Das Interview auf Seite zwei; eine besondere Frage treibt die Doktorandin aus der Slowakei bei European XFEL um. Schenefelder Tageblatt: Auf welche wissenschaftliche Frage hätten Sie gern eine Antwort?

„Menschen sind Wesen, die zum Aufbau ihrer Gesellschaften Ordnungen und Hierarchien geschaffen haben, die befolgt werden müssen, um die Gesellschaft zusammenzuhalten. Es gibt verschiedene Arten von Hierarchien, die auf politischen oder religiösen Lehren beruhen, aber es gibt eine, die vor allem für jede Ecke dieses Planeten gilt: das Patriarchat. Daher die Frage, auf die ich die Antwort wissen möchte: Was ist die Ursache für das universelle patriarchalische System, das sich weltweit unabhängig entwickelt hat? Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse bieten keine zufriedenstellende Antwort.“ Ivana Klackova, Wissenschaftlerin.

Patriarchat ist zunächst ein Begriff. Er bezeichnet eine Gesellschaftsform, die maßgeblich von Männern dominiert ist. Auf den ersten Blick ist das eine Frage, die sich für den Laien gar nicht stellt. Etwa, wie in Frage stellen zu wollen, warum es Herren- und Damentennis gibt.

Die Fragestellung zeigt aber das eigentliche Problem, es geht um die Suche nach einer wissenschaftlichen Antwort. Für den Händler oder Fischer hat sich seit Newton durch die Beschäftigung der Physik mit der Gravitation nicht soviel geändert. Die Äpfel fielen vom Baum, und sie tun es immer noch. Die Gesellschaften sind patriarchalisch und werden es vermutlich bleiben – jedenfalls geht es der Doktorandin offenbar weniger darum, dass es, wie’s aktuell debattiert wird, bald eine Frauenquote in der CDU geben soll.

Eine Wissenschaftlerin fragt anders. Es ist eine Frage der Art: Warum läuft der Mensch auf den Füßen und nicht auf seinen Händen? Nachdem das beantwortet ist, gehen die zukünftigen Menschen weiter wie gewohnt, aber sie haben nun eine Theorie (und können ein Lehrbuch schreiben). Wenn Frau Klackova irgendwann damit aufhört, kleine Teilchen im XFEL herumsausen zu lassen und sich mit dieser ungewöhnlichen Frage beschäftigt: Wer weiß, was da noch kommt?

Wie wäre denn eine Gesellschaft, in deren Struktur das weibliche dominiert, und wie wäre eine Welt, in der die Gesellschaften mal so, mal so aufgebaut wären? Was heißt denn überhaupt männliche Dominanz: Kaiser, Bürgermeister, Kapitäne, Handwerker auf der einen Seite, sie dominieren das Geschehen – und die Frauen kochen, kriegen Kinder?

Die Frage selbst verliert an Belastbarkeit, wenn wir uns zwei benachbarte Gesellschaften mit der jeweils anderen gesellschaftlichen Struktur im Konflikt vorstellen. Gehen wir in eine Zeit mit klarer Rollenverteilung und lassen Franzosen und Deutsche Krieg führen: Deutsche Landser und deutsche Panzer, Fregatten mit den preußischen Kapitänen, Offizieren und den Männern, wie wir das kennen, marschieren auf – gegen die flotten Französinnen? Eine Auseinandersetzung mit Absurdistan scheint einfacher vorstellbar.

Eventuell wäre eine nicht patriachalische Gesellschaft auch pazifistisch und würde nie kriegerisch agieren? Eine feine Sache, die Gespielinnen spielen einfach nicht mit: Kloppt euch doch mit den Polen – und wir gehen in die Kita und an den Herd und kochen uns einen veganen Brei? Gut sind diese Frauen und besser sowieso. 

Als Maler und als Mann kann ich die wissenschaftliche Suche nach der Antwort auf diese Frage nicht ernsthaft beginnen. Mein männliches Gehirn bringt allenfalls eine farbliche Annäherung des Problems zu Stande, und die ist primitiv und sexistisch. Ich habe mit dem Bild „Grüneres Gras“ begonnen, ohne überhaupt zu wissen, dass es ein altes Thema ist. Jetzt, wo ich drauf gestoßen bin, kann das Bild auch noch „Europa ist von den Socken“ heißen (und außerdem ist es ja noch nicht fertig).

Es eignet sich durchaus dafür zu zeigen, dass allein die Annahme, wir und alle anderen wären eine patriachalische Gesellschaft, diskutiert werden kann. Es ist wohl so, dass in unseren Gesellschaften die Beziehung zwischen Mann und Frau die Basis ist. Ohne Frau ist ein Mann gar nichts.

