!“ gesagt und abfällig über den Führer und „Gröfaz“ polemisiert, öffentlich. Ein Fehler.

Mit Onkel Karl könnte ich heute zur Feier der Befreiung nicht so gut renommieren. Er war ein mittelhohes Tier in der Verwaltung. Sein Problem: Meine Tante Janneke war „Halbjüdin“ – . Albern finde ich Menschen, die heute annehmen, wie selbstverständlich zu den guten Widerstandskämpfern gehört zu haben, hätten sie damals gelebt.

Mein verstorbener Vater wurde in Hamburg ausgebombt. Er war nicht vor Ort. Vorausschauend hatte die Familie die Stadt rechtzeitig verlassen. Das Wohnhaus am Michel wurde zerstört, und mein Vater war als Kind zu der Zeit in Friedrichskoog. Meine Oma kehrte zurück nach Wedel. Schließlich, nach einiger Zeit „in der Baracke“ außerhalb, fanden die drei Hamburger hier eine neue Bleibe: beim Vater meiner Oma.

Zeitzeugen sind weitestgehend verstorben. Erinnerung ist wichtig. Beschreibungen: In den letzten Kriegswochen kam mein Vater zur Hitlerjugend; nicht militärisch. Ältere wurden noch zum Töten ausgebildet, wie ein Freund meiner Eltern erzählte, sollten mit der Flak gegen anfliegende Engländer schießen, waren noch Kinder. Mein Vater im Fanfarenzug musste nur trompeten, konnte das nicht und tat wie die anderen. „Sie stellten immer einen guten neben einen schlechten Bläser“, meinte er.

Die Menschen damals waren anders: Wenn die Kinder Schlittschuh liefen, dann liefen sie auf dem zugefrorenen Mühlenteich, nicht auf einer Eisbahn mit Musik. Brachen sie ein, trauten sie sich nicht nach Hause „wegen Arschvoll“. Damals wurde regelmäßig gehauen. Man trocknete sich an der Post: Dort gab es ein warmes Rohr außen (was immer das heißt). Abluft der Heizung? Das kann ich nicht sagen. Es wurde immer erzählt.

Als noch Krieg war, gruben die Kinder ein Loch im Garten, deckten das mit Balken ab und tarnten es mit Zweigen und Erde. Kam Fliegeralarm, krochen alle Nachbarskinder in den selbstgebauten Bunker. „Eine Brandbombe hätte er (der Bunker) wohl abgehalten“, Erich beschrieb dann dünne Stiftbomben, die gelegentlich rumlagen, weil sie nicht gezündet hatten. Sie spielten damit. Es wurden Kohlen geklaut, vom Güterwagen. Der Zug wartete auf die Einfahrt ins Kraftwerk. Der eigene Bunker, der Krieg war nur ein Spiel? Das Gewicht einer schweren Fliegerbombe allein hätte alle im Erdloch getötet. Offenbar hatten die Erwachsenen nichts dagegen, wenn die Kinder bei Alarm in den Garten gingen? Immerhin wurde „die Ölfabrik“ (Mobil-Oil) in Wedel angegriffen. Das war eine schlimme Bombennacht. Die Industrie wurde auch verfehlt. Unser Haus hatte einen Schaden im Dach, unschön schwarze Dachpfannen, in der orangen Fläche: Dort hatte eine Brandbombe eingeschlagen. Aber sie brannte nicht. Der Opa löschte mit Hausmitteln. Und gut war das.

Mein Vater beherrschte noch das Eisschollen-Schippern. Das wäre heute verboten? Im Winter fror es heftig. Auf der Elbe gab es reichlich Eis. Man suchte sich eine günstige Scholle in Ufernähe, fand womöglich eine Art Wriggloch am Rand und hatte einen langen Stock zum Stökern, schipperte die Scholle mit der Tide wie ein Boot. Fiel man ins kalte Wasser: Post, das warme Rohr.

