Es ist ein Baustil, Häuser mit schmucken Vorderseiten in die Straßen zu bauen und hintendran wird pragmatisch darauf verzichtet, mit Extras zu protzen, und so ist es ja auch im übertragenen Sinn gemeint, wenn jemand wie „hinter einer Fassade“ lebt.

Ich bin mit einem Freund verkracht, mit dem ich als Jugendlicher viel Zeit verbrachte. In einem längeren Streit wurde viel geschrieben, und einmal rief er an, von den beiden langen Mails die er mir geschickt habe, möge ich die erste bitte löschen. Er habe versehentlich zu früh auf „Senden“ geklickt. Unten drunter stünde das, was er sich notiert habe als Skizze, was an Argumenten hinein müsste, und das sei nicht für mich bestimmt gewesen. Deswegen solle ich es nicht lesen und stattdessen die zweite Mail lesen, die sei identisch bis auf seine Gedächtnisstützen. Ein befremdlicher Anruf, wenn diese Mail voll mit trickreichen Formulierungen das Ziel hat, mich zu etwas zu bewegen, was ich nicht möchte! Die erste Mail entsprach der zweiten und hatte keine skizzierten Ideen unterhalb vom regulären Text. Warum auch immer.

# Gepostet und gelöscht

Ein prominenter Sportler twittert zur Corona-Pandemie und löscht den Tweet kurz darauf. Einige haben Bildschirmfotos gemacht und tragen die Botschaft weiter. „Seht mal, das hat er gesagt – und dann gelöscht.“ Wenn man selbst nichts zu sagen hat, kann man damit noch ein wenig angeben. Unser Bundespräsident ist ein gutes Beispiel dafür, wie alltags eine  Rolle gelebt werden kann (und in seinem Fall muss), wenn man nicht gerade von Beruf Schauspieler am Theater ist oder im Film. Frank-Walter Steinmeier muss sich als Bundespräsident wie einer verhalten. Der Schauspieler wird je nach Thema vom Guten zum Bösen wechseln. Von bekannten Sportlern erwarten wir vorbildliches Verhalten in der Öffentlichkeit. Sie können, wie der Präsident, nicht wechseln. Sie werden von uns zum Bösen gemacht, wenn sie etwas Falsches sagen.

Als wir klein waren, älter als zehn Jahre aber noch nicht siebzehn, würde ich sagen, fuhr ich mit diesem Freund und seinen Eltern zum Skifahren. Lang waren wir unterwegs, im Mercedes vom Papa. Meine Eltern arbeiteten um diese Jahreszeit und konnten sich keinen Urlaub nehmen, da hatte es sich angeboten. Auf der Hin- oder Rückfahrt machte die Familie einen Zwischenstopp in Bayern, wir besuchten eine Jugendfreundin des Alten. Die Strecke bis Österreich ist weit. Es bot sich an, auf eine Einladung hin, dort zu übernachten und die neuen Lebensverhältnisse kennenzulernen. Die „kleine Karin“ (hier werde ich als Kunstgriff beginnen, alle Namen zu ändern) kam ursprünglich aus Norddeutschland und hatte frischverheiratet ein Einfamilienhaus in einem Neubaugebiet bezogen. Ein kleines Kind machte das junge Glück perfekt.

Wir verließen die Autobahn und hatten es nicht weit.

Der Mann für’s Leben, sie hatte ihn gefunden, Elbe, Nordsee und die alte Kugelbake für ihn stehen lassen, um sich hier in Bayern neu (und für immer) zu verwurzeln. Das kleine Kind, das bereits laufen konnte und allerlei Blödheiten machte, war dabei, während wir unseren Besuch zunächst mit einem Spaziergang starteten. Die Beine vertreten nach der Fahrt, und wir sollten einander kennenlernen und die Umgebung – verstehen, warum das gerade hier ihre gewählte Zukunft und Perspektive sei. Das war Ende der siebziger oder Anfang der achtziger Jahre, so genau erinnere ich mich nicht. Ein Neubau im noch nicht zu Ende gebauten Terrain mit weiteren Einheiten. Das Paar hatte sich ein Grundstück gekauft, ein üppiges Einfamilienhaus errichtet. Rundherum waren kleine, geometrisch hingeplante Straßen und einige bereits fertige, ähnliche Häuser. Wir spazierten herum und sahen ausgehobene Rechtecke im Lehm und matschige Lücken mit Unkraut, als Bauland erkennbar und unvollständige Häuschen, wo anderntags gearbeitet würde, eine Mischmaschine hier, ein Kran dort.