So wie ein Mensch auf seinen Füßen läuft und die Hände für anderes frei hat, so ergänzt sich alles im System aus Kopf, Rumpf und Gliedmaßen; genauso ist eine Gesellschaft. Beziehungen machen die Gesellschaft aus, und kein damaliger Herrscher ist ohne die Frauen um ihn herum denkbar. Das Drumherum, mehr nicht ist die Frau? Die Dominanz der Männer besteht in der Rolle, der jeweilige Anführer zu sein und im allgemeinen Begriff. Wir würden uns wundern zu lesen: Die (schöne) Frauscherin regierte das Land? Unsere Sprache ist durch männliche Formen geprägt. Wir lesen auch: Die Herrin (hielt sich einen Sklaven). Die Suche nach der Antwort kommt um eine Suche nach den Bewertungen, Benennungen nicht herum und die Definition der harten Gegenständlichkeit, Fleischlichkeit auf der anderen Seite. Wir betrachten die Geschichte, aber wir waren damals nicht dabei, und von den einfachen Menschen früher lesen wir kaum authentische Berichte. Wir kennen die Geschichte der Anführer, aber ist das alles?

Im Wort Patriarchat reduzieren wir die Gesellschaft auf ein Wort, das ist ein wackliger Anfang für eine gute Forschungsarbeit. Wenn wir dieser Frage ernsthaft nachgehen, müssen wir zunächst die Wirklichkeit definieren und von den kommunizierten Überlieferungen trennen, um die Frage neu zu stellen: Die Anatomie der Geschlechter oder das Verhalten der Menschen, wie wir darüber denken, was eine Rollenverteilung überhaupt ist und mit welchen Schwerpunkten wir unsere Gesellschaft intellektuell definieren?

Auch heute ist der Antrieb, in der Gesellschaft eine verbesserte Stellung zu erreichen, damit verknüpft, wie eine Partnerschaft gestaltet werden kann. Kaum vorstellbar: Die patriarchalischen Männer leben untereinander allein und die Frauen wären in ihrem System nur digitale Bilder im Chat? Es gibt sie wirklich. Und die Gesellschaften werden nur von Männern dominiert, wenn wir das so betrachten wollen. Die Freiheit des Mannes, ein Manager oder Kapitän zu sein, ergibt in der gesellschaftlichen Ordnung nur Sinn an der Seite einer Frau. Dass das Rollenbild umgekehrt funktioniert, kann bewiesen werden – dass die Machtverteilung immer zugunsten des Stärkeren ausfällt, bedeutet Stärke, Macht und Aggressivität grundsätzlich zu diskutieren.

Da fängt die Wissenschaft an.

Der Mensch auf seinen Füßen unterwegs, hat die Hände frei, kann Gewalt ausüben, wird zum König der Tiere, und die Männer sind wiederum den Frauen gegenüber im Vorteil. Männer können kräftiger werden, sie können sexuelle Gewalt gegen Frauen ausüben. „Entdecke die Möglichkeiten“, das ist mehr als ein Werbespruch, das ist der Mensch. Wir verändern unsere Umgebung, kaufen schönere Möbel als der Nachbar. Besitz und Technik sind menschliche Errungenschaften, und wir kennen die Möglichkeit, uns anderes mit Gewalt anzueignen. Gesetze helfen den Mitgliedern eines Systems, das Zusammenleben zu ordnen, weil wir unseren individuellen Machtanspruch als unumgängliches Problem verstehen. In einer menschlichen Struktur, die frei wäre von Gewalt, in einer Welt die keine Grenze insgesamt kennen würde, könnte eine Gesellschaft gleichberechtigter Männer und Frauen existieren?

Möglicherweise ändern sich Gesellschaften: Die Frage ging in die Vergangenheit, wie hat es angefangen und warum der Mann? Ich möchte bezweifeln, dass eine differenzierte wissenschaftliche Antwort überhaupt gefunden werden kann, in einer Sache, die so derbe natürlich vorstrukturiert ist: Mann mit Penis, hart wie ein Stab – und gegenüber der Eingang in das andere Geschlecht, offen von Natur her, kaum zu verteidigen, wenn der Mann angreifen will und stark ist.

Böse!

Das ist doch offensichtlich. Dann noch das Baby anschließend im Leib, wonach will Frau da wissenschaftlich fragen – wie anders könnte es denn überhaupt laufen? Die Männer kloppen sich, die Männer jagen das Wild; und die Frauen sind ständig schwanger, das ist doch, was die Wissenschaft wie auch der normale ungebildete Zeitgenosse über uns Menschen seit je her wissen.

Wie sollte eine/unsere Welt anders sein?