Der andere Großvater war auf großer Fahrt gewesen. Ein vergriffenes Buch: Opa Heinz ist mit der Pamir um Kap Horn gesegelt. Das hat er aufgeschrieben. Seinerzeit bei Stalling verlegt, ist es ein lesenswerter Text. Die auf diese Reise folgende, hat Heinrich Hauser als Journalist und Filmemacher begleitet. Ich habe viele Erinnerungen, war gern mit meinem Opa zusammen. Einige Ausschnitte mit dem jungen Kapitän Robert Clauß und eine Fassung des Films mit Untertiteln findet man leicht. Ich habe das zweimal im Kino auf großer Leinwand gesehen. Auch mit Heinz zusammen: „Das ist echt Clauß“, meinte er an einer Stelle. Der bekannte Laeisz-Kapitän war vielen ein Begriff. Man muss sich diese Männer an Bord anschauen: Sie waren anders (als die Menschen heute). Das muss man sehen. Eine treffende Beschreibung? Keine Extremsportler auf dem Weg zum Pol, dem Gipfel oder gegen den Wind rückwärts um die Welt allein, mit täglichem Selfie für uns daheim.

Ganz normale Seeleute.

Ursprüngliche Männlichkeit, gekennzeichnet durch die Härten des Alltages. Auch, das Fahrrad meines Vaters, mit dem er als junger Mann von Wedel nach Pinneberg morgens zur Berufsschule fuhr, hatte keine Gangschaltung. Mein Vater trug keine Handschuhe. Im Winter musste er radeln, und Pinneberg ist nicht um die Ecke.

Natürlich hatten die Alten Defizite. Emotional versagte ein Teil der Bevölkerung: Die unzureichende Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus ist bekannt. Meine Eltern „konnten nicht Familie“, das Wirtschaftswunder überforderte sie. Sie gaben sich ganz dem Geschäft hin, aber Geschäftsleute, das waren sie auch nicht. Geld kann emotionale Schwächen nicht ersetzen.

Unsere Eltern und Großeltern hatten eine natürliche Qualität, dem Leben zu widerstehen, als die Zeiten schlecht waren. Es gab viele Menschen, die beide Weltkriege überlebt hatten. Wer möchte um die individuelle Gestaltung seines Lebens betrogen sein? Heute, wo es üblich ist mit einer hohen Anspruchshaltung nach vorn zu planen.

Die Corona-Krise hat uns kalt erwischt. Greta Thunberg haben viele nicht ernst genommen. Die Zukunft wird Herausforderungen bringen, und die sind global. Wir können von den Alten lernen: Sie waren anders. Es war nicht besser, damals. Gerade, weil das Leben hart war, waren diese Menschen mit einer anderen Qualität zum Überleben ausgestattet als wir heute (die ihnen kaum bewusst war).

Ich habe zeitgemäße junge Menschen eifrig arbeiten sehen: Doku im Dritten. Retter sammeln eine bedrohte Schlangenart am Rande des Nord-Ostsee-Kanals ein. Dort wird gerade verbreitert. Im Hintergrund erkannte man drehende Krane und Bagger. Schuten lagen sandbeladen am Ufer, Bauarbeiten in der Böschung wurden gezeigt.

Die Schlangen wussten nicht von der Gefahr. Ich dachte: „Karl der Käfer hat nichts geahnt“, einige werden sich erinnern. Die hochmotivierten Tierwohlretter stürzten sich auf jede Otter, die im Gras zuckte, packten den Landaal geschickt und tüteten das Tier liebevoll ein: Ins Rettungsreservat umgesiedelt. Ich habe nur halb interessiert zugeschaut. Ständig sterben Arten. Ohne engagierte Menschen wäre es schlimmer und das Ende morgen. Das wird bestritten? Ganz schön doof. Ewig gestrige scheinen sich über Gretas Freunde aufzuregen.

Aber diese beiden Otter-Retterinnen und Retter –

Am Kanalufer im Gras unterwegs. Stürzen sich sportlich, wie wir früher, wenn wir Grashüpfer fingen, mit ausgestreckten Armen, auf die Schlange, packen das Tier in der grünen Natur. (Der NDR filmt zurückhaltend). Achtung, Warnung! Die Retter kommen: Es sind Studenten in blendend gelb. Sie tragen extra leuchtende Neon-Westen, mit funkelnd integrierten, silbernen Reflektorstreifen, wie das viele Fahrradfahrer tun. Bei aller Liebe zur Natur! (Klar, dass man Handschuhe trägt, um nicht gebissen zu werden, vom Tier).

Die Alten waren anders. Wir können lernen: Einbildung los werden, effizienter retten, was zu retten ist. Auch die eigene Natur: Uns selbst. Ich glaube, wir könnten ursprünglicher sein – ohne Drang, alles extra sicher und korrekt zu wollen. Auf der anderen Seite – und nicht nur in Afrika, gleich um die Ecke, am Rand der Stadt – lässt der Existenzkampf keinen Fernsehgarten zu.

🙂