In der Entfernung rauschte die Autobahn.

Ein nahezu vollkommen menschenleeres, ödes Totdorf mit alten, schmutzigen Bauernhöfen, windschiefen Fachwerkhäusern (ohne Bewohner scheinbar) fand sich in geringer Entfernung. Graue Wände, riesige Spitzgiebel, verstaubte Gardinen hinter den Fenstern und kaum ein Bürgersteig: so dicht rauschte der üppige Durchgangsverkehr einer Bundesstraße durch das finstere Dorf. Ein abgetakelter Maibaum, viele Meter hoch, eine dünne Stange in einem grauen Himmel in der Mitte auf einem Sandplatz, das erinnere ich.

Weit und breit kein Mensch.

Die Karin und ihr Frischverliebter hatten einige Straßen weiter im Neubauviertel, das genauso menschenleer daherkam, zusätzlich ihres Wohnhauses wo wir den Mercedes geparkt hatten, in einem anderen Einfamilienhaus den Kellerraum eingerichtet.

Es ist zu lang her, als dass ich wüsste, wie die Besitzverhältnisse gewesen sind. Der Mann hatte direkt auf der anderen Seite der Autobahn einen sicheren Job in einer bekannten Industrie. Das war der Grund, warum sie hingezogen sind.

Dieser Keller, einige hundert Meter entfernt vom Wohnhaus, er war tatsächlich komplett mit Waren in Regalen als Laden (!) ausgestaltet: Handarbeitsbedarf. Wolle, Stoffe und allerlei Häkelkram – mit blauem Teppich ausgelegt, und an der Seite bemerkten wir einen kleinen Verkaufstresen. Es stand eine zünftigen Kasse darauf, wie sie in ein ordentliches Geschäft mit reichlich Kundschaft gehört. Das alles fand man vor, nachdem man hintenrum ums Haus (das sich oben noch im Bau befand?) gegangen war.

Uwe, ihr Mann, schloss uns eine schmale Tür dafür auf. Dann gingen wir die für nur eine Person schmalen Betonstufen runter, um unten eine weitere Tür zu öffnen, und dort war dann der Laden. Ein Kellerraum, so groß wie eine kleine Wohnung, und hier sollte und wollte die kleine Karin sich selbst verwirklichen – und Geschäfte mit der Wolle machen. Wenn die anderen gebaut hatten. Wenn es später hier Menschen geben würde, die dann zu ihr in den Keller kämen, und alle wären sicher freundschaftlich glücklich mit allen verbunden im gleichen Schicksal in der Nähe ihrer Autobahn und dem Arbeitsplatz bei der „Firma“ da drüben?

Wir spazierten eine Stunde lang durch einen kühlen Abend, ohne dass ein Windhauch wehte, mit wie drübergespannt flächigem Himmel, eine hellgraue Platte über uns. Ich weiß noch: Keine Kuppel, kein Raum nach da oben, eher bedrückend als erhebend. Ich kann die ganze Stimmung abrufen, als wäre es jetzt und hier. Das Wetter im bayrischen Flachland? Ein trister Deckel anstelle frischer, weiß-blauer Nordseeluft wie wir’s bei uns hier oben gewohnt sind. Wir plauderten, und es stellte sich raus, diese beste, kleine Freundin von Thorstens Papa (Name geändert) hatte ursprünglich mit Blick auf das Meer gewohnt. Immerhin, zum Ende des Rundgangs, hob der gnädige Wettergott das Laken kurz an, lupfte die Wolkendecke für eine schmale Lücke, gab uns eine gelbe Kante für einen schlappen Sonnenuntergang. Licht der Hoffnung! Ich empfand bereits einen leichten Grusel, war es nicht gewohnt anderswo zu schlafen bei Leuten, die ich nicht kannte. Wir drehten die große Runde durch die leeren Straßen, aber es blieb dabei: Das tote Dorf, die unfertige, geplante Siedlung, der seltsame Laden für nicht vorhandene Kunden an einem Ort den niemand finden würde – im Hintergrund rauschten die Fahrzeuge vorbei. Anschließend Heimkehr ins traute Häuschen, essen: Es gab Raclette, das war damals ungewöhnlich und ein neuer Einfall, Gäste zu bewirten.