In einem Film wurde bewiesen, dass bestimmte Affen (und der Mensch) rot von grün unterscheiden können. Diese nützliche Mutation früherer Tiere änderte uns zu dem, was wir sind. Eine reife Frucht von einer grünen unterscheiden zu können, war ein entscheidender Wegpunkt bei der Entwicklung zum modernen Menschen. Wahrscheinlich kann die wissenschaftliche Antwort auf die Frage nach der alternativen, nicht patriarchalische Gesellschaftsform nur gefunden werden, wenn in den Überlegungen ein anderer Typ Mensch, ein diverses Wesen etwa, in großer Zahl mutiert die Basis bildet – und weil das nicht geschah, kam es, wie es gekommen ist?

Männer müssten anders sein, Männer müssten andere Regeln akzeptieren, eine Frauenquote im Gesetz, warum stand diese Regelung nicht am Anfang der Bildung von Gesellschaften, ist das die Eingangsfrage der Doktorandin? Es gab keine effiziente Verhütung von Schwangerschaften, das ist zu unwissenschaftlich beantwortet?

Viele Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist unsere Gesellschaft darin geübt, den Luxus des Friedens in Worte zu gießen, als würden durch neue Bezeichnungen reale Dinge geschaffen. Echte Verbesserungen, die zum Wohlbefinden benachteiligter Gruppen geführt haben, stehen Seite an Seite neben Worthülsen und buchstäblichem Schwachsinn. Wir gendern alles, wir ändern die Namen von Straßen und Schoko-Küssen. Dass wir noch herrlich (vom Herrn) und dämlich (angeblich von Dame) sagen dürfen – erstaunlich. Es gibt lange Abhandlungen darüber, woraus sich diese Worte eigentlich entwickelten (dämeln: nicht bei Sinne sein), und wir könnten gelassen weiter machen, einiges zu ändern. Wir sind aber nicht gelassen. Waren Menschen früher behindert, verlangen Eifrige heute nur noch zu sagen, diese seien mit Handicap unterwegs. Andere regen sich über Anglizismen jeder Art auf, und darauf hinzuweisen, ist eine weitere Eitelkeit, die nur dem nützt, der auf diese Weise genügend Wind um seine Person machen kann, dass schließlich ein Beruf daraus wird.

Neue Bezeichnungen bedeuten oft auch wirkliche Änderungen. Die Gesellschaft begreift allgemeine Verbesserungen, wenn sich eine Lobby bildet. Wenn die Mehrheit den Sinn neuer Formen des Zusammenlebens oder moderne Begriffe nicht nachvollziehen kann, werden sie sich nicht durchsetzen. Eine Wissenschaft muss letztlich allen Mitgliedern des Systems nützlich sein, andernfalls wird die Masse nicht dazu bereit sein, eine Forschung mitzutragen.

Warum bezeichnen die Menschen (weiterhin) den Moment, wo Wasser gefriert als Null Grad – warum setzt sich nicht die Bezeichnung 273 Kelvin (ausgehend vom berechneten, absoluten Nullpunkt der Temperatur, als Beginn der Zählweise) an dieser Stelle der Skala dafür durch – wie mein Physiklehrer das 1980 forderte (und falsch voraus gesehen hat)? Bis heute kann sich eine unpraktische theoretische Denkweise nicht gegen gebräuchliche Verhaltensweisen durchsetzen.

Anekdoten aus meiner Jugend dazu: „So ein Quatsch“, meinte mein Vater hinsichtlich der Erklärung von Hurling, es müsse der Nullpunkt der Temperatur den aktuellen Erkenntnissen angepasst werden. Schon damals gab es verbalen Umbruch und zeitgemäß angepasste Erneuerung an vielen kommunikativen Baustellen. Das Wetter war auch betroffen. Der Luftdruck bekam einen neuen Namen. Wir erlebten, wie aus den vertrauten Millibar moderne Hektopascal wurden, und das ärgerte meine maritim gebildeten Eltern schon. Meine Tante aus Kalifornien misst die Temperatur in Fahrenheit und ihr Auto fährt miles per hour. Es ist üblich, dass sich mal was ändert oder andere Länder ihre eigenen Skalen verwenden. Meine Eltern waren nicht zu ändern, und wenigstens mit den Kelvin-Graden, dass die sich nicht durchsetzen würden, behielten sie recht. Für den Physiklehrer mag es faszinierend sein, dass es nicht kälter als minus 273 Grad werden kann, und seine Einschätzung, die Bezeichnung nach Celsius würde ersetzt werden, logisch. Er erklärte uns, Kelvin hätte errechnet, bei dieser Kälte gäbe es keine Bewegung der Teilchen mehr und damit keine Materie, wie wir sie kennen.