Die Kartoffeln präsentierten sie im lustig switzerdütsch bestickten „Warmhaltesäckli“ aus Leinen.

Das Kind war ein hyperaktives Monster. Vor vierzig Jahren waren solche noch ohne Bezeichnung wie etwa: „Systemsprenger“ (der Film). ADHS war uns kein Begriff. Zappelphilipp nannten die Erwachsenen Störer. Sie kamen nur ganz vereinzelt vor. Ein Mitschüler etwa, in meiner Realschule, hatte „seine wilden fünf Minuten“, aber das war eine Ausnahme. Das anstrengende Kind der kleinen Karin und dem Uwe; wir sollten es bespielen, während die Kartoffeln kochten und das Essen vorbereitet wurde. Das gritzige Wesen explodierte ununterbrochen, ein Knallfrosch, ein Teppich kleiner Chinaböller, Rattadazeng! – ein Junge wie ein Feuerwerkskörper. Er begann Attacken gegen alles. Schmiss mit Bauklötzen, mit Legosteinen. Ein Alien, es zertrampelte, was wir zum Spiel arrangierten, es schrie, es brüllte.

Der Vater war drahtig, aber nicht sehr groß. Er hatte einen kurzen, dornigen Bart, rothaarig. Kleine, kalte Augen: Ein böses Wesen wurde aus ihm, wenn er schließlich hart durchgreifen musste, das Balg zu züchtigen. So etwas hatte ich noch nicht erlebt. Das störte die ganze, arrangierte heile Welt. Es war erst besser, als der Störenfried mit Gewalt ins Bett verfrachtet wurde, wir zum essen kamen. Karin erinnere ich als attraktive, scherzende Person. Sie lachte und schien erstaunlich glücklich. Weil wir zu Besuch waren?

Ich fand alles furchtbar.

Im Flur hingen zwei oder drei Aquarelle, auf denen die Duhnen von Cuxhaven, das Watt oder die fern am Horizont erkennbare Insel Neuwerk mit ihrem mächtigen Leuchtturm abgebildet waren. Das habe ich mir angeschaut; mein vertrautes, schönes, windiges Segelrevier. Hier nur dieses öde Flachland an der Straße. Kein See zum Angeln oder Bootfahren, segeln, nicht einmal eine mäandernde Aue fand sich in der Nähe? Uns wurde doch all das Tolle gezeigt, weswegen sie gerade hier wohnten. Draußen öde, und drinnen teuer: Im Haus die heile Welt mit Kartoffelwarmhaltesäckli und dem kleinen Monster? Beim Essen redeten die Erwachsenen über die Wirtschaft, die Industrie, die Geschäfte.

Und das Raclette schmeckte vorzüglich.

Als wir „großen Kinder“ Thorsten und ich zu Bett gingen, bekamen wir ein Dachgeschoss für uns, mit tiefdunklen Holzverschlägen, in denen zwei Gästebetten in Nischen wie Höhlen Platz gefunden hatten. Es gab ein gewaltiges Bücherregal. Dort habe ich an diesem Abend noch lang im Bett mit Hilfe einer kleinen Lampe gelesen: „Chaplin, die Geschichte(n) meines Lebens“. Das hatte ich im Regal gefunden. Wieder zurück in Wedel, habe ich es mir gleich gekauft. Das habe ich später einige Male ganz durchgelesen, immer wieder.

Es hat wirklich geholfen.

🙂