Mein Vater: „Bei Null Grad gefriert Wasser. Ich habe ein Ladengeschäft. Wenn es friert, muss ich den Gehweg vor meinem Schaufenster mit Sand abstreuen. Das ist für uns eine wichtige Temperaturgrenze und interessiert alle, das andere ist nur deinem Lehrer wichtig und einigen Spezialisten.“ Er ärgerte sich über die aufgezwungenen 100-Gramm-Preise, es war das Pfund gebräuchlich gewesen. Warum? Weil es, so argumentierte er, dem Essverhalten entsprach. Was man einkaufte, in Relation zu dem, was frisch gehalten werden konnte, bis es in der Familie gegessen war, das ließe sich bestens in Pfund beschreiben. In diesem Fall hatte sich gezeigt, dass mit einer alten Gewohnheit gebrochen werden konnte, und der Ärger meines Vaters entsprang dem Gefühl, als Händler benachteiligt zu sein: „Die Leute früher kauften ein Viertelpfund Matjessalat entsprechend dem Preis auf dem Schild, dem Becher dafür. Eine gute Menge zum Frühstück! Heute kaufen sie nur noch 100 g davon (im gleichen Becher) weil das Preisschild, das ich verwenden muss, einen Hundert-Gramm-Preis ausweist.“

Mein Vater scheiterte ein weiteres Mal, als er mir riet, die Lehrerin zu belehren. Es hieße Schraubendreher, meinte er, als ich einen Aufsatz vorlegte, anstelle des von mir verwendeten und seinerzeit üblichen Ausdrucks: Schraubenzieher. Damit hatte er durchaus recht. Heute ist das eine typische Bezeichnung in jeder Montageanleitung. Erich war, bevor er Kaufmann wurde und Fische und Delikatessen anbot, Maschinenschlosser gewesen, und dieses Mal fand er es leicht, den ungewöhnlichen neuen Begriff dafür zu verwenden, weil man mit diesem unentbehrlichen Handwerkszeug schließlich fest- und lose schrauben konnte. Er scheiterte aber hinsichtlich der Einschätzung, wie das bei meiner Deutschlehrerin ankommen würde. „So ein Quatsch“, schnauzte sie mich geradezu empört, aufbrausend an – sie wollte keinen Besserwisser dulden: „Ein Schraubenzieher ist ein Schraubenzieher – setzten, John!“ Weibliche Dominanz in der Schule, real erlebt. Und das 1973, oben in der Altstadt von Wedel. Meine Grundschule war eine Folterkammer für kleine, unreife Jungs.

Im Film „Die Götter müssen verrückt sein“, der früher oft im Fernsehen gezeigt wurde und den ich im Kino gesehen habe (als er neu war), wird eine friedliche Stammeswelt in der Kalahari-Wüste dargestellt. Probleme beginnen, als ein einzigartiges Objekt in ihre Welt eintritt, dass nur jeweils einer der Buschleute besitzen kann. Eine Cola-Flasche liegt herum, ein Buschmann bringt sie mit. Was ist das, was können wir damit machen? Und es gibt nur eine einzige Flasche im ganzen Dorf; Abfall eines Sportpiloten, der die Wüste überflogen hat.

Zwei Welten zeigt der Film, die ursprüngliche Natur der Kalahari und brausendes Großstadtleben mit Menschen, die wenige Meter mit dem Auto zum Briefkasten fahren. Dekadenz unserer modernen Gesellschaft: Der Pilot einer kleinen Cessna findet nichts dabei, seine Coke zu trinken und die leere Flasche aus dem Cockpit zu werfen. Ein faszinierender Gegenstand aus Glas. Die Moderne trifft auf die Urzeit in Form von Abfall? Als dieser Film gedreht wurde, war Recycling nicht attraktiv. Für die Menschen im Busch, die alles außerhalb ihrer Umgebung als die Welt der Götter definieren, ist die leere Flasche, die ein Musikinstrument sein kann und im nächsten Moment eine Waffe, wenn einer sie dem anderen auf den Kopf schlägt, heiliges und gefährlich verzaubertes Gerät! Unfrieden ist in dieser Gemeinschaft bisher unbekannt, weil alle von allem haben können: Die Pflanzen, die Steine, das Fleisch der Tiere – ohne Besitz gibt es kein Neid. Ob nie einer der Männer eine Frau begehrte, die sein Jagdbruder als Freundin hat; oder wie war das bei denen mit den Mädels? (Das ist ein Film).

Klar, eine Welt in der die Äpfel nicht zu Boden fallen, das können wir uns kaum vorstellen, und es war möglich, die Schwerkraft wissenschaftlich zu beschreiben. Viel konnte anschließend erforscht werden, nur weil Herr Newton sich über eine Normalität wunderte.

Wir sind fertig mit der Welt? Die Wissenschaft sucht noch – das ist gut! Da können wir ja mal gespannt sein, auf die Antwort: warum es ist, wie es ist und so wurde überall …

🙂